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Neue Alben von Clueso, Lady Gaga, Brandi Carlile und Metallica-Fans

  • Clueso und die Doobie Brothers feiern den Sommer im Herbst, Lady Gaga swingt zum zweiten Mal mit Tony Bennett.
  • Billy Idol und Ringo Starr lassen das vergessene Format der EP aufleben.
  • Und Metallica, Elvis Costello und Velvet Underground erfahren liebevolle Hommagen durch Künstler und Bands aller Stile und Generationen.
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Die alten Gestalten walten wieder. Erst vorgestern gabs auf Youtube ein neues Video von John Cougar Mellencamp und Bruce Springsteen. Die beiden wertigsten Kratzstimmen der Rockmusik sehen im muckeligen Song „Wasted Days“ dem Lebensdämmer entgegen und beklagen verschwendete Zeit. Die Metal-Altmeister Scorpions verkündeten in dieser Woche ein neues Album und eine neue Welttour.

Bevor die Rolling Stones ihr seit gefühlten Ewigkeiten versprochenes neues Album veröffentlichen, kommen sie noch Ende dieses Monats mit einem alten rüber („Tattoo You“ von 1981 – mit vielen Outtakes) und sind auch seit Sonntag wieder auf Konzertreise durch die USA. The Show must go on – auch nach dem Tod von Schlagzeuger Charlie Watts. Ach ja: Nur noch einen Monat bis zu Abbas neuer Veröffentlichung. Von all diesen Alben gibt es später Reviews, aber auch in diesen Tagen machen viele Pop-Senioren (oder wie jüngere Musiksemester die Alten abfeiern) von sich reden. By the way – kaum zu glauben, dass Clueso auch schon über 40 ist.

Sloper lassen den Hardrock-Monkey tanzen

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Pulverisiert wird man zwar nicht gerade durch das, was einem die niederländisch-belgisch-italienisch-englische Dampfkapelle Sloper auf ihrem Debüt „Pulverise“ offeriert. Aber der entzückende Hard-Rock ‘n‘ Roll des Quartetts ist allzeit kraftvoll, erdig, bluesig – mit markanten Gitarrengriffs, griffigen Melodien und der überaus energischen Stimme von Peter Shoulder.

Allen, die in den frühen Siebzigerjahren gern Nazareth hörten, Thin Lizzy oder Bachman Turner Overdrive, die auf Triggerfinger stehen (deren Schlagzeuger Mario Goosens ist dabei) oder auf Golden Earring (deren Cesar Zuiderwijk ist Trommler Nummer 2) werden hier bestens bedient.

Die Killergeschichte im Opener „I‘m Gonna Getcha“ mit ihren spukigen Thereminklängen und dem im Refrain wölfisch anmutenden Gesang eröffnet eine Reihe von 13 altmodisch schönen Songs. Bockbeinig und funky ist „Dance, Monkey, Dance“, vorwärtsdrängend „The Thin Line“, und mit „Struck By Lightning“ (AC/DC goes Disco) und der Keith-Richards-Hommage „Forbidden Shadows“ gibt es weitere Klangbezüge. Tja und in „Learn to Love“ finden sich dann auch noch Spuren von Beatles-Psychedelik. Geht gut ins Ohr, das alles.

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Sloper – „Pulverise“ (Suburban Records)

Charley Crockett und die Traurigkeit des vollen Aschenbechers

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Ehemaliger Straßenbarde im Veröffentlichungswahn. Neun Alben binnen sechs Jahren gabs von Charley Crockett. Gerade eben erschienen – die zehnte: „Music City U. S. A.“. Die Traurigkeit eines vollen Aschenbechers, die schon Wilco in „A Shot in The Arm“ so düster besang, bezeugt auch der in Texas geborene Mittdreißiger in „Are We Lonesome Yet?“ schmerzhaft. Kein Zweifel, hier geht es um Country, die Musik mit den Liebesendzeiteinsamkeitstexten, wo Männern das Herz gebrochen wird und sie dann traurig für immer in den Sonnenuntergang reiten.

