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  • Neue Serie: „Sky Rojo“ - worum geht es in der Netflix-Produktion?

Drei Frauen auf der Flucht: Die Serie „Sky Rojo“

  • Die Netflix-Serie „Sky Rojo“ erzählt von drei Prostituierten auf der Flucht.
  • Die Filmemacher zitieren geradezu begeistert Quentin Tarantino und „Pulp Fiction“.
  • Diese Serie ist so schräg wie schwungvoll – vor allem aber ist sie scheinheilig.
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Eines muss man der Serie „Sky Rojo“ lassen: Die in Filmen nicht unübliche Romantisierung der Prostitution wird hier geradezu lustvoll konterkariert. Da wäre die Netflix-Produktion also schon mal einen Schritt weiter als, sagen wir, ein Film wie „Pretty Woman“.

Diese Romanze von 1990 zeigte Julia Roberts als Hure mit Herz, Verstand und Geschäftssinn. Im Zusammenspiel mit dem damals schon grau melierten Gentleman Richard Gere blieben praktische Details ihrer Beschäftigung allerdings außen vor.

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Coral, Wendy und Gina aus „Sky Rojo“ dagegen sagen, was Sache ist: Sie wollen nicht die liebe lange Nacht lang anal penetriert werden (drücken diese Form der Sexualpraxis allerdings weniger zurückhaltend aus). Sie wollen auch nicht zum Lustgewinn anderer ausgepeitscht werden. Sie können ihre nach Nikotin und Schlimmerem stinkenden Freier nicht riechen, auch wenn sie denen dies mit sinnlichem Lächeln vorgaukeln müssen. Sie hassen ihren Job. Und das kann man verstehen.

Die Kubanerin Gina zum Beispiel ist mit der Aussicht auf einen Kellnerinnenjob von ihrer tropischen Insel gelockt worden. Sie wollte Geld verdienen, um ihren Sohn und ihre Mutter zu versorgen. Nun liegt ihr Pass im Safe des Zuhälters Romeo im Wüstenbordell Las Novias, und sie ist seine Gefangene.

2327 Dollar für Kondome

Gina ist das, was die Polizei eine Zwangsprostituierte nennt. Sie wird körperlich und seelisch ausgebeutet. 2327 Dollar muss sie allein für Kondome abarbeiten. Ihre Schulden wird sie niemals los. Eines Tages dürfte Romeo sie entsorgen. Vielleicht in einem Erdloch in der Wüste.

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In einem Akt der Verzweiflung donnert Gina (Yany Prado) ihrem Peiniger einen schön geschliffenen Flakondeckel an den Kopf. Ihre Kolleginnen Wendy (Lali Espósito) und Coral (Verónica Sánchez) stürzen herbei und helfen der Bedrängten aus der Bredouille.

Romeo (Asier Etxeandia) bleibt halb tot in einer Blutlache auf dem Boden liegen und sinnt auf Rache. Von nun an ist das Trio auf der Flucht vor dessen Schergen Moisés (Miguel Ángel Silvestre) und Christian (Enric Anquer).

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Weibliche Selbstermächtigung

Als eine deftige Geschichte weiblicher Selbstermächtigung über acht Episoden versteht sich „Sky Rojo“. Die nächste Staffel bei den „Haus des Geldes“-Machern Álex Pina und Esther Martínez Lobato ist bereits bestellt. Die Hatz von Coral, Wendy und Gina dürfte also weitergehen im gut konsumierbaren Halbstundentakt.

Begeistert werden hier ins kollektive Kinogedächtnis eingesickerte Bilder zitiert. So wie einst die Freiheit suchenden „Thelma & Louise“ (Geena Davis & Susan Sarandon) im Ford Thunderbird unterwegs waren, brausen auch diese drei hier in einem PS-starken Cabrio davon – blutbespritzt und voller Adre­nalin.

Die drei sind bereit für alles, nur nicht zur Rückkehr. Wir erinnern uns: Auch Thelma und Louise wählten lieber den Tod im Grand Canyon als sich der männlichen Übermacht zu ergeben.

Was hier erzählt wird, ist reinster Pulp – weshalb auch die Erinnerung an Quentin Tarantinos „Pulp Fiction“ (1994) stets ganz nahe ist. Hatte nicht schon Tarantino seinem Gangsterfilm eine episodenhafte Erzählstruktur verpasst?

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Coral wirft in einem fort Drogen ein, die John Travolta und Uma Thurman als Heroinpärchen in „Pulp Fiction“ längst den Garaus gemacht hätten. Und hier wie dort löst sich auf holpriger Strecke im Auto versehentlich ein Schuss mit blutigen Folgen. Das Groteske soll auch hier die Gewalt halbwegs abmildern. Und dann ist da ja noch Tarantinos zweiteilige Rachefantasie „Kill Bill“ (2003) mit Thurman als zurückschlagender Gangsterbraut.

Kurz: Man sollte die ganze Sache genauso wenig ernst nehmen wie ein Groschenheft. Und doch löst diese Serie Unwohlsein aus. Die Frauen mögen ihre patriarchalischen Fesseln abwerfen, aber sie kommen jedenfalls in den vier vorab zu sichtenden Episoden nicht aus ihrer Sexarbeiterinnenkluft heraus.

Im Minirock und mit tiefem Ausschnitt sind sie auf der Flucht. Zumindest für die Zuschauer bleiben sie mit glitzernden Fingernägeln und gern auch in erotischer Unterwäsche die sexy Anschauungsobjekte, die sie doch gar nicht mehr sein wollen.

Immer wieder wird ins Bordell Las Novitas zurückgeblendet – was so viel wie „Die Freundinnen” oder „Die Bräute” heißt. Ein ums andere Mal gewinnt Zuhälter Romeo so wieder Macht über das Trio. Ohne erzählerische Not werden Coral, Wendy und Gina zurück in ihre alten Rollen gezwängt. So wird das schwierig mit dem Empowerment.

„Sky Rojo“ ist eine durchaus komische und auch schwungvolle Angelegenheit mit viel schrägem Humor und abgedrehten Typen – gewissermaßen Tarantino für Anfänger. Eine scheinheilige Serie bleibt es doch.

„Sky Rojo“, ab 19. März acht Episoden auf Netflix, von Álex Pina und Esther Martínez Lobato, mit Yany Prado, Lali Espósito, Verónica Sánchez

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