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Neue Alben von Katy Perry, Metallica, Rolling Stones und anderen

  • Metallica versuchen's ein zweites Mal sinfonisch, die Stones veredeln derweil ihren Albumklassiker "Goats Head Soup".
  • Katy Perrys sehr persönliches Album “Smile” kann sich auch als Mutmacher in Krisenzeiten hören lassen.
  • Während Conor Oberst mit Bright Eyes davon kündet, dass sich die Welt, wie wir sie kennen, winkend verabschiedet.
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Natürlich kribbelt’s einem im Nacken, so als spaziere dort auf winzigen Krallen ein Fledermäuschen auf und ab, wenn die San Francisco Symphony mit “Ecstasy of Gold” (aus dem Westernmelodienfundus des jüngst verstorbenen Ennio Morricone) anhebt – um dann eine Pomp-Version von Metallicas (hier nach James-Bond-Soundtrack anmutender) instrumentaler Lovecraft-Hommage “The Call of Ktulu” folgen zu lassen. Aber – ganz ehrlich – das haben wir schon mal verblüffend ähnlich gehört.

Metallica lassen auf “S&M2” dem Orchester mehr Raum

Metallicas neues Livealbum “S&M2” fängt genauso an wie “S&M” von 1999 – und weil mit den beiden Crossoverkonzerten zur Platte 2019 das Chase Center (eine neue Multifunktionsarena in San Francisco) eingeweiht wurde, und man die “Hits” nicht ausklammern konnte, sind das nicht die einzigen Doubletten der beiden Livealben. Die Frage, ob diese Veröffentlichung notwendig war, muss also zunächst mit einem klaren Nein beantwortet werden. Die Frage, ob sie gelungen ist, mit einem ebenso deutlichen Ja. Viel mehr ist diesmal von dem Orchester zu hören, die Vermählung zwischen Band und klassischem Großensemble samt Chor erscheint viel inniger, die Parteien gleichwertiger.

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Der Film zur Show zeigt Dirigent Edwin Outwater, der eindeutig ebenfalls das Zeug zum Rockstar hat im Zusammenwirken mit einer Metaltruppe, die sich weit selbstbewusster zeigt als beim ersten Versuch. Gerechterweise muss gesagt werden, dass auch einige der seit 1999 entstandenen Songs in das Sinfonicrockprojekt aufgenommen wurden und dass sie hier stärker glänzen als auf den Originalalben – und “The Outlaw Torn” von 1996 (auch schon auf “S&M” enthalten) ist ein Song, der auf dem Album “Load” eher unterging, hier aber strahlt, als wäre er eine zweite Sonne. Live sind Metallica unzweifelhaft immer noch eine der Granatenbands des Planeten, aber jetzt wollen wir als nächstes bitte ein Studiowerk, das uns die Fledermaus so feinkrallig im Nacken spüren lässt wie weiland “Master of Puppets”.

Metallica - “S&M 2” (EMI/Universal)

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Von Liebe und Weltuntergang – Neues von Bright Eyes

Ganz anders, aber (desöfteren) auch mit Geigen- und Chorgedöns: Conor Oberst ist zum ersten Mal seit neun Jahren wieder mit seiner Band Bright Eyes am Start. Mit einem Pianorag (durchbrochen von seltsam echoreichem Geraune und Kneipengeräusch) beginnt das Album “Down in The Weeds, Where The World Once Was”, der Nachfolger von “The People’s Key” von 2011. Und dann hebt der erste, mit melancholischen Streichern geschmückte Song “Dance and Song” an, auf dem Oberst mit seiner tremolierenden Stimme verspricht, “weiter vorangehen (zu) müssen, als wäre das hier nicht das Ende”. Schluck!

