Neue Bibelübersetzung: Eine für alle

  • „So geschrieben, dass du und ich es verstehen“: Die neue Basisbibel will die erste Bibel für das digitale Zeitalter sein.
  • Erläuterungen, Zusammenfassungen und Lesetipps sollen die Lektüre einfacher machen.
  • Aber löst sie ihr Versprechen ein? Und ist sie ein Gewinn gegenüber früheren Übersetzungen? Eine Kritik.
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Hannover. Gemeint ist dasselbe. Aber man kann es auf sehr unterschiedliche Weise sagen. Zum einen verschlüsselt, fast züchtig und zweifellos poetisch. Zum anderen kühler, direkter, offener. Aber ist Verständlichkeit immer ein Gewinn?

„Und Adam erkannte seine Frau Eva, und sie ward schwanger und gebar den Kain und sprach: Ich habe einen Mann gewonnen mithilfe des HERRN.“ So heißt es im 1. Buch Mose, Genesis 4, in der 2017er Version der Lutherbibel, die die Deutsche Bibelgesellschaft im Jubiläumsjahr des Thesenanschlags neu herausgegeben hat.

Es geht aber auch anders. „Adam schlief mit seiner Frau Eva. Sie wurde schwanger und brachte Kain zur Welt. Da sagte sie: ‚Mithilfe des HERRN habe ich einen Sohn bekommen.‘“

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So lautet dieselbe Stelle in der Basisbibel, jener neu übersetzten Heiligen Schrift, die die Bibelgesellschaft nach 17-jähriger Arbeit gerade vollständig auf den Markt gebracht hat (nachdem das Neue Testament schon 2010 erschienen war). Als Schritt hin auf die digital geprägte Generation ist sie gedacht, der man die Mühen der Luther-Lektüre offenbar nicht mehr zutraut.

Höchstens 16 Wörter pro Satz

Verständlicher soll sie sein, zugänglicher, lesbarer. Kein Satz darf mehr als 16 Wörter haben, dazu höchstens ein Nebensatz, das war die Vorgabe. In zwei Versionen ist die Basisbibel erschienen: in einer Komfortausgabe, in der der Text wie in einem Gedicht gesetzt ist, eine Sinneinheit pro Zeile, insgesamt knapp 3000 Seiten stark. Und dann die Kompaktausgabe, rund 1000 Seiten dünner, in der der Text wie in einem Roman präsentiert wird. Wörter, die die Übersetzerinnen und Übersetzer für schwer verständlich halten, erklären sie am Rand. Abel, Erstgeburt, Fett, Sünde, Blut, Fluch, Nod – alles das findet sich etwa in der Randspalte von Genesis 4. Nod bedeutet übrigens Ruhe- oder Heimatlosigkeit. Einiges davon ist hilfreich, anderes zeugt davon, dass die Bibelgesellschaft keine gar zu hohe Meinung vom Bildungsgrad ihrer Leserinnen und Leser hatte. Aber genau das ist hier ja das Prinzip.

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„Die Basisbibel wird vielen Menschen neue Türen zu den biblischen Texten öffnen“, lobt Annette Kur­schus, stellvertretende Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Weil bei der Basisbibel das Prinzip „online first“ galt, preist sie der Landesbischof der Evangelischen Kirche in Württemberg, Frank Otfried July, als „die erste Bibel, die von Vornherein für die Nutzung im Internet über PC und Endgeräte konzipiert wurde“, auch als App ist sie verfügbar. Damit sei sie „weltweit jederzeit abrufbar“, fügt July hinzu, als müsse er sicherheitshalber noch mal die Funktionsweise des Internets erklären.

