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Neue Alben: Prince mit Groovegewitter und Jasmin Wagner singt von Herzensdingen

  • Blümchen blüht wieder, und das gar nicht im Stillen – Jasmin Wagners neuestes Album klingt schwer nach Schlager.
  • Vom viel zu früh verstorbenen Genius Prince erscheint ein elf Jahre altes Album, das aber in Sound und Gesellschaftskritik perfekt in unsere Zeit passt.
  • Und die Britin Eliza Shaddad erzählt vom Leben, Schaffen, Frausein in der Pandemie.
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Während aus vielen Musiktruhen nach dem Ableben des Künstlers jeder müde Ton in bare Münze verwandelt wird, finden sich im Fall von Prince wahre Schätze im Nachlass. Das 2010 verworfene Album „Welcome 2 America“ ist so funky, dass es zu einem Comeback gereicht hätte. Für einen Durchbruch reicht es dieser Tage vielleicht bei Yolanda Quartey alias Yola – ihre Stimme wirft den geneigten Hörer glattweg um. Jay Farrars Band Son Volt politisiert mit Americana, und Los Lobos feiern ihre Wurzeln. Und dann ist da noch eine Viertelqueen …

2010 von Prince verworfen – „Welcome 2 America“ ist sexyfunky und gesellschaftskritisch

Prince’ Studioalben der letzten gut zwei Dekaden (ab „Crystal Ball“ von 1998) waren zum Teil zu eigenwillig. Zu viele Synthis, zu inkommensurable Jazzexkursionen. Das poppige Album „20Ten“ wurde vor elf Jahren – das immerhin wurde noch als Sensation empfunden – als Beilage in einer Musikzeitschrift verschenkt. Der Mann, der die Achtziger- und frühen Neunzigerjahre mit seiner immer besonderen Popmusik regiert, sich dabei aber zunehmend als „Sklave“ der Industrie begriffen hatte, ging für Songs wie „Compassion“, „Sea of Everything“ und „Act of God“ weitgehend unbemerkt Wege jenseits der klassischen Vermarktungsmechanismen. Aus derselben Zeit stammt das jetzt veröffentlichte „Welcome 2 America“, und der Himmel weiß, warum Prince diesen fantastischen Longplayer damals nicht auf dem Markt haben wollte. Nichts ist gewiss, aber dieses erstrangige Groovegewitter hätte ihm ein fabulöses Comeback als „recording artist“ bescheren können.

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Das sexy-slowfunkige „Welcome 2 America“ eröffnet einen Reigen von in der Obama-Zeit aufgenommenen Liedern, in denen der Singer/Songwriter einen Blick auf ein auseinanderdriftendes Amerika wirft. Geld regiert, Rassismus wächst, die sozialen Medien werden zu Keimzellen von Parallelgesellschaften – der Titelsong ist die Krönung von Prince’ gesellschaftspolitischstem Werk seit „Sign o’ the Times“ (1986) und passt perfekt ins Hier und Jetzt, so als sei alles Teil eines großen prophetischen Pop-Plans. In „Running Game (Son of a Slave Master)“ erzählt Prince vom schwarzen Künstler im weißen Musikgeschäft, in „One Day We Will All B Free“ rückt er die Hoffnung auf ein Ende der Intoleranz in eine unbestimmte Zukunft. Und von einer (Unterwasser-)Zukunft ohne Grenzen kündet er im utopischen „1000 Light Years from Here“ – aber es ist kein beatleskes „We All Live in the Yellow Submarine“, sondern redet einem Refugium für all die, die auf „dry land“ nie dazugehörten, das Wort. Funk und Soul sind die Leitstile, jazzige Ingredienzen kommen hinzu, Curtis Mayfield, Isaac Hayes und Marvin Gaye heißen die Ahnen dieser zeitlosen Musik. Und wenn eine Rockgitarre aufkratzt und Prince zu schubbernden Keyboards den „Hot Summer“ beschwört, ist wieder Party wie früher bei „1999“, „Kiss“ und „Cream“.

