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Neue Alben von Travis, Madsen, Carla Bruni und Bon Jovi

  • Madsen bescheinigen dem Punk einen Herzstillstand, um dann den Defibrillator anzusetzen.
  • Bon Jovi zeigen sich extrem politisch, Travis bleiben sich treu, Loudon Wainwright III findet sein Glück im Swing.
  • Und wer gute neue Rock-’n’-Roll-Stimmen sucht, sollte es mit Adam Weiners Band Low Cut Connie probieren.
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Sie machen wieder Rock ’n’ Roll. Nicht den lustigen Föhnfrisuren-Popmetal ihrer frühen Jahre, nicht das verwässerte Geplätscher der letzten zwei Jahrzehnte sondern Americana-infizierte, weniger artifizielle Musik, die sich aus Blues, Folk und Country speist. Nach “Keep the Faith” wurden Bon Jovi von Album zu Album langweiliger, beliebiger, kam einer ihrer Songs im Radio, suchte man sich schnell einen anderen Sender.

Das Album “2020” markiert eine Wende. Zunächst beschwört Sänger Jon Bon Jovi in “Limitless” ein Leben ohne Grenzen auch für die, die gerade mal den Kopf über Wasser halten können. “Wacht auf, alle miteinander, wacht auf!”, ruft der selbst Aufgewachte seinen Fans zu und mobilisiert sie für Relevantes. In der gelungenen Ballade “American Reckoning” zeigt er sich erschrocken über die Tötung des Afroamerikaners George Floyd und die Folgen, versucht sich in die Situation der Schwarzen hineinzuversetzen, letztlich wissend, dass es ihm nie wirklich gelingen wird.

In “Blood in the Water” (musikalische Inspiration: Dire Straits) singt er von den Flüchtlingen aus Mexiko, die nach Amerika wollen, und vom unanständigen Umgang mit ihnen (“des Teufels größter Trick war, zu sagen, es gebe ihn nicht wirklich”). “Lower the Flag” dann zählt die amerikanischen Flintenmassaker auf, und der Sänger sagt das einzig Richtige gegen die unsinnigen Waffengesetze seines Landes: “Niemand will so sterben.”

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Dass Bon Jovi sich in Songs kümmert, ist nicht wirklich neu. Schon seit der 9/11-Auseinandersetzung auf dem Album “Bounce” findet sich Politik in den Songs des Mannes aus New Jersey. Was erstaunt, ist ihre Allgegenwart auf “2020”. Manche werden die Nase rümpfen, und die abgetakelte Gutmenschvokabel bemühen, andere werden zu wenig Dichtkunst, wieder andere zu wenig Dokumentarisches in den Texten bemäkeln.

Fest steht, eine bessere Bon-Jovi-Platte gab es seit knapp 30 Jahren nicht mehr, dafür steht das springsteeneske “Let It Rain” ebenso wie sein stadiontauglicher Rockmarsch, in dem er für die amerikanischen Soldaten eintritt, die zuletzt unverzeihliche Beleidigungen von ihrem ungedienten Präsidenten hören mussten (“Unbroken”). Mögen manche Zeilen hier seifig oder überzuckert sein, mögen die Klischees auch nur so wirbeln – vor allem in seinem Corona-Song “Do What You Can” –, so liegt Jon Bon Jovi (geboren als John Bongiovi) doch nicht falsch, wenn er singt: “Klar, werde ich meinen sozialen Abstand halten, aber was die Welt jetzt braucht, ist eine Umarmung.” Die Liebe ist halt immer noch das größte “Dagegen”. Vor allem dieser Glaube gehört unverbrüchlich zum Wesen des Rock ’n’ Roll.

Bon Jovi – “2020” (Island/Universal)

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Marco Schmedtje und seine Liedgespinste

“Deine Hände sind aus Glas, meine Nerven sind aus Sand”, singt Marco Schmedtje im Eröffnungssong “Tunnel aus Gold”. “Wie ein Tennisball im Regen” liegt er der Liebsten zu Füßen, und das sind Worte, die schon mal unverwechselbar klingen. Der Hamburger Songwriter erzählt wortsensibel und zuweilen mysteriös vom Mysterium Liebe und der diesbezüglichen Bestimmung, die er in sich fühlt. Er hat eine nüchterne Stimmlage, setzt Akustikgitarre gegen Piano und Streicher, und unmerklich wächst die spröde Ballade zu bemerkenswertem Pop, so wie es einst bei Simon & Garfunkels “Boxer” war.

