Neues Album von The Notwist: Das Leben ist zerbrechlich

  • Alles kann zu Musik werden bei den deutschen Indiehelden The Notwist.
  • Das neue Album der Band ist in Zeiten des Abstandhaltens entstanden.
  • Und ein wunderbares Plädoyer dafür, die Angst vor allem Fremden zu überwinden und aufeinander zuzugehen.
|
Anzeige
Anzeige

„Ist es Angst, die mich dazu bringt, so zu handeln? Ist es Angst?“, fragte Markus Acher gleich im ersten Song des ersten Albums seiner Band The Notwist. Damals, vor gut 30 Jahren, prügelte die Gruppe ihre noch schlichten Songs geradezu ins Neunzigerjahrepublikum. „Is It Fear?“ klang, als würden melancholische Punks Metallica covern.

Schon bald begann ein Prozess stetiger Neujustierung, der bis heute anhält. Ihre Offenheit bringt den auf Englisch singenden Deutschen seit „Neon Golden“ von 2002, ihrem großen Wurf, auch international Bewunderung ein. Mit diesem Album vollendeten die Musiker aus Weilheim in Oberbayern ihre Verwandlung zu einer Band der Vielfalt.

Als Soundtrack zur Pandemie soll die Platte nicht verstanden werden

Anzeige

Seitdem kombinieren sie auf schillernde Art und Weise Pop und Elektronik, „Insektengeräusche“, wie sie manche ihrer Sounds in der Dokumentation „On/Off The Record“ nennen. Dort sieht man, wie sie ihre Einfälle zu Songs zusammenfügen, die sperrig und schön zugleich sind, wie sie ausprobieren und puzzeln. Man sieht auch die Geduld, die das braucht, und ihren Perfektionismus. Falls sie jemals Angst vor Veränderung verspürt haben sollten: Sie ließen sich nicht beirren, hielten mit noch mehr musikalischem Mut dagegen.

Die Aufnahmen von „Vertigo Days“, ihrem ersten Album seit sieben Jahren, wurden durch die covid-19-bedingte Isolation geprägt, die Zeit des ersten Lockdowns, in der das Surreale real wurde, wie Acher sagt. Als Soundtrack zur Pandemie will er die Platte trotzdem nicht verstanden wissen. Die Band hat schon vorher immer wieder über Einsamkeit gesungen, über Menschen, die sich verlassen und verloren vorkommen – „von einem falschen Ort zum nächsten, das ist der Traum, den ich gekauft habe“, wie sie es auf ihrem vorigen Album formulierten.

Anzeige

The Notwist erinnern in ihrer Experimentierfreude an die Beatles, die ab Mitte der Sechzigerjahre mehr und mehr Zeit darauf verwendeten, mit Klängen und Stilen zu spielen. Acher wirkt nicht minder grüblerisch als Thom Yorke von Radiohead und Jeff Tweedy von Wilco, zwei andere große Regensänger seiner Generation. Die Stimme des 53-Jährigen klingt eigenartig jung, als wohne ihr die Sehnsucht nach dem Weihnachten der Kindheit inne, obwohl er doch weiß, dass diese ganz bestimmte Unbeschwertheit niemals wiederkommen wird.

Für das Interview treffen wir uns in einer Telefonkonferenz. Mit dabei sind auch die beiden anderen Bandmitglieder, Micha Acher, der vier Jahre jüngere Bruder von Markus, und Cico Beck (36).

Anzeige

Im Song „Exit Strategy to Myself“ schreit der Synthesizer. „Automatisch ganz allein“, singt Acher. „Ich weiß nicht, wohin ich gehen soll. Ich gehe nur mit mir selbst.“ Das Lied beschreibt den Wirklichkeitsschock, den viele erlitten, als es plötzlich kaum noch oder gar keine sozialen Kontakte mehr gab, keine Ablenkung, keine andere Möglichkeit, als mit sich allein zu sein.

In „Sans Soleil“ geht eine Melodika auf wie ein magischer Mond vor dunklem Hintergrund. „Kein Weglaufen mehr von jetzt an“, singt Acher. Weil es sowieso keinen anderen Ort gibt, an den man sich flüchten könnte? Ja, sagt er. Auch wer bisher nicht besonders spirituell oder selbst analytisch gewesen war, habe sich im März auf einmal große Fragen gestellt: Was macht mich und mein Leben aus? Was ist mir wichtig? Auf was kann ich verzichten? „Man merkt, man entkommt sich so oder so nicht.“

Das Virus hat mancher Illusion, die man sich gemacht hat, die Maske heruntergerissen. Die bittere, gern verdrängte Wahrheit: Es wird nicht immer alles gut. Das Leben ist zerbrechlich. „Es kann sich von einen Tag auf den anderen ändern“, sagt Acher. Die Brüder fanden Wege, trotz Abstandsregeln aufzutreten, und spielten mit ihrem Nebenprojekt Hochzeitskapelle auf Hinterhöfen für Leute auf Balkonen. „Vertigo Days“ aufzunehmen, sei ihnen wie eine Therapie vorgekommen.