Charley Crocketts Country ist auch sonst eine Herzenssache. In Zeiten, in denen der Country-Leib eines Songs oft kaum noch durch seinen Pop-Panzer zu erkennen ist, musiziert Crockett, als lebe er noch in der Zeit des frühen Johnny Cash, von Ricky Nelson und Johnny „North to Alaska“ Horton. Es twangen die Gitarren, es weinen die Steelgitarren, plinkern die Banjos. Alles schön reduziert und cool. Und zwischendurch findet sich in diesem gepflegten Retro ein süffiges Stück Countrysoul wie „I Need Your Love“, mit dem Crockett den Hut zieht vor Smokey Robinson, Sam Cooke und Ben E. King, den Königen des alten R&B. Damit alles zusammenpasst, erinnert auch das Cover – vom obligatorischen Sound-Hinweis bis zum Cowboy-Outfit des Barden – an Klassiker wie Johnny Cashs „Ride This Train“. Howdy, Fremder, hör‘ da mal rein!

Charley Crockett – „Music City U.S.A.“ (Son of Davy/Thirty Tigers)

Billy Idol singt gegen die Harvey Weinsteins der Welt

In Zeiten der weitgehend körperlosen Musik kommt ein halbvergessener Tonträger wieder zu Ehren – die E.P., das Extended Play – mehr als eine Single mit ihren zwei Songs und deutlich weniger als das klassische Album. Billy Idol, Punkrocker bei Generation X in den Siebzigern und Popstar in eigenem Recht in den Mittleren Achtzigern, hat vier Songs auf seine „Roadhouse E. P.“ gepackt.

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Der Mann dessen Oberlippe den Super-Elvis machte, legt auf seinem ersten musikalischen Lebenszeichen seit sieben Jahren mit dem rasanten „Rita Hayworth“ los. Was nach einer Hommage an Hollywoods „love goddess“ der Vierzigerjahre klingt, ist allerdings eine Breitseite gegen die Harvey Weinsteins der Welt, die sich über Jahrzehnte im Recht fühlten, sexuell übergriffig werden zu dürfen. Idols ewiger Weggefährte Steve Stevens liefert dazu ein Solo der Chuck-Berry-Klasse.

„Bitter Taste“ ist dann eher von gebremster Gangart – ein Song à la „Sweet 16″, Rock ‘n‘ Roll-Wehmut, die auch an die frühen Jahre von Chris Isaak erinnert. Der Sänger erzählt von seinem schwerem Motorradunfall vor nunmehr 21 Jahren. Der Elektrorocker „U Don‘t Have Me to Kiss Like That“ hätte auch in Idols Hitserie in den Achtzigerjahren gepasst und „Baby Put Your Clothes Back on“ ist eine schmucke kleine Midtempoballade mit Smokie-Refrain. Alles veröffentlicht auf Beatle Georges Dark-Horse-Label, mit einer Art Wendecover, das – aus irgendwelchen Gründen – auf Kraftwerks „Menschmaschine“ anspielt.

Billy Idol – „The Roadhouse E. P.“ (Dark Horse Records)

Sommer im Herbst – Clueso ist im Hotel California gestrandet

Die Akustikgitarre von „Hotel California“ lässt ahnen, dass Clueso in derselben dämonischen Herberge eingecheckt hat wie 1976 die Eagles, in derjenigen, aus der man nie mehr rauskommt – eine Metapher für das Musikbiz mit seinen Verlockungen und Versprechen und seiner Zerstörungskraft.