„Die zehn schönsten Gebete“

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In ihrer gedruckten Kompaktversion kokettiert die Basisbibel dabei zum Einstieg erst mal mit ihrer Respektlosigkeit gegenüber dem großen Werk. So geht es mit einem Einstieg in die Bibel los, mit vier Seiten Inhaltsangabe . „Die Lebensgeschichte einer mutigen jungen Frau mit echtem Happy End! Zum Verlieben“, heißt es da etwa über das Buch Rut. Oder über das Markus-Evangelium: „Eine Kurzfassung dessen, was man über das Leben von Jesus wissen sollte.“ Es folgen „Die zehn schönsten Gebete“ und „Die zehn wichtigsten Personen“. Ein Listicle der schönsten Bibelstellen, eine Hitliste der Heiligen Schrift. Darf man das? Vielleicht muss man es.

Man kann darüber leicht die Bildungsbürgernase rümpfen, sich lustig machen über den anbiedernden Ton der Werbeclaims („Altes und Neues Testament – So geschrieben, dass du und ich es verstehen“). Aber das würde der gewaltigen Übersetzungsmühe und ihrem Ergebnis nicht gerecht, das im Vergleich zur Lutherbibel vieles auf einmal ist: oft zugänglicher, verständlicher, meist karger, unsinnlicher, aber an manchen Stellen eben auch genauer.

Nicht immer verständlicher

„Siehe, eine Jungfrau ist schwanger und wird einen Sohn gebären“, heißt es in der Lutherbibel in Jesaja 7,14. Es ist die zentrale Prophezeiung, auf die sich die These von der Jungfrauengeburt gründet. Die Basisbibel dagegen schreibt: „Die junge Frau wird schwanger werden und einen Sohn zur Welt bringen.“ Im Hebräischen steht an der Stelle „alma“, was eine Frau im heiratsfähigen Alter bezeichnet. Die „Jungfrau“ ist spiritueller, sie erhöht den so Geborenen von Anfang an ins Überirdische. Die „junge Frau“ erscheint heutigen Lesern nicht nur plausibler, sie ist auch die genauere Übersetzung.

Nicht immer wird die Basisbibel ihrem eigenen Anspruch gerecht. „Im Anfang aber war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort“, heißt es in der Lutherbibel. Das ist kein einfacher Gedanke, aber musikalisch, einprägsam. Die Basisbibel schreibt dagegen: „Von Anfang an gab es den, der das Wort ist. Er, das Wort, gehörte zu Gott. Und er, das Wort, war Gott in allem gleich.“ Er, das Wort? Das Wort, logos, sei im Griechischen männlich, erläutert die Basisbibel – daher also die grammatische Unwucht. Auch hier ist sie also akkurater. Verständlicher aber ist sie so sicher nicht.

Keine Konkurrenz – sondern Zeichen der Vielfalt

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Und noch ein Beispiel: „Der Herr ist mein Hirte. Mir wird nichts mangeln. Er weidet mich auf einer grünen Aue“, lautet der Psalm 23 bei Luther. In der neuen Ausgabe klingt es so: „Der Herr ist mein Hirte. Mir fehlt es an nichts. Auf saftig grünen Weiden lässt er mich lagern.“ Das ist dem heutigen Sprachgebrauch angepasst, liest sich glatter – ästhetisch aber ist es, wie an vielen Stellen, ein Verlust.

Neben dem Klang fehlt der neuen Bibel notwendigerweise die Tradition jahrhundertelanger Lektüre, die sich in anderen Texten, in Literatur, Film und Musik fortgeschrieben hat. Die Lutherbibel ist mit ihren Formulierungen Teil des kulturellen Gedächtnisses geworden, ein Werk, das selbst die Sprache geprägt hat. Alles das wird die neue Bibel vielleicht nicht erreichen. Aber sie soll die Lutherbibel auch nicht ersetzen, sondern ergänzen. Sie ist keine Konkurrenz, sondern Zeichen der Vielfalt. Luthers Ziel war es, mit seiner Sprache möglichst viele Menschen zu erreichen. Nichts anderes versucht die Basisbibel. Insofern steht sie ganz in seiner Tradition.

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