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Neues Album: Jasmin Tabatabai verrät, warum es “Jagd auf Rehe” heißt

  • Bekannt geworden ist sie mit dem Film “Bandits”. Heute spielt Jasmin Tabatabai unter anderem die Kommissarin Mina Amiri.
  • Aber die Deutsch-Iranerin ist auch eine großartige Sängerin. Am Freitag erscheint ihr neues Album.
  • Im Interview spricht sie über Songs in vier Sprachen, ihren Wunsch, wieder in den Iran fahren zu können – und verrät, warum sie Reinhard Mey verehrt.
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Frau Tabatabai, die Bundesliga hat wieder begonnen. Hat Ihnen der Fußball gefehlt?

Ja und nein. Das Thema erscheint mir sehr weit weg von dem, mit dem man sich momentan tagtäglich beschäftigt. Ich finde es zwar gut, dass es weitergeht, aber ich würde noch nicht ins Stadion gehen. Doch das steht ja auch nicht zur Debatte.

Aber ist es nicht merkwürdig, dass der Fußball wieder läuft, doch Kolleginnen und Kollegen von Ihnen aus der Kultur nicht auftreten können?

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Ja, klar. Man sieht daran natürlich, dass Künstler keine besonders große Lobby haben. Genauso wenig übrigens wie Eltern.

Jasmin Tabatabai tritt auch vor kleinerem Publikum auf

Helge Schneider hat kürzlich gesagt, für ihn kommt es nicht infrage, ohne Publikum in einem Stream oder vor einem Publikum, das weit auseinander mit Sicherheitsabstand im Saal sitzt, aufzutreten. Wie ist das bei Ihnen?

Mir würde es nichts ausmachen, vor weniger Menschen zu spielen. Ich habe früher etwa mit meiner damaligen Band, den Cowgirls, auch Konzerte vor 30 Leuten oder so gegeben. Das erlebt man als unbekannter Künstler ja oft, und man gibt trotzdem sein Bestes. Und ich bin ja Filmschauspielerin, da hast du nie Publikum, da spielst du nur für die Kamera und für die Regisseurin. Bei Helge Schneider wäre es natürlich schade, wenn wir ihn nicht mehr live sehen, er ist ein toller Künstler.

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Ihr neues Album vereint sehr unterschiedliche Stile. Sie singen auf Englisch, Deutsch, Persisch und Französisch. Mögen Sie das Leben in mehreren Welten?

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Die Songs kommen aus verschiedenen Richtungen, das stimmt. Aber ansonsten geht ja schon ein roter Faden durch das Album. Es ist ja nicht so, dass wir in dem einen Song etwas Elektronisches und in dem anderen etwas ganz anderes gemacht haben. Der rote Faden, das sind die Musiker, mit denen ich auch schon die vergangenen beiden Alben aufgenommen habe, und meine Stimme. Wir haben einfach Songs gesucht, die zu mir passen und die ich singen kann. Da haben wir uns keine Beschränkungen auferlegt und gesagt, es muss alles von Cole Porter kommen oder ein Konzeptalbum sein.

Und wie ist es mit den vier Sprachen?

Die sind kein Selbstzweck, sondern die vier Sprachen, die ich spreche. Mit Deutsch und Persisch bin ich aufgewachsen, Englisch spreche ich ziemlich gut, weil ich mal mit einem Amerikaner verheiratet war, und Französisch beherrsche ich auch noch.

Das neue Album heißt “Jagd auf Rehe”. Das ist die Übersetzung des unglaublich schönen persischen Liedes “Shekare Ahoo”, das dort auch zu hören ist. Wer macht denn da Jagd auf Rehe?

Das ist wie vieles im Iran und in der persischen Kultur unausgesprochen. Es bleibt mysteriös. Dazu kommt, dass in der persischen Sprache kein Geschlecht existiert, man weiß also noch nicht einmal, ob ein Mann oder eine Frau besungen wird, der oder die da Jagd auf Rehe macht. Genauso offen ist, was das in dem Lied alles letztlich bedeutet. Man ahnt, dass jemand durch den Blick des oder der Geliebten verletzt wurde und deswegen davon spricht, ins Gebirge zu gehen und Rehe zu jagen. Aber ob das wirklich Rehe sind, auch das bleibt mysteriös. Ich mag dieses Unausgesprochene in der persischen Kultur sehr gern. Es lässt viel Platz für Interpretationen.

