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Amerika auf Rädern: Das ist der Oscargewinner „Nomadland“

Frances McDormand im Kinodrama „Nomadland“.

Beim Filmfestival in Venedig im vorigen September erzählte Frances McDormand eine Anekdote, wie sie Schauspieler gern erzählen – handelt sie doch von der Kraft der Verwandlung. Diese hier aber lohnt, nacherzählt zu werden. Denn sie klingt so wahrhaftig, wie McDormands „Nomadland“ ausschaut. Das Drama wurde bei der 93. Oscarverleihung als bester Film ausgezeichnet, McDormand als beste Hauptdarstellerin und Chloé Zhao für die beste Regie.

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Bei den Dreharbeiten zu dem Kinodrama verschwand die Schauspielerin mal eben in einen Supermarkt. Dort erkannte man in ihr aber nicht die dreifache Oscarpreisträgerin, die sie seit ihren Auftritten als schwangere Polizistin in „Fargo“ (1996), als kämpferische Mutter in „Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“ (2017) und seit der Nacht zu Montag für ihre Rolle in „Nomadland“ ist. Stattdessen drückte man ihr ein Formular in die Hand: Sie solle es bitte ausfüllen, falls sie einen Job im Supermarkt suche.

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Womöglich hatte es McDormand genau auf diese Reaktion als eine Art Selbstversuch angelegt, aber das tut wenig zur Sache. Sie kehrte zurück zu den Dreharbeiten und ließ ihre Regisseurin Chloé Zhao zufrieden wissen: „Es funktioniert!“ McDormand hatte sich überzeugend in einen jener Menschen verwandelt, unter denen sie sich in „Nomadland“ bewegt und die zum allergrößten Teil von Laien verkörpert werden. Sie präsentieren vor der Kamera ihr eigenes Leben.

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McDormands Figur Fern – wir erfahren von ihr nur den Vornamen – zieht beinahe den ganzen Film lang in ihrem klapprigen Van von Job zu Job quer durch Amerika. Fern sortiert Pakete in einem Amazon-Auslieferungslager, sie schrubbt das Bratenfett vom Herd einer Fast-Food-Küche oder die Toiletten auf einem Rastplatz. Fern ist eine Witwe, die alles verloren hat: ihren Mann an den Krebs, ihre Arbeit und ihr Haus an die Wirtschaftskrise. Als der einzige große Arbeitgeber ihres Ortes pleite macht, wird sogar die Postleitzahl des Kaffs gelöscht.

Da packt Fern ihre wichtigsten Habseligkeiten in ihr Auto und sucht ein neues Leben in den Weiten des Landes im Vertrauen auf das viel zitierte Freiheitsversprechen Amerikas – oder das, was davon übrig blieb. Oder läuft Fern einfach nur vor den Trümmern ihrer alten Existenz davon?

Fern hätte andere Optionen. Sie könnte zum Beispiel bei ihrer Schwester einziehen, bei der sie zwischendurch mal vorbeischaut, weil sie 2000 Dollar für die Reparatur ihres Autos braucht. Die Schwester aber erkennt, dass sie Fern ziehen lassen muss. Fern sei schon immer eine „Pionierin“ gewesen, sagt sie resigniert.

Oscar-Verleihung 2021: „Nomadland“ gewinnt Preis als bester Film

In der Nacht zum Montag war es soweit: die Verleihung der Oscars 2021. Der Oscar für den besten Film ging in diesem Jahr an „Nomadland“.

Großer Unterschied zwischen „homeless“ und „houseless“

Pioniere – zumindest in Hollywoodfilmen – waren entschlossene Siedler, die mit ihren Trecks voller Zukunftshoffnung gen Westen zogen. In dieser Verfilmung des Romans „Nomadland: Surviving America in the Twenty-First Century“ (deutsch: „Nomaden der Arbeit“) der Journalistin Jessica Bruder ist es eine Frau, deren Gesicht oft düster verschattet ist, die aber auch herzhaft lachen kann.

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Die Landschaft, durch die sie fährt, die schneebedeckten Berge am Horizont und die Wüsten, erscheinen immer noch so majestätisch wie ehedem. Jedenfalls durchs Autofenster. Einmal trifft Fern Bekannte aus ihrem früheren Leben, in dem sie unter anderem Lehrerin war. Fern weist sie auf ihre Anfrage hin freundlich, aber bestimmt zurecht: Nein, sagt sie, sie sei keinesfalls „homeless“, nur „houseless“.

Für Fern ist das ein wichtiger Unterschied. Erstens geht es ihr um die Verteidigung ihrer Würde, und zweitens leben so viele andere wie sie. Regisseurin Chloé Zhao, geboren in Peking und heute in den USA tätig, also mit dem globalen Nomadentum vertraut, lässt diese Menschen abends am Lagerfeuer oder auch beim Haareschneiden ihre Geschichten erzählen.

Die „Nomadland“-Regisseurin Chloé Zhao.

Die „Nomadland“-Regisseurin Chloé Zhao.

„Nomadland“ haftet genauso etwas Poetisches wie auch etwas Dokumentarisches an. Keinesfalls aber wird Elend ausgestellt, dieser Film ist kein Vehikel für eine Oscarschauspielerin. Es funktioniert genau umgekehrt: McDormand stellt sich in den Dienst der anderen

Hauptschauplatz ist ein Camp irgendwo in der Wüste, wo die Reisenden zusammenfinden. Wer immer sich hier verabschiedet, vielleicht sogar aus dem Leben, dem rufen die anderen hinterher: „See you down the road.“ Das System mag diese Menschen ausgespuckt haben, nun bilden sie ihre eigene Gemeinschaft. Auf Solidarität ist jeder angewiesen: Irgendwo in der Prärie kann immer mal ein Reifen platzen.

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„Nomadland“ ist ein trauriger Film, aber kein anklägerischer. Nur einmal lässt sich Fern zu einer kurzen Bemerkung über Moral hinreißen, als jemand vom vielen Geld schwärmt, das im Geschäft mit Immobilien stecke. Trocken verweist sie darauf, dass erst einmal Menschen aus den Häusern hätten ausziehen müssen, bevor man diese verkaufen könne.

Von diesem Amerika auf Rädern war in den Kinos bislang wenig zu sehen. Man fragt sich, wie man die vergangenen vier Jahre lang gebannt auf einen Narzissten im Weißen Haus starren konnte, wenn es ganz andere Geschichten aus den USA zu erzählen gibt.

Regisseurin Zhao ist unterdessen ins Marvel-Comic-Universum gewechselt und arbeitet am Superheldenfilm „The Eternals“. Bei der Premiere von „Nomadland“ im vorigen Herbst beim Festival in Venedig gewann sie den Goldenen Löwen – und seitdem so ziemlich jeden anderen Filmpreis.

„Nomadland“, Regie: Chloé Zhao, mit: Frances McDormand, David Strathairn, 108 Minuten

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