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Pop 2020: Neue Alben von The Killers, Erasure und Annett Louisan

  • Eine gute Woche für den Pop: Die Killers sind euphorisch wie nie und Annett Louisan entdeckt "Kitsch" aus alten Tagen.
  • In der Abteilung Country liefert die Britin Rumer herzergreifende Songtraurigkeiten, während US-Millionenseller Tim McGraw seinen Frauengeschmack feiert.
  • Und die Schotten von Snow Patrol haben Corona-Distanzsongs mit ihren Fans geschrieben.
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Annette Louisan covert (nicht nur) Kitsch

Die Orgel schubbert, die Gitarre plinkert und – wer hätt’s gedacht – man kann plötzlich Chacha tanzen auf Lionel Ritchies Jahrzehntballade “Hello” aus dem Jahr 1984. Annett Louisan interpretiert den Schmachter mit ihrem mädchenhaften Säuselne neu: “Bist du irgendwo und fühlst dich einsam / oder liebt dich wieder jemand Neues” säuselt die Sängerin (erstmals auf englisch, weshalb man sich noch einmal völlig neu an ihre Stimme gewöhnen muss) und plötzlich tauchen auch noch Siebzigerjahrerock-Keyboards auf wie zuzeiten von Manfred Mann’s Earthband.

Eine überaus eigenwillige Eröffnung für “Kitsch”, die nun schon zweite Versammlung von Coverversionen der 43-jährigen aus Hamburg nach “Berlin, Kapstadt, Prag” von 2016. Gefolgt wird Ritchie von einer Louisan-Latin-Version der “Bittersweet Symphony” der Britpopper The Verve. Was hier von “Nights in White Satin” (Moody Blues) über “I Want It That Way” (Backstreet Boys) bis “Bungalow” (Bilderbuch) gecovert wird, wobei die Künstlerin gern – aber längst nicht nur – auf Samba, Salsa & Co zurückgreift, ist ein hübscher Corona-Schnellschuss, eine zarte Versommerlichung vieler Songs, eine Lebendigwerdung selbst von mausetoten Originalen wir F. R. Davids Synthpop-Schluffi “Words” von 1981 oder Richard Sandersons “Reality” aus dem Jahr davor.

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Der Kitsch liegt freilich im Auge (und Ohr) des Betrachters (Lauschers), die Arrangements bewirken hier eine gewisse Befreiung. Sogar Helene Fischers “Atemlos” kann man in der Louisan-Version wieder mit in die Nacht nehmen. Und das will schon was heißen.

Annett Louisan – “Kitsch” (Sony)

Rumer fand die traurigsten aller Countrysongs

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Jennifer Warnes gab den Liedern von Leonard Cohen auf Albumlänge eine neue Farbe, Harry Nilsson denen von Randy Newman und – vor einigen Wochen erst – auch die großartige Gretchen Peters denen des 2002 verstorbenen texanischen (Country-)Songwriters Mickey Newbury. Ganz ähnlich hat sich jetzt die Britin Rumer alias Sarah Joyce einem hierzulande kaum bekannten amerikanischen Liedpoeten verschrieben: Hugh Prestwood.

Prestwood liefert der Welt seit 1978 Countrysongs. Hatte Rumers gemischtes Coveralbum “Boys Don’t Cry” (2012) und ihre Burt-Bacharach-Hommage “This Girl’s In Love” (2016) noch einiges mit ihrem bezaubernden Debütalbum “Seasons of My Soul” zu tun, so ist die 41-Jährige bei “Nashville Tears” halstief in die Countrymusik gestürzt. Und zwar in den richtigen Country, den, der seinem Hörer ein bis zwei Klöße in den Hals steckt und einen See in den Augen überlaufen lässt. Mit ihrer immer noch strahlenden Stimme singt Rumer Lieder wie “Oklahoma Stray” von einer Katze, die eines Tages nach der Arbeit plötzlich da war, blieb, aber sich bis zu ihrem viel zu frühen Todestag nicht von ihrer Finderin berühren ließ. “Einige Herzen, oh einige Herzen brechen richtig”, seufzt Rumer und verbindet die Trauergeschichte mit einer Liebesgeschichte. Man ist im Innersten angefasst.