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Die nervös-schöne Verspieltheit von Simon-&-Garfunkel-Songs, deren schönes Gitarrentönekrabbeln zeichnet auch das zweite Soloalbum Schmedtjes aus, und das kommt nicht von ungefähr, hat er doch schon länger mit Selig-Sänger Jan Plewka ein S-&-G-Projekt am Start. Auf dem Album “18” versammeln sich in der ersten Hälfte zartere Liedgespinste wie “Tag aus dem Glas” oder “Falsches Lachen”, alle entstanden in den letzten beiden Jahren. Schmedtje feiert hier die Spontanität (“Weißt du noch?”) und das Kerzenlicht (“Schönster Baum”) und bringt in “Lass die Sonne scheinen” mit Zeilen wie “Nach deiner Zeit liegt die Ewigkeit / unter Blumen und ’nem Marmorstein” einen fröstelnd-verträumten Herbsttrostgesang für die anstehenden Totenfeiertage.

Seite zwei des Albums (wenn man Vinyl besitzt, wird die Trennung schärfer) besteht dann aus 18 Jahre alten Songs, die von einem angeschossenen Herzen erzählen. Damals, mit knapp 30, war Schmedtje frisch verlassen und steckte halstief im Liebeskummer. So klingt er reichlich angefasst, wenn er über Menschen singt, die einfach so gehen: “Irgendwo sitzt immer wer, der besser zu dir passt.” Tja, so ist es leider, Marco.

Marco Schmedtje – “18” (Record Jet)

Eine Band für alle Gelegenheiten: Low Cut Connie

Schon mal was von Adam Weiner gehört respektive von Low Cut Connie? Weiner ist einer, der quasi über die ganze Popmusik verfügt, ein Rock ’n’ Roller, Soul-Man, Blues-Man, Wave-Prinz, Meister des lärmenden Indierock wie auch des lyrischen Klaviers. Und Low Cut Connie, seine Band, gelten als einer der exzessivsten jüngeren Liveacts Amerikas. “Private Lives”, das nun schon sechste Album der hierzulande bislang kaum bekannten Gruppe aus Philadelphia, ist ein Füllhorn von Songs, deren Melodien sich samt und sonders und oft schon beim ersten Mal ins Langzeitgedächtnis schrauben.

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Und nicht nur zum Titelsong mit seiner coolen Cars-Gitarre möchte man nach den langen konzertlosen Monaten am liebsten quer über den Rock-’n’-Roll-Rasen eines Stadions springen. Allerhand Reminiszenzen finden sich auf “Private Lives” – an den viel zu früh verstorbenen Tom Petty erinnert “Charyse”, an den John Mellencamp der frühen Achtzigerjahre das clashende “Tea Time”, an den glückseligen Glockenspielrock von Bruce Springsteens E-Streetern sowohl “Take a Little Ride Downtown” als auch “Let It All Hang Out Tonite”.

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Die Rhythm-’n’-Blues-Heroen der Sechzigerjahre werden von Low Cut Connie geehrt (“The Fucking You Get for the Fucking You Got”, “Now You Know”), ebenso die genresprengenden Americanakönige Wilco (das stolpernd-schleppende “What Has Happened to Me”), des Weiteren sowohl der burleske Elton John von “Benny and the Jets” (“It Don’t Take a Genius”) als auch der entfesselte von “Saturday Night’s Alright for Fighting” (im rasanten, nicht einmal zweiminütigen “Nobody Else Will Believe You”).

Dazu erzählt Weiner berührende Geschichten aus dem Schattenamerika: von der Dunkelheit am Rande der Stadt, von Träumern, die notorisch am amerikanischen Traum vorbeiträumen, Vergessenen, die sich verzweifelt in Erinnerung bringen wollen, von Ausgestoßenen, Obdachlosen, Trinkern, HIV-infizierten Kindern, sonst wie Gescheiterten und den einsamen Alten in den Heimen der Corona-Zeit. “Stay As Long As You Like” ist der wohl bittersüßeste Lovesong seit Langem, “Look What They Did” eine Anklage gegen den Nie-war-Amerika-besser-Lügenpräsi Trump. Und jede dieser beiden grandiosen Pianoballaden verneigt sich vor dem großen Randy Newman.

