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Neue Alben von Wunderkind Celeste, Dead South und Steven Wilson

  • Die 26-jährige, stimmgewaltige Britin Celeste klingt auf ihrem Debüt nach Billie Holiday und Shirley Bassey.
  • Ex-Porcupine-Tree-Chef Steven Wilson hat die Elektrosounds der Achtziger für sich entdeckt.
  • Und die zuletzt umstrittenen Bluegrass-Punks von The Dead South haben ein leidenschaftliches Livealbum am Start.
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The Dead South liefern blutige und traurige Geschichten – live

Bluegrass ist nicht Bluegrass – der von The Dead South ist „not just plinkering and schrammeling“, er ist markant, hat eine punkige Note, verfügt über eingängige Melodien und wahrhaft virtuose Soli, kurz: Er rockt. Die Band aus Regina in der kanadischen Provinz Saskatchewan, die 2015 von dem deutschen Label Devil Duck Records unter Vertrag genommen wurde, gilt seit je als exquisite Livetruppe und ist auf den zwei CDs von „Served Live“ enthusiastisch und wild.

Die 17 Songs wurden auf Konzerten in Großbritannien, Irland und Nordamerika gespielt. Erzählt werden wilde, blutige und traurige Geschichten aus alten Zeiten, Geschichten über Liebe, Untreue, Suff, harte Arbeit, Mord und Totschlag – dazu gibt es leidenschaftliche, raue Gesänge und hinreißende Klanggespinste mit Banjo, Mandolinen und dem berührenden Cello von Danny Kenyon („Snake Man“). Vorwiegend liefern The Dead South rasante Uptemponummern wie „The Recap“ oder „Miss Mary“, aber auch Balladen wie „In Hell I’ll Be in Good Company“ oder „Broken Cowboy“, und vermisst wird eigentlich nur das Revolverheldendrama „Gunslinger’s Glory“.

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Aufgenommen 2019 und im Frühjahr 2020 sind hier noch alle vier Musiker an Bord, auch Bandmitbegründer Kenyon, der die Gruppe im Sommer des Vorjahres wegen Vorwürfen sexueller Übergriffe seitens dreier Frauen verließ. Die anfängliche Wortkargheit der Band danach hatte kein gutes Licht auf „Mumford and Sons böse Zwillinge“ geworfen. Dass das Doppelalbum „Served Love“ ausgerechnet mit „Banjo Odyssey“ endet, einem Song, der jetzt im Verdacht steht, von einer Vergewaltigung zu erzählen (eigentlich geht es aber um eine inzestuöse Beziehung und es gibt darin keine sogenannten sexuellen „explicit lyrics“), ist Wasser auf die Mühlen derer, die den Kanadiern Unaufrichtigkeit vorwerfen.

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Dead South nannten den Song in ihrer ersten Verteidigung „satirisch“, „nur eine Story“, „nicht wörtlich zu nehmen“. „Wir diskutieren den Einfluss und die Zukunft unseres Songs ‚Banjo Odyssey‘“, war zuletzt zu hören. Vielleicht haben The Dead South gemerkt, dass es zugleich auch um die Zukunft ihrer formidablen Band geht – sie unterstützen jetzt Opferorganisationen, wollen „Teil der Lösung“ sein und suchen einen neuen Cellisten. Zunächst planen sie aber ihre nächste Tour – im November dieses Jahres und im März 2022 auch in Deutschland.

The Dead South – „Served Live“ (Devil Duck Records)

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Steven Wilson hegt den wahren Geist des Prog

Steven Wilsons Lamento 2021 ist eines über das Heute und dass in den Achtzigerjahren alles besser war. Mit „12 Things I Forgot“, das mit Akkorden startet, die von George Harrisons „My Sweet Lord“ (und damit von „He’s So Fine“ der Chiffons) geborgt zu sein scheinen und das in der Folge eher an Alan Parsons’ ELO-Hommage „Don’t Answer Me“ erinnert, hat der noch nie in Hitvorstellungen denkende Ex-Chef der Progrock-Epigonen Porcupine Tree sogar einen richtigen (zumindest potenziellen) Hit auf einem Album, das von Ego, Konsum und Sinnlosigkeit kündet.

