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  • Neuer Asterix-Band: Was begeistert uns eigentlich noch immer an der Antike?

Beim Teutates! Der neue „Asterix“ ist da

  • Im neuen „Asterix“ verschlägt es den kleinen Gallier mit seinem kräftigen Freund Obelix in den schneebedeckten Osten.
  • Dort suchen die Römer ein berühmtes Fabelwesen.
  • Was begeistert uns eigentlich noch immer an der Antike? Und finden sogar Klimaschützer etwas in alten Quellen?
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Hannover. Auf ihre Weise sind Asterix und Obelix ja mittlerweile so etwas wie Weltreisende. Bei den Briten waren sie schon und bei den Goten, im Morgenland und auf Kreuzfahrt, bei den Schweizern und auf Korsika. Nun zieht es sie in den Osten, ganz weit in den Osten, zu den sagenhaften Sarmaten.

Dieses Ziel im gerade erschienen „Asterix“-Band 39 hat Comicautor Jean-Yves Ferri bewusst gewählt: „Natürlich muss man erst einmal ein Land finden, wo die beiden noch nicht waren. Das Land der Sarmaten war noch nicht erkundet“, sagte er kürzlich in einem Interview. Aber vor allem weiß man fast nichts über die Sarmaten. „Das hat mir erlaubt, Volk und Land so ein bisschen zu erfinden. Ich konnte das frei gestalten.“

Viele Kommentare zur Gegenwart

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Bei aller freien Fantasie finden sich aber natürlich die beiden wichtigsten Zutaten der berühmten Comicserie auch im Band „Asterix und der Greif“ wieder: Zum einen sind das Bezüge zur klassischen Antike, zum anderen Kommentare zur Gegenwart.

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Zeitgenössische Politiker, Prominente und Ereignisse waren schon immer Bestandteil der (aus)gezeichneten gallischen Widerstandswelt und des Kampfes der unbeugsamen Dorfbewohner gegen die römische Fremdherrschaft. Asterix ist auch da mit der Zeit gegangen. Im Band 38 „Die Tochter des Vercingetorix“ tauchte ein junges Mädchen im Gallierdorf auf und wusch all den alten Herren den Kopf. Der Vergleich mit Greta Thunberg lag nahe. Gallier for Future sollen ein zukunftsträchtiges Modell sein.

Nun erscheint mit „Asterix und der Greif“ das erste Heft des kleinen, starken Galliers nach dem Ausbruch der Corona-Pandemie. Im vergangenen Jahr, als das Virus sich weltweit verbreitete, schauten viele ungläubig noch einmal zurück auf den 2017 erschienenen Band „Asterix in Italien“, in dem ein Schurke (zumindest im französischen Original) Coronavirus hieß. „Einige Leute dachten, das sei eine Vorahnung gewesen, dass ich das Coronavirus angeblich habe kommen sehen“, sagt nun Ferri. „Aber es ist absolut nicht so. Das Coronavirus ist ja eine Familie von Viren, die es schon vorher gegeben hat. Ich habe einfach aus einer Liste von Viren eines ausgewählt, das sich böse anhört, und es genommen.“

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Auch die Corona-Pandemie ist ein Thema

Im neuen Abenteuer wird die Pandemie zwar nicht vordergründig thematisiert, aber Ferri und sein zeichnender Partner Didier Conrad erinnern mit kleinen Andeutungen an die jüngste virale Vergangenheit. Asterix und Obelix tragen im gesamten Comic Halstücher (es ist schließlich kalt am östlichen Ende der Welt), aber diese Tücher erinnern unweigerlich an Masken, die man sich kurz mal aus dem Gesicht nach unten gezogen hat.

Wortspiele erinnern an die pandemischen Monate, etwa wenn Asterix zu Obelix sagt: „Übrigens, Obelix, als Emissär genießt man Immunität.“ Zudem sind auch römische Legionen nicht frei von Verschwörungstheoretikern: „Ich fand es schon immer verdächtig, dass die Sonne jeden Morgen im Osten aufgeht“, raunt ein grüngesichtiger Soldat mit dem wahrhaft sprechenden Namen Fakenius. Und er fragt: „Und wo hat die Sonne davor gesteckt, na? Das kann uns keiner erklären.“

Band 39 ist da: „Asterix und der Greif“. © Quelle: ---/Egmont Verlag/dpa

Gut, dass ab und an ein wenn auch zwielichtig wirkender Wissenschaftler, der unleugbare Ähnlichkeit mit dem französischen Schriftsteller Michel Houellebecq hat, die Situation wieder geraderückt: Die Erde ist eine Kugel. „Seit Pythagoras weiß das jeder.“

Es gibt immer etwas zu lernen

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Und ja, es stimmt, Pythagoras und seine Schüler gingen bereits im sechsten Jahrhundert vor Christus davon aus, dass die Erde rund ist. Wieder was dazugelernt bei Asterix.

Was nicht überrascht, denn von Beginn an waren die gallischen Geschichten gespickt mit historischen Zitaten, Fakten, Schlachtenbezügen und Details aus der Antike. Auch wenn die Ursprungsautoren Goscinny und Uderzo gern tiefstapelten, waren ihre Geschichten doch zumeist gut recherchiert. Ein Grund, warum ein Hochschullehrer wie Stefan Rebenich in seinem Unterricht auf Asterix und Obelix zurückgreift.

