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Neue Alben von Steve Earle, Passenger und vom Letzten der Bee Gees

  • Americana-Legende Steve Earle trauert um seinen Sohn Justin, indem er ein Album seiner Songs einspielt.
  • Barry Gibb taucht Bee-Gees-Songs in Country, Passenger und Sam Burton loten die Melancholie neu aus.
  • Und die junge Postpunkband Shame gibt den Rock ‘n‘ Roll auch 2021 nicht verloren.
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Steve Earle und sein Liederbuch der Trauer

Das Schlimmste, was einem passieren kann, ist, wenn die eigenen Kinder sterben. Der amerikanische Songwriter und Alternative-Country-Star Justin Towne Earle starb im August 2020 im Alter von 38 Jahren an einem Drogencocktail. Dass das Verhältnis zu seiner Familie nicht einfach war, stellten Alben wie „Single Mothers“ (2014) und „Absent Fathers“ (2015) aus. Der Vater war Steve Earle, ein im Tour-Studio-Wechsel über Jahrzehnte rotierender Rock-’n‘-Roller, Countrymusiker, herztiefer Sozialist, der seit seinem 2016er Debüt „Guitar Town“ nicht zu den präsentesten Vätern zählte und selbst mit Süchten zu kämpfen hatte.

Und jetzt kommt „J. T.“, das Album, mit dem Vater Steve trauert. Zehn Stücke aus dem Liederbuch seines Sohns hat er eingespielt, von Bluegrass-Gespinsten wie „They Killed John Henry“ über Midtemporocker wie „Maria“, Rock ’n‘ Roll der Chuck-Berry-Klasse („Champagne Corolla“) bis zu wehmütigen Balladen wie „Far Away in Another Town“. Es scheint, als spüre Earle in den Zeilen des Sohns den verpassten Gelegenheiten nach und erkenne in der Verzweiflung des Protagonisten von „Turn out My Lights“ und der niedergeschlagenen Menschenerkenntnis in „The Saint of The Lost Causes“ endlich die schwarzen Gemütszustände seines Sohnes. Die Stimme des Vaters zu den Worten des Sohnes – zuweilen hat das etwas Gespenstisches.

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„Das Album heißt ‚J.T.‘, weil Justin nie einen anderen Namen hatte, bis er fast erwachsen war. Nur, als er klein war, nannte ich ihn Cowboy“, erklärte Steve Earle. „In guten wie in schlechten Zeiten, richtig oder falsch, ich liebte Justin Townes Earle mehr als alles andere auf dieser Welt. Abgesehen davon habe ich diese Platte, wie jede andere Platte, die ich je gemacht habe, für mich gemacht. Es war der einzige Weg, den ich kannte, um auf Wiedersehen zu sagen.“ Der letzte Song auf dem Album heißt „Last Words“ und stammt aus der Feder von Daddy Steve. Und da singt er voller Schmerz über die Endgültigkeit: „Deine letzten Worte an mich waren: Ich liebe dich auch.“

Steve Earle & The Dukes - „J. T.“ (New West Records/Pias/Rough Trade)

Barry Gibb und die ewige Liebe zu Country

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Barry Gibb liebt Country. Und es ist keine Altmännerliebe, sondern, so bekundet der Letzte der Bee Gees, eine von Kindesbeinen an. Das untermauern Songwriter-Arbeiten der drei Könige der Melodie über die Jahrzehnte für Ikonen der Countrymusik wie Dolly Parton, Kenny Rogers und Conway Twitty. So gibt Gibb auf „Greenfields: The Gibb Brothers‘ Songbook Vol. 1“ einem Dutzend Songs seines legendären Folkpop-, Pop- und Discotrios einen Nashville-Sound. Und siehe da: Die neuen Kleider stehen den alten Liedern ausgezeichnet.

Und das gilt nicht nur für „I’ve Gotta Get A Message to You“, das schon immer countryaffine Drama eines Mannes, der auf dem elektrischen Stuhl durch einen Priester seiner Frau noch eine Nachricht übermitteln möchte (siehe Johnny Darrells und Tom Jones‘ ganz thematisch ähnlich gelagertes „Green, Green Grass of Home“) oder das schmachtende „Words“ (mit der gurrenden und tremolierenden Parton als Duettpartnerin) sondern verblüffenderweise noch viel mehr für die Discoballade „How Deep Is Your Love“ und – eingeschränkt – sogar für den Studio-54-Kracher „Jive Talkin‘“. Vieles wird nah am Original zu Country – nur dass zu den Streichern hier eben zuweilen eine Hammondorgel erklingt oder eine Pedal-Steel-Gitarre träumt. Produziert hat Dave Cobb, der Plattenmacher von Americana-Sänger Jason Isbell, mit dem er das Mikro bei „Words of A Fool“, einem unveröffentlichten Song von 1986, teilt.

