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Erster deutscher ESC-Triumph

Viel mehr als ein kleines Lied: Vor 40 Jahren gewann Nicole mit „Ein bißchen Frieden“ den Grand Prix

Nicole beim deutschen Vorentscheid zum Grand Prix 1982.

Die BRD im Jahr 1982: Wer damals jung war, erinnert sich heute wahrscheinlich an das geradezu paradoxe Lebensgefühl jener Zeit. Während der Kalte Krieg zunehmend heißer wurde und in Bonn 500.000 Menschen auf die Straßen gingen, um gegen Atomraketen und den Nato-Doppelbeschluss zu demonstrieren, genau ein Jahr bevor der eine ganze Generation schockierende Antikriegsfilm „The Day After“ gedreht wurde, ging es in den heimischen Partykellern und Diskotheken ausgelassener zu denn je. Schlager oder Pop, Rock oder Discosound – im Grunde war es den Leuten schnuppe. „Hauptsache, es macht Spaß“, schien das Partycredo jener wilden Tage zu lauten, in der die Neue Deutsche Welle erstmals aufmuckte und sich in den Charts alles Mögliche und Unmögliche zu einer kruden, naiven und bunten Melange vereinte.

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Unter den Nummer-Eins-Hits 1982 waren: „Polonäse Blankenese“, „Skandal im Sperrbezirk“, „Der Kommissar“, „Ich will Spaß“, „Adios Amor“ ... und eben auch: „Ein bißchen Frieden“ (damals schrieb man so etwas noch nicht mit Doppel-s) von Nicole, die vor genau 40 Jahren mit dem von Ralph Siegel komponierten und von Bernd Meinunger getexteten Lied den Eurovision Song Contest gewann.

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Natürlich war es eine Riesensensation, dass die damals 17-jährige Interpretin, eine blonde Gymnasiastin aus dem Saarland, am 24. April 1982 im englischen Harrogate am Ende vorne lag. Wie das schüchterne Mädchen Nicole da im schwarz-weißen Pünktchenkleid auf der großen Fernsehbühne saß, nur mit ihrer Gitarre in der Hand, und flehte: „Sing mit mir ein kleines Lied, dass die Welt in Frieden lebt!“, das berührte die Herzen von Millionen – überall auf der Wett wurde das Lied alsbald nachgeträllert. Und in der Bundesrepublik war man stolz wie Oskar auf Nicole, die als Letzte im langen Starterfeld mit einer kleinen Begleitband – und Ralph Siegel höchstpersönlich am Klavier – aufgetreten war.

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Der erste Sieg für Deutschland beim ESC

Immerhin war „Ein bißchen Frieden“ der erste deutsche, und nach „Merci, Chérie“ (Udo Jürgens, 1966) der zweite deutschsprachige Titel, der den Eurovision Song Contest, damals in Deutschland noch „Grand Prix Eurovision de la Chanson“ genannt, gewann. Typisch für diese Zeit und irgendwie vermutlich auch typisch deutsch war allerdings die Tatsache, dass die kritischen Diskussionen nicht ausblieben. „Ein bißchen Frieden“ ... - Warum nicht mehr als nur ein bisschen, maulten manche Pazifisten. In der Berichterstattung wurde der Song als „Mode-Gag“ tituliert, denn wurde hier nicht „ein allgemeines Anliegen zum naiven Schlagerhit“ stilisiert?

Soziologen, Philosophen und Kulturjournalisten stritten über die Deutung des Auftritts: Spiegelte Nicoles züchtige Darbietung nun den biederen, spießigen Teil der Achtzigerjahre-BRD, oder stand sie nicht auch irgendwie für die Aufbruchstimmung der Anti-Kriegs-Demos? Worüber eine Gesellschaft eben so debattiert, wenn es ihr im Grunde fast ein bisschen zu gut geht ...

Nicole (links, mit weißer Gitarre) trägt nach ihrem Sieg beim „Grand Prix d'Eurovison de la Chanson“ erneut ihr Lied vor.