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Marcel Reich-Ranicki hat die deutsche Literatur mal als portatives, als tragbares Vaterland bezeichnet. Ist das persische Musik für Sie auch?

Jede Musik, egal ob persische, deutsche oder eine andere öffnet Türen in dir, wenn du einen Bezug dazu hast. Die persische Musik ruft mit Sicherheit Emotionen in mir hervor wie Sehnsucht nach dem Land und den Menschen – ich war ja schon sehr lange nicht mehr dort. Damit sind Emotionen verbunden, die sich dann hoffentlich über meine Stimme übertragen.

Wie ist das bei deutschen Songs?

Im Deutschen fühle ich mich auch sehr zu Hause, weil es ebenfalls meine Sprache ist. Ich liebe diesen Wortwitz etwa eines Reinhard Mey, aber auch die Cole-Porter-Übersetzungen, die Hildegard Knef so toll interpretiert hat. Und dann gibt es noch Menschen wie Sebastian 23, der aus der Poetry-Slam-Szene kommt, und von dem ich das Lied “Zeit für Lyrik” singe. Sebastian 23 hat für mich einen Esprit, wie ich ihn sonst nur in 20er- und 30er-Jahre-Chansons spüre.

Sie waren seit 1987 nicht mehr im Iran, Sie dürfen seit vielen Jahren nicht. Haben Sie Hoffnung, noch mal in das Land Ihrer Geburt fahren zu können, oder ist das gar nicht mehr wichtig für Sie?

Oh mein Gott, das wäre natürlich total wichtig, es wäre ein Traum von mir. Ich sehne mich danach, wieder in das Land zu fahren und es meinen Kindern, meinem Mann zu zeigen. Habe ich Hoffnung? Ja, schon. Aber ich sehe im Moment gerade keine Veränderung in dem Land. Den Menschen geht es nicht gut. Im November gab es ja mal wieder einen Aufruhr, der wurde brutal niedergeschlagen. Die Menschen leiden enorm unter den Sanktionen, das weiß ich. Und zum anderen hat die Pandemie mit voller Härte und Brutalität zugeschlagen. Ich weiß von alten Menschen, die aus Angst seit drei Monaten nicht mehr die Wohnung verlassen haben.

Sie singen auf “Jagd auf Rehe” wie schon auf den beiden Alben zuvor wieder ein Lied von Reinhard Mey – als Hommage an ihn. Was schätzen Sie an ihm?

Ich finde, Reinhard Mey ist einer der großartigsten Liedermacher, die wir in Deutschland haben. Er hat so eine unglaubliche Bandbreite. Er singt die traurigsten, sehr persönliche Balladen, bei denen man weinen muss. Und dann kommt wieder etwas so Witziges und Heiteres wie “Männer im Baumarkt”, das ich auf dem Album singe. Was für eine brillante Idee, dieses Lied! Reinhard Mey hat die wunderbare Eigenheit, menschliche Eigenschaften gnadenlos zu beleuchten. Aber er verliert nie den liebenden Blick, und er erhebt sich nicht über seine Mitmenschen. Ich verehre ihn sehr.

Schauspieler erzählen gern Geschichten – auch in Liedern

Es fällt auf, dass Sie Songs und Chansons gern singen, die Geschichten erzählen. Reinhard Mey ist ein Beispiel, aber auch “Mein Mann ist verhindert”, ein Cole-Porter-Song.

Ich sage immer in einer Mischung aus Trotz und Stolz, dass ich singende Schauspielerin bin. Das Geschichtenerzählen ist das, was wir Schauspieler wahnsinnig gern machen, was wir auch ganz gut können. Und wir können halt auch eine Geschichte mit Musik, in einem Lied erzählen.

Woher kommt das?

