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Freitag an der Hörbar

Neue Alben von Schandmaul, Rolling Stones, Prince, The Clash, Bruce Hornsby und anderen

Naturbursche mit Talent für Ohrwürmer: Der Singer-Songwriter George Ezra veröffentlicht am Freitag (10. Juni) sein neues Album „Gold Rush Kid“.

Naturbursche mit Talent für Ohrwürmer: Der Singer-Songwriter George Ezra veröffentlicht am Freitag (10. Juni) sein neues Album „Gold Rush Kid“.

Eins vorab: Live ist wieder voll lebendig. Pussy Riot haben wieder Konzerte wider Putin gegeben, Genesis ihren Abschied trotz Phil-im-Sitzen wunderbar zelebriert, die Rolling Stones rollten wieder elastisch unter dem solidarisch blau-gelb beleuchteten Münchner Olympiaturm und Heinz Rudolf Kunze will von seinem hervorragenden Hannover-Gig neulich ein Konzertdoppelalbum herausbringen, wie das RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) dieser Tage erfuhr. Die Rückkehr von Abba auf die Bühne in London war nicht wirklich live, aber dennoch unvergesslich. Avatare übernehmen und verleihen den Stars die ersehnte ewige Jugend und Unsterblichkeit. Es lebe die Show, das Publikum hat alle Masken abgeworfen, macht La Ola und ignoriert die „nächste Welle“. Platten gibt‘s sowieso – wie immer (auch eine Liveveröffentlichung von den Stones ist dabei).

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Bruce Hornsby? Viel mehr als ein One-Hit-Wonder

Das ist halt so. Radiohörer und Mainstream-Maniacs bekommen von Künstlerin, Künstler, Band stets nur die Spitze des Eisbergs mit. Für sie ist Bruce Hornsby das One-Hit-Wonder mit „The Way It Is“. Dass diese Ballade ein Lied über die Resignation ist, über das Hinnehmen von Unrecht wie soziale Klüfte und Rassismus, weiß auch kaum einer. Das Klavier klingt weich, in Jazznähe – ein sanfter Popklassiker. Ähnlich lässig und doch ganz anders fließt das Piano auf der zweiten Single aus Hornsbys neuem Album „Flicted“. Gerade so, als säße Herbie Hancock an den Tasten und kreiere ein Songschwesterchen für „Cantaloupe Island“. Und dann rappt Hornsby auch noch und liefert uns unverhofft die wohl coolste Chuck-Berry-Coverversion seit Langem: „Too Much Monkey Business“, Berrys Lied vom Nicht-alles-Mitmachen und Aussteigen.

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„Flicted“ ist schon das dritte Album nach „Absolute Zero“ (2019) und „Non-Secure Connection“ (2020) mit Songs, die Hornsby für den Filmregisseur Spike Lee („Malcolm X“) komponierte. Der 67-Jährige spielt dabei gekonnt mit elektronischen Sounds und Rhythmen und schon der erste Song „Sidelines“ über den Unsinn von Hysterien mutet an, als sei er aus dem Portfolio von Vampire Weekend, deren Sänger Ezra Koenig hier auch Hornsbys Duettpartner ist (Blake Mills an der Gitarre). Das Ewigselbe hat Hornsby für eine musikalische Expedition aufgegeben – „Days Ahead“, sein Duett mit Danielle Haim, mutet an wie eines jener Songwagnisse, für die sich Genius Brian Wilson beim bodenständigen Rest der Beach Boys Ohrfeigen einhandelte. Klassischer Hornsby-Stoff wie „Lidar“ und „Is This It“ bietet Inseln des Innehaltens gegen den nervös flirrenden Rhythmus der Electro-Tracks „Bucket List“ und „Maybe Now“ oder gegen „Tag“, das ein Outtake von Bowies „Black Star“ sein könnte. „Flicted“ präsentiert den spannendsten Hornsby seit je. Manche wachsen spät über sich hinaus. Das ist halt so.

