Pop 2020: Neues von Provinz, Pretenders, Ellie Goulding

  • Provinz aus dem Süden lassen die Mehrzahl der deutschen Gefühlsmusikanten alt aussehen.
  • Die Pretenders sind mit Rock zurück, Ellie Goulding mit Reflexionen in Pop und Rufus Wainwright mit barocken Songs.
  • Und bei den Jayhawks zieht Demokratie ein, dürfen endlich alle Bandmitglieder Lieder beitragen.
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“Unsre Musik ist euer Lärm” singen Provinz

“Mach Platz, macht Platz, macht Plahaaaatz!”, heult Vincent Waizenegger zu Beginn des Albums fast so muezzinhaft, wie Freddie Mercury seinerzeit das Queen-Album “Jazz” mit dem arabisch anmutenden “Mustafa” eröffnete. Und verschreckt macht man tatsächlich erst mal Platz, um das Debütalbum der Band Provinz aus Ravensburg vorbeizulassen. Damit würde man freilich eins der intensivsten und songschönsten Deutschalben der Saison verpassen.

Provinz haben einen Sänger, dessen Stimme sich erst mal im Gehörgang querstellt: Vincent Waizenegger quengelt, nölt, zischelt, vibriert – er kringelt seine Schmerzen und Vorwürfe mit fiebrigen Wiederholungen, seine Larmoyanz und sein kopfstimmwildes Flehen, auch mal seine meckernde Besserwisserei in unser zunehmend geneigtes Ohr: “Tanz für mich / dreh dich im Kreis / dein Herz bricht so leicht”, singt er in “Tanz für mich”, wo er die Liebste will und sie zugleich warnt, sich doch besser nicht mit ihm einzulassen.

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Sind Drogen oder reine Übernächtigung schuld? Jedenfalls: Die “Augen sind rot” auf der nächtlichen Fahrt zu fünft im Fiat der Mutter in eine wie immer geartete Freiheit. Und die Band groovt dazu wie Hölle, sie walzert, ist funky und rockt. Wenn Waizenegger von großen Träumen, großer Randale, großer Liebe, verwegener Liebe, heftigen Trunkenheiten, schweren Köpfen und versunkenen Fußballgöttern singt, wenn er “Los, verlier dich!” auffordert, dann ist es beinahe so stürmisch wie bei dem stimmlich ganz ähnlich gelagerten Schweizer Faber.

“Unsre Musik ist euer Lärm” weiß Waizenegger ganz richtig und erinnert auch an Jim Morrison von den Doors, eine der exzessivsten Gestalten des Rock’ n’ Roll und seiner Hassliebe zum Körperlichen. Guter Pop ist der, der einem im Ohr aneckt, statt durchzufließen wie all die Liedchen von Mark Forster, Adel Tawil und all den vielen Fühlis, bei denen “unsere Musik eure Musik” ist und die schon seit so vielen Jahren Radio und Charts mit ihrem Bagatellpop verstopfen.

Provinz – “Wir bauten uns Amerika” (Warner)

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Chrissie Hynde will den Hass verkaufen – gut so

Im Vorjahr kam uns Chrissie Hynde auf eine raue und zugleich zärtliche Art jazzig, sodass man schon dachte, ihr Alterswerk sei mit dem Album “Valve Bone Woe” eröffnet. Nun scheint dies doch nur ein Ausflug gewesen zu sein, denn mit den Pretenders versteht sich die 69-jährige Amerikanerin in England nach wir vor auf bockigen Indierock und sieht auf dem Cover auch ziemlich rock ’n’ rollig aus. Der Titeltrack mit treibenden Gitarren und Mundharmonika ist eine rasant-bockige Hommage an die Punk-Formation The Damned – Hynde zufolge die musikalischste Band jener Zeit – und Hynde singt mit kühler Stimme vom Treibmittel der digitalen Ära, dem Hass, der derzeit auf vielerlei Art unsere Zeit vergiftet.

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Es folgt mit “The Buzz” ein popwaviges Midtempohübschchen, das an die ersten Pretenders-Scheiben erinnert und in dem die 68-Jährige weibliche Unterwürfigkeiten (und männliches Dominanzgehabe) infrage stellt. Dann “Lightning Man”, ein Reggae mit funkelnden Mystery-Gitarren, in dem ein Mann von einem Dämon gejagt wird. Alles Sounds also, die nach dem Punk-Urknall angesagt waren, als die Pretenders mit Songs wie “Brass in Pocket” oder dem Kinks-Cover “Stop Your Sobbing” die Szene betraten.

