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Plötzlich “Yesterday”: Das Ende der Beatles ist 50 Jahre her

  • Vor 50 Jahren ging die Welt von Millionen Popfans unter.
  • Die Beatles, die Überband der Sechzigerjahre, trennten sich, um nie wieder zusammenzufinden.
  • Bis heute sind die Fab Four der Maßstab für Pop, und Beatles-Remixer Giles Martin glaubt, dass das auch in 50 Jahren noch so sein wird.
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“Ob-la-di-ob-la-da, life goes on”, heißt es, zweisprachig aufmunternd, im nigerianisch-englischen Refrain eines der fröhlichsten Beatles-Songs überhaupt. Aber am 10. April 1970 ging nichts weiter, stand das Leben still, zumindest für die Millionen Fans der Liverpooler Popband. Als die unfassliche Nachricht vom Ende der Gruppe die Runde gemacht hatte, versammelten sich an jenem kühlen Frühlingsfreitag, einem normalen Arbeitstag in der wie immer geschäftigen Hauptstadt London, traurige Menschen in der Savile Row. Beklommen standen sie in Grüppchen vor dem Apple-Building, der Beatles-Geschäftszentrale, zusammen, die Arme am Leib, so als frören sie.

Die Beatlemaniacs hofften inständig, dass die vier gleich rauskämen, Arm in Arm, und “War nur ein Witz!” riefen. Stattdessen kamen Reporter, die fragten, wie es so wäre, plötzlich in einer Welt ohne Beatles zu leben. “Ich weine jetzt gleich”, sagte eine junge Frau, lachte dann aber nervös. Natürlich könnten die übrigen drei auch ohne Paul McCartney weitermachen, meinte sie dann, warum denn nicht? Überzeugend aber klang das nicht. Allen vor Ort und überall sonst war klar, dass die ikonische John-Paul-George-und-Ringo-Einheit keine Personalveränderungen überstehen konnte.

Hits und Klassiker zuhauf

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Denn der Einschlag der Beatles in die Welt der Sechzigerjahre war tief gewesen. Keiner hatte “Twist and Shout” so leidenschaftlich gebrüllt, keiner Chuck Berrys “Rock’n’Roll Music” so rasant gerockt. Das Quartett aus Liverpool hatte ab 1963 Europa, ab 1964 den Rest der Welt musikalisch an die Hand genommen. Die vier aus Liverpool starteten in ihren kragenlosen Anzügen, mit gen Gesicht gekämmten Haaren Rock’n’Roll 2.0, sie waren Lebensbegleiter und Freunde für eine ganze Generation und bewegten Heerscharen von Halbwüchsigen, selbst zu den Instrumenten zu greifen. Die Beatles packten bald schon außer Gitarre, Bass und Schlagzeug auch Streicher, Bläser, Harfe und utopisch klingende Keyboards in ihre Songs, sie probierten, experimentierten, das Königreich Pop schien grenzenlos unter ihrer Regentschaft.

Und sie schrieben Hits und Klassiker zuhauf – von “She Loves You” über “Strawberry Fields Forever” bis “Hey Jude”, von “Help” über “Yellow Submarine” bis “Here Comes The Sun”. John Lennon (scharfsinniger Beatle), Paul McCartney (hübscher Beatle), George Harrison (stiller Beatle) und Ringo Starr (lustiger Beatle) waren die charismatischen Protagonisten einer Zeit, in der Popmusik bunt explodierte, identifikationsstiftend war, in der sie noch Abgrenzung zu den Alten und zum Establishment versprach.

Acht Jahre vor der Teilnahme des britischen Königreichs an der EU war der Globus durch die Beatles (und die ihnen folgenden Bands der British Invasion) noch einmal rundum britisch geworden. Die Beatles waren in den “Swinging Sixties” so dominant gewesen, dass ihr Ende einfach wie ein Tod wahrgenommen werden musste. Die Welt trauerte. Mit einem Schlag war alle Popzukunft “Yesterday”.

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Legendäres Foto an den Abbey-Road-Studios

Freilich: Rückwärtig betrachtet schienen die Beatles schon länger ihrer selbst überdrüssig geworden zu sein. Im Sommer 1966 hörten sie mit den Konzerten auf, und kurz danach auch mit der Selbststilisierung. So ist auf dem Cover ihres Opus magnum “Sergeant Pepper’s Lonely Hearts Club Band” (1967) das Grab der Beatles zu sehen, eine nicht ganz ernst gemeinte Flucht der vier vor sich selbst, um im Inkognito einer anderen Band neu zu beginnen. Auf “Magical Mystery Tour” (1967) waren sie als Tiere verkleidet, das “White Album” (1968) war schlicht weiß, auf “Yellow Submarine” (1969) erschienen die Beatles als Zeichentrickfiguren.