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Auch die Lyrics von “Ghost In The House” und “The Song Remembers When”, und “The Fate of Fireflies” sind einfühlsam und berührend, und natürlich ist das alles vornehmlich balladesk und oft mit weinenden und schimmernden Steelgitarren genretypisch geschmückt. Aber nirgends ist in alldem auch nur eine Faser von Kitsch auszumachen. Dieses unerwartete Werk ist das Resultat eines Umzugs. In Arkansas verbrachte Rumer die ersten Jahre ihrer Mutterschaft, arbeitete zwischenzeitlich sogar in einem Frisiersalon und wusste nicht, ob sie je wieder zum Songschreiben zurückkäme. Dann begann sie ihre Suche nach den “traurigsten aller traurigen Countrysongs”. Und nur mit “Deep Summer in The South” bricht sie einmal kurz aus der herrlichen Trübsal. Um mal ein paar Minuten (slow) zu rocken.

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Rumer – “The Nashville Tears” (Cooking Vinyl/Sony)

Tim McGraw bietet Rock-Country-Mainstream und Extravaganz

Ein Countrymann reinsten Wassers ist Tim McGraw. Einer der ganz Großen, der Grammy-Klasse, einer, der laut Plattenfirma 50 Millionen Platten verkauft hat und auf dessen neues (ziemlich glatt und mainstreamtauglich produziertes) Album – “Here on Earth ist das 16. – vor allem in Nordamerika schon Millionen Fans warten. McGraw erweist sich dabei auf den 16 erneut fremdgeschriebenen, wiewohl nicht ohne Grund unter seine Fittiche genommenen Songs weniger als Johnny-Cash-artiger “I Walk The Line”-Mann sondern eher als einer von der “Stand by Your (Wo-)Man”-Sorte.

Er wundert sich, was die Frau aus dem weltläufigen Los Angeles an einem Cowboy wie ihm findet, rühmt sich, das beste an ihm sei sein Frauengeschmack und ruft – in der ersten Single “I Called Mama” brav zu Hause bei Muttern an, wenn ihn eine dunkle persönliche Nachricht aus den Boots zu hauen droht. Bevor das Album in klassischeren Rock-Country-Gefilden versimmert, traut sich McGraw allerdings was.

Der Einstieg mit “L.A.” ist wie eine Brise kalifornischen Yachtrocks, “Chevy Spaceship” kündet nicht nur von einem Rocketman, das Lied klingt auch sonst, als sei’s von einem alten Elton-John-Album geholt, und der Titelsong beginnt mit einer Sitar und endet mit einem Dudelsack und dazwischen findet sich ein Stück Musik, das näher an einer Stadionhymne aus der großen U2-Zeit ist als an swingender Musik für die Landkneipe.

Der schönste Song heißt “Sheryl Crow” und ist ein Kompliment an seine (wirklich wunderbare) Kollegin aus Missouri. Die eigene Liebste erinnere McGraw, so singt er, an den Moment, als er zum ersten Mal Sheryl Crow im Radio gehört hat. Das war 1993 wahrscheinlich “All I Wanna Do (Is Have Some Fun)”. Und da können wir McGraw nur beipflichten: Das war damals wirklich ein schöner Moment.

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Tim McGraw – “Here on Earth” (Big Machine Records)

Erasure halten die Achtzigerjahre hoch

Die Postmillenniumskinder halten “Erasure” für einen Song vom babyblauen Ed-Sheeran-Album “Divide”. Aber Andy Bell und Vince Clarke alias Erasure waren in den Achtzigerjahren das größte Synthpopding nach den Pet Shop Boys und Depeche Mode (aus deren Reihen sich der nunmehr 60-jährige, in Brooklyn residierende Clarke schon nach dem Debütalbum “Speak & Spell” verabschiedet hatte). Und mit ihrem neuen Album “The Neon” lässt das Duo die Eighties wieder aufleben.