Viele Lehrer benutzten die Bände im Unterricht

„Ich habe die ‚Asterix‘-Bände, zumindest die frühen, teilweise auch in den akademischen Unterricht eingebaut“, sagt der Professor für Alte Geschichte und Rezeptionsgeschichte der Antike an der Universität Bern. „Mit ihnen kann man schon einiges vermitteln. Nicht nur Biografisches über Caesar, sondern auch übergreifende Zusammenhänge wie zum Beispiel die römische Provinzpolitik, soziale und politische Gegebenheiten in den Provinzen und in Rom, politische Konflikte und ökonomische Herausforderungen sowie kulturelle und religiöse Besonderheiten werden immer wieder thematisiert.“

Was sich in diesem neuen Band hingegen nur noch sehr wenig findet, sind lateinische Zitate. Ein kurzes „Omnia flumina Romam ducunt“ – Alle Flüsse führen nach Rom – viel mehr findet sich auf den 48 Seiten nicht. Das war im ersten Band „Asterix der Gallier“ 1961 noch ganz anders, da begegneten den Lesern gleich mehrere Lateinzitate auf der allerersten Seite.

Die Leser sind mehrheitlich männlich

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Mit „Asterix“ lernten in den Sechziger- und Siebzigerjahren Jungen und Mädchen (wobei „Asterix“-Leser bis heute mehrheitlich männlich sind) oft ihre ersten Lateinvokabeln und die ersten Sprüchlein, mit denen man der heimischen Kaffeetafel einen bildungsbürgerlichen Anstrich geben konnte. Gib mir mal bitte den Kaffee! „Illico! Stante pede!“ Das kam gut.

Es war damals die Zeit, in der Latein auch in Bundestagsreden und im Alltag gebildeter Menschen noch ganz normal dazugehörte. Helmut Schmidt bezog sich immer wieder auf den stoischen Kaiser Mark Aurel. Und von Carlo Schmid und Franz Josef Strauß ist ein Dialog überliefert, den sie im Hohen Haus auf Latein führten.

„Heute lernt man Latein zwar in Deutschland immer noch, aber in der Schweiz ist das Fach völlig marginal geworden. In anderen europäischen Ländern sieht es ähnlich aus“, sagt Stefan Rebenich. „Diese klassische Form der Ausbildung einer Elite, die in der Frühen Neuzeit aristokratisch, später bürgerlich war und die bestimmte Vorstellungen hatte, was an Bildungsinhalten zu vermitteln sei, die gibt es einfach nicht mehr.“ Normatives Wissen über die Vergangenheit, über Sprachen, über Literatur, über Kunst, das sei uns in vielen Bereichen abhandengekommen. „Das gilt natürlich auch für das Altertum.“

Die Antike funktioniert auf allen Kanälen

Dabei nimmt das Interesse an den alten Römern und Griechen nicht ab, es verlagert sich nur. Auf Youtube laufen zahllose Videos zum Thema, Computerspiele sind in antiken Welten angesiedelt, Kinofilme wie „300″ werden genauso gedreht wie Serien wie „Rom“ und „Spartacus“. Es gibt die unterschiedlichsten Kanäle, nicht mehr nur wie früher die klassische Monografie.

Dabei bleibt die Antike mit ihrer thematischen Vielfalt und gedanklichen Tiefe bis heute ein wichtiger Bezugspunkt. „Gerade in der griechischen Literatur, Philosophie, Geschichtsschreibung, aber auch der Kunst wurden grundlegende anthropologische Fragen und Zusammenhänge dargestellt und reflektiert“, sagt Rebenich, der in seinem neuen Buch „Die Deutschen und die Antike“ (Klett-Cotta, 496 Seiten, 38 Euro) das wechselhafte Verhältnis zwischen deutschen Wissenschaftlern und der Antike beleuchtet.

Bezugsrahmen für unsere Gegenwart

Ob für die Gegenwart mit ihrem Drang zu radikalen Veränderungen die Antike noch der wirksamste Bezugsrahmen ist, ob wir uns dort wiederfinden bei unserer Suche nach Gegenwartsverständnis und Zukunftslösungen oder ob wir diese nicht heute eher in entfernten Weltregionen wie China und im Silicon Valley finden, muss der Einzelfall entscheiden.

Doch eins bleibt in beiden Fällen relevant: Wilhelm von Humboldts berühmte Formel, man müsse das Eigene am Fremden verstehen. „Genau das steht auch am Anfang einer bürgerlichen Auseinandersetzung mit der Antike. Die Gewissheit, dass ich mich selbst immer nur im Spiegel des anderen erkennen und auch verstehen kann, das scheint mir ganz, ganz wichtig“, betont Rebenich die aktuelle Relevanz dieses Gedankens.

Am Steuer: Obelix spielt in „Asterix in Italien“ die Hauptrolle.

Auch junge Menschen, die vom Klimawandel geprägt sein werden und die wir vielleicht die Generation Greta nennen können, werden in der Antike Leitplanken für ihr zukünftiges Denken finden. Weniger im Eins-zu-eins-Vergleich als im übertragenen Sinne. „Aber was ich sehe, ist, dass die Fragen von Freiheit, Verantwortung und auch einem eigenbestimmten Leben unter der ökologischen Krise, in der wir uns befinden, eine ganz neue Dimension bekommen“, sagt Rebenich. „Und dazu finden wir natürlich auch in den antiken Texten unendlich viel.“

Major e longinquo reverentia – aus der Ferne betrachtet ist alles schön („Asterix bei den Schweizern“). Das stimmt zwar in dieser Absolutheit leider nicht. Es ist nie alles schön. Aber der Blick in die (zeitliche und räumliche) Ferne hat noch jedem gutgetan, um sich selbst zu überprüfen und sich selbst einzuschätzen. Beim Teutates!

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