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Oscargewinnerin Chloé Zhao: In ihrem Heimatland ist sie „ausradiert“

  • Erstmals in der Geschichte des Oscars wurde mit Chloé Zhao eine Filmemacherin aus China ausgezeichnet.
  • Doch im Heimatland der 39-Jährigen wird ihr Oscargewinn von den staatlich kontrollierten Medien nicht einmal erwähnt.
  • Erneut wird so eine einschüchternde Botschaft deutlich.
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Eigentlich wäre der historischer Oscargewinn von Regisseurin Chloé Zhao ein regelrechtes PR-Geschenk für Pekings Staatsführung. Schließlich gewinnt die in China geborene Filmemacherin die wohl öffentlichkeitswirksamste Auszeichnung der Kinobranche – erstmals eine nicht weiße Preisträgerin. Ein historischer Moment, schreiben die führenden Leitmedien.

Im Heimatland der 39-Jährigen verstummte das Echo jedoch: Ihr Oscargewinn wurde von den staatlich kontrollierten Medien nicht einmal erwähnt. Chloé Zhao, die vielleicht talentierteste Regisseurin ihrer Generation, ist von den Zensoren in China schlicht ausradiert worden.

Filmkritiken von „Nomadland“ vom chinesischen Netz gelöscht

Die Oscarverleihung durfte auf Anordnung der Behörden nicht live übertragen werden. Selbst in Hongkong, dessen Freiheiten aufgrund von Pekings Repressionen im letzten Jahr erodiert sind, zeigte erstmals seit über 50 Jahren kein Fernsehsender die Veranstaltung.

Die Filmkritiken des ausgezeichneten Werks „Nomadland“ sind vom chinesischen Netz gelöscht worden, der heimische Kinostart wurde bereits vor Wochen gestrichen. Selbst auf sozialen Medien haben die Zensoren die meisten Debatten einfach verschwinden lassen. „So lange ich bereits über chinesische Zensur und Propaganda schreibe, kann ich es immer noch nicht fassen“, schrieb die „New York Times“-Kolumnistin Li Yuan auf Twitter.

System der Volksrepublik soll nicht kritisiert werden

Der Grund des Anstoßes ist ein Interview von vor rund acht Jahren, welches die 1982 in Peking geborene Regisseurin einem New Yorker Filmmagazin gegeben hat. Darin spricht sie von ihrer rebellischen Jugend in China – einem Land, „wo Lügen überall sind. Viele Informationen, die ich erhielt, waren nicht wahr.“ Zhao erzählt davon, dass sie erstmals als Teenager auf einem britischen Internat die Geschichte ihres Heimatlandes neu erlernen musste.

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Oscarverleihung 2021: „Nomadland“ gewinnt Preis als bester Film
1:53 min
In der Nacht zu Montag war es so weit: die Verleihung der Oscars 2021. Der Oscar für den besten Film ging in diesem Jahr an „Nomadland“.  © Reuters

Im März schließlich gruben chinesische Internetnutzer die kritischen Aussagen aus dem Archiv aus – und lösten damit einen staatlich orchestrierten Shitstorm aus, der die Filmemacherin künftig als Landesverräterin brandmarkte.

Tatsächlich ist China mit seiner umfassenden Internetzensur längst zu einem orwellschen Überwachungsstaat geworden, der ungewollte Themen und Personen schlicht aus dem kollektiven Gedächtnis streichen kann. Wer etwa die Enzyklopädie „Baidu Baike“ besucht, das chinesische Äquivalent von Wikipedia, wird keinen Eintrag zum Tiananmen-Massaker von 1989 finden. Und dass Mao Tse-tung mit seiner fehlgeleiteten Wirtschaftspolitik die vielleicht größte menschengemachte Hungersnot im 20. Jahrhundert ausgelöst hat, wird ebenfalls unter den Teppich gekehrt.

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Dass nun sämtliche Debatten über Chloé Zhaos Oscargewinn unterdrückt werden, beinhaltet vor allem eine einschüchternde Botschaft: Keine Chinesin und kein Chinese, ganz egal mit welcher Staatsbürgerschaft oder welchem Wohnort, soll das System der Volksrepublik kritisieren.

Chloé Zhao zumindest scheint dennoch ihren Optimismus nicht aufgegeben zu haben: „Ich habe immer das Gute in den Leuten gefunden, die ich überall auf der Welt getroffen habe“, sagte die Regisseurin in ihrer Dankesrede.

Auch etwa 30 Alumni der New York University, die einen Campus in Shanghai unterhält, wollten jenen historischen Moment mitverfolgen. Zum gemeinsamen Schauen der Oscarverleihung luden sie am Montagmorgen in eine Bar am Bund, Shanghais von Art-déco-Architektur gesäumter Prachtstraße am Huangpu-Fluss. Die Veranstalter hofften darauf, dass ihre einstige Kommilitonin Chloé Zhao den begehrten Filmpreis abräumen würde. Mithilfe einer illegalen VPN-Software konnten sie die chinesische Internetzensur umgehen und auf die gesperrte Streamingplattform Youtube zugreifen. Doch kurz bevor die Oscarzeremonie losging, wurde der Bildschirm schwarz: Die Onlinezensoren hatten die Internetverbindung gestoppt.

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