Ob der 53-Jährige aus Kingston upon Thames das mit den Eighties ernst meint, sei dahingestellt, soundmäßig spielen sie aber schon eine gewaltige Rolle auf seinem neuen Album „The Future Bites“. Der Eröffnungssong „Unself“ ist sphärisch, Wilsons Gesang erinnert zunächst an 10CCs „I’m Not in Love“, dann bricht Elektropop über den Hörer herein, in dem Spuren von The Cure, von Bowie und Prince auszumachen sind. Letzterer scheint als Einfluss auch in dem slowfunkigen „Eminent Sleaze“ zu stecken, einem Song über Macht und Kontrolle (mit überraschend dreinblitzender Punkgitarre). „Follower“ fällt mit kreischender Gitarre über Influencer (und Populisten) her, und man kann zum Politpop prima tanzen. So groovy wie auf dem Album ging es bei Wilson noch nie zu.

Und mitten im Visage-artigen Tanzbodenbrett „Personal Shopper“, dem opulentesten Song hier, trägt, nachdem ein Frauenchor bissig über Kaufzwang gesungen hat („Buy for comfort, buy for kicks, / buy and buy until it makes you sick“), der leibaftige Elton John eine schräge Liste von Luxusgütern vor. Porcupine-Tree-Fans werden sich dieses Album wohl eher der Vollständigkeit des Katalogs wegen ins Regal stellen und ein „Schade, wieder kein Prog“ jammern, Wilson-Fans aber werden es lieben, weil der Künstler sich im Betreten von 1000 alten Popterritorien zugleich auf Neuland hinausgewagt hat – und was anderes bedeutet das „Prog“ in Progrock wohl?

Steven Wilson – „The Future Bites“ (Caroline)

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Celestes Melange aus Soul, Blues und Jazz ist zeitlos

Celeste, die „Himmlische“, ist die (in den USA geborene) neue Popprinzessin aus England. Schon 2020 sollte ihr Stern aufgehen, als aber klar war, wie weltumfassend und langdauernd die Pandemie werden würde, wurde „Not Your Muse“ auf 2021 verschoben – samt der Kampagne für Celeste Epiphany Waite, deren Talent man nicht verschleudern wollte. Ein paar Spuren hat die 26-Jährige indes doch noch im alten Jahr hinterlassen. Das schläfrig-schöne Weihnachtslied „A Little Love“ (das auf dem Album enthalten ist) könnte es in den nächsten Jahren zum zeitlosen Klassiker des Christmas-Pop bringen. Und der hier leider fehlende Abspannsong „It’s Alright“ aus dem Pixar-Film „Soul“ hat ähnliches Potenzial.

Von den ersten Gitarrenklängen von „Ideal Woman“ bis zum zufriedenen Abschlusskichern nach „Some Goodbyes Come With Hellos“ ist hier ein herausragendes Debüt zu verzeichnen, das mit einer Melange aus Soul, Blues und Jazz überzeugt und dessen Protagonistin komplett auf die angesagten Chartspopformeln verzichtet. Die hauptsächlich mit Jamie Hartman geschriebenen Balladen wie „A Kiss“, „Love Is Back“ oder „Strange“ oder das Dave-Brubeck-artige „Stop This Flame“ sind Juwelen, die unter dem leicht kreidigen Timbre Celestes kraftvoll und inniglich, glamourös und minimalistisch zugleich wirken, die nach Billie Holiday klingen und nach Shirley Bassey, nach Musik von gestern, heute und morgen zugleich. Diese Gänsehautstimme (und das Saxofon von „Tell Me Something I Don’t Know“) möchte man demnächst im Radio hören!

Celeste – „Not Your Muse“ (Universal)

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Midnight Sister – Traummusik aus Kalifornien

Der allererste Ton von Midnight Sisters zweitem Album ist noch nicht verklungen, da ist einem schon „Good Vibrations“ von den Beach Boys ins Hinterstübchen gekraucht. Und auch wenn es mit „Doctor Says“ dann in eine ganz andere Richtung geht, ist das Duo aus Los Angeles doch Lieferant von „good vibes“ für trübe, verregnete Januare, ziehen die pittoresken Songs von „Painting the Roses“ einem permanent die Mundwinkel Richtung Ohren wie früher Alben von They Might Be Giants.

Der Soundtrack-Komponist Ari Balouzian und die Filmemacherin Juliana Giraffe hören sich jedenfalls ganz unkalifornisch an, lassen ihren „Satellite“ schläfrig um den Planeten Pop kreisen, lassen Glockenspiele und Mellotrone ertönen. „Foxes“ klingt wie ein Cousin von Marc Bolans „Cosmic Dancer“ – wie Glamrock sein könnte, hätten die Beatles gemeinsam mit den Sparks welchen aufgenommen. Der Discotrack „Sirens“ hat Giorgio Moroder und Talking Heads im Genpool und so weiter, die Liste der Einflüsse ließe sich beliebig erweitern, Song für Song fallen einem mehr ein. Wunderlich. Wundersam. Wunderbar.