The Notwist haben die Independentidee der Achtzigerjahre verinnerlicht. „Die Unabhängigkeit ist uns natürlich immer noch wichtig“, sagt Acher. „Bisher mussten wir keine großen Kompromisse eingehen.“ Ihre jüngsten drei Alben schafften es trotzdem in die deutschen Top Ten, was ihnen wenig zu bedeuten scheint. „In den Charts zu sein, das ist ein abstrakter Zustand“, erklärte der Sänger in einem früheren Interview. „Die Charts sind ja kein Zimmer, in dem lauter coole Leute stehen und sich die Hände schütteln.“

Anzeige

The Notwist haben eine ganz eigene Welt erschaffen. In ihr gilt kreative Freiheit. „Lasst uns einfach die Wirklichkeit imitieren, bis wir eine bessere finden“, heißt es in ihrem Lied „Good Lies“ von 2008. Mit ihrem Plattenlabel Alien Transistor und ihrer Festivalreihe Alien Disko fördern sie Bands jenseits des Mainstreams, vor allem aus Japan. Dieses Notwist-Netzwerk erleichtert die gegenseitige Inspiration. Alles scheint hier möglich. So singt auf dem neuen Album eine Japanerin auf Japanisch. „Ich möchte dich treffen. Hoffentlich geht es dir gut“, seufzt Saya von der Band Tenniscoats aus Tokio in dem Lied „Ship“.

Saya ist nur eine von mehreren Gastmusikern. In „Oh Sweet Fire“ stellt sich der amerikanische Multiinstrumentalist Ben LaMar Gay zwei Liebende vor, Hand in Hand inmitten eines Aufstands. Black Lives Matter hat ihn zu dem Song inspiriert. „Ich marschiere mit meiner Liebe. Wir singen, und wir brüllen“, heißt es in dem Stück. „Oh süßes Feuer, in ihrer Handinnenfläche spüre ich das Verlangen, den Mächtigen klarzumachen, dass wahre Gleichberechtigung überfällig ist.“

Die Band will durch ihre Zusammenarbeit mit Künstlern aus anderen Teilen der Welt ein Zeichen setzen gegen „das Zumachen, die nationalistische Stimmung“, wie Acher sagt. „Es ist uns wichtig, dass man sich nicht isoliert, sondern öffnet und aufeinander zugeht.“

Anzeige

Woher kommt seine Neugier, diese Lust am Ausprobieren? „Das ist schwierig nachzuvollziehen“, antwortet er. „Mich haben auf jeden Fall schon früh immer eher die ungewöhnlicheren Musiker und Künstler interessiert, wie die Dadaisten zum Beispiel.“ Als wichtigen Einfluss nennt er den Film „Step Across the Border“ über den britischen Experimentalmusiker Fred Frith, „durch den ich verstanden habe, wie alles zu Musik werden kann“. Besonders die Begegnung mit japanischen Musikern wie den Tenniscoats habe seiner Band neue Ideen und neue Energie gebracht.

Ein japanischer Sampler, „Songs for Nao“ von 2004, hat ihn besonders fasziniert. „Ich hatte noch nie zuvor Musik wie diese gehört, sehr intim, aber gleichzeitig melodisch und experimentell“, schreibt er auf der Website des Notwist-Labels Morr Music. „Es klang nach Freiheit, frei von Erwartungen, frei von der Angst zu versagen, und niemals Angst vor Schönheit. Sie machen einfach, was ihnen gefällt, und manchmal klingt es wie die Beatles und Albert Ayler (amerikanischer Jazzsaxofonist, Wegbereiter des Free Jazz, Anm. d. Red.) zugleich. Schön und wild.“

2020 hat Acher selbst einen Japan-Sampler zusammengestellt. „Minna Miteru“ versammelt 27 obskure, schwer auffindbare Lieder. Mit den Tenniscoats spielen er und Beck in der Band Spirit Fest sogar zusammen.

„Mit dem Alter kommt auch eine angenehme Respektlosigkeit“

Nicht wenige Menschen im nostalgiefähigen Alter greifen gern auf Altbewährtes zurück, auf etwas Gutes von früher, das Zeiten und Moden überlebt hat. Hat sich Achers Experimentierfreude im Laufe der Jahre verändert? Wie offen ist er mit 53? „Das hat sich auf jeden Fall sehr gesteigert. Wir haben keine Angst mehr, neue Sachen auszuprobieren. Mit dem Alter kommt auch eine angenehme Respektlosigkeit“, sagt der Sänger. „Technik und das Beherrschen irgendwelcher Standards ist nicht wichtig, sondern die Idee. Limitierungen helfen oft, das Wesentliche von dem Stück besser zu hören, und Fehler bringen einen woanders hin.“

„Into Love“, das zweite Stück des neuen Albums, greift die Band am Ende noch mal auf. „Jetzt, wo du weißt, dass die Sterne nicht fest sind ... und der Himmel auf uns fallen kann, jetzt, wo du weißt, wie sehr es schmerzt, es wird dich nicht davor bewahren, dich wieder zu verlieben. Sieh, wie der Regen nach oben fällt!“ Die Zeilen, die Acher vor Corona geschrieben hatte, drücken Zuversicht aus. Sie bedeuten: Wenn etwas Schreckliches wie ein Krankheit und Tod bringendes Virus plötzlich die Welt überfallen kann, wenn das eigentlich Undenkbare jederzeit möglich ist, dann gilt das genauso für die Liebe. Ein Gedanke, der sehr tröstlich ist.

  • Laden Sie jetzt die RND-App herunter, aktivieren Sie Updates und wir benachrichtigen Sie laufend bei neuen Entwicklungen.

    Hier herunterladen