Low Cut Connie – “Private Lives” (Haldern Pop Recordings)

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“Wildflowers” – so wie Tom Petty es ursprünglich wollte

Es war am 17. November, direkt nach dem “Sgt. Pepper”-Programm der Analogues im Berliner Huxley’s, als die euphorische After-Concert-Partystimmung backstage plötzlich umschlug. Gerüchte vom Tod Tom Pettys wurden zur Gewissheit. Und Analogues-Gründer Fred Gehring holte für alle dort Versammelten das beatleesk-folkige Petty-Album “Wildflowers” auf die Boombox. Songs wie “Time to Move On”, “Only a Broken Heart” und der Trauerblues “Don’t Fade on Me” erfüllten den Raum, waren plötzlich von tagesaktueller Traurigkeit erfüllt. “It’s good to be king, just for a while”, sang Petty zum Piano, und manche Träne floss.

Bis heute wird Petty schmerzhaft vermisst, umso erfreulicher, dass “Wildflowers” jetzt endlich in royaler Gänze veröffentlicht wird. Die zweite, von Rick Rubin produzierte Soloarbeit Pettys sollte ursprünglich nämlich ein 25 Lieder umfassendes Doppelalbum werden, was Warner-Music-Boss Lenny Waronker den Machern damals ausredete. Hört man die zehn weiteren, vornehmlich melancholischen bis düsteren (Pettys Ehe war damals am Ende, die Beziehung zu seiner Band The Heartbreakers dito), ziemlich beatleesken und byrdeesken Lieder, versteht man, warum Petty über diese Entscheidung fast das Herz brach und er zeitlebens versuchte, das Album in seiner Ursprungsversion zu veröffentlichen.

Drei der Stücke (“Hope You Never”, “California” und “Climb That Hill”) brachte er später auf dem Soundtrack-Album “She’s the One” unter. Liedschönheiten wie “Something Could Happen”, “Leave Virginia Alone”, “Somewhere Under Heaven” oder die karge, mit Mundharmonika unterlegte Moritat “Harry Green” wurden jedenfalls nicht gestrichen, weil sie den 15 Songs des Originalalbums in Musik oder Lyrics irgendwie unterlegen gewesen wären. Und als wäre die späte Komplettierung eines der besten Doppelalben der Popgeschichte nicht genug, werden noch 14 Liveversionen und 15 Demos angefügt – eben “all the rest”. Und auch auf der Resterampe finden sich noch ungehörte, unerhörte Preziosen wie das folkige “There Goes Angela” und “A Feeling of Peace” mit einem diskreten Jingle-Jangle-Schimmern.

Tom Petty – “Wildflowers and All the Rest” (Warner Bros.)

Carla Bruni und die Liebe zu Herrn Sarkozy

Frau Bruni ist immer noch in Herrn Sarkozy verliebt. Das ist eine der Botschaften des neuen Albums von Carla Bruni, das sie “Carla Bruni” genannt hat, auch um zu zeigen, dass sie mit ihrer Musik nie näher bei sich war. Man darf hier also in eine Art musikalisches Privatissimum hineinlauschen, das Liebeslieder an Mann und Nachwuchs enthält, luzide, warme, selbst verfasste Lieder, untermalt von zirpender Gitarre oder gründelndem Klavier, zuweilen eine Coverversion darunter.

Vom munteren Auftakt “Quelque chose” über das schlendernde “Your Lady” bis zu einer Vertonung von Charles Baudelaires tiefmelancholischem Gedicht “La Mort des Amants” geht die muckelige 17-Lieder-Reise. Fünf Songs hatte Bruni vor der Pandemie fertig, weitere entstanden dann in der Zeit des Lockdowns, in der sich ja alle Songwriter in ihrem beruflichen Tun allein dem Liederschreiben widmen konnten.

