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Pop 2020 – neue Alben von Flaming Lips, Max Prosa, Delta Spirit und anderen

  • Joan Osborne war nie politischer, Joy Denalane singt für das Soullabel Motown.
  • Die Flaming Lips fühlten sich als amerikanische Band, erinnern aber an berühmte Briten.
  • Max Prosa grüßt mit großen Songs aus der Flut, und ein Countrymann namens Tennessee Jet hat auch Nirvana auf dem Zettel.
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Joan Osborne schneidet brisante Themen an

Sagen, was stimmt und was stinkt, Vorurteile als Vorurteile benennen und Lügen als Lügen bezeichnen. Bei Joan Osborne ist das Fass des Erträglichen übergeschwappt, und nun macht sie auf “Trouble and Strife” eins auf, in das sie die Lügenbolde, Pharisäer und falschen Propheten steckt, all die Rassisten und die, die in allem anderen als Heterosexualität heilbare Krankheiten sehen. Joan wer?

Für die, die Musik nur in den Hitparaden wahrnehmen, war Osborne 1995 das One-Hit-Wonder mit “(What if God Was) One of Us”. Für alle, die in die Tiefe gehen, wahrnehmen, verfolgen, ist sie seither eine der profiliertesten Songwriterinnen Amerikas. Die 1962 in Kentucky geborene Künstlerin legt hier rechtzeitig ihr politischstes Album vor, das auch als Wahlempfehlung durchgeht. Sie singt über die Schicksale von Flüchtlingen und illegalen Einwanderern und über #MeToo-Kerle, die das Geschlechterverhältnis als Jagd-Beute-Schema verstehen. Sie singt ferner gegen das Waffenland Amerika und gegen all die Politiker an, die Lügen zu Wahrheiten erklären und umgekehrt, bis der Adressat alles nimmt, wie es kommt.

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Und in dem coolen Rocker “Boy Dontcha Know” erzählt sie davon, dass der Mensch unantastbar zu sein hat, wenn er sich in seinem Geschlecht nicht zu Hause fühlt, dass er weder Gegenstand von Spott noch Repressalien zu sein hat. Ein Album für die Toleranz und wider alle Blödmänner auf Erden. Und das wird nicht etwa in spröder “Ich klampf hier mal einen”-Manier erbracht, sondern im fulminanten Bandkonzept. Abwechslung mit bluesigem Rock ’n’ Roll (“Hands Off”), Country (“Trouble & Strife”), Westcoastrock (“Take It Any Way I Can Get It”, “Never Get Tired”), Funk (“What’s That You Say”, “Meat & Potatoes”), schubberndem, Fifties-orientiertem Popschmalz (“Whole Wide World”) oder dem mit bowieskem “Heroes”-Groove versehenen “Boy Dontcha Know”. Alles Klassesongs, best Osborne ever. Chapeau!

Joan Osborne – “Trouble & Strife” (Womanly Hips/Thirty Tigers) – erscheint am 18. September

Eine Hommage an den Glamrockprinzen Bolan

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Dass Marc Feld alias Marc Bolan durch Rock-’n’-Roll-Schmalzlocke Bill Haley zur Musik kam, merkte man seinen frühen Aufnahmen nicht an. Als Tyrannosaurus Rex lieferte Bolan mit Steve Peregrin Took britischen Sonderfolk mit psychedelischer Note und psychedelischer Schreibweise – Lieder eben wie “She Was Borne to Be My Unicorne”. Später wurde Ihre Verwunschenheit dann der König des Glamrock, wurde der “20th Century Boy” mit blasierter Stimme und blasierter Gitarre, wobei der Sound, der 1970 die ganze Popwelt eincremte, freilich Vorläufer hatte – in “Revolution” der Beatles (1968) etwa oder “Spirit in The Sky” von Norman Greenbaum (1969).

