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Nicht von Pappe: Warum Papier uns auch in digitalen Zeiten lieb und teuer ist

  • Wir zahlen mit Geldscheinen, schnäuzen in Taschen­tücher, lesen Zeitungen und Bücher.
  • Doch das wichtige und flexible Material ist momentan knapp.
  • Diesen Mangel werden wir in den kommenden Wochen unter anderem im Weihnachts­geschäft spüren.
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Hannover. Allein diese Namen: Waslipapier, Fabriano­papier, Eispapier, Velin­papier. Oder Mumien­papier, Birken­rindepapier, Bütten­papier und Elefanten­haut­papier. Und dann ist da noch Lokta­papier, das aus der Rinde des Seidel­bast­strauches hergestellt wird. Es fühlt sich wunderbar weich und doch stabil an. Hand­geschöpft, außer­gewöhnlich.

Oft werden der Zauber und die Schönheit von Dingen erst deutlich, wenn sie zu verschwinden drohen. Momentan leiden ganze Branchen unter Papier­mangel. Dem uralten Material droht glücklicher­weise zwar noch lange nicht das Aus. Aber wegen elementarer Liefer­schwierig­keiten befinden wir uns momentan in einer veritablen Papierkrise.

Die Gründe sind vielfältig, vor allem jedoch sind Engpässe bei den Liefer­ketten und die Folgen der Corona-Krise verantwortlich. Sie sorgen für steigende Preise auf dem Papier­markt. Besonders Rohstoffe wie Altpapier oder Zellstoff, die zur Herstel­lung notwendig sind, sind in den vergangenen Wochen um ein Vielfaches teurer geworden. Für September hat das Statis­tische Bundesamt ein Plus bei den Groß­handels­preisen für gemischtes Altpapier von 222 Prozent ausgemacht. Papier- und Pappe­rest­stoffe waren im Großhandel zuletzt um 147 Prozent teurer. Aber auch ganz unabhängig vom Preis herrscht großer Mangel: Es gibt oft einfach kein Papier zu kaufen.

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Das hat unter anderem Folgen für die Zeitungs­verlage, da als Rohstoff für deren Träger­material vor allem Altpapier dient. Jenes Altpapier aber wächst nirgends, sondern es fällt an. Wenn weniger Papier verbraucht wird, gibt es logischer­weise auch weniger Altpapier. Und das vorhandene wird immer mehr im Versand­handel gebraucht. Die ganzen Internet­versand­händler von A wie Amazon bis Z wie Zalando packen ihre bestellten Waren ja alle in Pappe und Karton. Zudem werden auch immer mehr Teller, Besteck und andere Gebrauchs­gegen­stände, die früher aus Plastik bestanden, aus Papier hergestellt, aus Karton und Pappe.

Ja, es geht hier auch um Karton und Pappe, sie sind letztlich nichts anderes als Papier. Alle Sorten werden aus gleichen, meist pflanzlichen Grund­stoffen und im Prinzip gleichen Fertigungs­weisen hergestellt. Die Unterschiede werden durch das Quadrat­meter­gewicht definiert. Die DIN 6730 bezeichnet Produkte bis 225 Gramm pro Quadratmeter (g/m²) als Papier und alle schwereren Produkte als Pappe. Feinere Unterschei­dungen gebrauchen zwischen 225 und etwa 600 g/m² noch den Begriff „Karton“. Zur Einordnung: Normales Drucker­papier hat 80 g/m², ein Umzugskarton rund 400 g/m².

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Lieferzeiten von mehreren Wochen

Der Papiermangel hat auch Folgen für das Weihnachts­geschäft: Denn Bücher sind nach wie vor eines der beliebtesten Geschenke, doch Buch­verlage können nicht mehr so schnell nachdrucken wie gewohnt. Wenn Bücher ausverkauft sind, werden sie es momentan auch erst einmal bleiben.