Vom Andy-Mackay-artigen Saxofon in „Dearly Departed“ bis zum walzernden Piano von „Wednesday Baby“ und der flüsternden Stimme Giraffes in „Song for the Trees“ (dem schönsten Lied des Albums) mutet das alles so überhaupt nicht abgekupfert an. Eher so, als wär’s Musik, die aus den Träumen von Musikliebenden aufgenommen wurde, als hätte es jemand geschafft, ihnen ein Mikrofon in den Schlaf zu halten. Und „Tomorrowland“ klingt dann tatsächlich wie ein Stück aus dem Schatzkästlein der Beach Boys.

Midnight Sister – „Painting The Roses“ (Jagjaguwar/Cargo)

Louis Philippe verspricht Gewitterwolken und liefert Brisen

Da wir gerade von wundersam und Brian Wilsons Band sprechen, hier noch eine kleine Nachreiche aus den letzten Tagen des Vorjahres. Besser gesagt: eine große, übergroße Nachreiche, denn das was Philippe Auclair alias Louis Philippe, benannt nach dem französischen Bürgerkönig des 19. Jahrhunderts, mit seiner famosen Begleitband The Night Mail (Robert Rotifer – Gitarre; Andy Lewis – Bass; Ian Button – Drums) als erstes Album seit 13 Jahren auf den Markt bringt, ist eines der wahrhaft royalen Liederbücher der letzten Jahre.

„Thunderclouds“ erinnert dabei an alles mögliche, nur nicht an Gewitterwolken. Es donnert nicht, es ziehen eher angenehme Brisen aus dem Burt-Bacharach-Land herauf. Mit zwei Minuten Easy-Listening-Bläserintro beginnt etwa der Song „Rio Grande“, bevor die dunkle, sanfte Stimme des in England als Sportjournalist überaus erfolgreichen Franzosen anhebt. Songs, die „Rio Grande“ heißen, müssen Country sein, denkt man, aber nur eine fröstelnde Mundharmonika in der Songmitte erinnert an den Grenzfluss, an dem John Wayne einst Wildwest-Abenteuer erlebte. In „Willow“ wispert Philippe immer nur das eine selbe Wort und schafft dennoch eine gewaltige kammermusikalische Spannung.

Dunkelheiten liefern die Lyrics hier, wenn es um das Verschwenden geborgter Zeit geht (der potenzielle Jazzpop-Klassiker „Living on Borrowed Time“) oder um das tagtägliche Leben in Lügen („Once in a Lifetime of Lies“ ginge auch als Ansprache an Trump durch) oder um die falschen Tränen und die oberflächliche Empathie vieler Menschen am Beispiel des desaströsen Feuers, das den Grenfell Tower in London in eine Fackel verwandelte (das walzernde „Fall in a Daydream“).

Es geht auch positiv: „Love is the Only Light“ singt Louis Philippe, was man (inklusive der Stimme des 61-Jährigen) für einen erstklassigen Paul-McCartney-Song halten könnte. Und „Do I“ fasst dann den Glauben an die Liebe nur noch einmal in andere Worte, wartet aber mit einer unerwarteten, umarmenden Irish-Folk-Stimmung auf. Lieblingsmaler Philippes, ist Matisse und der jazzige Impressionismus dieses Albums unterstreicht das Song um Song. Seine Lieblingsband sind aber die Kinks, und „Thunderclouds“ ist so bezaubernd und (beinahe) so vielseitig wie deren „Arthur or The Decline and Fall of the British Empire“. Chapeau, Monsieur!

Louis Philippe & The Night Mail – „Thunderclouds“ (Tapete)

Die Dead Daisies und die Legenden des Hardrock

Die Dead Daisies sind eigentlich weniger eine Band als vielmehr ein Portal, durch das seit 2012 möglichst viele Musiker geschleust wurden. Von der Urbesetzung der in Sydney gegründeten Hardrockband ist einzig Gitarrist David Lowy übrig. Zweiter Gitarrist ist seit 2016 Doug Aldrich, dessen namhafteste Band wohl David Coverdales Whitesnake war. Glenn Hughes spielte von 1973 bis zur Auflösung Bass bei den Hardrockkönigen Deep Purple und ist seit 2019 dabei. Der somit jüngste Neuzugang bei den „toten Gänseblümchen“ ist auch (nach wie vor stimmstarker) Mikrofonist des Quartetts.