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In Person zu sehen waren sie erst wieder auf “Abbey Road” (1969), ihrem als Letztes aufgenommenen Album. Da stehen sie indes nicht mehr frontal zum Publikum wie Posterboys, sondern kreuzen – vom Betrachter halb abgewandt – den Zebrastreifen vor den Londoner Abbey-Road-Studios, und wirken, als würden sie sich auf der anderen Straßenseite in alle Richtungen zerstreuen.

Auf “Good Night”, dem letzten Song des “Weißen Albums” singt Ringo Starr davon, dass es “Zeit ist, das Licht auszumachen”. Und der letzte Song von “Abbey Road” heißt wie die letzten Worte zahlloser Romane: “The End”. Darin sandten die Beatles noch einmal in anderen Worten ihre menschheitsumarmende Botschaft aus: “All You Need is Love”. Perfekter Schlusspunkt. Das sozusagen postum am 8. Mai 1970 erschienene Album “Let It Be” war dann schwarz wie ein Grabstein, der Titel der Platte mutete wie ein Epitaph an: Ruhet in Frieden!

Und den Todesstoß versetzte Paul McCartney. Am 10. April 1970 hatte er 100 Presseexemplaren seines für die folgende Woche zur Veröffentlichung vorgesehenen ersten Soloalbums eine Notiz beigelegt. Er hatte sich darin selbst interviewt, und sich auch die Frage “Können Sie sich eine Zeit vorstellen, in der Lennon und McCartney wieder eine aktive Songwriterpartnerschaft eingehen?” einsilbig mit Nein beantwortet. Es war kein eindeutiges “Die Beatles sind Geschichte”-Statement, aber indem Zeitungen daraus sofort eine Sensationssplit machten (der “Daily Mirror” – Absprachen brechend – schon am 9. April), wurden die zu jenem Zeitpunkt eh schwierigen Beziehungen zwischen Paul und den anderen unkittbar.

Yoko-Ono-Mythos hielt sich hartnäckig

McCartney hatte über mehrere Jahre die Vorherrschaft über die Band an sich gezogen, man hatte sich über die Wahl eines neuen Managers zerstritten, sich durch zähe Sessions gerauft. Und als dann im Frühjahr 1970 Pauls Debüt in den Herbst verschoben werden sollte, um den Erfolg von Ringos Erstlingswerk “Sentimental Journey” (27. März) und des schon im Januar 1969 eingespielten “Let It Be” (8. Mai) nicht zu gefährden, zog er wütend den Schlussstrich. Am 14. Mai fauchte John Lennon im Musikmagazin “Rolling Stone”: “Es geht nicht nach seinem Willen, da verursacht er Chaos. Ich habe im letzten Jahr vier Alben (ohne die Beatles) herausgebracht und kein beschissenes Wort darüber gesagt, hinzuschmeißen.” Nun, zumindest hatte Lennon darüber kein Wort in Mikrofone gesprochen oder zu Papier gebracht.

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Aber intern hatte auch er, hatten alle Beatles bis auf Paul schon einmal die Band verlassen gehabt: Schlagzeuger Ringo als Erster im Spätsommer 1968 während der Aufnahmen zum “White Album”, weil er sich isoliert und künstlerisch übergangen fühlte (er kehrte zurück), Gitarrist Harrison im Januar 1969, weil er frustriert war über den heroinsüchtigen Lennon und den kommandosüchtigen McCartney (er kehrte ebenfalls zurück) und Lennon dann im Herbst 1969, weil seine frisch formierte Plastic Ono Band im Konzert in Toronto euphorisch gefeiert worden war (er blieb bei seiner Entscheidung, versprach aber zunächst Geheimhaltung). “How do you sleep” – “wie kannst du schlafen”, sang Lennon 1971 seine Rache an Paul, der schließlich ihm, dem Gründer der Beatles, vorgeprescht war.

Jedenfalls trugen nicht die sofort unter Verdacht stehenden Beatles-Ehefrauen die Verantwortung für den Split. “Linda” wurde schon am 10. April in der Savile Row als Schuldige ausgemacht. Sie habe dominiert, Paul gekuscht, das gab ein weiblicher Fan gegenüber einem Reporter zu wissen vor. Hartnäckiger hielt sich der Yoko-Ono-Mythos, den Paul am 16. April im “Evening Standard” in die Welt setzte: Johns Frau war schuld, die an John wie eine Klette klebte, nicht einmal im heiligen Studio von der Seite der Beatles gewichen war und so Freundschaft wie Liedkunst verunmöglichte.

Beatles als Überband aller Zeiten

“Die Beatles haben die Beatles verlassen”, gestand Paul allerdings im selben Interview und das war wohl die Wahrheit. In einem Gespräch mit dem kanadischen Sender CBC führte er 1984 aus: “Wir fühlten, dass wir alles durchlaufen hatten. Den vollen Kreis. Dass alles, was wir noch tun könnten, bedeutet hätte, es ein zweites Mal zu tun.”

