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Pop 2020: Neue Alben von Disarstar, Marianne Rosenberg und Co.

  • Der Kalifornier Lauv führt in ein süßes La-La-Land, der Deutschrapper Disarstar verbindet “Klassenkampf & Kitsch”.
  • Schlagerlegende Marianne Rosenberg wandelt “im Namen der Liebe” auf der Grenzlinie zwischen Schlager und Pop.
  • Und die Americana-Sängerin Maria McKee verblüfft auf ihrem ersten Album seit 15 Jahren mit ungewohnten Klängen.
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Die Hauptübel der Zeit sind lange schon ausgemacht: “Drugs & The Internet”. Für beides hat der Sänger Lauv im gleichnamigen Song seine Freunde verkauft, und jetzt ist das süße, tatsächliche Leben vorbei und Liebesbekundungen, besser “likes”, gibt es nur noch auf virtuellem Wege. “Ah, Mist – bin ich damit echt ein Gewinner?”, fragt sich der gebürtige Kalifornier. Antwort: Damit vielleicht nicht, aber sonst schon. Mit Piano, Beats und reichlich “Oh-ohs” gelingt Lauv der witzige, zugleich nachdenkliche Einstieg in sein Debütalbum “How I’m Feeling”, das sich auch in der Folge anfühlt wie das “La-la-Land” der Ohrwürmer – ob er nun “Lonely Eyes” besingt, “Sweatpants” oder die wechselhafte Geschichte von “Billy” erzählt, der ein Seemann oder Astronaut werden wollte, in einem Trailer aufwuchs und es entgegen allen Voraussagen aus der Armut schaffte, nur um neuerlich in tiefe Selbstzweifel zu stürzen.

Der 25-Jährige Ari Staprans Leff (Lauvs bürgerlicher Name), der schon für so unterschiedliche Acts wie Charlie XCX und Céline Dion Songs schrieb, verzückt auf voller Albumlänge durch süffige Melodien in süßem, radiofreundlichem Midtempo, erinnert in Stimme und Sound am ehesten an Shawn Mendes, den Kanadier, der sich auch schon weidlich mit den Tücken der Seele auseinandergesetzt hat (und dann noch an Ed Sheeran, mit dem er auch schon getourt ist). Lauvs Auseinandersetzungen mit der Depression passen dabei in unser Zeitalter der Depression – er ist der Anwalt einer Jugend in unüberschaubaren Zeiten, in denen alles Gute bröckelt und Angst sich breit macht. Songs wie das zärtlich gesungene “For Now” mit seiner perlenden Gitarre oder das tickende Falsettarium “Sad Forever” sind dabei überaus hypnotisch, 3,5 Milliarden Streams weltweit geben davon Zeugnis. Ein Star ist geboren. Live wird er im Herbst – in dann hoffentlich Post-Coronazeiten – Deutschland bereisen, spielt unter anderem am 31. Oktober in Hannover, am 2. November in Frankfurt.

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Lauv: „How I’m Feeling“ (Awal)

Marianne Rosenberg: “Im Namen der Liebe”

Sie gehört zu uns wie unser Name an der Haustür. Marianne Rosenberg macht Musik seit Menschengedenken und schon zu Beginn ihrer Karriere war ihr Schlager ein Stück poppiger, pompöser, souliger, groovender als der Rest von der Fiesta, die samstags bei Dieter Thomas Heck in der “ZDF Hitparade” losgetreten wurde, damals, als die Welt jung war. Man konnte “Marleen” und Co. schon in den 70er-Jahren eben auch auf solchen Partys auflegen, auf denen die Rex Gildos und Chris Robertse strikt verboten waren.

Die soeben 65 Jahre alt gewordene Sängerin hat mit “Im Namen der Liebe” ein weiteres Album auf der diffusen Grenzlinie zwischen Pop und Pupidu aufgenommen. Inhaltlich versucht die mit immer noch junger Stimme singende Rosenberg dabei vornehmlich dem Albumtitel gerecht zu werden, singt in “Ich fühl dich” von der “Nacht, die viel stärker war als wir” (sic!) und in “Wenn wir Liebe machen” eben vom Liebemachen. Soundmäßig wird zwischen klassischem Eurodance und eindrucksvolleren Klangkorsagen gewechselt. Die Rhythmik von “Wann (Mr. 100 Prozent)” erinnert dabei bewusst an Rosenbergs Klassiker. Höhepunkte sind das Zarah-Leander-pathetische “Du berührst mich” oder das mit luftigem Latinrhythmus unterlegte “Spiel das Lied noch mal”. Gegen Hass singt sie im Titelsong, gegen die Beschleunigung des Lebens in “Die Antwort weiß nur der Wind”.