„Bislang konnten die Druckereien ihr Material immer just in time bestellen, gängige Papier­sorten konnten von einem Tag auf den anderen Tag bezogen werden“, sagt der Göttinger Verleger Thedel von Wallmoden. „Das geht im Moment nicht, wir reden da von Lieferzeiten von mehreren Wochen. Und solche Liefer­eng­pässe habe ich ehrlich gesagt überhaupt noch nie erlebt“, sagt von Wallmoden, der vor 35 Jahren den Wallstein-Verlag gründete.

Doch was macht Papier eigentlich so besonders? Wir können heute doch auch das meiste auf dem Bild­schirm lesen. Das stimmt zwar, aber wenn Sie diesen Artikel jetzt gerade auf einem Bildschirm lesen, werden Sie ihn nur mit dem Auge wahr­nehmen können. Sie können zwar auch über den Bildschirm streichen, aber da warten nur technische Apparate auf Sie.

Wenn Sie diesen Text aber auf einer klassischen Zeitungs­seite lesen, können Sie ihn mit verschiedenen Sinnen aufnehmen. Streichen Sie über das Zeitungs­papier, und Sie werden etwas fühlen! Aber vergessen Sie nicht: Papier kann an den Seiten scharf wie ein Messer sein. Riechen Sie dran! Wiegen Sie es in Ihren Händen!

„Nehmen Sie mal eine Zeitungs­seite und eine Buchseite oder auch unter­schied­liche Buchseiten und schnippen Sie mit Ihrem Finger­nagel gegen eine einzelne Seite“, sagt der Verleger und Papier­virtuose Gerhard Steidl. „Dann hören Sie einen bestimmten Klang, das ist fast wie Musik.“ Für den US-Amerikaner Ben Patterson war Papier sogar nicht nur „fast Musik“, sondern er hat damit Klänge erzeugt. In seinen Performances hat er Papier zerknüllt und zerrissen, gerieben und zerschnitten – und in seinem „Paper Piece“ verewigt.

Bücher sind ein tolles Geschenk – doch im Weihnachts­geschäft könnte es in diesem Jahr Liefer­engpässe geben. © Quelle: Frank Rumpenhorst/dpa/Frank Rump

Gerhard Steidl verlegt neben Romanen und Sach­büchern vor allem Foto- und Kunstbände. Für ihn ist Papier nicht nur Mittel zum inhaltlichen Zweck, sondern Teil der Kunstform Buch. Um möglichst vielfältig zu bleiben, hat er sogar die Betreiber von Papier­mühlen überredet, uralte Sorten wieder herzustellen oder seine eigenen Kreationen zu produzieren. „Wenn ich Fotos oder auch Texte auf Papier drucke, habe ich eine bestimmte Vorstellung, wie dieses Papier aussehen soll. Dazu schaue ich mir alte Rezept­bücher an, Rezept­bücher zur Papier­herstellung. Papier­macher war ja einmal ein richtiger Beruf – und diese Papier­macher haben wie ein Koch oder eine Köchin ihre Rezepte in ein Buch geschrieben“, sagt der 71-Jährige. Rezepte, bei denen man etwa normales raues Papier mit Quark, Eiweiß, Kalk und Knochenleim streicht. „Das ist ein wunderbares Papier.“

Papier wurde vor rund 2000 Jahren erfunden

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Papier hat gegenüber dem Lesen auf dem Bildschirm weitere Vorteile: So habe es keine interaktiven Links, „die unauf­gefordert über die Oberfläche wandern“, schreiben Nicola von Velsen und Neil Holt in ihrem Buch „Papier“, das im Prestel-Verlag erschienen ist. „Papier erlaubt mir, mich zu konzentrieren, es schützt den Raum meiner Wahr­nehmung und schärft meine Sinne.“

Papier begleitet den Menschen in seiner Entwicklungs­geschichte seit gut 2000 Jahren. Seine Erfindung wird dem Chinesen Ts’ai Lun zugeschrieben, der um 105 nach Christus erstmals das heute bekannte Verfahren der Papier­herstellung beschrieb. Zahllose Ideen, Gesetze, Erfindungen, Verträge, Gemälde, Romane, Beweise, Theorien – ja, eigentlich das gesamte Wissen der Mensch­heit steht auf Papier. Es ist, wie Steidl sagt, „ein Träger von Infor­mationen, aber nicht nur von Informationen, sondern es transportiert auch Kultur­genüsse“.