Bruce Hornsby – „Flicted“ (Zappo Productions)

Grant-Lee Phillips und der Zorn auf die Demokratievernichter

Mehr Musik ist wohl selten entstanden als in den letzten beiden Jahren. Für Grant-Lee Phillips, einst Frontmann der immer noch weidlich betrauerten L.A.-Combo Grant Lee Buffalo, ist „All That You Can Dream“ schon das zweite Covid-Album, nachdem auch die Tourpläne zum im Herbst 2020 erschienenen „Lightning Show Us Your Stuff“ ins Wasser fielen. Hätten wir sonst den Song „Sometimes You Wake Up in Charleston“ über den Rechtsdrift in Amerika bekommen? Oder das zartfröstelnde „Leave a Light on“ über Isolation und Verlassenheit? Womöglich nicht.

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Auf „All You Can Dream“ ist die Stimme des Barden müde und dringlich zugleich, dass man nicht anders kann als zuhören. Mit Freunden wie Eric Heywood an der Pedal Steel, Jamie Edwards an den Keyboards, Jennifer Condos am Bass, Jay Bellerose am Schlagzeug und Richard Dodd am Cello hat er im Heimstudio Songs geschaffen, die auf leisen Sohlen kommen, akustische Schönheiten, die ihre Verschiedenheit erst nach mehrmaligem Hören ausstellen.

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Und die doch bei aller Ruhe in den Ohren dröhnen mit ihrer Gegenwärtigkeit. Wenn Phillips etwa in „Peace Is a Delicate Thing“ die Ereignisse des Dreikönigstags 2021 heraufbeschwört, als ein beleidigter abgewählter Präsident seine willfährigen Anhänger zum Hordenlauf gegen die Demokratie gen Kapitol schickte. Und wenn er in „Rats in a Barrel“ sich über die Bereitschaft jener Gefolgschaft wundert, dümmste Lügen für bare Münze zu nehmen. Und in „All By Heart“ über Menschen singt, die ihre Gegenwart nicht mehr sehen, hören, einordnen können und Bedeutung im Gestern suchen. Das dazu noch nie getaugt hat. Genau zuhören, bitte!

Grant-Lee Phillips – „All You Can Dream“ (Yep Roc Records)

Das Prinzip Hoffnung - George Ezra gibt sich optimistisch

Auch George Ezra, der Pop-Globetrotter, dessen Songs gemeinhin auf Reisen entstehen und der einige der wohl bezwingendsten Ohrschmeichler der letzten Dekade schrieb (voran den Übersong „Budapest“), empfand sich als Gefangener der Lockdownwelt. Das dritte Album des Sängers aus dem englischen Hertfordshire wurde anders als bisher vollständig in London unter Pandemiebedingungen eingespielt. Was man ihm keine Minute anhört. Anders als viele Kolleginnen und Kollegen und Bands sind weder düstere musikalische Zustandsbeschreibungen noch Guter-Rat-Rock Ezras Ding. Ezra liefert stattdessen ein Songbündel Hoffnung und guter Laune aus. Und wenn du denkst, es geht nicht mehr, kommt irgendwo die Liebe her – davon singt er mit seinem unverkennbaren, falsettsüchtigen Bariton in „Fell in Love at the End of the World“.

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Eine glückliche Platte mit glücklichen Liedern, die allesamt wie auf Seife durchs Ohr ins kopfinnere Sing-along-Zentrum rutschen, ist „Gold Rush Kid“ geworden. „Anyone for You“, „Manila“, der Titelsong und „Dance All Over Me“ – wonniger, sonniger Pop der Ed-Sheeran- oder James-Blunt-Klasse (indes unter Vermeidung von Rap). „Ich bin so froh, dass ich jetzt sterben könnte“, singt der gerade 29 Gewordene in der Kehrausballade „The Sun Went Down“. Und was dann? „Grünes, grünes Gras, blauer, blauer Himmel – an dem Tag, an dem ich sterbe, solltet ihr besser eine Party veranstalten“, singt Ezra in „Green Green Grass“. Es gibt eben am Ende doch nichts Besseres als gute Laune.