Ein paar Jahre hielt Bolans Königreich, das von seinem Freund und Glam-Rialen David Bowie nicht wirklich erobert werden konnte. Als Journalist feierte Bolan später den Punk, und als sich 1977 sein Comeback anbahnte, starb er tragischerweise bei einem Autounfall – zwei Wochen vor seinem 30. Geburtstag. In seiner letzten Arbeit feierte die im April verstorbene Produzentenlegende Hal Willner jetzt den Komponisten Bolan, und vornehme Namen – vornehmlich der etablierten Indieszene – singen und musizieren auf dem Sampler “Angelheaded Hipster” die Lieder von Tyrannosaurus respektive T. Rex.

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Die Songauswahl hier überrascht. Keiner hier hat sich die “woman of gold” des Überhits “Hot Love” vorgeknöpft, niemand sich an das unglaublich coole “Raw Ramp” gewagt oder an den sahnig-weichen “Woodland Rock”. Und auch von T. Rex’ “20th Century Boy” mit seiner herrlich blasierten Motorradgitarre ist auf der Hommage an den Mann, der eine Musik und Mode aus der Taufe hob, indem er sich Glitzersternchen ins Gesicht klebte, keine Neuinterpretation zu finden. Man vermisst Dinge, die man auf einer derartigen Compilation für sicher glaubte, erfreut sich allerdings an der Exotik weniger bekannter Bolan-Tracks wie “Hippy Gumbo” (Beth Orton), “The Leopards” (Gavin Friday) oder dem per Mellotron psychedelisierten “Dawn Storm” (Borns).

Und natürlich ist es durchaus erbaulich, Peaches’ Kriegstrommeln beim elektronischen “Solid Gold, Easy Action” zu lauschen, der guatemaltekischen Grammy-Gewinnerin Gaby Moreno bei ihrer zauberhaften Neugestaltung des “Beltane Walk” zuzuhören, von Nick Caves melancholischem, mit Holzbläsern und Streichern geschmückten “Cosmic Dancer” (Titelsong des Films “Billy Elliot”) ergriffen zu sein oder zu King Khans “I Love to Boogie” zu tanzen, das klingt wie eine Little-Richard-Nummer in der Swinging-Blue-Jeans-Manier.

Auch die klezmerartige Revuenummer von Marc Almonds “Teenage Dream” erfreut das Ohr, Jane’s-Addiction-Frontmann Perry Farrell beim sinnlichen Rocker “Rock On”, Lucinda Williams beim schläfrigen “Life’s a Gas” und John Cameron Mitchell bei der zerbrechlichen, wehmütigen Jazzpianoballade “Diamond Meadows”. Duette gibt es auch: Sean Lennon liefert mit seiner (auch privaten) Partnerin Charlotte Kemp Muhl eine sixtieslastige Version von “Mambo Sun”, sein Halbbruder Julian geht mit Victoria Williams und “Pilgrim’s Tale” ebenso zurück in Bolans Folkjahre wie Devendra Banhart mit “Scene Scof” und Maria McKee, die Bolans falsch geschriebenem Einhorn Tribut zollt, dann allerdings zu “Ride a White Swan” wechselt, dem Glamrock-Urknaller. Ausfälle gibt es in diesem musikalischen Wunderland auch: Uns Nena stellt auf einer nicht allzu inspirierten Version von “Metal Guru” die berechtigte Frage “Is it true?”. Und auch Joan Jett spult ihren “Jeepster” höflich bemerkt routiniert runter.

Diverse – “Angelheaded Hipster – The Songs of Marc Bolan & T. Rex” (BMG)

Joy Denalane auf dem Königslabel des Soul

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Bei Motown zu sein ist durchaus als Ritterschlag zu verstehen. Das mythische Label aus Detroit hat jetzt auch das neue Album von Joy Denalane veröffentlicht. “Let Yourself Be Loved” ist das fünfte Studiowerk der Berlinerin seit ihrem Debüt “Mamani” von 2002, und die Frau mit der sinnlichsten Soulstimme der Republik singt diesmal durchweg auf Englisch. Hier ist R ’n’ B, wie er klang, als Otis Redding, Curtis Mayfield und Aretha Franklin ihre große Zeit hatten, aus der Zeit des Kampfes um schwarze Gleichberechtigung, auf dem die heutige Black-Lives-Matter”-Bewegung fußt.