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Ausnehmend düster und getragen geht es auf dem schlicht „Album“ betitelten neunten Album von Clueso allerdings nicht zu. Auch wenn sich nachdenkliche Liebeslieder finden wie die Orgelballade „Alles zu seiner Zeit“, ist das meiste hier tanzbar. Schon zu Beginn der 19 Stücke schaltet Cluesos Rap-Pop in den „Flugmodus“, und auch alle anderen Singles, die der 41-Jährige während der Pandemie veröffentlichte – „Sag mir, was du willst“, „Tanzen“, „Aber ohne dich“, „Du warst immer dabei“, „Leider Berlin“ und „Willkommen zurück“ – sind vertreten. Eine Art „Greatest Hits“ aus Cluesos Corona-Zeit.

Auf den spartanisch instrumentierten Vorgänger „Handgepäck I“ folgt also ein flirrendes, groovendes Tanzalbum. „Wäre Nero nicht geboren / würde Rom nicht brennen“, singt Clueso in „Was wäre, wenn“, und hätte er „Album“ nicht aufgenommen, würde es jetzt auch nicht Sommer im Herbst. Mitten im Song springt eine Trompete fröhlich aus der Melodie wie ein Delfin aus den Wellen. Nächstes Jahr endlich wieder richtig Urlaub, denkt man da.

Clueso – „Album“ (Epic/Sony)

Die Doobie Brothers pflegen groovenden Westcoast-Rock wie in den Siebzigerjahren

Und noch ein Nachschlag Sommer: „I wanna feel the sunshine on my skin“, heißt es in „Wherever We Go“ und dass man die Sonne doch am besten in sich trage. Michael McDonald, Tom Johnston, Pat Simmons und John McFee werden auch bald gemeinsam als Doobie Brothers auf Tournee gehen – zum ersten Mal seit mehr als zwei Jahrzehnten. Und der neue Stoff für live, der auf „Liberté“ strahlt, dem ersten Doobie-Album seit sieben Jahren, ist ein Rücksturz in die Siebzigerjahre – Soul und Blues und gute Laune, Lieder vom „wild“ und „free“ sein, vom „Tanzen in den Straßen“. Der „American Dream“ ist aus Rock ‘n‘ Roll gemacht. Und wenn die Zeiten hart werden, empfehlen die „Kifferbrüder“ nicht nur im behaglichen Groover „We Are More Than Love“ den Rückzug ins Private.

Mit „Listen to The Music“, „Long Train Runnin‘“ und „What A Fool Believes“ hatte sich die vielen Besetzungswechseln unterlegene Band einst in die Popgeschichte eingeschrieben. Mit „Just Can‘t Do This Alone“, „Easy“, „Don‘t Ya Mess With Me“ zeigen sie, dass sie ihren eher überraschungsarmen, gefälligen, völlig entspannten Westcoast-Sound, den Mainstream von anno tobak, auch 2021 immer noch draufhaben.

The Doobie Brothers – „Liberté“ (Island/Universal)

Brandi Carlile und der Schmerz – eins der Königsalben des Jahres

Eins der traurigsten Lieder des Jahres ist „When You‘re Wrong“, ein Song gegen Unterdrückung, gesungen zu einer Akustikgitarre, Bass und sachtem Schlagzeug. Brandi Carlile erzählt vom Leben einer Frau als Geist, vom Älterwerden in Lügen. „Du liegst falsch, wenn du denkst, dass wir alle vergehen wie Tautropfen in der Morgendämmerung“ heißt es da mit einigem Schmerz in der Stimme, und statt bei dem zu bleiben, der unterdrückt und damit langsam seine kostbaren Jahre zu verschwenden, rät sie der Freundin, zu gehen. Carliles verhaltener Schrei am Ende des Songs ist ein veritabler Gänsehautmoment.