George Ezra – „Gold Rush Kid“ (Columbia)

„Gib nie auf!“ – Michael Franti & Spearhead und die Liebe zum Optimismus

Auf zum lustigen Reggae! Auch Michael Franti singt von unnötigen Begrenzungen und umso wichtigeren Befreiungen, vom Leben, das mal „amazing“ ist und dann wieder „sucks“, bevor‘s Gott sei Dank wieder „amazing“ wird. Poppige Melodie, Offbeat und eine mit kernig-kratziger Stimme vorgetragene Binsenweisheit (die vielleicht nicht jeder Unglücksrabe unterschreiben würde). Alles am neuen Franti-&-Spearhead-Album „Follow Your Heart“ ist guten Herzens vorgetragener wohlmeinender Rat, unerschütterlicher Optimismus, das Happy-go-lucky- Hohelied von „love and peace and don‘t give up“ – wie es die Band um den Kalifornier seit dem 1997er-Debüt „Chocolate Supa Highway“ (1997) offeriert.

In der ersten Hälfte des Albums pflegen Frantis Leute dabei vorzugsweise Aufgeplustertes zwischen Eurodance („Better“) und Discofunk („Baby Let Your Soul Shine“). Später wird‘s zarter – manchmal sind eine folkige Gitarre und ein Fingerschnippen eben alles, was ein Song braucht. Mit „Best at Loving You“, der Titel spricht für sich, wandelt Franti angenehm auf Albert Hammonds Spuren.

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Und „People Need People“ ist ein sonniger Unplugged-Reggae, der die für Franti und wohl für die meisten Zeitgenossen wichtigste Erkenntnis der Isolationsjahre auf den Punkt bringt: Alleinsein taugt überhaupt nix, Mitmenschen sind vonnöten. Ein paar von Frantis Vorschlägen schreibt man sich denn auch gern hinter die Ohren, zumal alles mit Supersonnenscheinmelodien vorgetragen wird. Aber auf Dauer erscheint uns das nimmermüde Positiveln mit Titeln wie „Good Day for a Good Day“, „Brighter Day“, „Trying to Keep the Lights on“, „Life Reminds Us We‘re Alive“ doch ein wenig zermürbend.

Michael Franti & Spearhead – „Follow Your Head“ (Boo-Boo Wax/Thirty Tigers/Membram)

The Dream Syndicate - Vierminutensongs in vielen Stilen

Nun hat das Dream Syndicate wieder zu strukturierten Liedern gefunden, und es sind solche, von denen ihre Fans seit den Tagen des Weins und der Rosen träumen und die trotzdem keine simple Rückbesinnung auf die Velvet-Underground-artigen Anfänge sind. Als sich die Paisley-Underground-Legende der Achtzigerjahre um die Gründungsmitglieder Steve Wynn und Dennis Duck sowie Mark Walton (Bassmann seit 1984) vor zehn Jahren neu formierte – erweitert um Leadgitarrist Jason Victor – veränderte sie ihr Klangbild kontinuierlich, was 2017 in den mit Ex-Green-on-Red-Tastenmann Chris Cacavas eingespielten jazzoiden Progrock-Brocken „The Universe Inside“ gipfelte. Der Song „The Regulators“ war ein fordernder, indes spannender 20-Minuten-Trip.