Denalanes Lyrik ist allerdings weitgehend privat – Befindlichkeiten, Zärtlichkeiten, Selbstvergewisserungen. In stürmischen Zeiten nur derartige Harmlosigkeiten zu offerieren wurde ihr prompt vorgehalten. Aber auch in den Tagen von Sam Cooke und Diana Ross & the Supremes war die Liebe das vorherrschende Thema des Soul. Die wenigsten Stücke waren damals so explizit tiefgründig wie Marvin Gayes “What’s Going On” oder politisch-pazifistisch wie Edwin Starrs “War”. Und wenn Denalane auftritt und in “Stand” fordert: “You gotta stand / and fight for the things you love”, lässt sich das in den Zeiten von Trump & the Populists selbstverständlich auch als Demokratiestatement singen.

“Ich wurde mit Sternen in den Augen geboren”, erzählt Denalane im bluesig-gospeligen “Put in Work”, und dass ihre Mama ihr geraten habe, die Hände nach dem Himmel auszustrecken. In der Folge des Songs werden Erkenntnisse abgespult, dass man sich an der Sonne verbrennt, dass der, der seinen Träumen hinterherjagt, am Ende womöglich von ihnen gejagt wird, dass Sichten auf Oberflächen trügen und die gute Arbeit nie zu Ende getan ist. Am Ende aller Einsicht liegt der Weg klar vor der Protagonistin. In Denalanes Fall ist das, eine Musik zu feiern, die ohne alle stilistischen Jetzt-ismen viel mehr Power hat als jeder heutige Radio ’n’ B. Glauben Sie nicht? Spaßeshalber mal “I Gotta Know” anhören.

Joy Denalane – “Let Yourself Be Loved” (Motown)

Berliner Songwriterin Elif singt von der Selbstfindung

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Die verlorene Liebe thematisiert Elif auf ihrem dritten Album “Nacht”. Dass man eigentlich abschließen muss, wenn man noch liebt, der andere aber nicht mehr. Dass Freundschaft nicht funktioniert, wenn der Ex längst in einer neuen Beziehung steckt, noch gelegentlich vorbeischaut, aber nach dem Sex “woanders schläft”. Die giftigen Ketten der Sehn-Sucht sind schwer abzustreifen, und man droht, Gefangener seiner Vergangenheit zu werden. Mit rauchigem Timbre zu schleppenden Hip-Hop-Beats singt die Berliner Songwriterin in “Freunde” vom emotionalen Verzetteln und Verstricken, von den schwierigen Versuchen, aus den Gefühlslabyrinthen ans Licht zu kommen. Immer treibt es sie zum nächsten “letzten Mal”.

In “Alaska” geht es dann um Wurzeln und die Projektionen der Familie, die nach den vergeblichen Versuchen des Kindes, die Liebe zu finden, menschliches Versagen zu finden glaubt, sich um den Ruf der Tochter sorgt, gar einen “Fluch” auf der Protagonistin entdeckt, die, selbst um ihr seelisches Gleichgewicht bangend, mutterseelenallein in der Jacke des Ex unterwegs ist. Im wavigen “Kann das bitte so bleiben” wünscht Elif sich das Verweilen im Glück für immer, während im perkussiven “Nur mir” die Erkenntnis gereift ist, das man loswerden muss, was einen kaputt macht: “Weißt du, wenn man Liebe gibt, verlangt man’s nicht zurück.”

In den Videos ist die 27-jährige frühere “Popstars”-Teilnehmerin eine schöne, traurige, auch zornige Lady in Black – frei in der Berliner Nacht (“Freunde”) und doch Gefangene ihrer Gefühle. Oder sie schwingt auf einer Schaukel in einem Käfig (“Nur mir”), während sie im Text zur Selbstvergewisserung durchstößt, zu der Erkenntnis, nur sich zu gehören und nie mehr jemandes Lebensnebenrolle auf Zeit spielen zu wollen. Der Pop von Elif ist vielseitig, meist melancholisch bis hin zur wunderschönen Klavierballade “Aber wo bist du?”. Die Reime sind dabei nicht immer geglückt, da versucht die “Psyche” sich schon mal zu “müde” zu gesellen. Aber diese Berichte aus den Echokammern der Verzweiflung sind echt, klingen nach Wahrheit statt Dichtung. Wer je in einer toxischen Beziehung steckte – hier wird er/sie sich wiederfinden.

