Tote lügen nicht: der relativ schmale Stephen-King-Roman „Später“

  • Jamie Conklin kann tote Menschen sehen und wenn er ihnen Fragen stellt, können sie ihn nicht anlügen.
  • In der Variante des „Sixth Sense“-Stoffs verwebt Stephen King in „Später“ (erscheint am 15. März) ein weiteres Mal geschickt den Coming-of-Age-Topos mit einer Horrorgeschichte.
  • Aus Liebe gerät der kindliche Held in Teufels Küche, denn nicht jeder Tote ist ein gleichmütiger Jenseitswanderer.
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Das Kind ist in Stephen King lebendig geblieben. Über all die Jahrzehnte hat der heute 73-Jährige Kinder zu Helden seiner Bücher gemacht. Das King-Kind war unschuldig und wehrhaft und wartete nicht darauf, vom Monster im Wandschrank geholt zu werden, sondern bekämpfte es als eine Art Ritus des Coming-of-Age. Es stellte sich den Wesen aus der Schattenzone entgegen, deren Präsenz in der Wahrnehmung der fantasieentfremdeten Erwachsenen seiner Romane nur noch verschwommen war.

Kinder sehen den Spuk, Erwachsene haben zu viel um die Ohren

Jack Torrance merkte in „Shining“ (1977) nicht, wie ihn die Geister des Overlook-Hotels übermannten. Die stets mit anderen Dingen beschäftigten Erwachsenen von Derry übersahen in „Es“ (1986) Pennywise, den Mordclown. Aber der kleine Danny Torrance entkam dem bösen Hotel und die Kinder um Mike Hanlon zeigten Pennywise, dem Wesen aus einer blasphemischen Parallelwelt, was Freundschaft vermag. Von „Feuerkind“ (1980) bis „Das Institut“ (2019) reicht Kings Panoptikum der tapferen, unbeugsamen Kinder.

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Und wenn ein Buch wie „Der Talisman“ (1984) mit dem Satz „Am 15. September 1981 stand ein Junge namens Jack Sawyer dort, wo Wasser und Land zusammenkommen …“ begann, war man sofort angefixt. King holte uns in die Welt der „Fünf Freunde“-Bücher Enid Blytons und von Alfred Hitchcocks „Drei ???“-Bänden. Nur, dass die Welt seiner abenteuernden Kinder und Jugendlichen so echt war wie die von Mark Twains Tom Sawyer und dabei doch voll des fantastischsten, gemeinsten Spuks, den man sich vorzustellen wagte.

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Der Held von Kings neuem Roman „Später“, einem vergleichsweise schmalen Bändchen von 300 Seiten, ist noch keine zehn Jahre alt, Sohn einer Literaturagentin. Wie der Gedankenleser Danny Torrance und die Pyrokinetikerin Charlene hat Jamie Conklin eine Gabe. Er kann, ähnlich wie der ein Jahr älter Cole in M. Night Shyamalans Durchbruchsfilm „The Sixth Sense“ (1999) tote Menschen sehen. Wobei dieses übersinnliche Talent hier noch ein paar konstruierte, spielerische Extrakniffe hat, wie der Ich-Erzähler ausführt.

Die Toten müssen Jamie wahrheitsgemäß antworten

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Die Zeit, die Jamie mit den Verstorbenen hat, ist begrenzt – auf eine Woche plusminus. Und die Toten können nicht anders, sie müssen auf seine Fragen wahrheitsgemäß antworten. Sie sind nicht furchterregend. Eher langweilig, nicht mehr interessiert am weltlichen Getriebe. Die tote Mrs Burkett etwa sagt Jamie eher beiläufig, dass sie erwarte, ihr gerade noch in tiefer Trauer versunkener Gatte, werde binnen sechs Wochen „Dolores Magowan zum Mittagessen ausführen“. Die Toten werden flüchtig, sie lösen sich auf, verschwinden.