Weil wir so geschult sind. Es liegt in der Natur des Berufs: Du nimmst einen fremden Text, durchdringst ihn und machst ihn dir zu eigen. Dann versuchst du, den Text emotional so anzureichern, dass er das Publikum erreicht. Und das sind natürlich tolle Voraussetzungen, um Chansons zu singen – Lieder, bei denen nicht nur die Musik, sondern auch der Text im Vordergrund steht. Es ist sicherlich kein Zufall, dass jemand wie die Knef oder Judy Garland – ohne irgendwelche Vergleiche zu ziehen – auch zugleich Schauspielerinnen und Sängerinnen waren.

Sie haben auf “Jagd auf Rehe” die Beatles gecovert und dann auch noch mit ihrem Überhit “Hey Jude”. Das ist ja immer auch eine Gefahr, sich einen solchen Song vorzunehmen.

Mag sein. Aber das ist ja eine alte Frage in der Musik: Was ist erlaubt? Grundsätzlich: Im Jazz darf man alles. Ich habe im Jazz noch nie gehört, dass jemand fragt: Darf man das covern? Jeder spielt alles. In der Popszene habe ich solche Fragen viel öfter vernommen. Und wenn es verboten ist, macht es mir ehrlich gesagt mehr Spaß, die Sachen zu machen, die man nicht darf.

Sie haben fast 25 Jahre nach dem Riesenerfolgsfilm “Bandits” jetzt wieder einen Film mit der Regisseurin Katja von Garnier und Ihren beiden Kolleginnen Nicolette Krebitz und Katja Riemann gedreht. Worum geht es in dem Film?

Zunächst einmal: Das ist nicht “Bandits 2”, auch wenn wir alle wieder mitspielen, sondern ein vollkommen eigenständiger Film. “Fly” ist ein Tanzfilm, der erste deutsche “Urban Dance”-Film überhaupt. Die Story wurde von Paula Riemann entwickelt, der Tochter von Katja. Und unsere Regisseurin Katja von Garnier wollte schon immer mal einen Tanzfilm machen. So sind es viele Kreise, die sich schließen. Der Film wurde mit sehr, sehr guten, unglaublichen Tänzern gedreht. Ich stand immer am Set und konnte nicht fassen, was die mit ihren Körpern machen.

Die Schauspielerinnen Katja Riemann, Nicolette Krebitz, Svenja Jung und Jasmin Tabatabai (v. l.) während der Dreharbeiten zum Film “Fly”. © Quelle: Annette Riedl/dpa

Wen spielen Sie?

Ich spiele die Tanzlehrerin, die nicht mehr tanzt und sich nun in einem sozialen Projekt schwieriger Jugendlicher annimmt. Diese Jugendlichen retten sich dann durch den Tanz selbst. Svenja Jung, eine tolle junge Schauspielerin, die in ihrem Leben schon viel getanzt hat, spielt eine der Hauptrollen.

Wie war das Drehen mit Ihren Kolleginnen aus “Bandits”, war das so eine Art Klassentreffen?

Nein, das war es sicherlich nicht. Wir spielen alle mit, aber wir sind uns bei den Dreharbeiten nicht ständig über den Weg gelaufen. Aber wir stehen ja sowieso in Kontakt miteinander, es ist nicht so, dass ich zum Beispiel Katja von Garnier seit 25 Jahren nicht gesehen habe, sie ist die Patentante meiner Tochter. Unsere Familien fahren zusammen in den Urlaub, wir sind wirklich gut befreundet.

Auf der Schauspielschule hat Ihnen ein Lehrer gesagt, mit Ihrem Aussehen und Ihrem Namen werden Sie keine große Chance auf Rollen in Deutschland haben …

… auf eine Karriere, ja. Wissen Sie, das war gar nicht böse gemeint. Es entsprach damals ja den Umständen. Das war Ende der Achtzigerjahre. Da gab es außer Renan Demirkan so gut wie keine Schauspieler mit Migrationshintergrund, die in deutschen Filmen oder im Fernsehen spielten. Ich war natürlich wahnsinnig glücklich, dass sich in den Neunzigern die Filmindustrie gerade öffnete, und man damals sagte: Hey, bei Jasmin interessiert uns gar nicht, woher sie kommt. Und ich freue mich natürlich, dass mir jüngere Schauspielerinnen und Schauspieler mit Migrationshintergrund im Gespräch sagen, dass ich eine Türöffnerin für sie war.