„Stand Up And B(e) Strong“ war ein Song der Minneapolis-Kollegen Soul Asylum, als die lange Jahre nach „Runaway Train“ schon wieder in Vergessenheit geraten waren. Prince hat ihn gecovert – vielleicht die größte Überraschung hier. Vielleicht hat ihm die Botschaft der Selbstermutigung gefallen, damals, als man ihn und seine Musik so sträflich vernachlässigte: „If Ur life’s mess / remember Ur blessed“. So isses!

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Prince – „Welcome 2 America“ (Legacy/New Power Generation Records)

Kein Bärendienst – Grizfolk liefern den Soundtrack für viele Sommer

Nur The Waltons wäre ein noch, ähem, gewagterer Name gewesen. Die hierzulande weiterhin breiterer Aufmerksamkeit bedürfende Band Griz Adams hatte sich nach „dem Mann in den Bergen“ benannt – Grizzly Adams, einem legendären Tierdompteur des 19. Jahrhunderts, der in einer der ödesten TV-Serien des 20. Jahrhunderts verliebenswürdigt worden war. Die Combo aus zwei Amerikanern (Sänger und Gitarrist Adam Roth, Schlagzeuger Bill Delia) und zwei Schweden (Gitarrist Fredrik Eriksson, Keyborder Sebastian Fritze) fand das Ganze dann wohl doch zu uncool und änderte zu Grizfolk. Wer von dem Quartett auf dem dritten, schlicht „Grizfolk“ benannten Album eine Art kantigen, bärengrimmigen Folk erwartet, der dürfte überrascht sein. Nomen ist keineswegs omen: Zu hören ist ein süffiger Folkpop mit einer erfrischend noisigen Alternativewürzung, dessen Melodien fast so widerstandslos ins Ohr strudeln wie Mumford&Sons-Stoff. Der Refrain von „Now That I Know“ etwa klebt bereits nach dem ersten Hören so hartnäckig im Hinterstübchen wie ein Grizzly am Lunchpaket. Dieses Album wird in unsere diesjährigen und künftigen Sommer-Playlists Einzug halten.

Ein Teil der Sessions fand 2020 noch gemeinsam unter Regie von Rich Costey (Death Cab For Cutie) in Santa Monica statt. Im Lockdown entwickelte sich das Album in der zweiten Hälfte seiner Entstehung zum Zoom-and-Mail-Projekt in räumlicher Trennung. Die natürlichen Sounds des zweiten Albums „Rarest of Birds“ und die elektronischen Akzente des Debüts „Waking Up the Giants“ (2016) vermischen sich auf „Grizfolk“ inniglich. Hymnen wie „California High“ und „Fumes“ treffen auf groovende Rocker wie „Money“ und Stomper wie „Queen of the Desert“. Blues steckt in „The Ripple“, und der hippieske „Stargazer“ am Albumende klingt, als sei er dem Skizzenbuch von Tom Petty entstiegen. Im beatlesk-psychedelischen „Be My Yoko“ wünscht sich Adam Roth dann (ähnlich wie die Barenaked Ladies vor 33 Jahren) eine Partnerin wie die von John Lennon – eine Kämpferin, die für ihn wie eine „kugelsichere Weste“ wäre, eine für alle unverständliche Liebe. „Lass uns ein bisschen Protest machen“, singt Roth dann noch. Statt Love und Peace. Ja, Witz haben Grizfolk auch noch.

