Paul Celan, der ferne Patenonkel

  • Am 20. April, jenem unseligen Datum, das auf ewig an die Geburt Adolf Hitlers gekettet ist, jährt sich dieses Jahr zum 50. Mal der Tod Paul Celans, des wohl sprachmächtigsten deutschsprachigen Dichters des 20. Jahrhunderts.
  • Ausgerechnet an diesem Tag ging der Jude Celan, der die Gräuel der Nazi-Zeit nur physisch überlebt hatte, in die Seine.
  • Am 23. November dieses Jahres wiederum wäre der Mann, der als Paul Antschel 1920 im damalig rumänischen Czernowitz geboren worden, 100 Jahre alt geworden – eine Erinnerung.
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Es war ein schöner Juli im Jahre 1964 in Niederbayern. Besonders gegen Monatsmitte stiegen die Temperaturen auf weit über 30 Grad. Nahe dem Flecken Triefenried, mitten im idyllischen Nichts zwischen Deggendorf und der Grenze zur CSSR, lag der Tannhof. Ein kleines Gehöft inmitten bäuerlicher Landschaft, fernab von der Hektik und Umtriebigkeit der Großstadt. Hierhin hatte sich der Literaturwissenschaftler Walther Killy, mein Vater, mit seiner kleinen Familie für ein “Sabbatical”, ein Freisemester, zurückgezogen. Am 6. Juli, einen Tag nach meinem Geburtstag, traf Besuch ein. Mein Patenonkel Paul Celan und seine Frau Gisèle Lestrange wollten für eine Woche gemeinsam mit den Freunden die niederbayerische Sommerfrische genießen. Es sollte deren letzte Begegnung werden – mit einem dramatischen Ende.

Paul Celan im Juli 1964 auf dem Tannhof.

Schwärmerische Begeisterung für deutsche Lyrik

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Paul Celan stammte aus Czernowitz. Die Stadt, die heute auf dem Gebiet der Ukraine liegt, war seinerzeit ein kultureller Schmelztiegel, eine Vielvölkerstadt, das schnell schlagende Herz der Bukowina. Einen Großteil der Bevölkerung machten tiefgläubige Juden aus, an Bohème fehlte es der Stadt gleichwohl nicht, das Gleichgewicht der Widersprüche war wohl das Geheimnis von Czernowitz, das bis zum Ende des Ersten Weltkriegs Teil von Österreich-Ungarn war. In diese Welt hinein kam der kleine Paul als Sohn von Leo und Friederike Antschel, genannt Fritzi. Vater Leo, Angestellter eines Holzunternehmens, war religiös betrachtet orthodox und erzieherisch gesehen streng mit dem kleinen Paul. Mit der Mutter teilt er eine schwärmerische Begeisterung für deutsche Lyrik. Später einmal sagte er: “Ich war sechs Jahre und konnte ‘Das Lied von der Glocke’ aufsagen. Wer weiß, ob das nicht alles Weitere ausgelöst hat.”

Celan besucht in Czernowitz die deutsche und hebräische Volksschule, kommt 1930 auf ein rumänisches Gymnasium, später auf ein staatliches ukrainisches. Im Nachklang des Ersten Weltkriegs und Vorgriff auf den Zweiten wird die Bukowina zum Spielball der Politik. Mit 14 feiert Paul seine Bar-Mizwa, mit 17 macht er sein Abitur. Zunächst studiert Celan Medizin im französischen Tours, kommt aber nach einem Jahr zurück, um sich der Romanistik zuzuwenden. Während er auf dem Weg nach Frankreich ist, passiert er Berlin, das gerade die Nazi-Pogrome der sogenannten Reichskristallnacht hinter sich hat. Später fasst Celan die damaligen Gedanken in ein kurzes Gedicht:

Über Krakau

bist du gekommen, am Anhalter Bahnhof

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floss Deinen Blicken ein Rauch zu,

der war schon von morgen

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Rund 60.000 der jüdischen Bewohner von Czernowitz werden deportiert

Zur Ruhe kommt Celan auch nach seiner Rückkehr nicht. Erst annektiert die Rote Armee 1940 die Bukowina als Teil des Hitler-Stalin-Pakts, dann besetzen ein Jahr später nazitreue rumänische Truppen gemeinsam mit der Terrorbande der “SS-Einsatztruppe D” Czernowitz. Die planmäßige Ermordung der Juden durch die Nazis beginnt jetzt auch im jüdischsten Teil Europas. Rund 60.000 der jüdischen Bewohner von Czernowitz werden deportiert – meist nach Transnistrien. Nur 5000 Menschen überleben die Hölle des Getto Czernowitz.

Paul Celan ist gerade einmal 21 Jahre alt, als ihn die Nazi-Gräuel auch persönlich ereilen. Seine Freundin Ruth Lackner drängt Paul, sich beim Arbeitsdienst zu melden, um der Deportation zu entgehen. Er hörte auf sie. Es war einer dieser wahnwitzigen Zufälle, die in jenen Tagen Leben retteten. Bis Februar 1944 blieb Celan im Arbeitslager Tăbărăști in der Nähe von Buzău und leistete dort Zwangsarbeit im Straßenbau. Seinen Eltern erging es noch schlimmer. Als Celan 1942 zu einem der seltenen Besuche nach Czernowitz zurückkehrt, findet er die elterliche Wohnung verwaist vor.