Darüber hinaus bietet das Quartett aber noch Ausflüge in den Soul (“You Can’t Hurt a Fool”) und den Glamrock (“Turf Account Daddy”) und zeigt allen stilistischen Festlegungsversuchen mit erstklassigen Songs wie “Didn’t Want to Be This Lonely” mit seinem Bo-Diddley-Beat, der Piano-und-Streicher-Ballade “Crying in Public”, dem swingenden “Maybe Love Is Iin NYC” oder dem stampfenden “Junkie Walk” den Mittelfinger. Was das frische, leider nur halbstündige Dings eint, ist Attitüde, Hyndes sexy-dunkler Gesang und die mannigfaltige Gitarre von Co-Songwriter James Walbourne. Und hoffentlich kauft jetzt auch jemand den Hass, bringt ihn zum Rand der Welt und wirft ihn runter.

The Pretenders – “Hate for Sale” (BMG/Warner)


Die Texas Gentlemen machen nicht wie erwartet Country

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Nennt eine Band sich The Texas Gentlemen, dann legt man deren Werke auf, wenn man Lust auf eine Runde rumpeligen Rodeopop hat, auf Countrymusik von Leuten, die ihre Hüte im Konzert aufbehalten und dabei traurige Geschichten mit unerschütterlichen Stimmen erzählen. Denkt man so, denn so war es immer. Bei den Texas Gentlemen werden die Erwartungen dann allerdings komplett unterlaufen, Irreführung aller Klischeedenker: Zwar haben die fünf aus Dallas durchaus Countryspuren in ihrem Sound, aber sie beginnen mit ein bisschen trutiger Dixie-Blasmusik (“Veal Cutlass”), um alsbald eine weidliche Odyssee durch die Popmusik hinzulegen, sich etwa nach einem pinkfloydesken Intro an knackig-flirrendem Funkrock mit Oldschool-Hammond und Henry-Mancini-Harmonien zu versuchen (“Bare Maximum”) oder einen psychedelischen Soundtrip wie “Dark at the End of The Tunnel” anzubieten.

Unter Regie von Jason-Isbell-Produzent Mark Pence, der das zweite Album “Floor It!!!” in den Fame-Studios in Muscle Shoals, Alabama, aufnahm, liefern die einstigen Studiomusiker, die als Backingband von Nikki Lane, Shawn Mendes, George Strait oder Kris Kristofferson auftraten, eine Southern-Rock-, Blues- und Funk-getränkte Platte ab, deren Reverenzen bis hin zu Wilco (“Train to Avesta”) und den Beatles reichen (man höre “Ain’t Nothing New” mit Trompeten und “Walrus”-Harmonien, das McCartney-zarte “Hard Rd.”, und warum bloß denkt man beim Countryschunkler “Sing Me to Sleep” sofort an John Lennon?).

The Texas Gentlemen – “Floor It!!!” (Pias/New West Records)


Rufus Wainwright ist zurück im Pomp-Pop

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Rufus Wainwright lief zuletzt unter “betörend obskur”. Der Sohn des großen, indes nie über Mittelruhm hinausgelangten Songwriters Loudon Wainwright III widmete sich auf dem Album “Prima Donna” einer eigenen Oper und auf “Take All My Loves: 9” den Sonetten von William Shakespeare – beides veröffentlicht im ehrenwerten Skurrilitätenkabinett der Deutschen Grammophon und beides durchaus einiges Hinhörens wert. Dann schrieb er noch die Oper “Hadrian” (2018) und alle, die einst auf seine Lieder wie “I Don’t Know What It Is” oder “Going to a Town” standen, gaben ihn für den Pop verloren. Umso froher ist man nun, den erklärten Fan von Songwriterlegenden wie Leonard Cohen und Paul Simon mit seiner schwelgerischen, berührenden Tenorstimme wieder im angestammten Metier zurückgekehrt zu wissen.

Der Titel “Unfollow the Rules” (ein Zitat seiner Tochter) verspricht Regelmissachtung, aber eigentlich folgt der Kanadier den alten eigenen Regeln wieder, denen des barocken, sirupsüßen Popsongs, der oft humorvoll und over the top zugleich ist. In “This One’s for the Ladies” erzählt Wainwright von den schon etwas betagteren, lebensfrohen Damen, die in seinen Konzerten wieder jung werden, ihren Rufus abfeiern und ihm hemmungslos hinterherreisen. Lieder wie “Only the People We Love” feiern das Gute, Schöne und die Hoffnung, im wonnigen “Romantical Man” umarmt er die Stadt London, in “Trouble in Paradise” – auf doppelbödige Art – Anna Wintour, die mythische Chefredakteurin der US-“Vogue”.

Blues und Rock klingen an, mal dominiert die Gitarre, mal die Violine, auch ein Hauch Elektro ist auszumachen – im Song “Devils & Angels (Hatred)”. Aber nichts ist schöner, als wenn ein Wainwright-Lied leicht mit dem Piano anhebt wie der Titelsong und sich dann monumental in die Breite fläzt.

