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  • Neue Hörspiele: John Steinbeck, Bertolt Brecht und Stanislaw Lem – drei Erlebnisse der besonderen Art

Neue Hörspiele: Jenseits von öde

  • In der Pandemie sind Hörspiele und Hörbücher noch beliebter geworden als sowieso schon.
  • In diesem Frühjahr begeistern drei Inszenierungen von Klassikern wie John Steinbeck, Bert Brecht und Stanislaw Lem.
  • Es sind Sternstunden der Radiokunst.
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Gebannt schaute die an Klatsch und Königshäusern interessierte Welt kürzlich nach London. Als Prinz Philip zu Grabe getragen wurde, begegneten dessen Enkelsöhne William und Harry das erste Mal nach dem großen Bruch des Rotschopfs und seiner Frau Meghan mit dem Haus Windsor wieder einander. Wie werden sich die beiden verhalten, fragte man sich. Wie geht es weiter?

Die Faszination des Bruderhasses geht zurück bis an den Anfang der Menschheitserzählungen: In der Bibel wird die Auseinandersetzung zwischen Kain und Abel beschrieben. Der US-Amerikaner John Steinbeck hat diese uralte Geschichte zum Vorbild genommen und in seinem Buch „Jenseits von Eden“ ins Salinas Valley ins heutige Kalifornien verlegt.

Berühmt geworden ist nicht nur das Buch, das 1952 erschien. Zur Legende wurde der Stoff durch die Verfilmung drei Jahre später mit James Dean in der Hauptrolle. Doch dort konzentrierte sich Regisseur Elia Kazan auf den letzten Teil des Romans, der wegen seiner Motiv- und Stofffülle eine Herausforderung für jede Inszenierung darstellt.

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„Jenseits von Eden“ – Kain und Abel in den USA

Dass es aber gelingen kann, diesen Roman zu greifen, beweist das NDR-Hörspiel „Jenseits von Eden“, das die Regisseurin Christiane Ohaus und der Dramaturg Michael Becker nun gemeinsam mit einem hervorragenden Ensemble inszeniert haben. Erzählt werden die Geschichten der Trasks und der Hamiltons. Während sich in letzterer das Schicksal von Einwanderern in den USA widerspiegelt, findet sich bei den Trasks das Kain-und-Abel-Motiv. Der Brüderkonflikt kommt sogar doppelt vor, zum einen im Kampf von Adam und Charles und dann in der Konkurrenz zwischen Adams Söhnen Cal und Aron.

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Der NDR hat aus diesem Familien(konflikt)stoff ein achtteiliges Hörspiel gemacht, das man schon jetzt zu den Höhepunkten deutscher Radiokunst zählen kann. Ulrich Noethen führt als Erzähler (und Familienmitglied der Hamiltons) durch dieses Geflecht aus Gut und Böse, aus Misstrauen und Liebe, aus Verwurzelung und Sehnsucht. Thomas Loibl spricht Adam, Sebastian Blomberg den knurrig-mürrischen Hartschalenweichkernbruder Charles. Nils Kahnwald ist als Cal zu hören, Daniel Rothaug als Aron.

Inmitten dieser Männerwelt und dieser pa­tri­ar­cha­len Strukturen treibt aber der wahre Star der Geschichte sein Unwesen: die diabolische Schönheit, Ehefrau und Mutter Cathy Ames. Sie wird bereits als Kind als zutiefst böser und gerissener Mensch beschrieben. Cathy wird von Maja Schöne gesprochen. Nie weiß man so richtig, ob sich hinter der Grausamkeit auch Zerbrechlichkeit versteckt, oder ob auch diese Zerbrechlichkeit ein Teil des grausamen Spiels ist.

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Stanislaw Lem – Großmeister der Zukunftsromane

Aber der Klassiker der US-Literatur ist nicht der einzige Höhepunkt aus der Welt der Hörspiele und Hörbücher in diesem Frühjahr. Weitere Sternstunden verspricht die große Hörbox mit Stücken von Stanislaw Lem. Der polnische Schriftsteller und Philosoph gehört zu den bekanntesten Science-Fiction-Autoren der Welt. Seine Gedankenwelt war schon in den frühen Fünfzigerjahren geprägt von futuristischen Fantasien. Das Internet, künstliche Intelligenz, biologische Optimierung und Genforschung hat Lem bereits damals durchdacht und in Erzählwerke wie „Solaris“, „Rückkehr zur Erde“ und „Sterntagebücher“ gegossen.

Viele davon finden sich auch in der Hörbox, die Inszenierungen aus den Siebzigerjahren („Die Lymphatersche Formel“, „Professor Tarantogas Sprechstunde“, „Schichttorte“) sind vereint mit modernen Aufnahmen wie „Solaris“ (2006) und „Der Unbesiegbare“ (2018). Die „Sterntagebücher“ sind leider nicht in der Box. Wer sie vermisst, findet aber immer noch lieferbar Wigald Bonings Lesung von 2010. Der Raumpilot Ijon Tichy, der im Mittelpunkt der „Sterntagebücher“ steht, taucht in dieser Box im „Futurologischen Kongreß“ auf.