Grizfolk – „Grizfolk“ (Nettwerk/Warner Music)

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Wenn Yola singt, wird sie zu reiner Energie

Trip Hop und Big Beat waren auch mal Yolas Ding, sie sang für Massive Attack und die Chemical Brothers background. Ihre eigene, 2012 aufgelöste Band Phantom Limb ist dagegen nur einem kleinen Kreis vertraut, aber seit einigen Jahren sammelt die Engländerin aus Bristol Preise und Nominierungen als (aufstrebende) Künstlerin des Jahres. Wer sie je gehört hat, weiß, warum. Stimme und Präsenz von Yolas Art werden gemeinhin mit „Vulkan“ oder „Erdbeben“ umschrieben, was im Fall von Yolanda Quartey nicht nur Klischee, sondern auch völlig unzureichend wäre. Die Frau, die morgen (31. Juli) ihren 38. Geburtstag feiert, gehört zu den Künstlerinnen, die sich mit jeder Faser einem Song überantworten, die sich in ihrer Musik völlig auflösen – Aretha Franklin und Janis Joplin lassen grüßen. Das zweite Album „Stand for Myself“ wurde jetzt – wie schon das Debüt „Walk through Fire“ (2019) – von Black-Keys-Mann Dan Auerbach produziert.

Eigentlich hatte Quartey ja Tournee- und Filmpläne gehegt. Der Lockdown machte das zunichte, so schrieb sie neue Songs und arbeitete alte Ideen aus. Soul, Funk, Gospel und Country sind die dominanten stilistischen Ingredienzen, ein Dutzend Mal reinstes Gefühl und feinste Melodie. „Dancing Away with Tears“ und „Now You’re Here“ könnte der unwissende Hörer im ersten Moment noch für Songs aus den Soul-Gründen von Simply Red halten. „Great Divide“ klingt wie ein Lovesong aus den Fünfzigerjahren, beinahe schmeichelnd wiegt sich Yola in die Melodie, bevor sie am Ende schier zerbirst. Und wann hat man zuletzt so mächtige Balladen wie „Like a Photograph“ und „Be My Friend“ gehört? Weibliche Selbstermächtigung, schwarze Selbstermächtigung, Stärke durch Verletzlichkeit, Wille zu Veränderung sind Yolas Themen. Der abschließende Titelsong wächst dabei von seinem akustischen Intro zum aufwühlenden psychedelischen Blues: „Jetzt bin ich am Leben – schwer zu erklären / es hat so viel Zeit gebraucht und auch so viel Schmerz“, singt Yola. Und: „Du kannst auch dorthin kommen, wenn du willst / lass dich los für einen Neuanfang.“

Yola – „Stand for Myself“ (Easy Eye Sound)

Nett zu sein fordert alle Kraft von Eliza Shaddad

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Was die Pandemie im Positiven hinterlassen wird, ist jede Menge kostbare Musik, die sonst anders oder vielleicht gar nicht erschienen wäre. Auch Eliza Shaddads zweites Studiowerk „The Woman You Want“ gehört zu den Juwelen dieser seltsamen und traurigen Jahre, die viele Künstler aufs Songwriting zurückwarfen. Das Album der Tochter eines Astrophysikers entstand statt mit der Band unter Begleitung ihres Ehemannes/Produzenten Ben Jackson im Heimstudio in Cornwall. Inhaltlich hat das Neun-Song-Kompendium etwas Therapeutisches, im Lockdown kommen der auf zuweilen quälerische Zweisamkeit zurückgeworfenen Sängerin und Songwriterin mit sudanesisch-schottischen Wurzeln die Anforderungen an sich selbst in die Quere: Ein besserer Mensch sein wollen, eine bessere Frau, Ehefrau, Tochter, Freundin … und dem in keiner Weise genügen können. „Es braucht alles, was ich habe, bloß ein bisschen nett zu sein“, singt sie. Himmel, hilf, das ging uns doch allen in der Lockdownwelt ganz ähnlich. Der Titelsong mit den perlenden Gitarrentönen und der sehnsüchtigen Stimme hat etwas Ätherisches, Hypnotisches. Überhaupt – das ganze Album lullt einen ein mit seinen illustren Folkpoparrangements, die so gar nicht nach Schlafzimmer­studio­zurück­gezogenheit klingen. Je öfter, desto wow!