Aufgenommen wurde schnell, nur sechs Tage war Bruni mit Produzent Albin de la Simone im Studio. Und das Ergebnis ist eine handgemachte Scheibe, auf der ein anderer Sommer konserviert ist, der nicht nach Masken und Distanz klingt, sondern nach Küssen und Umarmungen. Charmant sind ihre Familienwidmungen wie “Une grande amour”, “Le petit guepard”, “Le garcon triste” und “La xhambre vide” – oder “Partir dans la nuit”, das klingt wie ein Stück Traumpop aus den Fünfzigerjahren. Und wir Zaungäste mögen, wie Frau Bruni diese Lieder vergnügt oder betroffen flüstert, gurrt und haucht, egal, ob man Herrn Sarkozy nun mag oder nicht.

Und auch “Porque te vas?” (Wohin gehst du?), 1977 der einzige Nummer-eins-Hit der Spanierin Jeanette in Deutschland – bringt Bruni in einer lässigen Akustikversion. Sie geht zurück an ihre Anfänge. Und das klingt buchstäblich nach einer guten Idee.

Carla Bruni – “Carla Bruni” (Universal)

Loudon Wainwright III swingt sich einen

Swing sang sogar Sting, als er Anfang der Achtziger mit dem Klassiker “Spread a Little Happiness” mal ohne The Police in die Britcharts kam. Von U2 (“Night and Day”) bis They Might Be Giants (“Istanbul”) widmeten sich zahllose Musikgrößen zwischendurch mal mit Respekt dem Pop aus Ururgroßvaters besten Jahren, und Bob Dylan nahm sogar stolze fünf Platten mit Songs aus dem sogenannten American Songbook auf. Quirlig wie nie klingt Loudon Wainwright III auf seinem neuen Album “I’d Rather Lead a Band”. Auch er macht jetzt Yestermusic, zu der die Leute sich vor fast 100 Jahren mit Charleston, Jitterbug und Lindy Hop die Weltwirtschaftskrisentrübsal wegtanzten – zumindest für ein paar Stunden.

Quäkende und näselnde Bläser sind zu hören, blecherne Beats und die wattierten Gesänge jener Tage. Wainwright und seine Band Vince Giordano & The Nighthawks ziehen ihr Ding authentisch durch. Und der Hörer kriegt das Grinsen nicht mehr vom Gesicht, wenn der 74-Jährige hörbar vergnügt Klassiker wie “Heart and Soul”, “Between the Devil And the Deep Blue Sea”, das auch durch Fats Domino bekannte “My Blue Heaven”, das bluesige “You Rascal You” oder “Ain’t Misbehavin’” zelebriert.

Nicht nur vertraute Klassiker schießen sich einem hier direkt ins Gemüt, auch unbekanntere Nummern wie “How I Love You” und “I’m Going to Give It to Mary with Love” sind herzallerliebst. Noch weniger Zeit als Carla Bruni brauchte diese Truppe – in nur drei Tagen war das Album im Kasten. Wainwrights Sohn Rufus dürfte das gefallen. Der hat bekanntermaßen ein Faible für die Klänge, die vor dem Durchbruch des Rock ’n’ Roll die Welt regierten. Näher als mit diesem 14-Song-Quell guter Laune waren Vater und Sohn einander musikalisch nie.

Loudon Wainwright III – “I’d Rather Lead a Band” (Search Party/Thirty Tigers/Menbran)

Madsen setzen den Defibrillator an den Punk

Mordsgitarrengeschraddel, reichlich rüpeliges Getrommel und viel juveniler Zorn im Gesang: “Ich habe eine Stimme und ich habe eine Wahl”, heißt es im Titelsong “Na gut, dann nicht”, der diesem Album voransteht wie ein rostiges Messer. Danach wird in einem Pseudodialog mit der Plattenfirma über die Notwendigkeit, heutzutage Deutschrap machen zu müssen, sinniert und mit “Keiner hat mehr Bock auf Gitarren und auf Lärm, keiner hat mehr Bock, sich über Bullen zu beschwern” wird klar, der Punk auf dieser Scheibe ist auch einer, der (auch) Spaß machen soll.