Stanislaw Lem, der im September dieses Jahres 100 Jahre alt geworden wäre, fasziniert noch heute durch seinen technisch-wissenschaftlichen Einfallsreichtum. Gleichzeitig verpackt er in seinen Zukunftsgeschichten ethische, politische, psychologische und soziologische Fragen und lotet das Verhältnis von Mensch und Technik aus.

Lems berühmtester Roman ist „Solaris“

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Berühmt wurde er nicht zuletzt durch die beiden Verfilmungen seines Klassikers „Solaris“. Die Fassung von Andrei Tarkowski von 1972 gehört zu den großen Momenten des sowjetischen Kinos. In der zweiten Verfilmung von 2002 in der Regie von Steven Soderbergh und George Clooney in der Hauptrolle wurde Lems Werk hingegen fast ausschließlich zu einer Liebeserzählung reduziert.

Die Fassung des MDR von 2006, die in der Hörbox zu finden ist, setzt wieder auf die ganze Geschichte. Der Psychologe Kris Kelvin fliegt auf Bitte eines Freundes zum Planeten Solaris. Dort trifft er auf eine verwirrte und traumatisierte Crew, aber auch Kelvin ist nicht frei von merkwürdigen Erscheinungen. Das merkt er spätestens, als seine Frau, die bereits vor Jahren gestorben ist, auftaucht. Die Suche nach dem Sinn in alledem beginnt.

Diese Sinnsuche, dieses Ergründen des Menschlichen, aber auch die Kritik an unserer Hybris und unseren Vorstellungen der unendlichen Weiten des Weltraum ziehen sich durch Lems Werk. In „Solaris“ etwa, in dem unter anderem Hans Peter Hallwachs, Oliver Stokowski, Maria Simon und Bernhard Schütz zu hören sind, heißt es: „Wir denken, wir sind einzigartig. Wir wollen gar nicht den Kosmos erobern, wir wollen nur die Erde bis an seine Grenzen erweitern. Die einen Planeten haben voll Wüste zu sein, die anderen eisig wie der Pol oder tropisch wie der brasilianische Urwald.“ Und: „Menschen suchen wir, niemanden sonst. Wir brauchen keine anderen Welten, wir brauchen Spiegel. Mit anderen Welten wissen wir nichts anzufangen.“ Sätze, die auch in Zeiten der Weltraumeroberungsfantasien eines Elon Musk nichts an Aktualität verloren haben.

Bertolt Brechts letzte Probe

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Ein weiteres, ganz besonderes Hörerlebnis ist irdischer Natur: Als Bert Brecht, gesundheitlich bereits stark angeschlagen, sein „Leben des Galilei“ 1955/56 am Berliner Ensemble inszenierte, ließ er ein Tonband mitlaufen. Der Theaterregisseur und Autor Stephan Suschke hat diese 100-stündige Aufnahme im Brecht-Archiv ausfindig gemacht und zu einem ganz besonderen Zeitdokument zusammengestellt.

Die Proben begannen im Dezember 1955, die letzte von Brecht geleitete Aufführung fand am 27. März 1956 statt. Viereinhalb Monate später war er tot. Auf den zwei CDs (auf einer dritten sind Zitatschnipsel und Outtakes zu einem eigenen kleinen Hörspiel zusammengeschnitten) hören wir Brecht – Autor und Regisseur zugleich – mit den Schauspielern diskutieren, um jeden Halbsatz seines Textes ringen, falsche Betonungen anmahnen.

„Darf ich was sagen?“, mit diesen Worten unterbricht Brecht ein ums andere Mal seine Akteure mit seinem Augsburger Akzent. Er ist kein Bühnendiktator, kein Theatertyrann. Er versuchte, seine Schauspieler mit Argumenten und Vernunft zu überzeugen. Doch Brecht konnte seine Autorität – etwa als ein Schauspieler die Bühne verlässt – auch brüllend ausdrücken.

Dieses Hörerlebnis kommt einer Zeitreise gleich. Das kleine Begleitbuch, das Suschke den CDs beigestellt hat, stellt das Gehörte in den Zusammenhang der Zeit und bietet die notwendigen Zusatzinformationen. Mit Brecht, Steinbeck und Lem lässt sich dieses immer noch komplizierte Frühjahr besser überstehen.

John Steinbeck: „Jenseits von Eden“. Hörspiel in acht und Podcastserie in 16 Teilen. Zu hören in der NDR Hörspiel Box oder auf der Homepage von NDR Kultur.

Stanislaw Lem: „Die große Hörspiel-Box“. Der Audio-Verlag. 8 CDs, 7:55 Stunden. Etwa 30 Euro.

„Brecht probt Galilei – 1955/56“. Von Stephan Suschke. Speak low. 3 CDs. 2:31 Stunden. 50-seitiges Booklet. Etwa 25 Euro.

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