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Neues Green-Day-Album: Einen Fuß im Punk, einen Fuß im Pop

  • Green Day kritisieren auf „Father of All Motherfuckers“ Kommerzrocker.
  • Auf ihrem rauen neuen Album haben sie aber selbst ein paar hitverdächtige Lieder.
  • Die politische Seite des kalifornischen Punkrocktrios bleibt diesmal aber unbetont.
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Hannover. Der Song heißt „Oh Yeah“, die Botschaft aber ist ein ganz klares „Oh, Nein!“. Man sieht im Video Leute mit ihren Handys in einem fort Trugbilder von sich erschaffen, während sie ihr wahres Selbst vertuschen. Jeder kennt diese Auf-Klick-Lächler, die sich in Pose setzen, und nach der Selfieversendung den Bestätigung heischenden Blick immer auf ihren Smartphone-Screen gerichtet halten, während sie am wirklichen Leben nur noch peripher teilhaben.

Billie Joe Armstrong von der kalifornischen Band Green Day besingt diesen viralen Jahrmarkt der Eitelkeiten, reimt „Everybody is a star“ (Jeder ist ein Star) auf „everybody got a scar“ (Jeder hat eine Narbe) und wird im Video um ein Haar von einem Youtube-schauenden Fan überfahren, der dann sofort und ohne „Sorry“ zum Fotoshooting mit ihm übergeht.

Zur musikalischen Kritik an dieser besonderen Art von Wirklichkeitsflucht haben Green Day zum ersten Mal in ihrer Karriere ein Sample verwendet. Das titelgebende „Oh Yeah“ stammt von Joan Jetts Version des Glamrockhits „Do You Wanna Touch Me“ – im Original ein Gary-Glitter-Song von 1973. Die Musik ist fröhlicher, hochmelodischer Punkpop, wie man ihn von den Urvätern des amerikanischen Punkrevivals der Neunzigerjahre seit ihrem Millionenseller „American Idiot“ (2005) gewohnt ist.

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Texte kaum politisch

Man kann dazu zwar nicht allzu rabiat Pogo tanzen, dafür ist das Mitsingstück beim ersten Hören im Kopf verankert. Die Inhalte des Albums sind diesmal kaum politisch. Einen Song über Trump habe er nicht raushauen wollen, verriet Armstrong im Dezember dem Rockmagazin „Kerrang“. Aus gutem Grund: „Trump verursacht bei mir Durchfall, wissen Sie?“

Andere Songs von Green Days neuem, am Freitag, 7. Februar, erscheinenden Album „Father of All Motherfuckers“, dem Nachfolger des 2016 erschienenen „Revolution Radio“, sind basispunkiger. Das Trio aus Armstrong (Gesang, Gitarre), Mike Dirnt (Bass) und Tré Cool (Schlagzeug), alle 47 Jahre alt, hat für das Album „Father of All Motherfuckers“ den Garagensound von einst wiederentdeckt.

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Die Eishockeyhymne „Fire, Ready, Aim“ ist eine rüpelige Punknummer, die nach knapp zwei Minuten mittendrin abreißt. Gleiches gilt für „Take the Money And Crawl“ So war Punk, als das Genre noch jung war und Ramones und Sex Pistols den Planten Pop in Drehung hielten. Überhaupt hat dieses Album mit seinen 26 Minuten (zehn Songs) eine Kürze, wie sie in den frühen Sechzigerjahren Vinylalben von Bands wie Wayne Fontana & the Mindbenders oder Swinging Blue Jeans hatten. Selbst Green Days Debüt „39/Smooth“ von 1990 war um fünf Minuten länger.

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Geld fließt an Kinderschutzorganisationen

Der Titelsong „Father of Alll …” enthält einen Seitenhieb auf die eigene Branche. Die Kalifornier mokieren sich über all die Pseudorockbands, „die bloß noch den Wohlfühlsong des Jahres liefern wollen“. „Rock hat seine Eier verloren“, sagt Armstrong. Entsprechend spielen Green Day im Video in Goldlamé-Anzügen das Lied vom Rock-’n’-Roll-Ausverkauf. „Ich hab Paranoia, Baby“, singt Armstrong, „alle sind so hysterisch.“ Da ist denn doch Politik im Nebensatz, eine Zeile über das Lebensgefühl im Trump-Amerika von 2020.

Schaut man dann auf Lieder wie „Meet Me on the Roof“ mit seinen Motown-Soul-Reminiszenzen, auf die Rockabilly-Hommage „Stab You in The Heart“ (klingt wie ein punkiges Brüderchen des Klassikers „Hippy Hippy Shake“ von Chan Romero) oder eben auf die neue Single „Oh Yeah“, dann erscheinen uns die von Butch Walker (Fall Out Boy) äußerst druckvoll produzierten Jungs aus Oakland zumindest songweise als Heuchler, die es ebenfalls ganz klar auf Hits anlegen.

Vor allem die eingangs erwähnte ohrgängige Leihnahme bei Gary Glitter dürfte ihnen ein Stück vom 2020er-Kuchen bescheren. Das sie aber prompt weiterzureichen gedenken. Man wolle alle Tantiemen für den Song an die unter anderem im Kinderschutz tätigen Organisationen The Rape, Abuse & Incest National Network (RAINN) und die International Justice Mission überweisen. Schließlich war Gary Glitter 2015 wegen fortgesetzten Missbrauchs Minderjähriger zu 16 Jahren Haft verurteilt worden. Der Mann sei, so Armstrong, „ein totales Arschloch“. Dazu lässt sich nur eins anfügen: „Oh Yeah!“

Green Day: „Father of All Motherfuckers” (Reprise) erscheint am 7. Februar

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Green Day live: Am 3. Juni spielen Green Day zusammen mit Weezer ein Konzert in der Berliner Wuhlheide, wenige Tage später treten die Kalifornier bei Rock am Ring / Rock im Park auf (05.-07.06.).

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