Elif – “Nacht” (Sony)

Tennessee Jet – cooler Country mit einem Hauch Nirvana

So geht die Legende: Als TJ McFarland, der sich Tennessee Jet nennt (nach seiner zeitweiligen Wahlheimat und James Deans Rolle des Jett Rink in “Giganten”), mit seinen Eltern in einem alten Ford-Pick-up, Pferde im Anhänger, zu ihren Rodeos fuhr, gab es zwei Dinge, die sich tief in ihn senkten: die amerikanischen Landschaften in sein Auge, die Countrymusik aus dem Radio in sein Ohr. Und das alles kommt seit nunmehr drei Alben als Songs zurück in die Welt. Dass damals vor allem die coolen Rebellen des “Outlaw Country” in Daddys Pick-up liefen und nicht die Nashville-Heulsusen oder der chartsgeschniegelte Pseudocountrypop, freut uns nachgerade ungemein.

Hank Williams, Willie Nelson, Waylon Jennings, Johnny Horton und Johnny Cash sind hörbar Jets Helden, die Leute, denen das Nashville-Reglement wurstegal war. Auf seinem dritten Album, “The Country”, macht er, was er will. Hier kommen Steelgitarre, Fuzzgitarre, Mundharmonika zum Tragen, und Lady Gagas Trompeter Brian Newman lässt “Pancho & Lefty” herausragen, ein Townes-Van-Zandt-Cover. Superb auch der plinkernde Bluegrass, den Jet aus “She Talks to Angels”, einem Original der Black Crowes, fertigt. Von der spartanischen Akustikgitarrennummer “Off the War”, die nach Dylan und Billy Joels “Piano Man” duftet, bis zum fulminanten Tom-Petty-artigen “Hands on You” ist die Soundpalette des Albums noch im (Country-)Rahmen.

“Johnny” aber zeigt, dass Tennessee Jet kein Mann für Grenzen ist. Da scheppert Rock ’n’ Roll aus den Boxen, dessen Molltöne zu Jets angezerrter Stimme nach dem Zorn der Grungebands klingen. Der Song ist eine Hommage an den 1960 tödlich verunglückten Rockabilly- und Folk-Country-Sänger Johnny Horton, der der Welt Evergreens wie “The Battle of New Orleans”, “North to Alaska” und “Sink the Bismarck” hinterlassen hat. Mit der gut aufgelegten Band von Dwight Yoakam und Willie Nelsons Harmonikaspieler Mickey Raphael wird ungenormtem, rustikalem Country gefrönt. Und der “Stray Dog” des Eingangssongs, das ist Jet natürlich selbst, der mit seinem eigenen Americana-Ding alle Chancen hat, zum Klassiker zu werden.

Tennesseee Jet – “The Country” (Thirty Tigers/Menbran)

Delta Spirit – fulminante Rückkehr nach sechs Jahren

Die Pause war nötig, nur so habe sich die Freundschaft der Musiker erhalten können, heißt es. Sechs Jahre später und mitten in der jeder Kunst und allen Künstlern abholden Pandemie kommt die 2005 gegründete Indierockband Delta Spirit mit dem Album “What Is There” rüber. Und “was da ist”, ist tiefe Liebe zur Musik. Zwei Jahre haben die Mannen um Frontmann Matthew Logan Vasquez an der Platte gearbeitet, einer Hommage an ihren 2018 verstorbenen Freund und ihr musikalisches Vorbild Richard Swift.

