Neue Musik aus Österreich: Rock uns Amadeus!

  • Bilderbuch und Wanda sind die tollsten österreichischen Pop-Exporte seit Falco.
  • Und was kommt als Nächstes? Die Zukunft des Austropop heißt Buntspecht.
  • Wir haben die Band in Wien besucht und uns erkundigt, wieso es dort so viele kreative Musiker gibt.
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Fast Winter in Wien. Ein paar Spaziergänger, ein paar Jogger, ein paar Hunde. Ein Eichhörnchen. Kaum was los im grünen Prater, auch nicht im angrenzenden Vergnügungspark gleichen Namens. Viele Fahrgeschäfte sind in der kalten Jahreszeit geschlossen. Nur das Riesenrad dreht sich. Eine Runde Novemberwalzer bitte! „Zwölf Euro“, sagt der Kassierer. Die Tristesse des menschenleeren Rummelplatzes ist auch eine Art Attraktion. Selbst die roten Gondeln wirken regengrau. Ob Buntspecht mit ihrem Lied „Der rote Pfau“ wohl die Sehenswürdigkeit meinen?

Die junge Wiener Band könnte schon bald das nächste große Indiepop-Ding aus Österreich sein – nach Wanda und Bilderbuch.

„Austropop“, sagt Florentin Scheicher (25), der Melodica und Trompete spielt, „das ist eine starke Schublade.“ Als Beschimpfung empfindet die Band die Bezeichnung nicht. Sie ist bloß ein ziemlich oberflächlicher Blick von außen auf eine vielfältige Szene, eine PR-Floskel. Schon früher hatte man sie für Wolfgang Ambros, die Erste Allgemeine Verunsicherung, DÖF, Opus und Falco verwendet, obwohl doch alle mit unterschiedlichen Arten von österreichischer Popmusik Erfolg hatten.

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Vorbild für fast alle österreichischen Popmusiker: Falco. © Quelle: picture-alliance / dpa

Ist Falco, der mit „Rock Me Amadeus“ nicht nur daheim, sondern auch in Deutschland, England und den USA einen Nummer-eins-Hit landete, für österreichische Musiker ein Idol? „Ich weiß noch“, antwortet Buntspecht-Sänger und Gitarrist Lukas Klein (26), „ich dachte wirklich lange Zeit, dass er Italiener war.“ Was Falco erreicht habe, sei auf jeden Fall bewundernswert, doch dessen angeschminkte Arroganz sei nicht seine Sache. „Künstlerisch kann ich wenig damit anfangen. Ich stehe nicht auf Leute, die cool sind, sondern auf sensible Menschen, die sich verletzlich zeigen.“ In „Brennnesseln“ offenbart Klein seine eigene Verletzlichkeit: „In meinen Träumen bin ich barfuß unterwegs.“

Buntspecht wenden sich mit ihrer Musik an die unverbesserlichen Optimisten, Menschen, die auch in Zeiten der Schwärze und des Scheiterns an das Gute glauben. Die Band nennt diese Trotzdem-Träumer „radikal naiv“.

„Denn du bist verrückt genug, um dich in dieser Welt zu verlieben, aber die Welt ist viel verrückter als du, und fast wär’ etwas von uns geblieben.“ Beim ausverkauften Buntspecht-Konzert in der Wiener Arena singen sehr viele der tausend Fans diese und andere Zeilen der Zuversicht mit. Die euphorische Verbundenheit von Band und Publikum ist bemerkenswert. Wirkt die harte Realität nicht schlimmer, wenn man radikal naiv ist? „Was bleibt uns übrig in Zeiten des Klimawandels und des Rechtsrucks? Es bleibt uns nichts anderes übrig, als radikal zu träumen“, sagt der Sänger.

