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  • Neue Alben 2020: Neuerscheinungen aus Rock, Pop, Hip-Hop und mehr

Freitag an der Hörbar – Die ersten Pop-Höhepunkte von 2020

  • Die ersten Popalben von 2020 sind veröffentlicht.
  • Das Spektrum reicht vom Hip-Hop von Eminem und der Antilopen Gang bis zum Schlager von Vanessa Mai.
  • Twin Atlantic, der Bombay Bicycle Club und die Pet Shop Boys pflegen Synthpop-Erinnerungen an die Achtzigerjahre.
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Wirtz auf die leise Tour – das steht dem Rocker gut

„Liebe Kinder, gebt fein Acht, ich hab euch etwas mitgebracht“, verspricht Daniel Wirtz zu Beginn seiner nun schon zweiten akustischen Platte. Damit meint der Rocker mit der dezent heiseren Stimme sein Parallelpublikum, das leise Töne bevorzugt. Und die 13 Liedversionen, die von Piano, Klampfen und Streichern getragen werden, geben den Texten von „Entdeckung der Einsamkeit“ oder „Moment für die Ewigkeit“ deutlich mehr Entfaltungsraum als die rockigeren Originale.

Die Lyrik ist sehr persönlich, sehr emotional. „Neue Erde auf verseuchtes Gebiet“ könnte man das Verfahren mit einer Zeile aus „Wer wir waren“ nennen, denn das Chansoneske, Folkrockige steht dem Rheinländer so gut, dass wir künftig gern auch Neues in dieser Machart nähmen. Material der letzten beiden Studioalben wurde verwendet, dazu mit „11 Zeugen“ ein frühes Juwel von Wirtz: „Ich hab sie gezeugt, hab sie erdacht, mit aller Liebe aller Kraft mögen sie bestehen oder untergehen“, heißt es in diesen Bekenntnissen eines Songwriters zu seinem Liedern. Die Zeichen stehen auf „bestehen“.

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Wirtz – „Unplugged II“ (Tonpool)

Marcus King – ein großartiges Songwritertalent auf Solopfaden

Marcus King besingt im Electric Blues „The Well“ das alte Klischee, dass er den Rock’n’Roll vom „good Lord“ persönlich bekommen habe. Aber bei dem 23-Jährigen aus South Carolina scheint die Musik tatsächlich die Rettung gewesen zu sein. Mit seiner leidensgegerbten Stimme, die doppelt so alt zu sein scheint wie er, sang er bereits auf drei Alben herzzerreißende Lieder über einen Verschmähten, der nur dann die Aufmerksamkeit der begehrten Frau bekommt, wenn er Gitarre spielt. Und wie er das sang, klang es zutiefst autobiografisch.

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Mit seiner virtuosen Marcus King Band schuf King zuvor einige der inspirierendsten Gitarrensoli der vergangenen 20 Jahre und schrieb betörende Ohrwürmer mit zuweilen geradezu verstörender Lyrik. Man erinnert sich an „Self-Hatred“, das einem wochenlang im Kopf herumgeisterte.

„El Dorado“ nun ist sein erstes Soloalbum. Und unter den Fittichen von Dan „The Black Keys“ Auerbach versucht er sich an Folk („Young Man’s Dream“), Rock’n‘Roll („The Well“), Blues („Wildflowers & Wie“), und schunkelndem Country („Sweet Mariona“) mit der stilistischen Klammer Soul. Hier träumen, schwirren und singen die Gitarren, aber es steigen auch Streicher auf wie bei „Break“, das ein Stück aus dem Portfolio von Paul McCartney sein könnte oder beim slowfunkigen „One Day She’s Here“.

Die Liebe ist auch hier oft verloren, vergangen, wird ewig erinnert werden oder wird ersehnt. Aber die schwarze Verzweiflung von einst hat der Hoffnung Platz gemacht. Und einer der beeindruckendsten Songwriter hat zum vierten Mal ein Album voller potentieller Klassiker abgeliefert, das erste Americana-Meisterwerk des noch jungen Jahres.

Marcus King – „El Dorado“ (Concord/Universal)

Der Bombay Bicycle Club tritt in die Pedale

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Fünf Jahre ist das letzte Werk des englischen Bombay Bicycle Club schon wieder her. Von musikalischen Soloexkursionen bis hin zu nachgeholten Studiengängen reichen die Entschuldigungen für die lange Pause, die Jack Steadman (Gesang), Jamie MacColl (Gitarre), Ed Nash (Bass, Keybords) und Suren de Saram (Schlagzeug) vorbringen. Die Frage, ob der Albumtitel „Everything Else Has Gone Wrong“ als traurige Bilanz dieser Jahre gelten soll, bleibt unbeantwortet.