Schon der soulig-gospelige Opener “Hey Now” ist eine Ode an die Lebensfreude: “Walk through the city / sing Hallelujah / wish for a lover’s touch” heißt es das. Anders als auf dem politischeren, düstereren “World Go Wrong” von 2017 herrscht auf Songs wie “Nerves of Steel”, “Rollercoaster” Hoffnung, Helligkeit und positives Denken – und das immer wieder zu simplen aber höchst effektiven Melodien. Und mit “Kid You’re Not Alone” münzt der schwule Andy seine Erfahrungen in Trost und Aufmunterung für all die um, die ihren Weg noch nicht gefunden haben.

Wer in den sich schon wieder verdüsternden Pandemiezeiten ein Album sucht, das ihm zehn Songs lang “Kopf hoch!” zuruft, und bei dem man sich auch nicht einsam fühlt, wenn man zuhause dazu (vielleicht mit einem Glas Champagner in der Hand) tanzt – hier wird er fündig. Ob damit die breite Masse zu gewinnen ist, noch einmal Hits – etwa mit dem schlagerhaften “Shot A Satellite” – zu generieren sind, steht, obwohl die Achtziger natürlich ewig währen, in den Sternen. Die Fans aus alten Tagen werden in jedem Fall juchzen und von dem Song “Erasure” vom babyblauen Ed-Sheeran-Album mehrheitlich nie gehört haben.

Erasure – “The Neon” (Mute)

Snow Patrol lassen ihre Fans mitmachen

Snow Patrol sind wieder da – unter den Schwingen des nordirischen Songwriters (und Freunds der Band) Iain Archer entstand neue Musik. Die Schotten hätten von den “Fireside Sessions”, ihrem Lockdown-Projekt mit den Saturday Songwriters auch ein komplettes Album veröffentlichen können. Dass es nur eine EP mit nur fünf Songs geworden ist, stört zwar nicht weiter, aber da die Qualität dieser Handvoll Songs durchaus überzeugend ist, wüssten wir schon gern, wie spitz die sieben im Köcher verbliebenen Pfeile der Patrouille geraten sind.

“Reaching Out of You” jedenfalls ist ein prächtiger, höchst verspielter Midtemporeißer – mit Mellotron-Intermezzo nach zwei Songdritteln und einem schlitternden Gitarren-Jive zum Ende hin. “On The Edge of All This” ist eine Hymne folkiger Prägung, die sich am Ende per Chorus als vielversprechender Shouter für große Konzerte entpuppt. Es geht um die auseinandergerissenen Lieben in den Zeiten der Pandemie, um die Millionen Beziehungen, die sich plötzlich nicht mehr über Grenzen hinwegsetzen konnten. Und “Dance With Me”, die Vorstellung, Nähe auf Entfernung zu erzeugen, wenn man an weit entfernten Orten der Welt zur selben Zeit dasselbe tut, ist ein herzerwärmender Tränendrücker und ein Klassiker-to-be.

Letzteres gilt übrigens auch für das countryeske Finale “Light Years” mit seiner bezwingenden Melodie. Die Band aus Glasgow, deren “Chasing Cars” zu den Lieblingssongs der Nullerjahre gehört, ist mit diesen auf Instagram Live geschriebenen Liedern, an deren Entstehung sich Tausende Fans in aller Welt beteiligten, ganz in ihrem Element. Und Gary Lightbodys Stimme kann das Königreich der Melancholie immer noch ganz mühelos im Hörer entstehen lassen. Hey, U2, versuchts doch auch mal mit den Samstagliedermachern!