Es ist die Kunst des Modulierens, die Vielfalt des Ausdrucks, die das siebte Album Album über Carliles vorherige erhebt. Nie sang die 40-Jährige eindrucksvoller als hier. Das folkige „You and Me on The Rock“ könnte aus dem Fundus ihres Vorbilds (und ihrer Freundin) Joni Mitchell stammen. Zwischendurch lodert sie auf „Broken Horses“ regelrecht, wenn sie ihre schwere Kindheit heraufbeschwört (es gibt auch ein gleichnamigen Memoirenband von ihr), und die Gitarre von Tim Hansenroth liefert dazu kräftige Southern-Rock-Klänge. Von den ersten Takten des gewaltigen Openers „Right on Time“ (über Versuche, eine kaputte Beziehung zu reparieren) bis zum letzten Akkord der versunken klingenden Pianoballade „Throwing Good after Bad“ (ein Abschied in Würde ist das einzig noch Mögliche) lauscht man andächtig in diese stolzen Lieder hinein, die von den Produzenten Shooter Jennings und Dave Cobb geschmackvoll und spannungsreich mit Gitarren-, Streicher- und Orgelklängen unterfüttert werden. Eins der Alben des Jahres!

Brandi Carlile – „In These Silent Days“ (Elektra)

Lady Gaga swingt ein letztes Mal mit Tony Bennett

Eine süße, silbrige Stimme swingt da. Lady Gaga kann nicht nur Disco und Country, sie kann auch Jazz, das hat sie vor nunmehr sechs Jahren mit dem Grammy-gekürten Nummer-Eins-Album „Cheek to Cheek“ an der Seite von Tony Bennett bewiesen. Die Freundschaft zwischen dem von Frankieboy Sinatra persönlich als „bester Sänger im Biz“ bezeichneten Bennett und dem Pop-Superstar besteht seit zehn Jahren und erfüllt sich nun mit einem zweiten Longplayer: „Love for Sale“ ist – in Duetten und Solosongs – eine elegante („Night and Day“) bis schmissige (der Titelsong) Verbeugung vor „America‘s great sophisticate“ Cole Porter, der von den frühen Zehner- bis in die frühen Fünfzigerjahre des vorigen Jahrhunderts reihenweise Popklassiker schrieb.

Und wenn der 95-Jährige Bennett und die 35-Jährige Gaga einander zu lässigem Fingerschnippen und begleitenden Big-Band-Gebläse zusingen „I Get A Kick Out of You“, dann besteht daran ebenso wenig Zweifel wie an den anderen gegenseitigen Versicherungen „I Concentrate on You“ und „I‘ve Got You under My Skin“. Man kann die Freude der beiden, miteinander zu musizieren, jeden Moment heraushören. Dass es nun Bennetts letztes Album sein soll, weil er an Demenz im fortgeschrittenen Stadium leidet, stimmt traurig.

Lady Gaga & Tony Bennett – „Love for Sale“ (Interscope)

Ringo Starr geht zurück zum Rock-‘n‘-Roll-Urknall

Und noch eine E.P.: Ringo Starr hat sich inzwischen gänzlich auf die Würze der Kürze verlegt. „Change The World“ ist schon die zweite Vier-Song-Platte, die der 80-Jährige binnen eines halben Jahres veröffentlicht. Auf „Let‘s Change The World“ singt der Ex-Beatle zu Bläsern, souligen Backgroundgesängen und Handclap-Rhythmus davon, dass in uns allen eine Sprache des Friedens und der Liebe verborgen sei. Alle Probleme seien mit Musik zu lösen, alle Ängste würden „weggewaschen“. Der alte Traum aus den Sechzigerjahren, Ringo wiederholt ihn unermüdlich, wieder und wieder. Und man möchte ihn umarmen dafür. Wie schön das wäre!

Ein bisschen Offbeat in „Just That Way“, dann frönt er auf „Coming Undone“ seiner Liebe zu Country. Am Ende gibt‘s dann den Rock-‘n‘-Roll-Urknall in neuer Variante. Ringo bringt Bill Haleys „Rock around The Clock“, Joe Walsh von den Eagles spielt dazu Gitarre, als wärs ein Stück von (den hatten wir heute schon mal am Wickel) Chuck Berry. Das Resultat ist deutlich dynamischer als es weiland die betrunkene Version seines Bandkollegen John Lennon mit Harry Nilsson war. Rundum sympathisch, wir würden auch rocken „until the broad daylight“, wäre da nicht ein Preis, den man sonst für ein komplettes Album entrichten muss.