Der Wahltexaner Vasquez erzählte dem “Billboard Magazine” jüngst von den positiven Entwicklungen, die alle fünf Individualisten der Band aus San Diego zwischenzeitlich genommen hätten. Und nun klingt diese traute Zehnsongsammlung, als wäre seit dem Erscheinen des Vorgängers “Into the Wide” keine halbe Stunde vergangen. In dem John-Lennon-artigen “How Bout It” singt Vasquez über Spielsucht und Ausgeschlossensein, das zugehörige Video zeigt 30 menschliche Einsamkeiten, aufgenommen in den Zeiten des Corona-Lockdowns in ganz Nordamerika. Die Kalifornier verstehen sich bestens auf ohrgängige, aus Beatles-Liebe, Westcoast-Wurzeln und Americana gespeiste Melodien, auf die funkelnde Schönheit ihres Gitarrensounds und die unübertreffliche Melancholie von Klavier und Streichern (“Just the Same”).

Im Titelsong dann, der klingt wie aus der Feder von Wilco-Mastermind Jeff Tweedy, vertraut der Sänger nur auf die Intimität und Intensität seiner heiseren Stimme und einer Akustikgitarre. Vasquez’ Zustandsbeschreibung “Ich lag in der Asche, als wär’s ein Federbett, mein Geist ist gebrochen – aber ich bin nicht tot” in der opulenten Ballade “Lover’s Heart” klingt dabei eher nach einem Phönix, der sich vor dem neuerlichen Aufstieg das Gefieder schüttelt. Ende März soll es so weit sein, dann soll die zweifach verschobene Delta-Spirit-Tour im Teragram Ballroom von Los Angeles starten – allerdings nur, so Vasquez, wenn es für alle sicher ist.

Delta Spirit – “What Is There” (Pias/New West Records)

Das ohrgängigste Album der Flaming Lips

Die 1983 gegründeten Flaming Lips aus Oklahoma waren seit Popfangedenken Rockabenteurer, Ausloter des Musikmöglichen, exzentrische Soundtüftler. Man erinnert sich mit freudigem Schrecken an ihr polyfones Projekt “Zaireeka” – Musik auf vier CDs, die zeitgleich abgespielt werden mussten. An hübschen, kleinen Hitparadensongs fällt einem – beim ersten Nachdenken – kaum etwas ein, allenfalls “Bad Days” von 1996, ein ungeschliffenes folkiges Juwel, das es irgendwie auf den “Batman Forever”-Soundtrack geschafft hatte. Niemals, so sagt Frontmann Wayne Coyne, hätten sich die Flaming Lips bei ihrer Kunst als amerikanische Band empfunden.

Jetzt aber sei das mit den Aufnahmen zum neuen Album “American Head”, mit dem man nach dem Tod von Tom Petty begann, doch geschehen – und man habe beim Sich-amerikanisch-Vorkommen an Erneuerer früherer Tage gedacht wie die Grateful Dead und Parliament. Doch als Erstes fällt dem umgehend geneigten Hörer ein ganz unamerikanisches Vorbild ein. Zehn Jahre nach ihrem Komplett-Coveralbum von Pink Floyds “Dark Side of the Moon” bringen die Flaming Lips nun mit “American Head” ihr pinkfloydeskestes Werk heraus, ein traumschlieriges, harmonieseliges Spacefolk-Wunderwerk voller berückender Songs, in denen gelegentlich Melodiefetzen der verehrten Briten herüberwehen – so erinnert “Flowers of Neptune” frappierend an deren “Us and Them”.

Drogen, einst im Ruf der Bewusstseinserweiterungshelferlein, stehen im Zentrum der Lips-Lyrics. Aber die Wundermittel haben ihren Zauber eingebüßt. In “At the Movies on Quaaludes” führen sie dazu, dass man sogar vergisst, am Leben zu sein. Und in “Mother I’ve Taken LSD” stürzt der Drogi nicht in eine schreiend bunte Bilderwelt, sondern erkennt die tiefe Traurigkeit, die in der Welt steckt. Und auch das Heldenpaar in “The Magic Trees” hat sein Königreich längst verloren – der amerikanische Albtraum von Danny und Grace ist, dass sie im Schlachthaus arbeitet und er Drogen verticken muss.