Musikalisch sind das alles melancholische, ruhige Hymnen, na ja, nicht immer ganz ruhige – „Heaven“ und „Fine & Peachy“ sind beinahe Rocksongs, „Waiting Game“ fast eine Kate-Bush-Ballade, wenn die Stimme vom silbrigen Flüstern im Refrain zum operettenhaften Wirbeln wächst. Gläserne Grabestöne tropfen aus dem Klavier, als Shaddad in „In The Morning“ um ihre verstorbenen Großmütter trauert. „Now You’re Alone“ ist dann „nur“ ein Nachruf auf eine Beziehung, der sinfonisch anschwillt, mit einem Refrain, dessen Schönheit nur noch durch den folgenden, abschließenden Song „Blossom“ übertroffen wird – der Geschichte, wie der Frühling einem das Herz weitet und die Hoffnung auf Erneuerung einlässt. Shaddad vermag zu verzaubern und einem den Kopf aus allen Betrübnissen zu heben: Nach dem nächsten Winter können wir ganz bestimmt wieder blühen. Die Frau, die wir wollen, ist die Frau, die Frau sich zu sein wünscht. Alles andere gilt nicht mehr.

Eliza Shaddad – „The Woman You Want“ (Ferryhouse/Rough Trade)

Aus dem Reich des Schlagers – Jasmin Wagners tanzbares Dutzend

Und noch eine in der Blüte ihres künstlerischen Lebens. Die supersympathische Jasmin Wagner singt auf ihrem Album „Von Herzen“ von Herzensdingen. Mit dem Refrain „Gold, Baby, du bist Gold!“ zu Elektrosounds startet die inzwischen 41-jährige frühere Prinzessin des Babytechno eine Zwölfliedpackung tanzbaren Schlagers: „Du kickst mich mehr als Koffein“ singt sie in „Hauptsache, du“, und – mit der blümchentypischen Neigung zur Wiederholung – heißt es in „Spring in mein Herz“ „Tanz, tanz auf dem Drahtseil, tanz!“ Dann gibt sie unsicheren Piloten des eigenen Lebens noch Ratschläge zum Abheben: „Lass los, was dich am Boden hält“ – so einfach ist das. Man soll sich was trauen, und wer das nicht hinkriegt, dem reicht sie (zu synthetischen Rhythmen) die Hand. So geht Gemeinschaft, Leute!

Liebeserklärungen gibt es an die Liebe („Regentropfen“), die Heimat („Hamburg im Sinn“), an die Erheiterungskräfte männlicher Grimassen („Konfetti-Raketen“) und an die eigene Legende („Blümchensongs“). Blümchen ist nach dem Comebackstart 2019 zurück, mitsamt den Mittneunzigern und „glücklich steht ihr gut“. Gar nicht erst gegen die stumpfen Rhythmen wehren, und wer mit der schlichten Lyrik hadert: Die kann man sich wenigstens ganz leicht merken. Die Prophezeiung der Künstlerin von 1996 jedenfalls ist in Erfüllung gegangen: „Wie ein Boom Boom Boom Boom Boomerang, komm ich immer näher an dich ran.“

Jasmin Wagner – „Von Herzen“ (Mirabella/The Orchard/Sony)

Los Lobos und ihr Liebesbrief an Los Angeles

Los Lobos? Legten Ritchie Valens’ „La Bamba“ neu auf und landeten eine Nummer eins in den Billboard-Charts. Darüber hinaus hat die kleine Band aus East L. A. mit ihrem Mix aus Rock ’n’ Roll, Mariachi und Blues eine ganz eigene Handschrift in den Annalen des Americana hinterlassen. Alben wie „How Will the Wolf Survive?“ (1984) und „The Neighborhood“ (1990) gehören in jede Rockplattensammlung von Format. Ihr neues Album ist ihrerseits eine Verbeugung vor den für sie wichtigen Bands aus L. A. und umzu – von den Beach Boys (aus Hawthorne im L. A. County), deren „Sail On, Sailor“ die Wölfe als soften Boogie covern, bis zu den Blasters (aus Downey), der Band, bei der Lobos-Keyboarder und -Saxofonist Steve Berlin einst mitspielte und von denen sie sich den Neo-Rockabilly „Flat Top Joint“ borgen. Die Band um Sänger/Gitarrist David Hidalgo und Schlagzeuger Louie Pérez erinnert mit dem treibenden R-’n’-B-Track „Farmer John“ an die Premiers (eine Band der Sechzigerjahre, die von mexikanischen Einwandererkindern gegründet wurde) und mit „The World is a Ghetto“ an die Latin-Funkrockgewitter von War.