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Es geht jetzt auf dem achten DS-Album „Ultraviolet Battle Hymns and True Confessions“, ihrem Schmerz-und-Pandemie-Album, wieder kürzer. Nichtsdestoweniger halten die Keyboards von Cacavas – er ist längst festes Bandmitglied – das Pink-Floyd-goes-Krautrock-Feeling auch in Drei-bis-Vier-Minuten-Songs wie „Lesson Number One“ und „The Chronicles of You“ aufrecht. Jason Victors Gitarre schlägt in „Hard to Say Goodbye“ wonnigste David-Gilmour-Verehrungsbögen. Und „Damian“ klingt, als habe die Band im Studio des Öfteren „Fickle Heart“ gehört, das Debüt der längst vergessenen britischen Westcoastrock-Lover Sniff‘n The Tears. „Straight Lines“ ist zum Abschluss dann ein ruppiger Rocker, der auch ob Wynns frappierender Lou-Reed-Phrasierung an die einstigen Vorbilder Velvet Underground erinnert, dann aber von Cacavas‘ Orgel mächtig ins Psychedelische gedreht wird. „Musik, die wir gerne hören, die aber keiner macht“, umschrieb Wynn in den Anfängen des Syndikats den Antrieb der Band. Gilt uneingeschränkt bis heute.

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The Dream Syndicate – „Ultraviolet Battle Hymns and True Confessions“ (Fire/Cargo)

Schandmaul machen mobil gegen die Klagedeutschen

Irgendwer hat diese Bayern mal als „Rolling Stones des Mittelalters“ tituliert, meinte damit „Rolling Stones fürs Mittelalterliche“ und hatte damit nicht unrecht. Schandmauls Durchbruchskonzert in der Gröbenzeller Hexe ist (ob der allgemeinen Ekstase) als eine Art Spielmannswoodstock in die Deutschrockhistorie eingegangen, und Produktivität ist eine Kardinaltugend der mediävistisch gesinnten Rock-‘n‘-Roll-Bayern.

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Die mit dem Riff des Titelsongs ihres neuen Albums „Knüppel aus dem Sack“ zu einer Art „Metallica fürs Mittelalterliche“ mutieren. Thomas Lindner rollt das R hier, als wär‘s ein Werwolfsgrollen, und wären da nicht die früh einsetzenden altertümlichen Begleitklänge, fühlte man sich an Rammstein erinnert (wiewohl Till Lindemann Verprügelfantasien wohl eher nicht an ein Märchenbuch koppeln würde).

Neben dem überraschenden Auftakt und dem countryhaften „Quacksalber“ gibt‘s den vertrauten, überaus eingängigen Spielmannsrock mit klassischem Bandinstrumentarium und mit Tröten, Drehleier, Schalmei und näselnden Sackpfeifen. Tanzlustbefördernd künden Lindner und seine Mannen und Frauen von Weltfluchten, die etwa von unheimlichen Fantasiereichen („Niamh“), Fabelwesen („Tatzelwurm“) und den Ikarus-Träumen eines Benediktinermönchs („Der Flug“) handeln. Geben in „Glück auf“ aber auch den praktischen Tipp für alle Klagedeutschen, doch einfach mal den nervigen Beschwerdemodus aufzugeben.

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Schandmaul – „Knüppel aus dem Sack“ (Napalm/Universal)

Karg ist das neue Schön – Patty Griffin kramt im Gestern

Die wenigsten Künstler machen‘s zu Lebzeiten, aber manchmal lohnt es sich doch, in der Vergangenheit zu kramen. Einst rundheraus Verworfenes entpuppt sich beim zweiten Blick als Song von Kraft und Herrlichkeit. Patty Griffin, Songwriterin aus Maine, hat während der Pandemie in den Kisten aus ihrem Gestern gekramt und ein paar Schätze gehoben. Die hat die Grammypreisträgerin jetzt auf dem Album „Tape“ ausgestellt, das ob der Verwendung der rohen, nicht nachpolierten Demos und Heimaufnahmen klangtechnisch eher spärlich klingt – man denke an Neil Youngs „A Letter Home“ (2014), das der Kanadier in einer – wegen des Klaviers großräumigen – Telefonzelle aufgenommen haben will.