Rufus Wainwright – “Unfollow the Rules” (BMG/Warner)


Ellie Goulding – eine CD zur Besinnung, eine zum Tanzen

“Start (Again)” heißt sinnigerweise die Auftaktballade des Quasidoppelalbums “Brightest Blue”. Ellie Goulding singt darin von Missbrauch und Verzweiflung, bevor es ums Wiederaufstehen geht und den Neubeginn. Ein Song, der lange dahinschwebt, dann aber nervös flatternd endet, der einem vorkommt wie eine Beichte oder ein Tagebucheintrag. Was sich mit den Midtempo-Groovern “Power” und “How Deep Is Too Deep” fortsetzt.

Es scheint, als arbeite die 33-Jährige in einigen dieser 18 Lieder ihr bisheriges Leben auf. Das letzte Album ist schon wieder fünf Jahre her, in dieser Zeit lernte Ellie Goulding ihre große Liebe kennen, der sie den souligen Powerhouse-Track “Love I’m Given” widmet und mit der sie zusammen den Lockdown verbrachte. Von Abschied und Erinnerung getragen ist “Flux”, das Lied über den Menschen, mit dem man fast zusammengeblieben wäre, das von einem Piano beherrscht wird, bevor dann zum Ende in die zum Mitsingen schöne Melodie Engelschöre einscheren. Im Titelsong über das “strahlendste Blau” gibt es diese strahlendsten Chöre dann zu nicht minder strahlenden Synthesizern.

Ihren Ängsten will sie sich stellen, singt sie in der Klavierballade “Woman”. Reflektiert erscheint dieses Album, erwachsen und fast kontemplativ, weder aufs Radio noch die Charts noch die Clubs ausgerichtet. Die tanzbareren Ohrwürmer – nur vier – sind mitsamt einer bombastisch-opernhaften Ouvertüre auf der zweiten Disc versammelt, einer Art EP. Hier finden sich Teamworks mit DJ Diplo (“Cose to Me”), dem im Dezember an einer Schmerzmittelüberdosis verstorbenen Juice Wrld (“Hate Me”) oder mit dem kalifornischen Popstar Lauv (“Slow Grenade”), dessen fantastisches zweites Album “How I’m Feeling” bei dieser Gelegenheit auch gleich ans Herz gelegt werden soll.

Ellie Goulding – “Brightest Blue” (Polydor/Universal)


Die Musen fliegen wieder mit den Jayhawks

“Tomorrow the Green Grass” hieß 1995 die bislang wohl schönste Scheibe der Jayhawks, ein Sammelsurium von Songs, zu denen die Musen so großzügig Melodien ausgeschüttet hatten wie in den großen Tagen von Beatles, Byrds und Hollies. Die Häherhabichte musizierten dazu leicht rumpelig, sodass ein gewisser Indiezauber hinzukam. Seither konnte man unbesehen alle Schallplatten dieser Band aus Minneapolis erwerben, nie war man enttäuscht von ihrer speziellen Sorte Americana, in der sich nach dem Weggang von Mitbegründer Mark Olson die Liebe zu den Beatles immer deutlicher bemerkbar machte.

Aber nie klang eine Scheibe seit “Tomorrow …” so reichhaltig wie “Xoxo”. Vielleicht liegt das darin begründet, dass sie auch tatsächlich reichhaltiger ist, dass Hauptsongwriter Gary Louris nämlich gelernt hat, zu teilen. Pianistin Karen Grotberg, deren Gesang an Karen Carpenter erinnert und die schon auf dem Vorgängeralbum zu hören war, erweist sich mit “Ruby” als versierte Songwriterin, einem Stück über das Gestern, das nicht verloren ist, solange man sich erinnert. Und Tim O’Reagan, Schlagzeuger seit “Tomorrow”-Zeiten, liefert mit “Society Pages” über die Selbstfindung eines schwulen Mannes eine überraschende Pretiose. Urbassist Marc Perlman ist mit “Down to the Farm” auch nicht etwa der Ringo der Truppe.

Entsprechend sonnig wird im Lichte der Popdemokratie musiziert, das Gefühl, eine Band zu sein, war nie deutlicher als auf “Xoxo”, wo doch andere Bands wie etwa die legendären Creedence Clearwater Revival gerade an der Öffnung des Songwriterjobs für alle scheiterten. Der mystische Bandtitel ist übrigens eine Hommage an das (ebenfalls meisterliche) Album “Xo” des 2003 verstorbenen Elliott Smith, das bei aller Melancholie ebenfalls ein kontinuierliches Grinsen aufs Gesicht des Hörers zauberte und ihm ebenfalls jedes Gefühl der Verlassenheit aus dem Kopf blies.

“Xoxo” ist ein herrlicher Relaxer für Corona-Zeiten. Dass unter den hervorragenden neuen Liedern der Häherhabichte (Vögel dieses Namens gibt es nur im Pop) die des Chefs noch mal herausragen – die Klimawandelgeschichte “Homecoming” etwa oder die Medienkritik von “Living in a Bubble” – sei nur am Rande erwähnt. Die Musen sind jedenfalls wieder mit den Jayhawks geflogen.

The Jayhawks – “Xoxo” (Sham/Membran)

“Staat, Sex, Amen”
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