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Das Trio Oberst, Mike Mogis (auch Produzent) und die Multiinstrumentalistin Nate Walcott haben eine neue Schachtel voller Ängste in Schwulstfolk eingewickelt und liefern darin eine schwer und schleppend schaukelnde Songschönheit wie “Just Once in The World”, die klingt wie ein Relikt aus den Sechzigerjahren, während Oberst davon singt, dass sich die Welt, die wir kennen, derzeit mit einem Winken verabschiedet. Oder sie spielen das psychedelisch schwebende “One And Done”, das in der auf diesem Album permanent angewandten Traumlogik von einer blutigen Prom-Night à la Stephen Kings “Carrie” und von der einsamsten Hochzeit aller Zeiten kündet und dessen Gesang von fern aus dem Pink-Foyd-Universum herüberzuwehen scheint.

Oder das zu Alleinunterhalterorgel und Bummtschacka-Rhythmus gesungene “Pan And Broom”, in dem sowohl eine Beziehung böse endet als auch die ganze Zivilisation den Bach runterzugehen scheint. Euphorisch und apokalyptisch zugleich sind die Lyrics geraten. Und wiewohl “Down In The Weeds” vor der Pandemie eingespielt wurde, klingt es doch wie der perfekte Begleiter für eine Zeit, in der das Schwert weiterer Lockdowns an einem Haar über der Welt baumelt. Falls sich die Welt allerdings zwischenzeitlich doch noch nicht mit einem Winken verabschieden sollte: Bitte nicht wieder so viel Zeit verstreichen lassen bis zum nächsten Bright-Eyes-Album, lieber Conor Oberst.

Bright Eyes – “Down in The Weeds, Where The World Once Was” (Dead Oceans/Cargo)

Southernrocker Needtobreathe segeln an der Musenküste lang

Und nochmal Chöre und der Silberstreif von Streichern, aber auch einiges an Banjoklimpern und Folkgeklampfe: Der Song “Mercy’s Shore” ist ein extrem hymnischer Einstieg für die zum Trio geschrumpfte melodieselige Southern-(Folk-)Rockband Needtobreathe aus South Carolina. 22 Jahre nach ihrer Gründung halten die Billboarddarlings mit christlichem Einschlag Balance auf dem klingenschmalen Rock-’n’-Roll-Grat zwischen Kommerz und Indiecharme – ähnlich wie ihre Soundkollegen Kings of Leon aus Tennessee.

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Songs wie “Alive”, das Titelstück des siebten Albums “Out of Body”, oder die aktuelle Single “Hang on” sind Stoff, der sich sowohl für die (derzeit stillgelegten) Livearenen der Welt eignet als auch für die Finger von DJs und Remixern. Bear Rinehearts gefühlvoller Gesang wird bei “Survival” von den Folkkollegen Ellie und Drew Holcomb aus Nashville unterstützt (wo das Album auch entstand). Und Gottes Sohn höchstselbst wird um Hilfe in schlimmen Zeiten angerufen. “Jesus, beeil dich, ich brauch’ dich, um zu überleben”, barmt Rinehart.

Beten hilft offenbar: Auch nach dem Weggang vom Gitarrist Bo Rinehart, Bruder des Sängers, der die Band nach Jahren des Schwankens schließlich im April dieses Jahres verließ, scheinen Bruder Bear, Bassist Seth Bolt und Schlagzeuger Joe Stillwell für dieses Album mit himmlischem Beistand versorgt worden zu sein. Bis zum Countryrock von “Ridin’ High” und der abschließenden gospeligen Pianoballade “Seasons” geht es für Needtobreathe mit geblähten Segeln an der Musenküste lang und bis Ende kommender Woche ziemlich sicher hinein in die Top Ten der US-Charts.

Needtobreathe – “Out of Body” (Elektra)

Black Pumas – zweiter Versuch mit erstem Album

“Eleanor Rigby” das anrührende, zarte Stück über einsame Menschen, das Paul McCartney einst im Musikzimmer der Eltern seiner Verlobten Jane Asher komponierte, wurde schon früh von Richie Havens, Ray Charles und den Crusaders in “black music”-Gefilde gezogen. Was aber Sänger Eric Burton, zuvor Straßenmusiker, und Gitarrist/Produzent Adrian Quesada aus dem Beatles-Klassiker machen, ist eine lodernde Funkrocknummer mit gospeligem Feuer, ein fünfeinhalbminütiger Seelenbrand. Das texanische Duo Black Pumas nutzt mit der Deluxe-Edition seines phänomenalen Crossoverdebüts eine zweite Chance, einen hervorragenden ersten Eindruck zu machen.