Hinter jedem Song steckt eine Geschichte, und doch kann jeder Fan sich von den epischen Songs eine eigene Story erzählen lassen. Dinosaurier wünscht sich Coyne in die Berge wie ein Kind – aber bitte nicht so nah an der Straße sollen die Urzeitriesen leben. Und eben noch wird Gott selbst in den amerikanischen Polizisten vermutet, da streift Coyne zum Pianofinale die Religion als unwahr ab. “Meine Religion bist du”, singt er. Das war ein Lied für seine Mutter, aber jeder Fan darf sich angesprochen fühlen. Und: geht selbstverständlich zurück an euch, Pink … äh … Flaming Lips!

The Flaming Lips – “American Head” (Bella Union/Pias)

Max Prosa grüßt aus der Flut

“Und wenn ich könnt’, flög’ ich davon auf meinen Flügeln aus Beton”, sang Max Prosa in seinen Anfängen. Und inzwischen ist auch dieser Schwerflügler der deutschen Popmusik flügge, auf Wolkenhöhe, hat manchersongs auf seinem neuen Album “Grüße aus der Flut” sogar eine gewisse Leichtigkeit. Aber nirgends ist ist in diesen vor und während Corona entstandenen Liedern etwas Allgemeines, Vages, So-lala-iges, Unempfundenes, wie es all dem derzeitigen deutschsprachigen Instantgefühlsblabla zu eigen ist, das uns die Sache mit dem Radio zuletzt so endgültig verleidet hat.

In der nuschelig-nöligen, schlitternden, glimmenden, rauen, wohlig müden, die Umlaute breit auskostenden Stimme ist nach wie vor eine arge Dringlichkeit auszumachen, wenn der Charlottenburger davon kündet, dass die Endzeit manchmal nur einen “Donnerschlag” vom Idyll entfernt ist, oder wenn er im Titelsong in der Patsche sitzt und erkennt, dass er sich die meisten der Steine, die ihm den Weg schwer machen, selbst hineingelegt hat. Auf das bislang eindrucksvollste Prosa-Album “Mit anderen Augen” folgt nur ein Jahr später ein weiteres, zutiefst ernsthaftes Werk des 1989 geborenen Songwriters – ein Liederbuch voller gitarrenschrammeliger, pianogründelnder Liederzählungen.

Schon der Albumtitel bringt zum Ausdruck, dass uns Zeitgenossen derzeit mehr Übles bis zum Halse steht, als wir aufzählen können, dass der Humanität und der Fantasie (gemeint ist nicht die dumme der den Populisten hinterhertanzenden Aluhüte) mehr denn je zum Sieg verholfen werden muss. Der Lyrik von Prosa auch: Wenn er mit Francesco Wilking (Tele, Die Höchste Eisenbahn) im dylanesken “Lilly sagt” das eigenwillige Lob einer intellektuellen Überfrau singt, die mit einem Uralthandy zurechtkommt, statt stets das neueste iPhone zu feiern, und eine Inselfarm mit Esel sucht, weil sie mit den eseligen Menschen nicht mehr d’accord gehen kann (“Sie mochte nie eins meiner Lieder. / Ich glaub, sie mag auch dieses nicht”), wird einem klar, dass es in deutschsprachigen Landen wenige Texte von dieser gefühligen Güte gibt: Element of Crime vielleicht, Faber, wobei die meisten Prosa nach wie vor mit Rio Reiser und dessen Ton, Steine, Scherben vergleichen.

Der geschraddelte, schnurzpiepegalige Indiegitarrenrock ist folkig in “Königin der Rätsel”, in “Buntes Papier” walzert karg ein Piano. Hier kommt großer Pop im Wochentagskleidchen, hier kommen Nummer-eins-Balladen für ein besseres Universum, in dem alle billigen Popbumsköppe auf den hinteren Plätzen ihre dünnen Bretter bohren müssen. Sogar im Kitsch von “Von Engel zu Engel” und “Am Ende dieser Nacht” ist der Berliner besser als der Rest. “Es hätt’ ja klappen können …”, hat uns Max Prosa in seinen Anfängen mal gesungen. Aber es hat längst geklappt – mit ihm und all denen, die gern Gutem lauschen. Und jetzt? Prosa fürs Radio! Was sonst?

Max Prosa – “Grüße aus der Flut” (Prosa Records/Tonpool)




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