Ringo Starr – „Change The World“ (Universal)

Alle Musiker lieben Metallica – 53 Hommagen auf das „Black Album“

Ausführlicher wurden wohl nur wenigen Klassikern der Popgeschichte gehuldigt. 53 Ehrenversionen des Dutzend Songs, das auf Metallicas selbstbetiteltem schwarzen Album versammelt war, finden sich auf der „Blacklist“-Box, die jetzt auf vier CDs oder wahlweise auf einer limitierten siebenfach-Vinyl-Edition vorliegt. Das Album, mit dem das Thrash-Metal-Quartett aus Los Angeles sich erstmals an klassischen Rocksongs versuchte und mit dem es im Sommer 1991 vom Kult zum Liebling der Massen und zu Stadiongröße aufstieg, wird hier von Musikern praktisch aller Genres gecovert. Der Kolumbianer Juanes gestaltet „Enter Sandman“ rockig, die Kanadierin Alessia Cara geht die Sache mit Songwriterlässigkeit an und die schwedischen Maskenrocker Ghost starten den Song zumindest ungewöhnlich – nämlich als Pianoballade.

An „Sad But True“ versuchen sich Jason Isbell bluesig und St. Vincent elektronisch, aus „Holier Than You“ wird bei Biffy Clyro ein Elektrorocker, bei Slipknot-Sänger Corey Taylor eine Metalnummer nicht allzu weit weg vom Original. Alle Beteiligten zu erwähnen, würde den Rahmen sprengen. Unser Liebling ist der Walzer „Nothing Else Matters“, den Phoebe Bridgers mit ihrer weltenthobenen Stimme zu Streichern und einem gluckernden Flussgrundpiano singt, ähnlich betörend wie sie erst neulich Paul McCartneys „Seize The Day“ coverte.

Der Song führt elf weitere „Nothing Else Matters“-Adaptionen an (darunter sind Miley Cyrus mit Elton John, My Morning Jacket, Depeche Modes Dave Gahan oder Pianist Igor Levit). Würden hier – wie oft bei Hommagen an den harten Rock – nur Metalbands aufgereiht, wäre dieses Konzept etwas anstrengend und/oder öde. Die Verschiedenheit all der Widmungen hier aber hält diesen Koloss unter Spannung. Nur „Of Wolf and Men“ muss sich mit einer einzigen Version bescheiden. Das Countryfolk-Quintett Goodnight, Texas, das eine melancholische Americanaballade daraus macht, sei bei dieser Gelegenheit gleich mal dringend der weiteren Beschäftigung anempfohlen.

Diverse – „The Metallica Blacklist“ (Universal)

Velvet Undergrounds „Bananenalbum“ aus heutiger Sicht

Das Album mit der Banane war wohl der coolste Garagen-Rock-‘n‘-Roll, der vor dem Morgendämmer des Indierock zu haben war. Stoff, der von locker trashig („Run Run Run“) bis poppig süß („Sunday Morning“) reichte, der sich mit dem Leben und der Straße beschäftigte, dessen minimalistischer, verzerrter Sound der gerade angesagten Psychedelik zuwiderlief, der so New York war wie nichts anderes in der Popmusik von 1967. „The Velvet Underground & Nico“ war eins der Alben, die Generationen von Musikern faszinierten und die man als Popmusik-Afficionado unbedingt im Regal haben muss. Das Cover war damals von Andy Warhol gestaltet worden, man konnte die Banane tatsächlich schälen.