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Auf ihrem sechsten Album „Holy Ground“ liefern die Daisies gertenschlanken Classic Rock ohne Stuck und Rüschen: treibende Rocksongs wie „Chosen and Justified“, Groover wie „My Fate“, eine straighte Coverversion von Humble Pies Bluesrocker „30 Days in the Hole“ und die abschließende siebenminütige Trauerballade „Far Away“, die in einem mächtigen Bandcrescendo endet. Ein Fest der Hooks und Soli auf fast 50 Minuten Länge. Und „Bustle and Flow“ klingt mit seinem Power-Riff und seinen Chören, als hätten Lowys Landsleute AC/DC ihnen einen abgegeben.

The Dead Daisies – „Holy Ground“ (Dead Daisies)

Sieben Jahre später: The Notwist, die Pandemie und die Liebe

Wenn eine kleine Band eine Dreiviertelsdekade braucht, um ein neues Album auf den Markt zu werfen, kann es sein, dass sich die Gefolgschaft längst zerstreut hat und niemand mehr weiß, wer da nun zurückkommt. Nicht so verhält sich das bei The Notwist aus Weilheim, ihre Gemeinde exakt eine solche Ewigkeit warten ließen und dennoch umarmt werden dürften. Weil sie seit ihrem Durchbruch mit „Neon Golden“ von 2002 bis „Close to the Glass“ von 2014 noch nie enttäuscht haben, weil man über diese nun schon 32 Jahre alte Truppe eins weiß: Musik steht immer im Zentrum, sie erreichen mit tiefem Ernst eine bezaubernde Vielseitigkeit und treten nie auf der Stille. Warten, egal wie lange The Notwist mit ihrer Suche nach Neuem, musikalisch Lohnenden auch brauchen, lohnt.

„Vertigo Days“ heißt die Platte, und die „schwindelerregenden Tage“ von denen Sänger Markus Acher kündet sind durchaus die unseren, auch wenn die Arbeiten an dem Liederbuch im Grunde bereits vor sechs Jahren begannen. Die Pandemie samt ihren erzwungenen Rückzügen, Isloationen und Einsamkeiten sorgt, wie ja alle bemerken dürften, für langsame seelische Vergiftungserscheinungen. Man fühlt mehr lose Enden in sich als in einer Spaghettipackung und diese zusammenzuhalten fällt der Coronagesellschaft zunehmend schwerer. „Loose Ends“ ist ein Lied über die Notwendigkeit dieses Bündelns und „Exit Strategy to Myself“ eines über die Möglichkeit, dem Leben neue Richtungen zu geben (anstatt an ihm zu verzweifeln). „Into the Ice Age“ handelt dann ganz konkret von den Fährnissen der vergangenen Monate, die – liest man die Flut von Meldungen über häusliche Gewalt und Aggressionen und das Querdenken genannte verantwortungslose Massengedränge verwirrter Egomanen – tatsächlich zu Erfrierungserscheinungen der menschlichen Empathie geführt haben.

Die Melange von Notwists progressivem Rock (ja, es „krautet“ hier), Indierock, Elektro und Jazz hat ein weltweites Herz und so hat man sich – explizit auch als Zeichen gegen die in Deutschland wachsende Fremdenfeindlichkeit - Gäste eingeladen, spielt die Klarinettistin Angel Bat Dawid bei der Reise der Weilheimer in die Eiszeit mit, singt Saya von der befreundeten japanischen Band Tenniscoats bei „Ship“ (über ein Schiff das keinen Hafen mehr findet) und die argentinische Songwriterin Juna Molina beim treibenden elektronischen „Al Sur“. „Oh Sweet Fire“ von dem US-Kornettisten und Jazzsänger Ben LaMar Gay erzählt von einer Lovestory im BlackLivesMatter-Kontext. Nein, man wird auch nicht ohne Hoffnung entlassen. Nachdem sich der zweite Song „Into Love/Stars“ mit Beziehungsenden und ihren Wunden befasst, geht das Leben im letzten Song weiter und - „into Love Again“. Und ab sofort warten wir wieder – zur Not sieben Jahre.

The Notwist – „Vertigo Days“ (Morr Music)


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