Halbwegs und gänzlich vergessene Gruppen und Künstler wie Thee Midnighters, Jaguars und Percy Mayfield werden ebenso gewürdigt wie große Namen wie Barrett Strong („Misery“) oder Jackson Browne („Jamaica Say You Will“). Mit dem Medley aus „Bluebird“ und „For What It’s Worth“ erzählen Los Lobos dann noch Rockgeschichte. Mit dem letztgenannten Song stieg Stephen Stills’ Stern als Songwriter bei Buffalo Springfield auf. Dass „Mr. Soul“ danach zur B-Seite von Stills’ Song „Bluebird“ degradiert wurde, führte zum Ausstieg von deren anderem Songwriter Neil Young. Der schunkelnde Titelsong ist die einzige Eigenkomposition – ein kleiner Liebesbrief an die Stadt aus Musik.

Los Lobos – „Native Son“ (New West Records)

Son Volts amerikanische Bestandsaufnahme

Jay Farrar kommt aus derselben Band wie Jeff Tweedy. Bei Uncle Tupelo, der führenden Band des Alternative Country, war er noch der Mastermind. Inzwischen hat ihm Tweedy mit Wilco (die Rock-’n’-Roll-Band des 21. Jahrhunderts!) bedeutungsmäßig den Rang abgelaufen, dennoch zählt Farrar unzweifelhaft zu den großen amerikanischen Songwritern und Son Volt zu den Königsbands des Americana. Einen Status, den die Gruppe – ja, das hört sich jetzt mordsschwülstig an, stimmt ja aber alles – auf ihrem zehnten Studioalbum „Electro Melodier“, dem Nachfolger von „Union“ (2019) – mit 13 prächtigen Countryfolkrocksongs, untermauert.

Deftige Midtemporocker mit Baba-O’-Riley-Keyboards wie „The Globe“ (ein Song für eine Weltgemeinschaft, die sich neuen Weltwerten verpflichten sollte) stehen neben zartgespinstiger Acoustica mit leise schwebender Mundharmonika im Antikriegssong „The Levee on Down“. In „Reverie“ singt Farrar der Kunst ein Hohelied, ihrer Macht, Menschen mit einer Melodie zum Träumen zu bringen. Sei auch das „System“ stets dabei, die Träume in den Schmutz zu treten, so ist es laut Son Volt der Auftrag des Künstlers, die Jungen dazu zu bringen, „den Duft der geschriebenen Seite zu lieben“. Großes Vorhaben in digitalen Zeiten.

Das „System“ ist Thema in und zwischen den Zeilen. Politik wollte Farrar diesmal draußen lassen, doch sie ist ins Herz des Albums vorgedrungen: „Wir alle haben fossile Brennstofflungen, während wir die Uhr ablaufen lassen“, singt Farrar im Übersong „Livin’ in the USA“, der in Sound und Stimmung nicht von ungefähr Ähnlichkeit mit Barry McGuires Sixties-Endzeithymne „Eve of Destruction“ hat. Farrar vermisst in seiner amerikanischen Bestandsaufnahme „empathy“ und „soul“. Eine Kultur der Ignoranz habe sich breitgemacht, die propagierte „natürliche Freiheit von der Wiege bis zur Bahre“ sei für viele unmöglich, es drehe sich nur noch ums „Geld“, mit dem die Reichen die Demokratie aushebeln, es schlage die Stunde der „Scharlatane“, während der Planet die Türen schließt. Ein halbes Jahr nach Trumps Signalrede zum Sturm aufs Kapitol liefert Farrar eine mit melancholischer Eindringlichkeit vorgetragene Sternstunde des Protestsongs.