“Punk hat einen Herzstillstand”, grölen die beiden Sänger zu Purzelbaum schlagenden Rabatzgitarren ins Mikrofon und verwandeln im Abgang Alphavilles “Forever Young” in “Für immer Punk”. Wer hier eine Stimme und eine Wahl hat, sind tatsächlich Madsen aus dem Wendland, die sich in den Zeiten des Musikstillstands auf ihre Wurzeln besonnen haben und ihren aparten Nummer-sicher-Deutschpoprock gegen überwältigenden Krach eingetauscht haben.

Zwischendurch, etwa in der Lockdownnummer “Quarantäne für immer”, in der sie ein ironisches Loblied aufs Drinbleiben singen, zeigen sie in einem schläfrigen Prinzen-Beatles-Mittelteil, dass sie ihre Musikalität nicht verloren haben. The Clash und die Beach-Boys-Affinität der Ramones sind die Soundpfeiler eines spontanen Albums, das im Proberaum in Prießeck entstand, den man eigentlich nur hatte aufräumen wollen. Und jetzt sind Madsen lustig und zornig, werfen den alten weißen Männern, den Covidioten, den Verschwörungshanseln und den Neonazis ein “Behalte deine Meinung” ins Gesicht.

Und sie drücken den Dreiminutenempörten ein “Protest ist cool (aber anstrengend)” ins Gewissen, denen, die ihre eigene Haltung nicht ernst nehmen, zur späteren Selbstbeweihräucherung schon mal bei einer Demo mitlaufen, aber meistens leider nicht können, weil noch nicht eingekauft ist oder der Rasen gemäht werden muss, und die über Tierwohl nachdenken, aber nur bis zum nächsten Heißhunger auf lecker Currywurst. Madsen haben das Jahr ohne Livemusik dazu genutzt, nachzudenken und dann mal so eben mit links ihr bestes Album bisher einzuspielen, eines, dass sich auch die Toten Hosen anhören müssen. Punk hat gar keinen Herzstillstand. Defibrillator, Baby!

Madsen – “Na gut, dann nicht” (Arising Empire/Edel)

Mit Travis über den Winter kommen

Noch ein ziemlich gutes, wenn schon nicht bestes Album einer schon etwas älteren Band. Travis sind wieder da, in unverändertem Line-up, und sie folgen nach längerer, familiär begründeter Pause des Frontmanns Fran Healy immer noch treu ihrer Bestimmung, scheren sich nicht um Erfolg und Moden, machen dabei Popsongs, die die Spitzen der Hitparaden einer besseren, vielseitigeren Welt schmücken würden wie ein Gipfelkreuz den höchsten Hügel.

Zum luziden Vorwärts von “Butterflies” möchte man jedenfalls am liebsten selbst Schmetterlingen hinterhertanzen, und “Valentine” zeigt dann, dass man eben auch langsam richtig rocken kann. Wer damals auf Travis’ Heuler “Why Does It Always Rain on Me” zerfloss, der wird auch die vornehmlich schwerblütigen, nachdenklichen “10 Songs” mögen, die die Schotten auf ihrem neunten, zusammen mit Fran und Robin Bayton produzierten Studioalbum versammelt haben. Muckelige Melodien treffen auf die ewige Sehnsucht in der Stimme von Healy, der in “Nina’s Song”, “(You’re One in) A Million Hearts” oder “A Ghost” im eigenen Gestern unterwegs ist, ohne dabei wie eine Glory-Days-Heulsuse rüberzukommen.

Und dann gibt’s auch noch ein Wiederhören mit Bangles-Sängerin Susanna Hoffs, mit der Healy “The Only Thing” singt, eine verwunschene Ballade mit verträumtem Piano und der schimmernden Steelgitarre von Greg Leisz. Nach drei Jahren am Prenzlauer ist Healy jetzt nach Kalifornien umgezogen. Und man darf gespannt sein, ob dieser neue Lebensmittelpunkt seine Musik irgendwie verändert. Die Berliner Luft hat’s jedenfalls nicht vermocht. Hier sind zehn Lieder zum Reinkuscheln, denn der nächste Winter klopft praktisch schon an die Tür.

Travis – “10 Songs” (BMG/Warner)

“Staat, Sex, Amen”
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