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Nicht ohne meine Tochter: Nina Hoss im Kinodrama “Pelikanblut”

  • Das Kinodrama “Pelikanblut” (Start: 24. September) macht Anleihen beim Horror.
  • Nina Hoss spielt eine Mutter, die bereit ist, sich für ihre Adoptivtochter aufzuopfern.
  • Regisseurin Katrin Gebbe zwingt das Publikum, die Grenzen seines Mitgefühls auszutesten.
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Im Abspann rollt ein Hinweis über die Leinwand: Keinem Tier sei bei der Entstehung des Films ein Haar gekrümmt worden, ist zu lesen. Solche Sätze kennt man vorrangig aus Hollywoodfilmen. Sie sind dort mehr als ein Ausdruck von Überbürokratisierung: Manches Pferd ließ in früheren Western sein Leben, wenn es durch Drähte zum Sturz gebracht oder gar über Klippen getrieben wurde.

So etwas wäre heute glücklicherweise undenkbar. Aber trotzdem ist die Bemerkung irgendwie beruhigend. Schließlich sehen wir in Katrin Gebbes “Pelikanblut” nicht nur ein panisches Polizeipferd blutend über eine Weide galoppieren, sondern später auch noch dessen Kopf aufgespießt auf einer Stange im Wald.

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Die Reiterhofbesitzerin und Pferdetrainerin Wiebke (Nina Hoss) hat den Kopf im Wald angebracht. Von ihr hätte man das nun keinesfalls erwartet.

Wiebke ist eine Tierversteherin, die es locker mit Robert Redfords “Pferdeflüsterer” (1998) aufnehmen könnte. Mit ihrem breitkrempigen Hut und den Jeans könnte sie quasi gleich in dessen Film hinüberwechseln, in dem genau wie in “Pelikanblut” die Schmerzen von Zwei- und Vierbeinern gleichermaßen gelindert werden.

Erinnerungen an “Rosemaries Baby”

Wiebke gibt keine Kreatur auf, kein Tier und erst recht keinen Menschen, wie wir bald sehen werden. Wenn die Leiterin der auf Wiebkes Hof untergebrachten Polizeireiterstaffel ein Pferd wegen dessen Nervosität aussortieren will, legt Wiebke ein paar zusätzliche Übungsstunden ein, um es an Schüsse und Feuer zu gewöhnen.

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Nur kommt bei Regisseurin Gebbe noch ein ganz anderes Genre ins Spiel: der Horrorfilm. Erinnerungen an Genreklassiker wie “Rosemaries Baby” (1968) oder auch “Der Exorzist” (1973) werden durchaus wach.

Wiebke wird bald an die Grenzen ihrer Kraft gebracht. Sie adoptiert ein zweites Kind, eines hat sie schon: die verständige Nikolina (Adelia-Constance Ocleppo). Als Alleinerziehende muss sie nach Osteuropa reisen, wo die gesetzlichen Hürden weniger hoch sind.

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Eine Pelikanmutter hackt sich das Herz auf

Ein bisschen zu demonstrativ wird Wiebke in dem bulgarischen Waisenhaus auf das titelgebende Pelikanmotiv an der Wand gestoßen. Es handelt sich um eine Sage, bekannt aus der christlichen Ikonografie, wonach eine Pelikanmutter sich das eigene Herz aufpickt, um ihren toten Nachwuchs ins Leben zurückzuholen. Eine ähnlich aufopferungsvolle Mutter wird auch Wiebke sein.

Denn bald stellt sich heraus, dass die anfangs so süße Raya (Katerina Lipovska) unter einem fürchterlichen Trauma leidet. Die Folge: Die Fünfjährige ist empathieunfähig, gewissermaßen gefühlstot.

Raya schmiert das Bad mit Kot voll, spießt Tiere auf und zwingt Kinder zu Doktorspielen. Bei den anderen Müttern in der Tagesgruppe ist sie schnell verhasst, kein anderes Kind will mehr mit ihr spielen. Und Raya legt auch Feuer. Wiebkes Angst um ihre neunjährige Tochter Nikolina und den Hof wächst – genau wie die des Zuschauers.

Die Sache wird unheimlich

Gebbe schürt diese Angst nach Kräften. Langsam wird einem die Sache unheimlich – auch weil nachts Nebel wallen, der Wind um das einsame Gehöft pfeift und Pferde unvermittelt wiehern. Raya taucht wie ein Geist in der Dunkelheit auf.

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“Hast du auch Angst vor ihr?”, fragt Nikolina ihre Mutter. Als Wiebke nicht mehr weiterweiß, bringt sie erst einmal eine Lichtschranke vor Rayas Bett an. Aber das ist erst der Anfang.

Wer Gebbes Kinodebüt kennt, der weiß, dass diese Regisseurin keine Angst vor Extremen kennt: In “Tore tanzt” (2013) nahm es ein Jesus-Freak mit dem Hinhalten der anderen Backe so wörtlich, dass er sich von einer Schrebergartenfamilie zu Tode quälen ließ.

Hier zieht sich Wiebke von den Menschen zurück, um Raya mit unorthodoxen Mitteln zu retten – auch von ihrem Verehrer (Murathan Muslu) in der Polizeistaffel. Sie setzt ihre Existenz aufs Spiel.

Ja, es gibt die ein oder andere ärgerliche Szene: Wenn Reiter in Polizeistaffeln wirklich so blöd sind wie hier, sollten sie ihre Vierbeiner schleunigst im Tierheim abgeben und sich einen E-Roller zulegen. Aber solche Einwände wiegen wenig gegen die Qualitäten dieses Films, in dem auf billige Dämonen verzichtet wird. Der Grusel ist verwurzelt in unserer Wirklichkeit.

Zugleich ist “Pelikanblut” wieder einer dieser Filme mit unglaublichen Kinderdarstellern – erst im Vorjahr stand die damals elfjährige Helena Zengel in der Kinosensation “Systemsprenger” im Mittelpunkt. Auch da ging es um eine, wenn auch ganz anders geartete, Rettung eines Kindes.

Gebbe zwingt das Publikum aber auch, die Grenzen seines Mitgefühls auszutesten. Irgendwann ertappt man sich dabei, dass man sich wünscht, Wiebke möge Raya wieder abgeben, so wie es ihr die Therapeuten nahelegen.

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Und dann ist da noch das Ende, das die Regisseurin anbietet: Es dürfte die Gemüter spalten. Ist das hier etwa alles Hokuspokus? Und dann hängt ein Pferdekopf an einem Stecken im Wald.

“Pelikanblut”, Regie: Katrin Gebbe, Nina Hoss, Katerina Lipovska, 127 Minuten, FSK 16

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