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Popfortgeschrittene wissen, dass das Unperfekte, nicht Hochglänzende oft über längere Zeit bezaubert als das produktionstechnisch Optimierte. Und es ist die Gefühle nuanciert darbietende Stimme der 58-Jährigen, die Songs wie „Get Lucky“ über die Hoffnung auf Liebe („Noch einmal / noch ein Tag / vielleicht werden wir mit der Zeit glücklich“) und „Strip of Light“ über das Ende dieser Hoffnung („Ich habe Jahre dort vergeudet, wo niemals Liebe war / und so werde ich jetzt deine Zeit nicht länger vergeuden“) so anmutig macht. Es geht um Herzensbrüche und aufsteigende Sehnsüchte, die im ersten Lo-fi-Kleidchen viel intensiver wirken als im späteren Prinzessinnenlook – man höre etwa die Klavierballade „Night“. Ein Duett mit Robert „Led Zep“ Plant ist auch enthalten: „Deine Augen sagen ‚Schau zu mir herüber‘!“, singt Griffin. Gilt auch für diese Platte mit ihren „Audiokassettenaugen“ auf dem Cover. Tiefe Liebe auf den zweiten Blick.

Patty Griffin – „Tape“ (PGM Recordings)

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Als The Clash den Funk und Rap entdeckten

Mit „Combat Rock“ endete das Zusammenspiel von The Clash in der klassischen Besetzung mit Joe Strummer, Paul Simonon, Topper Headon und Mick Jones. Und es war der letzte große Wurf der Band, den viele Fans zunächst als zu fern von den Wurzeln ablehnten. Nach den Experimenten des Dreieralbums „Sandinista!“ hatte „Rat Patrol from Fort Bragg“, das Album, das nie war, die Rückkehr der Punkband Nummer eins zum Punk werden sollen. Stattdessen New York und Funk und Rap und jede Menge interner Zwist, der irgendwie aufs Cover gelangt war. Die vier von der Punkstelle erwecken einen „Was machen wir da eigentlich?“-Eindruck.

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Neben ihren größten Hits „Should I Stay or Should I Go“ und „Rock the Casbah“ enthält das Album – besehen heute, 40 Jahre nach der Veröffentlichung – große Garagengroover wie „Straight to Hell“, „Know Your Rights“, „Overpowered by Funk“ und „Ghetto Defendant“. Das beigefügte Outtakes-Album „The Town‘s Hall“ unterstreicht zum einen das Faible für Rap und Rhythmus mit Tracks wie „Radio Clash“, dem mit dem New Yorker Graffitikünstler Futura eingespielten „Futura 2000″ oder dem Dub-Fest „Radio One“ mit dem jamaikanischen Sänger Mikey Dread. Enthält aber auch Zeichen der Vielseitigkeit – das Ska-Instrumental „He Who Dares Is Tired“, das orientalisch angehauchte „Long Time Jerk“ oder die jazzige Version von „Sean Flynn“, ihrem Lied über den im Vietnam-Krieg verschwundenen Fotografen und Sohn von Hollywoodlegende Errol Flynn. „Midight to Stevens“, gewidmet Guy Stevens, dem früh verstorbenen Produzenten ihres Meisterwerks „London Calling“, ist Clash go Kinks. Die Band war Anfang der Achtzigerjahre noch nicht weit genug gegangen, um wieder ihre Ursprünge zu suchen. Dass sie die dann nicht mehr fanden, schmälert nicht die Grandezza dieses Klassikers.

The Clash – „Combat Rock/The People‘s Hall“ (Columbia)

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Als Prince auf dem Sprung zum Weltstar war

Pathos, Pomp und Power boten die Auftritte des 1985 frischgebackenen Superstars Prince und seiner Revolution – große Gesten, große Musik. „Hello Syracuse and the World, my name is Prince“, stellt sich der Mann aus Minneapolis zu Beginn der Show kurz vor, und dann bricht er eine Party vom Zaun, die ihresgleichen sucht. Mit den hektischen Beats von „Let‘s Go Crazy“ und „Delirious“ geht es los, danach „1999″ und „Little Red Corvette“. Erst der zehnte Song, das vokalakrobatisch-theatralische „How Come U Don‘t Call Me Anymore“ unterbricht das Fest aus Funk, bevor es mit dem Rockabilly des lüsternen „Let‘s Pretend We‘re Married“ rasant weitergeht – Little Richard grüßt von fern.