Son Volt – „Electro Melodier“ (Transmit Sounds/Thirty Tigers)

Brian Mays Solodebüt war lange nicht mehr erhältlich

Wir begannen mit dem Prinzen des Pop und enden mit einer Viertelkönigin. Zurück zum Licht ging es für den Queen-Gitarristen Astrophysiker Brian May im Jahr 1992 mit seinem ersten richtigen Soloalbum. Außerhalb des Lichts waren für ihn die Jahre davor, 1987 bis 1991, gewesen – ersteres das Jahr, in dem Freddie Mercury seine Freunde in der Band über seine HIV-Infektion in Kenntnis setzte, letzteres das Jahr, in dem der begnadete Entertainer schließlich an Aids starb und in dem auch Mays Vater einer Krebserkrankung erlag, der Mann, mit dem er als Junge seine legendäre Red-Special-Gitarre gebaut hatte. Ein bemerkenswertes Debüt.

Das lag zum einen daran, dass May die Regel aller Queen-Bandalben – viele Stile, ein Sound – beherzigte und in dem Dutzend Songs praktisch die Bandentwicklung von einer glamourösen Hardrockgruppe (bis Mitte der Siebzigerjahre) zu einer Poprockband mit den stets interessantesten Chartsingles (die späteren Siebziger, die kompletten Achtziger) nachvollzog. „Resurrection“ (mit Cozy Powell am Schlagzeug) ist klassisch-theatralischer Hardrock wie in den frühen Tagen Queens, „Love Token“ ist ein raues Riffmonster, „Driven By You“ ein Uptempo-Rock-’n’-Roll-Track. Es finden sich spanische Gitarren und Synthesizer, und die royale Ballade „Too Much Love Will Kill You“ war parallel auch mit Mercury als Sänger aufgenommen worden und fand sich 1995 auf dem Mercury-postumen Queen-Album „Made in Heaven“ wieder. Das folkpoppige „Let Your Heart Rule Your Head“ schließlich ist rhythmisch ein kleiner Bruder von „39“ von „A Night At The Opera“ (1975) – beide wurden bei Mays Livekonzerten zum Medley verquickt. „Back to The Light“ hätte auch ein erhebendes Queen-Album abgegeben. Die Red Special schnöselt, schnörkelt und singt, dass es eine Wonne ist.

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Was bei den lyrisch eher unnahbaren Queen erst auf dem letzten Album „Innuendo“ (1991) zu spüren war, schlug auf diesem Album voll durch – der Gitarrist der Band zeigte, wie es hinter allem Glamour um ihn bestellt war. Ein trauernder Mann singt da von seinen Abschieden – „Nothin’ But Blue“ etwa entstand am Vorabend von Mercurys Tod, dem Tag, an dem der Sänger der Welt preisgegeben hatte, wie es um ihn bestellt war. May zeigt sich als verletzlich und verletzt und führt den Fans in „I’m Scared“ mit einer Aufzählung seiner Ängste einen zutiefst unsicheren Menschen vor Augen. Das ist das größte Gewicht von „Back to the Light“ – das Ende des Image, der Blick in den Kern der Person.

Bonustracks gibt es auch wie bei derlei Aufarbeitungen üblich – Live- und Instrumentalversionen einiger Songs, dazu den Werbejingle, aus dem der Song „Driven By You“ entstand. Am wichtigsten jedoch ist, dass „Back to the Light“ überhaupt wieder erhältlich ist. Das Album war, man mag es kaum glauben, vergriffen.

Brian May – „Back to the Light“ – in diversen Formaten (Virgin) – ab 6. August

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