Auch Kunst entsteht aus dem Material

Und das tradierte Wissen auf Papier bleibt lesbar. Während Speicher­medien in unserer Zeit immer schneller von anderen abgelöst werden – wer kann heute noch Dateien auf 5-¼-Zoll-Disketten lesen? – übersteht das Papier jeden Medien­wandel. Man kann ein Buch, eine Notiz, ein Dokument aus vergangenen Jahr­hunderten heute wieder aus dem Archiv­regal oder der Bibliothek nehmen und es lesen. Papier ist geduldig.

Aber es prägt seit Langem auch den Alltag der Menschen jenseits der Buch- und Zeitungs­seiten: Aus Papier sind Taschen­tücher, Servietten, Tee­beutel und Geld­scheine. Papier hält den Tabak von Zigaretten, versteckt Geschenke vor dem Blick des Beschenkten, isoliert Rohre. Die Loch­karten aus Karton, die der US-Amerikaner Herman Hollerith entwickelte, sind die Vorläufer unserer heutigen Computer.

Aus Papier kann auch Kunst entstehen. Der Künstler Thomas Demand baut Tatort- und Presse­foto­grafien detailgetreu aus Papier nach. Danach fotografiert er sie ein zweites Mal – und zerstört anschließend das Papier­kunst­werk wieder. Was von Demands Kunst bleibt, sind diese zweiten Fotos.

Ein großer Vorteil von Papier sei, dass es „recycelt werden kann und sich so ein Kreislauf ergibt. Papier ist ein sehr temporäres Material“, sagt Demand. „Wenn man Stahl bearbeitet, bleibt er trotzdem so, wie er ist. Aber Papier ist von vornherein ein sich veränderndes Material. Es ist sehr schön und auch sehr offen für unsere Hände.“ Und mit den Händen denke der Mensch – viel mehr, als ihm bewusst sei.

Holz lagert vor dem Gelände eines Zell­stoff­herstellers: Liefer­en|­pässe und die Folgen der Corona-Krise haben zu steigenden Preisen auf dem Papier­markt geführt. © Quelle: Klaus-Dietmar Gabbert/dpa-Zentra

Demand schätzt die Arbeit mit dem Stoff besonders, weil er ihn bei den Betrach­terinnen und Betrachtern seiner Kunst als bekannt voraus­setzen kann. „Wenn Leute etwa per Hand einen Brief schreiben und sie ihn dann weg­schmeißen, vielleicht weil sie sich verschrieben haben, wissen sie, wie man das Papier zerknüllt. Man weiß also, wie die Ober­flächen sich verhalten, und ich kann voraus­setzen, dass jemand anderes ebenfalls weiß, wie die Ober­flächen aussehen“, sagt der 57-Jährige. Es gebe also ein geteiltes Grund­ver­ständnis für dieses Material. „Jeder hat heute immer noch mindestens ein- oder zweimal am Tag Papier in der Hand, und ich glaube auch, dass es noch eine Zeit lang so bleiben wird.“

Es hat sogar eine nahezu metaphysische Ebene

Papier fasziniert ihn aber auch auf einer nahezu meta­physischen Ebene. Das Bauen, Fotografieren und anschließende Zerstören seiner papierenen Kunstwerke spiegelt auch die Vergänglichkeit des Materials und seinen unvermeid­lichen Zerfall wider. Im Grunde, sagt Demand, seien wir Menschen genau der gleichen Fragilität, den gleichen Einflüssen ausgesetzt wie Papier. „Nur können wir es nicht so eindeutig erkennen.“ Dieser Hinweis auf die Fragi­lität sei wichtig, „denn Sie sehen den Dingen an, dass sie vor der Kamera einmal so waren, wie sie dort zu sehen sind. Aber schon am Tag danach sind sie nicht mehr so. Diese Schönheit, die sie hoffentlich ausstrahlen, haben sie nur sehr kurz. Wie eine Blüte.“

Papier, ein Sinnbild für mensch­liches Leben.

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