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Veredelt wird das Album auch sonst durch illustre Gäste: jüngere wie den Rival-Sons-Sänger Jay Buchanan (bombastische Version von „To Love Somebody“) und Brandi Carlile („Run to Me“) und Isbell („Words of a Fool“) und ältere Größen wie Olivia Newton-John („Rest Your Love on Me“), Sheryl Crow („How Can You Mend a Broken Heart“) oder Alison Krauss („Too Much Heaven“). Und im Outtake „Butterfly“ aus den Anfangstagen der Bee Gees in Australien – ein Duett mit der fantastischen Bluegrass-Meisterin Gillian Welch – steckt auch noch ein möglicher Gibb-Hit für das Jahr 2021.

Gibbs einst strahlende Stimme mag eine raue Kante bekommen haben, aber das passt perfekt zum Sound hier. Gegenüber Neuaufnahmen von Studiooriginalen durch die Originalkünstler hat man gemeinhin Einwände. Hier aber kann man „Vol. 2“ kaum erwarten.

Barry Gibb – „Greenfields: „The Gibb Brothers‘ Songbook Vol. 1“ (EMI)

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Passengers Lieder für Trunkenbolde und gebrochene Herzen

Mike Rosenberg wollte seine „Lieder für Trunkenbolde und gebrochene Herzen“ eigentlich schon im Mai des Vorjahres veröffentlichen. Der Sänger aus Brighton, der unter dem Künstlernamen Passenger firmiert und dessen Stimme immer noch sehr an die des jungen Cat Stevens erinnert, hatte aber vielleicht den Verdacht, seine Geschichten über das Fehlen von Zweisamkeit, über Verlassenheitsgefühle und verlorene Liebe hätten die Lage für die in der Corona-Welt Eingeschlossenen noch etwas verzweifelter gemacht. Er verschob die Veröffentlichung seines 13. Studioalbums, wie so viele es taten. Jetzt, da im winterlichen Wüten der Infektionswellen mit den Impfungen zugleich so etwas wie der Funke Hoffnung aufglimmt, sieht er bessere Chancen für seine seelenwunden Figuren.

Die tatsächlich zu Herzen gehen, auch weil Passenger zu seinen oft kinderliedschönen, melodieseligen Indiefolkjuwelen Videos veröffentlicht hat, die Wegweiser zu ihnen sind. Die Szenen spielen in einer Bar, wo mit zu vielen Drinks die Erinnerungen erst schmerzhaft werden, bevor sie verschwinden („Remember to Forget“). Und „Suzanne“, nein nicht die, die Leonard Cohen hinunter zum Fluss begleitet hat, ist eine ältliche Frau, die in Rückblenden ihre große, gute Zeit erinnert. Die Lieder leben manchmal von sachten Akustikgitarrenriffs („The Way That I Love You“) und manchmal steigen Bläser und Streicher auf und es wird episch (im fünfminütigen „Sandstorm“)

„Die Zeit vergeht und es ist so langsam, / ich bin gut und schlecht drauf, als wär ich ein Jojo“, singt er in „Sword from the Stone“, dem Eröffnungssong, den Passenger im ersten Lockdown schrieb und der zu den Nachgereichten des Albums gehört. Es ist eine Geschichte von Isolation, wie ein Virus zwei Liebende an zwei weit auseinander liegende Plätze verbannt und alle Berührungen unmöglich sind. „Ich kann das Schwert nicht aus dem Stein ziehen“ barmt Passenger im Refrain. Aber wer die Artussage kennt, der weiß, dass Excalibur den Stein verlassen wird. Ein wenig locker geruckelt ist es schon.

Passenger – „Songs for the Drunk and Brokenhearted“ (Black Crow Records)

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Sam Burton lotet die Melancholie aus

Platten, die einem alles bedeuten? Die einen eroberten mit der Stimme des Sängers, mit ihren romantisch-poetischen Zeilen, dem Klang ihrer Songs, die ganz aus Gefühl waren? Schauer überzogen einen, als man Leonard Cohen hörte, wenn er auf „Songs in a Room“ im Song „Bird on a Wire“ sich zu seinen ungelenken Versuchen, frei zu sein, bekannte. Oder als man Roy Orbison zum ersten Mal vernahm, wie er im Titelsong seines Albums „In Dreams“ wieder mit seiner Liebsten zusammen war, bis zum Erwachen in einer beklemmenden Leere.

Die großen Baritone des Pop verstanden sich zu allen Zeiten am besten darauf, das Meer der Melancholie zu befahren. Und zu ihnen gesellt sich nun Sam Burton, ein neuer Folkprinz der Traurigkeit aus Salt Lake City/Utah, der in den USA mit Tim Buckley, Tim Hardin und Nick Drake verglichen wird. Sein Album „I Can Go With You“ ist eins für graue Tage wie diese, an denen sich graue Landschaften in den Tausenden Regentropfen an den Fensterscheiben pointilistisch trüb auflösen.

„Ich bin kein Mond / ich fühle mich nur so wie er“ singt ein verlorener Burton in „I Am No Moon“ und dazu zirpen Streicher und eine Akustikgitarre. In „Wave Goodbye“, das sowohl einen vortrefflichen Song für Orbison als auch für Johnny Cash abgegeben hätte, entlässt Burton eine zerbrochene Liebe aus seinem Herzen. Und in dem herausragenden „Why Should You Take Me There“ bekommt das Wort Einsamkeit eine völlig neue Tiefe.