Und nur so – ohne zweiten Durchgang, ohne die Anmutung musikalischer Beliebigkeit – konnte der Stern der Beatles als Überband aller Zeiten aufgehen. Stets waren die aufgelösten Beatles fortan stärker als die Summe ihrer Teile. Während John, Paul, George und Ringo auch als Solisten populär blieben und immer wieder Hits hatten, standen Compilations der Band – wie das Rote und Blaue Album (1973) oder das Konzertalbum “Live at the Hollywood Bowl” (1977) – meist höher in den Charts.

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Immer wieder gab es auch Gerüchte um Wiedervereinigungen, Veranstalter und Plattenproduzenten boten zig Millionen. 1974 versuchten es John und Paul mit einer gemeinsamen Session, die als Bootleg unter dem Titel “A Toot and a Snore” zeigt, dass die Zeit (noch) nicht reif war für ein Comeback. Lennons Ermordung im Dezember 1980 beendete alle Spekulationen. “Nicht, solange John tot ist”, erwiderte der 1999 verstorbene George Harrison auf Fragen nach einem Neustart.

Mitte der Siebzigerjahre begann dann der Boom: Die mysteriöse kanadische Band Klaatu, benannt nach dem Kinoalien aus dem Film “Der Tag, an dem die Erde stillstand” (1950), als das auch Ringo 1974 auf der Hülle seines Albums “Goodnight Vienna” posiert hatte, feierte 1976 weltweit Erfolge – weil man sie für die heimlich wiedervereinigten Beatles hielt. Im selben Jahr gründete sich in Frankfurt die Beatles Revival Band, eine deutsche Tributeband für die Legion der Zuspätgeborenen.

Covers von Metallica bis Lady Gaga

Und fast jede Gitarrengruppe, bis hin zu den Toten Hosen, Nirvana und Metallica, bekundete irgendwann ihre Liebe zu den Fab Four. Der Britpop von Oasis, Blur und Kula Shaker hatte einen massiv beatlesken Genpool. Heute? Ed Sheeran führt “In My Life” im Repertoire, Lady Gaga windet sich lasziv zu “Come Together” am Piano und Billie Eilish performte jüngst bei den Oscars 2020 ihre todtraurige Version von “Yesterday” zur Totenehrung der Filmschaffenden.

“Yesterday” hieß auch der Film von “Trainspotting”-Regisseur Danny Boyle, in dem er 2019 das Märchen von einem erfolglosen Liedermacher erzählte, der nach einem weltweiten Stromausfall als Einziger auf Erden noch die Lieder der Beatles kennt und zum Star wird. Als Jack seinen Freunden “Yesterday” vorspielt, sind die von der neuen Qualität seiner Songs beeindruckt: “Es ist zwar nicht ‘Fix You’ (von Coldplay), aber …”

Giles Martin, Sohn des Beatles-Produzenten George Martin, der in den vergangenen Jahren die Alben “Sgt. Pepper”, “White Album” und “Abbey Road” zu den 50-Jahre-Beatles Jubiläen remixte, liebt den Film, weil er den Beatles-Mythos zur nächsten Generation weiterträgt. Im Interview mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland sagte er anlässlich der Jubiläumsausgabe von “Abbey Road”: “Für viele junge Leute ist es ja eine Welt ohne Beatles-Songs – sie kennen sie nicht, hören andere Musik. Das sollten sie ändern, denn Beatles-Lieder sind voll von Liebe. Lassen Sie es mich so sagen: Deine Welt ist ein viel besserer Ort, wenn Beatles-Lieder darin vorkommen.”

“Die Beatles werden lange in Erinnerung bleiben – wie Mozart”

Und Martin ist überzeugt, dass es auch 100-Jahre-Feiern geben wird. “Ich glaube, die Beatles haben den Punkt erreicht, dass ihre Musik länger in der Welt sein wird als Sie oder ich”, sagt Martin. “Die Beatles werden lange in Erinnerung bleiben – wie Mozart.”

An jenem traurigen 10. April 1970 gab Derek Taylor, Pressesprecher der Beatles, noch eine Pressemitteilung heraus, um die Trauer und Fassungslosigkeit der Fans zu lindern. “Der Frühling ist da und Leeds spielt morgen gegen Chelsea”, hieß es darin, “und Ringo und John und George und Paul leben, sind wohlauf und voller Hoffnung. Die Welt dreht sich immer noch weiter und wir und ihr drehen uns mit ihr. Sollte sie aufhören, sich zu drehen, wäre das die Zeit, beunruhigt zu sein – nicht vorher. Bis dahin leben die Beatles, es geht ihnen gut und der Beat geht weiter. Der Beat geht weiter.”

Der Frühling kam zwar erst eine Woche später richtig nach London, und als Band zusammengefunden haben die vier nie mehr. Aber das Leben ging tatsächlich weiter. Bis heute. Wie es der Song versprochen hatte: “Ob-la-di, ob-la-da!”

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