Nicole (links, mit weißer Gitarre) trägt nach ihrem Sieg beim „Grand Prix d'Eurovison de la Chanson“ erneut ihr Lied vor.

Dabei ist so ein bisschen Frieden doch schon allerhand – heute genauso wie damals, vor 40 Jahren. „Ich weiß, meine Lieder, die ändern nicht viel; ich bin nur ein Mädchen, das sagt, was es fühlt“, sang Nicole Hohloch – während draußen in der Welt der Kalte Krieg tobte und sich die Menschen im Angesicht des Wettrüstens und monströser Nuklearwaffenarsenale ängstigten. Das Zitat: „Ich sah aus wie ein Engel – und ich wollte schon als Kind ein Engel sein“, ist von der Sängerin, die bis heute zu den Größen im deutschen Schlager zählt, überliefert. Als Friedensengel muss man sie ja nicht unbedingt überhöhen, aber was Nicole und das Gespann Siegel/Meinunger damals geleistet haben, kann man 40 Jahre später gar nicht hoch genug bewerten – wenn auch weniger für die Friedensbewegung als für das Selbstverständnis der deutschsprachigen Musik.

Nach den desaströsen jüngsten Jahren seit dem Sieg von Lena mit ihrem „Satellite“ vor zwölf Jahren weiß jeder, wie schwer sich deutsche Vertreterinnen und Vertreter damit tun, beim ESC etwas zu reißen. Keiner erinnert sich mehr an die Auftritte des vergangenen Jahrzehnts. Den Namen von Nicole hingegen kennt noch immer jedes Kind. „Der Sieg hat bis heute nichts von seiner großen Bedeutung für mich verloren. Schließlich verbinden viele Menschen meinen Namen immer noch mit ‚Ein bißchen Frieden‘“: In der Art pflegte es Nicole, Ehrenbürgerin ihrer Heimatgemeinde Nohfelden, selbst stets zu Protokoll zu geben, wenn sie nach ihrem Triumph von damals gefragt wurde. „Wenn man etwas aus voller Überzeugung gemacht hat, dann steht man auch nach so vielen Jahren noch dahinter.“ Deshalb spiele sie „Ein bißchen Frieden“ immer noch in jeder Show.

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Ein Lied wie ein Monument

„Ein bisschen Frieden‘ ist so unangreifbar“, erklärte Nicole erst kürzlich im Interview mit der „Rheinpfalz“: Das Lied stehe „fest wie ein Monument, da kommt kein anderes Lied ran, das hat so eine riesige Botschaft gehabt in einer Zeit, in der die Leute sich im Kalten Krieg nichts sehnlicher gewünscht haben als Frieden“. Ob nun für Nicole selbst oder für die ganze Musikwelt: „Ein bißchen Frieden“, dieses Kleinod in C-Dur, war und ist viel mehr als nur ein kleines Lied. Und 40 Jahre Harrogate – das ist fürwahr ein guter Anlass, sich des Mädchens mit der klaren Stimme und ihres wohlbekannten Refrains zu besinnen: „Ein bisschen Frieden, ein bisschen Träumen. Und dass die Menschen nicht so oft weinen. Ein bisschen Frieden, ein bisschen Liebe. Dass ich die Hoffnung nie mehr verlier.“

Übrigens: Der Krieg in der Ukraine hat Ralph Siegel (unter dem Pseudonym Miriam Winterfield) nun zu einem neuen Friedenslied veranlasst. Mit „Nie wieder Krieg“ möchte der 76-jährige Komponist ein weiteres Mal ein musikalisches Zeichen für ein friedliches Zusammenleben setzen. In nur einer Studionacht nahm er das Lied mit den Sängern Sebastian Hämer und Tim Wilhelm (Münchener Freiheit) auf. Im Songtext heißt es unter anderem: „Frieden macht frei. Nie wieder Krieg. Es gibt keinen Sieg“.

RND/Teleschau

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