Der Vater war nach der Deportation an den Entbehrungen und offiziell an Cholera gestorben, die Mutter wurde durch einen Genickschuss von den Nazi-Schergen ermordet. Die traumatische Rückkehr in die leere elterliche Wohnung und das Wissen darum, wie die Eltern zu Tode gekommen waren, waren Schlüsselmomente, die Paul Celan Stück für Stück das Leben nahmen. Und dem begabten Dichter, der zunächst in Czernowitz blieb, dann nach Bukarest zog, wo er als Übersetzer und Lektor arbeitete, und schließlich 1947 über Ungarn nach Paris floh, kam zusehends der Reim abhanden.

Und duldest Du, Mutter, wie einst ach daheim

den leisen, den deutschen, den schmerzlichen Reim?

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Der Tannhof im niederbayerischen Triefenried, 1964. © Quelle: Daniel Killy

Celan ist ein Zerrissener, der sich durch seine Gedichte quält

Sein erster Gedichtband erscheint 1948. “Der Sand aus den Urnen” wird bejubelt. Und enthält bereits all die Themen, die Celans komplexes lyrisches Werk prägen. Das Hadern mit dem fernen Gott, der die irdischen Gräuel zulässt, die permanente Anwesenheit des Todes, den Kampf mit seiner jüdischen Identität. Celan ist ein Zerrissener, der sich durch seine Gedichte quält – und dessen Gedichte auch den Leser martern. Die 1945 geschriebene “Todesfuge” ist der wohl bekannteste Beleg für das Grauen, das Celan bis in den Wahnsinn verfolgte und darüber hinaus, und das er wie kein anderer zu artikulieren wusste in einer zutiefst eigenen, lyrischen Form, die den Leser nicht einlädt, sondern Sprachbarrieren vor ihm auftürmt oder ihn mit falschen poetischen Verheißungen in eine tiefe Verzweiflung mitnimmt. Diese Verzweiflung konnte auch nicht durch die zahlreichen Freund- und Liebschaften gelindert werden, die Celan in Paris pflegte. Zuvörderst ist da sicherlich Ingeborg Bachmann zu nennen, die seelenverwandte Dichterin, mit der Celan eine relativ kurze Liebesbeziehung und eine innige, wenn auch komplizierte Freundschaft verband.

Die postnazistische Restauration in den späten 1950er-Jahren, das zunehmende Aufflackern neonazistischer und antisemitischer Brandherde in der jungen Bundesrepublik, warfen Celan und viele andere Überlebende immer wieder aus der Bahn. Einige Freunde wie der Literaturwissenschaftler Peter Szondi – auch er Jude, auch er mein Patenonkel, auch er einer, der sein Leben selbst beendete –, das Schweizer Ehepaar Jean und Mayotte Bollack sowie auch Walther Killy versuchten Celan in seiner schwärzesten Zeit beizustehen, als die “Plagiatsaffäre Goll” ihn bis in die Geisteskrankheit hinein erschütterte. Claire Goll hatte völlig grundlos behauptet, Celan habe bei ihrem Mann Yvan abgeschrieben. Eine zutiefst antisemitisch durchtränkte, abgefeimte Lüge, wie sich später herausstellte, ein literarischer Aufguss der Dreyfus-Affäre – Celan sollte an ihr wohl sein finales Trauma erleiden.

Eva und Walther Killy im Jahre 1964 im bayerischen Triefenried.
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Eine buchstäblich irre Anschuldigung

Es war ein strahlender Sommer im Niederbayerischen, als Celans in Triefenried eintrafen. Wie die Woche verlief, lässt sich aus eigener Erinnerung nicht mehr sagen – ich war damals gerade zwei Jahre alt. Wie sie allerdings endete, schon – aus vielfältigen Erzählungen und einem diffusen, ängstlichen Gedächtnisrauschen heraus. Celan entdeckte in dem gemieteten bayerischen Bauernhaus über dem hölzernen Esstisch den Herrgottswinkel, in dem ein Kruzifix samt Jesusfigur hing. Es hatte niemanden, auch ihn nicht, gestört dieser bayerischen Tage. Doch unvermittelt brüllte er meine Mutter, auch sie eine jüdische Emigrantin, an: “Du hast das Judentum verraten, häng das ab.” Die buchstäblich irre Anschuldigung wurde zurückgewiesen, unter anderem mit Verweis auf die bäuerlichen Hausherren und den Respekt vor Religion. Darauf sprang Celan auf den Holztisch und sang, in wildem Stakkato, mit ausgestrecktem Arm, die berüchtigtste Nazi-Ballade, das Horst-Wessel-Lied. Das war es dann mit dem Besuch. Danach ward Celan bei uns nicht mehr gesehen.

Es folgten mehrere Psychiatrieaufenthalte, noch tiefere Verzweiflung und schließlich, am 20. April 1970, das Ende in der Seine – das er in seinem Gedicht “Die Niemandsrose” schon vorweggenommen hatte.

Von der Brücken- / quader, von der / er ins Leben hinüber- / prallte, flügge / von Wunden, – vom / Pont Mirabeau.

Was bleibt, das ist seine epochale Lyrik – eine Dichtung, die ihrem Leser keinen Persilschein ausstellt – und ein ferner, doch naher Patenonkel.

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