Die Stimmung wechselt hier nicht, Burton bleibt treu bei zärtlich funkelnder Tristesse in Zeitlupe, wie man sie von Alben der Cowboy Junkies kennt oder aus den mittleren Schaffensjahren der Walkabouts. Man kann von „I Can Go With You“ gewiss kein Erhellung der Laune erwarten, aber seine außerordentliche Schönheit ist doch wie eine Umarmung. Und was fehlt einem derzeit mehr?

Sam Burton – „I Can Go With You“ (Cargo Records)

Die Postpunks Shame (und – nein – Rock ist nicht tot)

„What you see is what you get“, beginnt Sänger Charlie Steen das neue Album der britischen Band Shame. Und was man auf „Drunk Tank Pink“ zu sehen respektive zu hören bekommt, ist wahrhaft elektrisierend. „Alphabet“ heißt der Song einer Postpunktruppe, die auf ihrem zweiten Album nicht einfach Trommelfelle schreddert, sondern höchst erregt durch die (Indie-)Rock-’n‘-Roll-Geschichte reist und dabei ihre Einflüsse feiert.

„Nigel Hitter“, der zweite Track, klingt etwa, als sei er aus dem Schatzkästlein der Talking Heads („Psycho Killer“-Phase) entwendet worden. Bei „Born in Luton“ werden Erinnerungen an den späten Bowie wach, als der sich mit „The Next Day“ seiner Berliner Experimentierphase erinnerte. Und „March Day“ klingt, als musizierten da die frühen „Rock Lobster“-B-52s.

Schließlich ist die überragende neue Single „Water in the Well“ der beste Beweis, dass (Indie-)Rock nicht tot ist, sondern auch 2021 weiterhin sein mächtiges Haupt schüttelt. Das 2014 im Teeniealter gegründet Quintett aus dem Süden Londons ist dabei subtiler, vielseitiger als auf ihrem raueren Debüt „Songs of Praise“ (2018), Steen singt dabei auch von den Problemen einer Band, den Selbstzweifeln und den Beziehungskrisen, die sich einem Leben auf Tour verdankt, ohne dass dies konzeptuell wäre.

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Und, ja, „Human, For A Minute“ ist fast eine Ballade, aber eben nur fast und dafür ist das anschließende „Great Dog“ ein blind losgaloppierendes, superpunkiges Scheppern, das nach 1:58 Minuten mittenmang abreißt wie zuletzt Yungbluds „Superdeadfriends“. Ist alles durch, geht man sofort wieder auf Anfang und möchte dringender denn je mal wieder ein Konzert erleben. Nicht eins von irgendeiner Band, sondern eins von Shame.

Shame – „Drunk Tank Pink“ (Cargo Records)

Don Marco ehrt Leon Russell und die Bay City Rollers

Don Marco alias Markus Naegele ist auch noch Verlagsleiter bei Heyne Hardcore. Wow! Ein Multitalent also, das zum Auftakt mit seiner Band Die kleine Freiheit erstmal zackig seinen Künstlernamen durchbuchstabiert wie es das „immortal genius of the Bay City Rollers“ (Zitat von Liam Neesons Figur Daniel aus „Tatsächlich … Liebe“) vor dessen bestem Hit „Yesterday’s Hero“ vorlebte. Auf dem Cover von „Gehst du mit mir unter“ sieht Marco aus wie ein Zausel aus Countryhausen, aber er hört gewiss nicht nur Hank Snow und (den jüngst leider an Covid-19 verstorbenen) Charlie Pride, hat Neuen Deutschen Wave drauf („Nervös“) und die Keyboards maunzen und pfeifen in „Wir haben genug“ als wollten sie Bowies „Heroes“ heraufbeschwören.

Die Texte handeln von Freiheit, zwingendem Aufbruch, oder dem „Topspiel der Woche“, und der Titelsong macht nicht etwa auf Endzeit sondern auf dicke Hose - erzählt von Männern, die nie zuhören und immer nur auf „das eine“ sinnen. Überhaupt: Beziehungsprobleme löst Don Marco mit dem ihm eigenen Witz im Song „Osnabrück“ („Du ziehst dich immer mehr zurück / dann geh doch gleich nach Osnabrück“). Und wenn er im Song „Leon Russell“ zu Stefan Kolbecks aufsteigender Trompete seinen verblichenen Helden der Musik gedenkt, beweisen die Erwähnungen von Townes Van Zandt, Elliott Smith und Joe Strummer allerbesten Geschmack.

Und weil er sich in den Bonustracks dann auch noch traut, die Bay City Rollers mit „Rock and Roll Loveletter“ (einer der besseren Hits der Siebzigerjahre-Schotten) zu covern (allerdings als Ballade), sei Don Marcos große kleine Freiheit allen empfohlen, die den lauwarmen Dramolett-Deutschpop des Radios schlichtweg nicht mehr mögen.

Don Marco & die kleine Freiheit – „Gehst du mit mir unter“ (Off Label Records)


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