Theater in London

Die längste „Mausefalle“ der Welt

Das Theater der Rekorde: Das St. Martin’s Theatre in London zeigt ununterbrochen Agatha Christies „Mausefalle“.

Das Theater der Rekorde: Das St. Martin’s Theatre in London zeigt ununterbrochen Agatha Christies „Mausefalle“.

London. Das Londoner St. Martin‘s Theatre ist ein Phänomen: Das altehrwürdige Haus im Londoner West End konkurriert zwar Abend für Abend mit rund einem Dutzend weiterer Häuser in der Umgebung ums Publikum – doch es scheint gerade durch eine Form von Minimalismus auf lange Sicht die Nase vorn zu haben: Seit dem 25. März 1974 zeigt das Theater ein und dasselbe Kriminalstück – Agatha Christies „Mausefalle“. Immer vor Publikum, meist sogar vor ausverkauftem Haus.

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Mehr noch: In den 21 Jahren zuvor, seit dem 25. November 1952, war das Stück bereits im benachbarten, etwas kleineren New Ambassadors Theatre zu sehen gewesen – aus Kapazitätsgründen zog es dann aber an seinen heutigen Ort um. Das Bühnenbild wechselte damals mit, und es wurde in der Ursprungsform bis 1999 genutzt.

Kein Theaterstück ist zu einem solchen Symbol des Londoner West End geworden wie Agatha Christies „Mousetrap“, ihre berühmte „Mausefalle“. Das populärste Stück der englischen Krimiautorin stellt mehr als 70 Jahre nach seiner ersten Aufführung an der Themse noch immer alle Konkurrenz in den Schatten. Es basiert auf Christies Hörspiel „Three Blind Mice“ („Drei blinde Mäuse“), das sie 1947 zu Ehren von Queen Mary, der Ehefrau des britischen Königs Georg V., schrieb.

Ein Muss für London-Reisende

Mit seinem Fünfzigerjahreflair, seiner nostalgischen Verwurzelung im Nachkriegsengland und seinem cleveren Whodunnit-Rätsel (Wer hat es getan?) hat sich die „Mausefalle“ bis heute als Favoritin nicht nur heimischer Besucher, sondern auch zahlloser Touristen aus aller Welt erwiesen. Ein Abend im St. Martin‘s Theatre ist für viele Reisende ein kultiviertes Muss, um einen London-Aufenthalt abzurunden.

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Das liegt unter anderem an der musealen Anmutung des Theaters selbst: Nicht nur sind Kostüme und Bühnenbild an die Zeit des Nachkriegsenglands angelehnt – das Gebäude aus dem Jahr 1916 strahlt bis heute jenen historischen Charme aus. Viele Zuschauerinnen und Zuschauer kommen nach dem Einkaufsbummel mit Plastiktüten in dieses Haus. Sie reisen passend mit einem der berühmten schwarzen Taxis an und bestellen vorab in der altertümlichen Bar im Obergeschoss ihren Drink, der pünktlich zur Pause zubereitet abgeholt werden kann. Viele Zuschauerinnen und Zuschauer haben das einzige Stück des Theaters schon mehrfach gesehen – denn die „Mausefalle“ gilt bei ihnen als Gesamterlebnis. Wen interessiert es da schon, wer am Ende der Mörder war.

Aber auch das ist eine Tradition bei diesem Stück: Am Ende jeder Aufführung fordern die Hauptakteure ihr Publikum von der Bühne aus auf, die Lösung nicht zu verraten. Selbst Medien haben sich in den 70 Jahren der Aufführungen an dieses Abkommen gehalten. In biografischen Texten ist zu lesen, dass der frühere Premierminister Winston Churchill den Täter bereits in der Pause erraten haben soll. Dass er das Stück gesehen hat, ist zumindest nicht weiter ungewöhnlich: Agatha Christie (1890–1976) galt schon zu Lebzeiten als Krimiikone in Großbritannien. Die weltweit verkaufte Auflage ihrer zahlreichen Bücher soll inzwischen mehr als zwei Milliarden betragen. Damit zählt Christie zu den erfolgreichsten Autorinnen und Autoren der Geschichte.

Die „Mausefalle“ ist das erfolgreichste Stück von Agatha Christie.

Die „Mausefalle“ ist das erfolgreichste Stück von Agatha Christie.

Das erfolgreiste Stück der Welt

Auch die „Mousetrap“ hält einen Rekord: Sie ist das mit Abstand erfolgreichste und langlebigste Theaterstück der Welt, mit inzwischen rund 29.000 Aufführungen. Pausieren musste es nur, wie der Rest des Londoner „Theaterlands“, wegen der Covid-Pandemie zwischen März 2020 und Mai 2021. Kaum war es erlaubt, öffnete das St. Martin‘s Theatre seine Türen wieder, mit größerem Publikumsandrang denn je.

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Und nun haben die Produzenten der Show sich etwas Besonderes ausgedacht fürs neue Jahr – sozusagen einen kühnen Sprung im hohen Alter. Erstmals soll „The Mousetrap“ in diesem Jahr außer im Londoner West End auch auf dem New Yorker Broadway zu sehen sein, das genaue Datum steht noch nicht fest. In einer Parallelproduktion zum britischen Original wird das Stück auch in den USA zum Zug kommen. Dagegen hatte Agatha Christie zu Lebzeiten – aus nie ganz geklärten Gründen – stets Einspruch erhoben. Vielleicht sorgte sie sich wegen des Akzents. Oder sie dachte, das Ganze passe nicht in die damals noch vielfach als „neue Welt“ angesehene Umgebung.

Christies Enkel Mathew Pritchard findet jedoch, dass man solche Vorbehalte heute getrost ignorieren dürfe. Pritchard – inzwischen immerhin auch 79 Jahre alt – war es gewesen, dem Christie als kleinem Jungen das Copyright zur „Mausefalle“ zum Geburtstagsgeschenk gemacht hatte – obwohl er sich damals viel sehnlicher ein Fahrrad gewünscht haben soll.

Ein Originalrequisit aus London für New York

Und tatsächlich hatte der „Mausefalle“-Erbe vor und nach Christies Tod auch nie mit Lizenzen gegeizt. Er hatte sie an Bühnen in Dutzenden von Ländern vergeben. Allein im kanadischen Toronto wurde das Stück 25 Jahre lang aufgeführt. Auch bis nach China und Kuala Lumpur drangen Sergeant Trotter und die anderen „Mousetrap“-Akteure vor.

Nur eben die USA blieben ausgespart. Dies aber soll sich jetzt ändern. Und gleichsam als Zeichen der Entschuldigung für das lange Zögern hat man sich bereit erklärt, das einzige aus dem Originalset von 1952 erhaltene Requisit – die legendäre Uhr auf dem Kaminsims – an die Amerikaner auszuleihen. Ein bisschen soll man auch am Broadway fühlen, dass man in der „alten Heimat“ zu Hause ist.

Ansonsten läuft in Londons St. Martin‘s Theatre alles weiter wie bisher. Der Vorhang öffnet sich jeden Abend neu vor der immer selben Szenerie, für die Aufdeckung der immer selben Geheimnisse – unabhängig davon, was in New York geschieht. Denn ohne „Mausefalle“ wäre das Leben an der Themse nicht, was es ist. Und warum, fragt Christie-Enkel Pritchard, solle das Stück in London nicht noch mal 70 Jahre halten? Und er liefert die Antwort gleich mit: „Schließlich ist es ein fester Bestandteil des West End.“

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