Das Alter ist eine Barriere für Schauspielerinnen

Also hat sich die Lage verbessert?

Ja, aber es ist natürlich immer noch so, dass das Fernsehen die Realität nicht abbildet. Es gibt immer noch viel zu wenige Leute mit Migrationshintergrund, die Rollen bekommen. Es gibt auch viel zu wenige Frauen. Deswegen unterstütze ich die Initiative Pro Quote, weil ich es zum Beispiel krass finde, dass in deutschen Filmen und im deutschen Fernsehen nur 20 Prozent der Frauen, die gezeigt werden, einen Beruf haben. Der Rest definiert sich über die Beziehung zum Mann. Die Frau ist Mutter von …, Frau von …, Geliebte von …, Schwester von … Und das sind Sachen, die wir natürlich ändern wollen.

Ist das Alter auch eine Barriere? Vor allem für Frauen?

Absolut. Jeder, der sagt, dass das nicht stimmt, hat keine Ahnung von der Realität. Es gibt ganz einfach Zahlen. Und schauen Sie dabei bitte nicht auf zwei, drei Ausnahmefrauen, die über 50 noch gut zu tun haben, zu denen ich glücklicherweise im Moment auch gehöre. Es ist ein Fakt, dass Rollen für Frauen nicht nur im deutschen Film ab dem Alter von 25 Jahren immer seltener werden, im Fernsehen ab 30. Sukzessive werden die Frauen weniger. Es existieren halt noch überall veraltete Strukturen und Denkweisen, die auch nicht von heute auf morgen verschwinden. Wenigstens reden wir heute darüber.

In der ZDF-Serie “Letzte Spur Berlin” spielen Sie seit neun Staffeln die Kommissarin Mina Amiri. Was macht den Erfolg dieser Serie aus?

Was ich höre, ist, dass die Zuschauer uns als Team mögen. Wir hacken nicht ständig aufeinander herum und sind nicht so neurotisch. Sicherlich spielt auch eine wichtige Rolle, dass es keine Mordkrimis sind, sondern eine andere Art von Krimi. Es geht um Verschwundene, und dann gibt es auch mal ein Happy End. Das mögen die Leute.

Sehen wir Sie auch mal als “Tatort”-Kommissarin?

Man soll nichts ausschließen. Aber ich bin gerade wirklich glücklich und zufrieden mit der “Letzten Spur”.

Die singende Schauspielerin

Wie wandelbar Jasmin Tabatabai ist, wissen wir aus zahllosen Kino- und Fernsehrollen. Der Durchbruch gelang der 1967 in Teheran geborenen Tochter eines Iraners und einer Deutschen 1997 in Katja von Garniers Film “Bandits”, in dem sie mit ihren Schauspielkolleginnen Nicolette Krebitz und Katja Riemann vor der Kamera stand. Seitdem spielte sie unter anderem in Filmen wie “Late Show”, “Die Unberührbare” und “Gripsholm”. Seit 2012 verkörpert sie die Kriminalhauptkommissarin Mina Amiri in der ZDF-Fernsehserie “Letzte Spur Berlin”.

Jasmin Tabatabai ist aber darüber hinaus auch eine großartige Sängern. Seit Freitag ist ihr neues Album “Jagd auf Rehe” auf dem Markt. Darauf singt sie unter anderem Songs von Cole Porter, Reinhard Mey, den Beatles und Hildegard Knef, aber auch einen eigenen Song und ein wunderschönes persisches Volkslied. Es ist bereits das dritte Album, das sie in Zusammenarbeit mit dem Schweizer Musiker und Komponisten David Klein aufgenommen hat.

Erscheint am Freitag: Jasmin Tabatabais Album “Jagd auf Rehe”. © Quelle: Jadavi Records/Galileo Music Com

Auch ihr neuer Kinofilm ist bereits im Kasten. In dem Tanzfilm “Fly” hat sie erneut mit Katja von Garnier sowie Nicolette Krebitz und Katja Riemann zusammengearbeitet. Der Film soll im Januar 2021 in die Kinos kommen. Jasmin Tabatabai ist Mutter von drei Kindern und seit 2007 mit dem Schauspieler Andreas Pietschmann liiert.

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