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Auf der zweiten CD wird‘s dann exzessiv: Neun Minuten „When Doves Cry“ mit Gitarrensolo, der perkussive, schweißtreibende Elfminüter „Baby, I‘m a Star“ mit einem langen, leidenschaftlichen Saxofonritt von Eric Leeds und schließlich 20 Minuten „Purple Rain“ mit sechsminütigem Intro, gospeligem Backgroundchor und einem Prince, der davon träumt, eine Gitarre zu werden. Wie gern wäre man damals dabei gewesen.

Prince and the Revolution – „Live“ (The Prince Estate/NPG Records)

Jubiläumstage für die Rolling Stones

Hinter dem in solidarischem Blau-Gelb angestrahlten Münchner Olympiaturm hatten sich Blitz, Donner und Wolkenbruch gerade mal verzogen, als die Rolling Stones am Pfingstsonntag das erste von zwei Deutschland-Konzerten zu ihrem 60. Bandgeburtstag spielten. Einer unkonzentrierten Videoregie zum Trotz und zu einem deutlich suboptimalem Sound sprang ein sportiver Mick Jagger (78) zwei Stunden lang ohne Ermüdungserscheinungen über die Bühne (wie man das selbst mit 39 Jahren nicht geschafft hätte). Die Band spielte zum zweiten Mal überhaupt in ihrer langen Laufbahn ihren Klassiker „Out of Time“ live, Keith Richards (ebenfalls 78) rockte in Chuck-Berry-Manier zum selten gespielten „Connection“ und bei „Gimme Shelter“ wehte auf den riesigen Screens dann die Flagge der Ukraine. Zehntausende Babyboomer (und folgende Generationen) feierten ihre Band bis zum letzten Ton von „Satisfaction“, empfanden Selbiges und nicht wenige hatten das Gefühl, das „This could be the last time“-Gefühl. Ach ja, Steve Jordan hat Charlie Watts, Gott hab ihn selig, würdig vertreten.

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Ende Gelände? Das dachte man auch schon vor knapp 20 Jahren, als die Stones ihr 40. Bandwiegenfest nachträglich mit einer Tour begingen. „New York City, top of the world!“, versah Mick Jagger das enthusiastische Rockvolk, das die Rolling Stones am 17. und 18. Januar 2003 im Madison Square Garden abfeierte, mit einem Kompliment. Und die Briten ließen sich auch musikalisch nicht lumpen, das stellt die Doppel-Disc „Licked Live in NYC“ nachhaltig unter Beweis. Die Setlist bot damals ausnahmslos krachenden Rock und dampfenden Blues.

Früh wurde mit „Angie“ der Bereich „zu Herzen Gehendes“ abgehakt, Keith Richards ließ die Gitarre grollen, säbelte seine Riffs, Mick Jagger sprang wie ein Flummi und die Band lieferte zwischen den gewohnten Klassikern Gemmen aus – „Monkey Man“ sowie den Titelsong vom Album „Let It Bleed“ (1969) oder „When the Whip Comes Down“, den deftigsten Rock-‘n‘-Roll-Track von „Some Girls“ (1978). Zu „Honkytonk Women“ trat Sheryl Crow an der Seite der Stones. Teile der Show waren bereits 2004 auf dem offiziellen Konzertalbum „Live Licks“ enthalten, das sein Material aus vier Abenden der Tour zusammenrührte. Hier nun alles aus einem Guss. Und demnächst dann – aber bitte etwas sauberer gemischt als zu Pfingsten – „Sixty – Stones live in Munich“. Ja mei – des wär‘s!

The Rolling Stones – „Licked Live in NYC“ (Polydor)

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