In jedem Fall ist das Londoner Quartett zurück an seinen Instrumenten und hat auf dem fünften Album jede Menge tastenlastiger Popperlen aufgereiht, die mal den keyboardlastigen New Wave von Tubeway Army und Co. („Is It Real?“) feiern, dann wieder Burt Bacharachs Easy Listening mit Beatles-Psychedelik vermengen („I Worry about You“). Die Zeiten, als man Indierock anbot (auf dem Debüt „I Had the Blues but I Shook Them Loose“ (2009)), scheinen Ewigkeiten her. Das neue Bombay ist bombastisch, achtzigerjahreselig, das Gespür der Band für bleibende Melodien ist fantastisch.

Und obwohl Steadman immer klingt, als sei er 95 Prozent pro Tag unglaublich traurig, blitzt Witz aus Texten wie „Good Day“. Da sitzt ein Sauertopf im Fernsehsessel, träge wie ein Kaktus, und stellt sich vor, dass er, wenn er einen Job hätte, endlich seinen Job hinschmeißen könnte. Und die schmelzenden Eiswürfel in seinem Glas erinnern ihn dann daran, dass da ja noch irgendwas Übles abgeht mit der Umwelt und dem Klima und so.

Bombay Bicycle Club – „Everything Else Has Gone Wrong“ (Caroline/Universal)

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Bill Fay bringt ein Alterswerk voller Zuversicht

„Diese Welt ist nicht sicher in den Händen von Menschen“ singt Bill Fay zu Beginn seines neuen Albums „Countless Branches“. Dabei wandert der alte Mann laut Lyrik in den Hügeln von Enniskellen umher und freut sich in digitalen Zeiten, dass „meine Fersen etwas Echtes berühren“. „In Human Hands“ ist ein berührender Auftakt. Mit seiner nach Staub und Weinbrand schmeckenden Stimme tastet der 1943 geborene Songwriter aus London nach dem Gemüt des Zuschauers. Zwar gibt es hier auch mal ein schleppendes Schlagzug und tränenschwere Streicher, aber im Mittelpunkt der zehn Songs steht doch der Mann am Klavier.

Fay hat 1970 und 1971 zwei intensive, noch heute merkwürdig berührende, Liederbücher voller düsterer Visionen und verzweifelter Sehnsüchte veröffentlicht, die indes von der breiten Masse ignoriert wurden. Ein Songwriter für Connaisseure.

Spät, 2012, schloss sich daran das bittere „Life Is People“ an – ein Comeback, jedenfalls wenn man Comebacks nicht erst ab Tina-Turner-Level rechnet. Trotz des zweiflerischen Beginns fügen sich die „zahllosen Zweige“ Fays zu einem Album der Zuversicht. „Ich hatte fast alles vergessen“, singt er, „als ich Kinder lachen hörte, und jetzt bin ich wieder von Verwunderung erfüllt“ („Filled with Wonder Once Again“).

Und er erinnert sich im Titelsong „unter meinem Stammbaum sitzend“ an die Worte des biblischen Abraham, wonach alle Familien gesegnet seien. Viele Momente gibt es, die den Hörer familiär umarmen: Eine tröstliche Trompete steigt aus „Love Will Remain“, ein umarmendes Harmonium leitet „One Life“ ein.

Bill Fay – „Countless Branches“ (Dead Oceans/Cargo)

Vanessa Mais „Für immer“ ist mehr Schlager vom Selben

„Schuld war nur der Bossa Nova“ – an der Karriere von Vanessa Mai jedenfalls, die mit dem alten Manuela-Hit schon im Grundschulalter auf der Bühne stand. Nun bringt die 27-jährige Schlagersängerin aus dem schwäbischen Aspach schon ihr fünftes Album auf den Markt, und ihren Fans sei gesagt: Auch dieser Apfel Nummer fünf liegt verdammt nah am Stamm. Das Rezept von „Für immer“ ist mehr vom Selben: freundliche Melodie, tanzbarer Beat und Texte, in denen der Hörer sich wiederfinden kann, ohne sich damit freilich tiefer beschäftigen zu müssen.

Zwar geht es in „Beste Version“ schon mal um das Problem der Selbstakzeptanz (die Schlagertherapie lautet da seit je: Nimm dich so wie du bist, du bist der/die Beste). Mal wird in Romantik geschwelgt („Venedig“), mal geht es keck und kokett zu („Ja, Nein, Vielleicht“). Das Liebeslied „Hast du jemals“ hat dann der Mannheimer Soulsohn Xavier Naidoo für sie komponiert.

Das sind auch schon die Thriller, der Rest sind die Füller, aber auch die fließen völlig widerstandslos ins Ohr. Und wer das alles nicht mag, der gibt am besten dem Bossa Nova die Schuld und holt sich was anderes.

Vanessa Mai: „Für immer“ (Ariola/Sony)

Die Antilopen Gang ist wohltuend „anti“ gegenüber allen Prolopen

Zum Beispiel könnte er sich den Hip-Hop von der Antilopen Gang besorgen. Das 2009 gegründete Düsseldorfer Rap-Kollektiv legt mit „Abbruch, Abbruch“ sein viertes Album vor. Wie immer beginnt der Titel des Werks mit dem Buchstaben „A“, und mit dem Eröffnungssong „2013“ gehen die drei Antilopen zurück in die rüden Anfangszeiten ihres Erfolgs, als der vierte Mann Jakob Wich alias NMZS noch dabei und am Leben war.

