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Der Mensch ist ein Biest: das Kinodrama „Nightmare Alley“

Sie haben es zu etwas gebracht – vorerst: Rooney Mara als Molly Cahill und Bradley Cooper als Stanton Carlisle in einer Szene des Films „Nightmare Alley“.

„Ist das ein Biest oder ein Mensch?“, fragt der Zirkusdirektor mit gespieltem Erschrecken in der Stimme. Er bewirbt eine seiner Attraktionen: Wir sehen ein dreckverkrustetes Wesen in einer Art Manegenkäfig, rundherum das gebannte Publikum. Ein weißes Huhn wird von oben in den Käfig geworfen und flattert wild. Die Kreatur packt den Vogel und beißt ihm den noch gackernden Kopf ab, Hühnerblut spritzt über Gesicht und Körper. Mehr Grusel können die Zuschauer für ihr Eintrittsgeld nun wirklich nicht verlangen.

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Am Ende von Guillermo del Toros stargespicktem Noir-Thriller „Nightmare Alley“ kann der Zuschauer die Frage des Zirkusdirektors (Willem Dafoe) für sich selbst beantworten, aber die Antwort fällt anders aus, als sie der Direktor erwartet hätte. Bis dahin lässt sich der mexikanische Oscarregisseur viel Zeit, anfangs vielleicht ein bisschen zu viel, um seinen Film in Schwung zu bringen. Aber wenn man erst mal drin ist in der Geschichte vom gewieften Charmeur Stanton Carlisle (Bradley Cooper), dann folgt man seinem Aufstieg und Fall über zweieinhalb Kinostunden gern.

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Zudem wissen Toros Fans dessen Vorlieben zu schätzen: Er war schon immer angetan von gesellschaftlichen Außenseitern, die anders sind als die anderen. In „Pan‘s Labyrinth“ (2006) entwarf er eine Fantasyparabel über die Grausamkeiten des Faschismus aus der Sicht eines Mädchens. In seinem Meisterwerk „Shape of Water“ (2017) erzählte er eine Liebesgeschichte zwischen einem Fischwesen in einem US-Geheimlabor und einer stummen Putzfrau.

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Zirkuswelt voller Freaks

Nun ist er fasziniert von dieser Zirkuswelt voller Freaks, von Kraftmenschen und Kleinwüchsigen, von in Einmachgläsern dümpelnden Föten und von Stromstößen, die vermeintlich durch Frauenkörper zucken. Die Leute in diesem heruntergekommenen, im Schlamm versinkenden Wanderzirkus sind keineswegs nur sympathisch: Sie tricksen das Publikum aus, um ihm das Geld aus der Tasche zu ziehen. Sie kämpfen unter schwierigen Bedingungen ums Überleben – gerade treten die USA in den Zweiten Weltkrieg ein.

Der ebenso ehrgeizige wie skrupellose Stanton ist genau richtig in dieser Gemeinschaft, die nur bedingt zusammenhält. Er geht für seine Karriere über Leichen. Bei der Hellseherin Zeena (Toni Collette) lässt sich Stanton in die hohe Kunst der Publikumsmanipulation einweisen. Er entwickelt sich zum Meister seines Fachs, den Zuschauern das zu verkünden, was sie in ihrer Trauer oder ihren Sehnsüchten hören wollen. Dann zieht er mit der jungen Molly (Rooney Mara) davon, um seine neuen Fähigkeiten in besseren Etablissements anzuwenden.

Manipulierter Manipulateur

Unvermutet tauchen wir ab in eine unterkühlte Stadtwelt, die wie der Gegenentwurf zum Zirkus aussieht: In einem edlen Nachtclub trifft Stanton auf die Psychoanalytikerin Lilith Ritter (Cate Blanchett) – und damit auf eine Frau, die ihm noch überlegen ist, wenn es darum geht, die Bedürfnisse und Nöte des Publikums auszunutzen. Der Meistermanipulator wird, ohne es zu ahnen, zum Manipulierten.

Mit leuchtend rot geschminkten Lippen und ebensolchen Fingernägeln ist Ritter eine Frau, wie sie in einem Raymond-Chandler-Krimi zur Idealbesetzung gehören würde. Im eleganten Kostüm würde diese unterkühlte Blondine mit der rauen Stimme im Büro eines abgehalfterten Privatdetektivs auftauchen und ihm mit ihrem Besuch mehr Ärger einbrocken, als dieser ahnen könnte. Nur wären die Innenräume womöglich nicht so kunstvoll und mit einem Touch ins Gelbliche ausgeleuchtet, wie es in „Nightmare Alley“ der Fall ist.

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Zunächst einmal aber versorgt die undurchsichtige Psychoanalytikerin Stanton mit den nötigen Hintergrundinformationen aus ihren Sitzungen, die dieser in Privataudienzen beim US-Geldadel in einträglichen Gewinn umsetzt. Bis sich der hochmütige Stanton selbst überschätzt und der Traum von den unbegrenzten Möglichkeiten im verheißungsvollen Amerika in einem Albtraum endet.

Der Roman „Nightmare Alley“ von William Lindsay Gresham ist schon einmal mit Tyrone Power verfilmt worden. In Deutschland kam der Film Mitte der Fünfziger unter dem Titel „Der Scharlatan“ in die Kinos. Es war Greshams erfolgreichstes Buch, und ein bisschen spiegelte sich darin die Geschichte des Autors selbst.

1962 beging der verarmte Gresham, gerade 53 Jahre alt, Selbstmord just in jenem New Yorker Hotel, in dem er „Nightmare Alley“ geschrieben hatte und dadurch zwischenzeitlich zu Ruhm und Reichtum gekommen war. Bei ihm fanden sich Visitenkarten mit dem Aufdruck: „No Address. No Phone. No Business. No Money. Retired.“

Ein trostloser Weg liegt auch vor dem Selfmademan Stanton. In seinem Fall würde die Antwort auf die eingangs gestellte Frage des Zirkusdirektors lauten: Der Mensch ist ein Biest. Dazu muss er nicht in einem Käfig hocken und Hühnerhälse zerbeißen.

„Nightmare Alley“, Regie: Guillermo del Toro, mit Bradley Cooper, Cate Blanchett, Rooney Mara, Willem Dafoe, Toni Collette, 150 Minuten

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