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Marianne Rosenberg: „Im Namen der Liebe“ (Telamo/Warner)

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Disarstar: “Klassenkampf & Kitsch”

Gerrit Falius alias Disarstar ist einer, dem die Zukunft gehört, sowohl die Charts als auch die großen Hallen (wenn die dann wieder bespielbar sind). Sein Hip-Hop hat viele Farben und Facetten, er umarmt nicht nur seine Stammhörerschaft, er zieht auch Metalheads und Kuschelrocker an. So ist Platz auf seinem vierten Album für knurrige E-Gitarren und geshouteten Rock’n’Roll-Refrain (“ADHS”), und eine Ecke ist einer richtigen Rapballade über den Freund “Tommy” reserviert, der sein Leben lang den Tod gesucht und ihn schließlich gefunden hat.

“Klassenkampf & Kitsch" heißt das neue Werk des 26-jährigen Hamburgers, und es liefert Melancholie und Sturmflut. Und Disarstar wird natürlich auch gesellschaftskritisch, holt uns Augenverschließern die Erinnerung an die Ertrunkenen im Mittelmeer zurück und rappt denen ins Gewissen, die selbst die Elendsten nach kapitalistischen Gesichtspunkten messen. “Die Würde des Menschen ist unantastbar, / solange der volkswirtschaftliche Nutzen passt.” Nicht immer ist Disarstar mit allen Reifen in der demokratischen Spur, wenn er die Faschos in Lager stecken will (und das gleich wieder mit einem „nur ‘n Witz“ entkräftet). In “Situationen” rappt er “Ich steck alle paar Wochen mein Leben in Brand” und “Wie ich mich kenn, wird’s am Ende wieder eng”. Aber “im Kreis”, wie er behauptet, dreht sich Disarstar gewiss nicht. Ihm zuzuhören ist wesentlich erfrischender als all den vermeintlichen Germangangstas und denen, die sich im steten Genitalienvergleich erschöpfen.

Disarstar: „Klassenkampf & Kitsch“ (Warner)

Maria McKee: “La Vita Nuovo”

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Maria McKee gehörte unser Herz vom ersten Ton ihres ersten Lone-Justice-Albums an, und sie hat es auch im Verlauf ihrer eher sporadisch mit Alben geschmückten Solokarriere (das letzte war vor 15 Jahren “Peddlin‘ Dreams”) nie verloren. Den (älteren) Massen ist die inzwischen 55-Jährige freilich allenfalls noch mit ihrem einzigen Superhit “Show Me Heaven” (vom Tom-Cruise-Soundtrack “Tage des Donners”) im Gedächtnis. In den vergangenen Jahren war sie völlig verschwunden, mehr mit Schauspiel beschäftigt; davon zeugt nicht zuletzt der Dante-Alighieri-Titel ihres neues Albums “La Vita Nuovo”, und davon zeugt auch der Inhalt des “neuen Lebens”: Elektrische Gitarren, Bläser und Streicher illustrieren die wohlfeilen Songs, die allerhand Assoziationen wecken (von Bowie-Coolness bis Disney-Zucker), die persönlich sind, emotional, intim und anrührend, wenn sie etwa in “I Should Have Looked Away” den “Honig deiner Haut, die Herzform deines Mundes” beschwört.

Die wunderbare Americana-Chanteuse McKee weitet ihr Spektrum enorm aus. “Ich dachte, ich hätte alles gesehen”, flüstert sie in “Courage”. Und wir dachten, wir hätten alles von ihr gehört. Nun aber kommt dieses überkandidelte, betörende Stück Pompfolk, kommen diese vielen Stimmen und Stimmungen aus einem einzigen, wunderbaren Mund. Und wir müssen uns eines (sehr viel) Besseren belehren lassen.

Maria McKee: „La Vita Nuovo“ (Rough Trade)

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