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Denn das mit Klassesongs (wie dem mit Stax-Bläsern bestückten “Fire”, dem schleppenden Rocker “Black Moon Rising” oder der bluesigen, mit inbrünstigem Falsett geheulten Ballade “Colors”) bestückte Album, das der Band eine “Best New Artist”-Nominierung bei den Grammys 2020 einbrachte, verpuffte kommerziell. Jetzt kehrt es mit doppelt soviel Gitarren-und-Groove-Stoff zurück, um endlich die verdienten Meriten einzufahren. “I’m Ready”, “Red Rover” und “Black Cat” heißen drei neue Minidramen der Pumas, von vier der Albumtracks werden intimere Liveversionen gereicht, und mit der vorzüglichen souligen Adaption von “Politicians In My Eyes” – im Original von den Protopunks Death – geben die Black Pumas ein offenes politisches Statement zur Lage der Nation ab.

Der Puma-Kosmos reicht vom Funkrock der frühen Siebzigerjahre bis zu den musikalischen Visionen von Wu-Tang-Clanmitglied RZA. Nicht aller Fremdstoff wird von der nach Quesadas Fasznation für die Black-Panthers-Bewegung der Sixties benannten Band aus Austin rigoros verwandelt: Tracy Chapmans “Fast Car” bleibt eine sachte Gitarrenschönheit über zwei, die nichts zu verlieren haben, die raus wollen aus der Stadt, koste es was es wolle. Warum nur Flucht möglich ist, das klärt Burton dann im letzten Song der Neuausgabe, dem Klassiker der Bobby “Blue” Band: “There ain’t no love in the heart of the city.”

Black Pumas – “Black Pumas Deluxe Edition” (Cooperative/PIAS)

Die Stones feiern ihr 73er Album “Goats Head Soup”

“Hey Scarlet, ich bin betrunken, es tut mir leid, ich liebe dich”, stammelt ein verlegener Paul Mescal im Video bei Youtube. Dann schaltet der irische Schauspieler die Musik an und groovt durch eine ziemlich noble Hotelsuite bis in den Lift, während Keith Richards Gitarre unbekümmert loskratzt und Mick Jagger sein Liebeslied an “Scarlet” raushaut. Eine wunderschöne Rolling-Stones-Nummer im Offbeat, ein unverständlicherweise nie veröffentlichter todsicherer Hit, der im Jahr 1973 entstand, als die Rolling Stones mit “Goats Head Soup” rüberkamen – dem Nachfolger des großartigen Doppelalbums “Exile on Main Street”.

Noch mehr Rock-’n’-Roll-Voodoo sollte die “Ziegenkopfsuppe” an die Fans bringen, nachdem die Stones mit dem Albumquartett “Beggar’s Banquet” (1968), “Let it Bleed” (1969), “Sticky Fingers” (1971) und “Exile” (1972) einen der royalsten “Läufe” der Popgeschichte hatten. Heute ist “Goats Head Soup”, das jetzt in restaurierter Fassung vorliegt, hauptsächlich wegen “Angie” in Erinnerung, dem Song für Richards’ Tochter Angela, der zur bis heute berühmtesten Ballade der Stones werden sollte. Es enthält aber mit “Winter” eine weitere langsame Rockschönheit, mit “Doo Doo Doo Doo” (einem Song, der die Gewaltbereitschaft der New Yorker Polizei kritisiert) ein herausragendes Solo von Gitarrist Mick Taylor und mit “Star Star” einen richtig bösen Song über Groupies.