Snow Patrol – “The Fireside Sessions E.P.” (Universal)

Die Killers machen Pop mit Springsteen-Drive

Das ist Pop, aber was für einer. Einer, der vom Hocker reißt, der den Hörer mit Freude erfüllt, mit Kraft und mit neuer Lust auf 1000 Konzerte. Die Killers legen auf “Imploding The Mirage” los, als wollten sie mit ihrer Musik die ganze pandemiegebremste Welt umschlingen, befreien und neu kickstarten. Emphase herrscht hier, Sturm, Vorwärts – und zwar von Anfang bis zum Ende dieses wundervoll pathetischen Brockens.

Hier finden sich Lieder darüber, dass man nicht gegen die Warnungen der eigenen Seele anhandeln sollte. Weil man sonst eines fatalen Hybris-Tages glaubt, fliegen zu können und schlimm abstürzt (“My Own Soul’s Warning”). Und darüber, dass man, wenn man nicht aus seiner kleinen Stadt rauskommt, man möglicherweise derjenige sein wird, der sie am Ende niederbrennt (“Caution”). Und darüber, dass man immer und bis in den Untergang für sein Baby da zu sein hat, egal wie hart es kommt (“Dying Breed”).

Nicht nur beim Letztgenannten klingen die Mannen um Sänger Brandon Flowers (der des Familienlebens wegen von Las Vegas ins ländliche Utah seiner Kindheit gezogen ist) mit Kirmesorgel und inbrünstigem Gesang nach den epischen Prachtstücken von Bruce Springsteen. Aber manchmal erinnern sie aber auch an den coolen Keyboardrock von New Order, den der Cars oder bei “Fire in Bone” den der Talking Heads. Dass die alte Band nicht mehr komplett ist, weil Gitarrist Dave Koening sich herausgezogen hat, merkt man dem Album, das mit Ex-Fleetwood-Mac-Mann Lindsey Buckingham, Sängerin k. d. Lang und Adam Granduciel, Boss der ebenfalls großartigen Band The War on Drugs mit illustren Gästen aufwartet, in keiner Minute an. Das Ergebnis ist eine Platte, unter deren Songs keinen einziger Ausfall zu vermelden steht. Oder – wie man im Musikbiz sagt: “No fillers! All killers!”

The Killers – “Imploding The Mirage” (Island/Universal)

Die Naked Giants wagen den Schritt aus der Nische

Die Garage ist noch immer in ihnen, wenn sie ihre Songs von Angst, Schuld und Depression spielen, von den “Schatten” des Lebens und wie man aus ihnen heraustritt ins Licht. “The Shadow” heißt das zweite Album des 2014 gegründeten Trios Naked Giants. Sänger/Gitarrist Grant Mullen, Bassist/Sänger Gianni Aiello und Schlagzeuger Hery LaVallee lassen den ersten Song “Walk of Doom” rüpeligst aus den Boxen krachen, als wären die Ramones in sie gefahren. Die folgenden “High School (Don’t Like Them)” und “(God Damn!) What I Am” klingen wie raue Hommagen an die Kinks. All das schlägt die Brücke zurück zum herrlich verkrachten Debüt “Sluff”, einem der heftigsten Rock’n’Roll-Alben von 2018.

Aber die nackten Riesen sind auch vorwärtsgewandt, geben sich diesmal zugleich melodiebetonter und in Sachen Sounds wagemutiger. Wie fast jede Band, die aus den Rock’n’Roll-Kellern ans Tageslicht kommt, freuen sie sich daran, dass die Musik ein weites Feld ist. Auf “Take A Chance” mischen sie Funk und AC/DC-Riffing, bei “Better Not Waste My Time” entdecken sie den Bluesrock, und wenn sie auf sanft schalten, erinnern sie in “The Ripper” an die frühen Pink Floyd oder klingen bei “Turns Blue” nach Roxy Music meets The Cure meets The Smiths. Unter den Fittichen von Decemberists-Gitarrist Chris Funk wagen die Drei aus Seattle den ersten Schritt aus der Punknische. Hier ist ganz viel Songwritertalent, ganz viel Energie, ganz viel Zukunft.

The Naked Giants – “The Shadow” (New West Records)

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