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Hommage an Rainer Werner Fassbinder

Empfindsames Monster: das Kinodrama „Peter von Kant“

Emotionale Abhängigkeit: Denis Menochet (v. l.) als Peter, Khalil Gharbia als Amir und Stefan Crepon als Karl in einer Szene des Films „Peter von Kant“.

Emotionale Abhängigkeit: Denis Menochet (v. l.) als Peter, Khalil Gharbia als Amir und Stefan Crepon als Karl in einer Szene des Films „Peter von Kant“.

Mit „Tropfen auf heiße Steine“ nach dem gleichnamigen Theaterstück von Rainer Werner Fassbinder zeigte François Ozon schon vor mehr als 20 Jahren seine Faszination für die deutsche Regieikone. Jetzt legt er ohne Scheu nach. Mit Mut und Finesse, Einfühlungsvermögen und Verfremdung nähert er sich in einer freien Adaption dessen Meisterwerk „Die bitteren Tränen der Petra von Kant“ von 1972. Ozon verliert sich nicht in ein simples Remake, sondern liefert eine schillernde Hommage an sein Vorbild und zugleich eine brutale Betrachtung über emotionale Abhängigkeit.

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Da taumelt ein Bär von Mann durch sein Kölner Atelier im kitschigen Siebzigerjahrestil, säuft und jammert, piesackt seinen schweigenden Sekretär Karl (Stefan Crépon). Zwischendurch versinkt er in Selbstmitleid oder fläzt sich wie ein Walross im Halbkoma auf einem Riesenbett herum.

Der erfolgreiche Regisseur Peter von Kant durchlebt eine depressive Phase, macht Gott und die Welt für seinen Zustand verantwortlich, telefoniert zwischendurch mit der Bavaria über ein neues Projekt. Die unglückliche Trennung von seinem Partner, der ihn „wie ein Stier eine Kuh“ nahm, kann er nicht verwinden.

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Da präsentiert ihm seine beste Freundin, die Kokaindiva Sidonie (Isabelle Adjani, die an Ingrid Carven erinnert), den hübschen Araber Amir (Khalil Ben Gharbia) aus einfachen Verhältnissen, der von einer Schauspielkarriere träumt. Hals über Kopf verliebt sich der Alte in das knackige Kerlchen, lässt ihn bei sich wohnen, überschüttet ihn mit Geschenken und verspricht ihm eine große Karriere. Als „Gegenleistung“ erwartet er Liebe und Sex.

Neun Monate später: Amir hat es geschafft, die Magazine bringen große Geschichten über ihn. Damit dreht sich das Machtgefüge, der Dominierende wird plötzlich dominiert. Der neue Star braucht den Mentor nicht mehr, betrügt ihn, trifft sich ungeniert mit seiner aus Aus­tralien nachgereisten Ehefrau und demütigt seinen Gönner. Das ist nun ein in Einsamkeit und Enttäuschung gefangener Mann, der sich in Suff und Drogen flüchtet, während Adjani alias Sidonie wie einst Jeanne Moreau in „Querelle“ haucht: „Each man kills the things he loves“.

„Fragiler Oger“

In der fatalen Beziehungsstruktur ändert Ozon das Geschlecht der drei Hauptfiguren. Aus der exaltierten Modedesignerin, die mit einem Model und ihrer Sekretärin (Margit Carstensen, Hanna Schygulla, Irm Hermann) ein Verhältnis hat, wird der schwule Filmregisseur Peter von Kant, kongenial gespielt von Denis Ménochet. Für Ozon ist er ein „fragiler Oger“, zäh und zärtlich, wütend und weinerlich – ein offenkundiges Abbild des wie ein Wahnsinniger drehenden Fassbinder. Der hatte einst heiße Affären mit Günther Kaufmann und dem Araber El Hedi Ben Salam, den er in einer Pariser Schwulensauna kennengelernt und für „Angst essen Seele auf“ engagiert hatte.

Ozon spielt lustvoll mit Zitaten. Neben vielen anderen Bezügen schließt sich der Kreis mit Hanna Schygulla, die hier als Peter von Kants Mutter auftritt und ihn auch schon mal in den Schlaf singt. Leidenschaftlich erforscht Ozon den von ihm verehrten Fassbinder wie durch einen Spiegel (nicht zufällig sind Spiegel überall im Loft), würdigt das Genie trotz aller persönlichen Defizite als Mensch und Filmemacher.

Melodramatisches Kammerspiel

Dazu reduziert er in seiner Adaption den Text, durchbricht das Artifizielle des Originals und gibt dem Film eine boulevardeske Note, nimmt ihm dadurch ein Stück Strenge und lässt ein wenig mehr Optimismus aufflammen als in der Vorlage. Manchmal schrappen die Figuren in diesem melodramatischen und intensiven Kammerspiel mit nur wenigen Außenaufnahmen bewusst an der Karikatur entlang.

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Mal entlarvt sich Peter als ein als seine Macht missbrauchendes Monster, dann schaltet er um auf sensible Seele mit Hang zur Selbstzerstörung. Ein Getriebener hat Angst, der Schwächere zu sein. Bei seinen Ausrastern beschimpft Peter rüde die Freundin, die Mutter, die Tochter (er war mal verheiratet) als Parasiten, und diese wenden sich angeekelt ab von dem Egomanen ohne echte Empathie.

Er sei „ein großer Regisseur, aber ein erbärmlicher Mensch“ schleudert ihm Sidonie entgegen. Sogar die Leidensfähigkeit seines devoten Sekretärs hat Grenzen. Der langjährig Gequälte erwidert Peters verzweifelte Avancen nicht, er spuckt ihn an und geht. Es bleiben Schmerz und Trauer, Macht- und Kontrollverlust, der tiefe Fall.

Von allen verlassen schaut Peter mit Tränen in den Augen Filmaufnahmen seines jungen Liebhabers an, den er mehr besitzen als lieben wollte. Bei Fassbinder sagt Petra von Kant: „Der Mensch ist so gemacht, dass er den anderen Menschen braucht. Doch er hat nicht gelernt, wie man zusammen ist.“

Ozon veranschaulicht diese Aussage ergreifend und grotesk, einfach wunderbar. Die Tränen des Peter von Kant sind vielleicht weniger bitter, aber nicht weniger bewegend.

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„Peter von Kant“, Regie: François Ozon, mit Denis Ménochet, Isabelle Adjani, Khalil Gharbia, Hanna Schygulla, 85 Minuten, FSK 16

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