Das traurige „All Tomorrow‘s Parties“ mit seiner im Hintergrund jingle-jangelnden Byrds-artigen Gitarre wird in der Bearbeitung von St. Vincent zu einer gesprochenen Gespenstergeschichte mit Geisterpiano – Bowies „Blackstar“ lässt grüßen. Popgenius Andrew Bird lässt sich von der New Yorker Indieband Lucius zu „Venus in Furs“ begleiten und seine Violine gestaltet den repetitiven Song auf sieben Minuten Länge immer wieder spannend. Und Kurt Vile, früher bei The War on Drugs, rockt und rollt bei „Run Run Run“ (in zwei Versionen). Längst nicht alle der hier versammelten Covers – unter anderem von R.E.M.‘s Michael Stipe („Sunday Morning“), Iggy Pop („European Son“) oder Sonic Youths Thurston Moore und Primal Screams Bobby Gillespie („Heroin“) – erfinden den jeweiligen Song neu. Aber alle sind sie schöne Spiegel der Originale.

Diverse – „I‘ll Be Your Mirror“ (Caroline/Universal)

Auf Spanisch klingt Elvis Costellos „This Year‘s Model“ von 1978 wie neu

„Ich will diesen Song im verdammten Radio hören“, schickt der argentinische Rock ‘n‘ Roller Fito Páez seiner spanischsprachigen Version von Elvis Costellos „Radio Radio“ hinterher. Und warum eigentlich nicht? Die Coverversion des New-Wave-Klassikers hat Hit-Appeal, scheint dabei musikalisch gar nicht weit weg vom Original zu sein. Bei genauerem Hinhören ist es dann sogar das Original – minus der Costello-Stimme. Denn der Pianist und Sänger Páez singt zu dem, was Costello und seine Attractions 1978 musiziert hatten. Die alten Instrumentalspuren wurden einfach geremixt – das war‘s. An seinem Gesicht und seinem Gesang habe es wohl gelegen, dass das Album „This Year‘s Model“ damals eher ein Misserfolg geworden sei, juxte Costello im Vorfeld der Veröffentlichung von „Spanish Model“, auf dem das Makeover-Konzept auf Albumlänge (plus einiger Outtakes) praktiziert wird. Spanisch, so Costello, sei ja sowieso die zweite Amtssprache des Rock ‘n‘ Roll.

Gut, das mag sein, wenn man Leute wie „Despacito“-Mann Luis Fonsi zum Rock ‘n‘ Roll rechnet, der hier als Interpret des druckvollen Rockers „You Belong to Me“ auftritt. Die Puertoricanerin Raquel Sofia bringt den Reggae „(I Don‘t Want to Go to) Chelsea“, der Peruaner Gianmarco Zignago und seine Tochter Nicole singen das politisch durchaus brisante „Crawling to The USA“, die kalifornische Grammy-Preisträgerin La Marisoul verstärkt bei „Detonantes“ (im Original: „Little Triggers“) den Eindruck eines Fünfzigerjahre-Schmachters und der zuvor schon beim Metallica-Tribut erwähnte kolumbianische Superstar Juanes macht das bollernde „Pump it Up“ mit seinen Dylan-Bezügen zum Hit fürs Radio.

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Erstaunlich ist, wie frisch und modern jedes einzelne dieser 16 Stücke klingt. Und zu Costellos Selbstbezichtigung: Wir fanden diesen optischen Typenmix aus Buddy Holly und Harry Langdon, als der „andere Elvis“ im Todesjahr von Elvis Presley auftauchte und in die New Wave einscherte, damals maximal cool – Stimme inklusive. Zwar kam „This Year‘s Model“ in Deutschland wirklich nicht in die Charts, aber es stieg bis auf Platz 4 zu Hause im Königreich und immerhin auf Nummer 30 in den US-Charts. Ziemlich gut für einen Misserfolg, oder?

Diverse/Elvis Costello & The Attractions – „Spanish Model“ (Universal Music Company)

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