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Zu Buntspecht-Songs kann man nicht gut knutschen, weil man entweder tanzen oder denken muss. „Hm“, sagt Klein, „es ist auch keine Musik zum Duschen und zum Kochen.“

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Die Coldplay-Gefahr, also plumpen Poesiealbumpathos zu produzieren, bannt die Band durch eine sanfte Ironie, eine gewisse Uneindeutigkeit. Klein nennt die Verzagten, die Einsamen oder unglücklich Verliebten, über die er singt, „rotweinmundgewandte Sammler süßer Halbgedanken“. Wenn er sie auffordert „Kommt schon, lasst uns tanzen, denn alles ist Musik, und wir sind nur, wir sind nur jetzt!“, dann weiß man nicht so genau, ob er sie nur trösten oder auch ein bisschen verspotten will. „Beides“, sagt Klein. „Ich inkludiere mich selbst in die Loser.“

„Hier in Wien war nichts“

Hoffnung haben zu können, empfindet er als eine Art westliches Privileg. „Wir haben extremes Glück. Dass wir einen Großteil der Zeit Optimisten sein können, das liegt auf jeden Fall daran, dass wir junge weiße Burschen aus der Mittelschicht in Mitteleuropa sind, die das machen können, was sie gern machen.“

Nach der Austropop-Flaute in den Neunziger- und frühen Nullerjahren gibt es heute eine ganze Reihe innovativer österreichischer Bands, die auch in Deutschland Erfolg haben. Den Anfang machten Ja, Panik 2005, auch Singer-Songwriter wie Der Nino aus Wien zählen dazu. Mal stark, mal weniger stark wienerisch singend scheinen alle ein Stück Falco-DNA in sich zu tragen.

Grund für diese Art sei die Tatsache, „dass der Rock ’n’ Roll auf den Wiener Pflastersteinen nicht so recht rollen will“, heißt es in der TV-Dokumentation „Wiener Nächte“. Ist man in Wien, dieser kleinen Großstadt, anders kreativ als zum Beispiel in Berlin?

„Hier in Wien war nichts. Ich glaube, das war das größte Glück“, erinnert sich Michael Marco Fitzthum (32), Sänger der 2012 gegründeten Band Wanda. „Es hat niemand zugeschaut. Die Plattenfirmen haben alle zugesperrt, und auch die Leute hat es eigentlich nicht wirklich interessiert, was wir machen; und ich finde das großartig, weil dadurch konnten wir uns unbeobachtet frei entwickeln.“

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Auch zwei Austropop-Veteranen versuchen in der Doku den Boom zu erklären. „Alle erfolgreichen Perioden in der Wiener Musik waren durch Gemisch geprägt“, sagt Ernst Molden (52). „Wir definieren nicht, was wir machen, wir machen es einfach“, sagt Willi „Ostbahn Kurti“ Resetarits (71). Falco sang und rappte, mixte Deutsch und Englisch im selben Lied. Die EAV kombinierte Pop und Slapstick. Bilderbuch-Sänger Maurice Ernst mimte eine Zeit lang einen Hybrid aus Falco und dem goldenen Elvis.

Neuer Stern am Austropop-Himmel: Buntspecht.

Buntspecht-Sänger Klein hat eine eigene Theorie. „Wir kommen aus dem kleinen Österreich. Was soll schon groß passieren?“, beschreibt er die Haltung der Band. Buntspecht gründeten sich 2016. Ihr erstes Album „Großteils Kleinigkeiten“ nahmen die Musiker in einer Gartenlaube auf. Mit dem zweiten Album „Draußen im Kopf“ schafften sie es auf Platz zehn der Charts.

Auch ihr Sound ist ein Gemisch. „Jeder würzt so ein bisschen rein“, sagt der Sänger. Lukas Chytka, der das eskalierende Jimi-Hendrix-Cello spielt, haben die Musiker am Ufer des Donaukanals nahe der Franzensbrücke kennengelernt. An langen Sommerabenden erschufen sie dort ihren Wiener Country-Soul-Punk-Tango-Kirmes-Pop. Man kann auch Novemberwalzer dazu sagen.

Buntspecht geben im Mai 2020 sechs Konzerte in Deutschland, unter anderem in Dresden (10. Mai) und Berlin (12. Mai).

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