Jamie Conklin ist ein widerwilliger Champ in seiner Disziplin wie es Johnny Smith war, der Held von „Dead Zone“ (1979), der in die Zukunft sehen und den schlimmsten Präsidenten der USA verhindern konnte. Und wie so viele Spezialkinder im King-Universum reizt er mit seiner Befähigung den Wolf im Menschen. Angst und Gier der Großen stehen in vielen von Kings „Kindergeschichten“ der Freiheit und Wohlfahrt der kleinen Helden und Heldinnen entgegen. Zunächst ist es Jamies Mutter Tia, die wegen horrender Arztrechnungen für sich und einen verunglückten Onkel an der Armutsgrenze steht, und ihren Sohn dazu benutzt, ihrem frisch verblichenen Star-Autor Regis Thomas den Inhalt seines letzten, noch unveröffentlichten Buchs zu entlocken.

Jamie wird auf einen monströsen Toten angesetzt

Die Detektivin Liz, eine alte Freundin Tias, die Wind von Jamies Verbindung zur Schattenwelt bekommt, nutzt den Jungen ruchlos für ihr berufliches Fortkommen aus und beschwört damit Gefahr herauf. Aus einer Familiengeschichte mit ein bisschen parapsychologischem Drumherum wird so ein Horroroman. Denn jemand Jenseitiges, den Jamie trifft, ist anders als die anderen Toten und etwas Böses erhebt sein mörderisches Haupt. Liz will, dass der Bombenleger Jamie verrät, wie sein angekündigter letzter postumer Coup aussieht.

In den USA wird der Roman in einer Pulp-Büchlein-Reihe namens „Hard Case Crime“ veröffentlicht, wo 2005 auch schon Kings noch schmalere Novelle „Colorado Kid“ erschien. Bei uns glänzt das Buch statt mit bewusster Billigoptik als ganz normales, geschmackvoll gestaltetes Hardcover im Regal. Schlank steht dem Autor gut. In der seltenen Kürze schreibt King ungewohnt straff, mit schönen Bildern – etwa dem des Bösen im Bösen, das, wenn es sich dem Helden zeigt, wie ein verkohlter Holzscheit ist, in dem unverhofft noch Feuer glimmt. Mühelos fügt sich der Autor in den Twen Jamie ein, der uns von seiner Kindheit erzählt. Und als könne er jedes Lebensalter in sich abrufen, ersteht auch das Kind Jamie ganz lebendig in unserem Kopf. Und dann verbindet er die Story noch mit seinem King-Universum, mit „Es“, der Geschichte vom Horrorclown und dem Club der Verlierer.

Zum klassischen Horror kommt bei King eine Welt, die sich echt anfühlt

Die liebe- und sorgenvolle Beziehung zu seiner Mutter erinnert an die von Jack und Lily Sawyer in „Der Talisman“. Immer wieder spürt man in „Später“ zwar den guten alten imaginären Knochenfinger im Nacken, der einem die Gänsehaut herauskitzelt, aber ebenso die Wärme echter Liebe, wenn der Held aus leeren Weinflaschen auf den Seelenzustand seiner Mutter schließt. Das Büchlein ist jedenfalls in der Reihe für hartgesottene Krimis fehl am Platz. In solchen Storys ist der Leser auf Distanz – meist sind alle, auch die auf der guten Seite stehen, unsympathisch und weit weg von der eigenen Erfahrungswelt.

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In „Später“ mag man die Protagonisten – wie meist bei King-Büchern. Und man bindet sich ein und befragt sich tagträumerisch selbst, wie man es im Lauf der Jahre bei Kings Büchern des Öfteren tat: Könnte man in fremder Leute Gedankenwelten hineinhorchen, was würde man tun? („Shining“). Gäbe es ein vom Teufel geführtes Geschäft in der Stadt, in dem man, nur für eine kleine zunächst nicht näher bezeichnete „Gegenleistung“ den Wunsch seines Lebens erfüllt bekäme, was würde man sich wünschen? („In einer kleinen Stadt“). Wüsste man von einem Friedhof, von dem man seine liebsten Toten zurückholen kann, was würde man tun? („Friedhof der Kuscheltiere“). Und natürlich ganz aktuell: Welchem Toten, der einen nicht anlügen könnte, würde man welche Frage stellen, die der im Leben nicht beantwortet hätte?

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Die Antwort? Später...

Stephen King – „Später“, übersetzt von Bernhard Kleinschmidt, Heyne-Verlag, 304 Seiten, 22 Euro

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