“Dancing with Mr. D(eath)” bezog sich womöglich auf Keith Richards’ Drogenprobleme, die für den Hauptlieferanten der Stones-Musik nun mählich zum schöpferischen Problem wurden. Während Mick Jagger sich dem Songwriterfreund in das von diesem verachtete dekadente Jetset-Leben entzog. Mit “Goats Head Soup” begann die spannungsreiche Zeit in der Karriere der der Glimmer Twins, der Anfang der Zerreißproben, die bis tief in die Achtzigerjahre währten, als ein gesundeter Keith Richards von Jagger einen Teil der Bandkontrolle zurückhaben wollte.

In verschiedenen Ausführungen enthält “GHS 2020” Demoversionen, Outtakes, Liveaufnahmen und – in der 4-CD-Box – legendäre Tourposter und ein 120-seitiges Begleitbuch. Drei Songs werden erstmals veröffentlicht: der schläfrige Rocker “Criss Cross”, der grollende Honkytonk von “All The Rage” (auch bekannt als “You Should Have Seen Her Ass”). Und eben “Scarlet”, ein Song für Jimmy Pages Tochter, bei dem der Led-Zeppelin-Mann Gitarre spielte, als er nach dem Ende einer Led-Zep-Session noch eine Weile mit den Stones im Studio abhing. Das nächste Album war dann eine Entschuldigung fürs Stagnieren auf hohem Niveau: “It’s only Rock ‘n’ Roll – but I like it”.

The Rolling Stones – “Goats Head Soup 2020” (Universal)

Katy Perry über das Lächeln und die Traurigkeit dahinter

Wenn der Kinotramp Charlie Chaplin lächelte, lag dahinter immer auch Traurigkeit. “Smile” hieß eine der schönsten und traurigsten Melodien, die Chaplin je komponierte (für den Film “Moderne Zeiten”). Die Beach Boys, die die Welt der frühen Sechzigerjahre mit jedem Hit ein Stück sonniger machten, nannten gleich ein ganzes Album “Smile” – und bekamen dessen Fertigstellung dann traurigerweise nicht auf die Kette. Und jetzt heißen der neue Longplayer und die aktuelle Single der frischgebackenen Mama Katy Perry, der poppigsten aller Pastorentöchter auch – “Smile”. Höhepunkt ist der Titelsong (samt zirkusbuntem Realfilm-Puppentrickvideo, in dem Perry – noch hochschwanger – tanzt), und auch sie singt von der Traurigkeit hinter dem freundlichen Gesicht: “Jede Träne war eine Lehre”, heißt es da, und: “Zurückweisung kann ein Schutz Gottes sein.”

Es sei eine lange harte Straße bis zur Erlösung gewesen, aber jetzt könne man sie aus einer Meile Entfernung scheinen sehen, denn sie habe ihr Lächeln wiederbekommen. Die Kalifornierin hatte mit Depression und Selbstmordgedanken zu kämpfen, was auch an der zeitweiligen Trennung von ihrem (inzwischen) Verlobten, dem gerade Papa gewordenen “Herr der Ringe”-Star Orlando Bloom lag. Keine Frage aber, dass tanzbare Lieder wie “Never Really Over”, “Cry About It Later”, “Harleys in Hawaii” und “Daisies” auch als musikalische Helferlein gegen die Corona-Trübsal taugen.

Alle, die sich dieser Tage um ihren Sommer gebracht sehen, erhalten auf “Smile” Sonne in Sound. Für ihre gerade geborene Tochter Daisy Dove Bloom hat Perry die adrette Erbauungsballade “What Makes A Woman” geschrieben. Alles wird gut, sagt sie ihr und uns schließlich in “Not The End of The World”, was sich der deutlich pessimistischere Conor Oberst hinter die Ohren schreiben sollte. Und wenn Perry darin ganz sanft “Na Na Hey Hey Kiss Him Goodbye” zitiert, den uralten König aller Mitgrölsongs (vom US-One-Hit-Wonder Steam), sehen wir uns alle vor dem inneren Augen in den Konzerthallen und Stadien der kommenden Sommer. Und lächeln dabei. Was sonst?

Katy Perry – “Smile” (Capitol)

“Staat, Sex, Amen”
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