„Das kann uns keiner nehmen“ wird hier gerappt, aber auch: „Keine Nostalgie – wir haben zu viel Scheiß erlebt“. Koljah, Panik Panzer und Danger Dan, seit „Beate Zschäpe hört U2“ (2014), ein Gewicht im deutschen Hip Hop (Abteilung: hintergründige Raps), sind frauenfreundlich, protzfeindlich, politisch dort, wo das Herz schlägt und ihre Texte sind dabei durchweg hörenswert.

Manches auf der Neuen ist zwar schon ein älterer Hut („Irgendwann werd’n wir alle durch den Roboter ersetzt“), aber wenn die Antilopen im souligen Flow auf dem Land das „Zentrum des Bösen“ finden („ein Gericht gibt es nicht, der Lynchmob macht einfach“), sind sie brisant, sind sie ein wohltuendes „anti“ gegenüber den zahllosen Prolopen der Popmusik.

Und wenn es in „Bang Bang“ um Sex geht und sie die Biografie eines Erotikspätzünders abspulen, dabei das „F“-Wort benutzen, ist das aufrichtig und Meilen entfernt von den derben Ständerstrophen der vielen (oft lächerlichen) Maskulinissimos des Genres.

Antilopen Gang: „Abbruch, Abbruch“ (JkP/Warner)


Twin Atlantic auf den Spuren von OMD und Ultravox

In der Kürze liegt die Würze, aber am Ende ist mehr doch mehr. Sieben Stücke und zwei kurze musikalische Impressionen fügen sich zu „Power“, dem fünften Album des schottischen Indietrios Twin Atlantic, das diesmal stark mit elektronischen Klängen experimentiert. Sam McTrusty singt euphorisch, frenetisch, zugleich voller Melancholie. Songs wie „Barcelona“ und „Novocaine“ sind keyboardfett, wandeln auf den Spuren von Orchestral Manoueuvres in the Dark und Ultravox, während das flirrende, treibende „I Feel It Too“ ein Postpunkstück ist, zu dem man hervorragend auf Tanzflächen explodieren kann.

Je weiter dieses Werk dann auf sein zu frühes Ende zueilt, desto gewagter wird die Musik. Nach der instrumentalen Piano-Synth-Sphäre „Asynchronous“ kommen Klassetracks wie der Depeche-Mode-artige Electrofunk „Volcano“ und das schleppende, „Messiah“ mit seinem Chain-Gang-Beat. „Wie Novocain flutest du mein Gehirn“, singt McTrusty. Die neuen Twin-Atlantic-Songs Songs aber wirken eher wie Kokain, sie reißen den Hörer vom Sitz.

Twin Atlantic: „Power“ (Virgin/EMI)

Der Pet-Shop-Pop ist wieder hittauglich

Die Achtzigerjahre des vorigen Jahrhunderts liefern offenkundig den dominanten Sound für den Beginn der neuen Zwanzigerjahre. Synthpop goes Boom again! Auch Originale lassen da von sich hören. Neil Tennant (65) und Chris Lowe (60) haben das neue Pet-Shop-Boys-Album vornehmlich in der Elektrocity Berlin geschrieben, wo sie inzwischen etwa ein Viertel des Jahres zubringen.

Aufgenommen wurde in den Hansastudios, in denen schon elektronisch durchwirkte Klassiker der Populärmusik wie David Bowies „Heroes“ und U2s „Achtung, Baby!“ entstanden. Und unter der Regie von Stuart Price klingt fast alles auf „Hotspot“ wie die Boys von früher – das Album vom Opener „Will O The Wisp“ ist eine Erinnerung an die Tage, als der Pet-Shop-Pop die Hitparaden der Welt (später immerhin noch die Europas) regierte.


Die zuletzt eher wenig auf Kommerzialität bedachten Werke der beiden Londoner hatten vielleicht den Verdacht aufkommen lassen, das Duo habe sich in Sachen Hitwriting erschöpft. Das Gegenteil wird auf diesem an musikalischen Hotspots (ein Synonym für angesagte Orte) reichen Werk bewiesen – ob nun beim balladesken „You Are The One“, beim schwelgerischen „Only The Dark“, beim funkigen Discoburner „Monkey Business“ oder bei dem mit Olly Alexander von Years & Years erbrachten tanzbaren „Dreamland“. Der Song „Happy People“ ist ein Appell ans Glücklichsein in einer vom üblen Weltgeschehen zunehmend verdrossenen Menschheit.

Überraschend ist allenfalls die traute Akustikklampfe von Suede-Gitarrist Bernard Butler, die „Burning The Heather“ fast wie einen alten Smokie-Song wirken lässt. Neil Tennants sanfte und kühle Stimme erzählt darin von einem einsamen Mann, der in der Herbstzeit, wenn das Heidekraut („heather“) verbrannt wird, nicht mehr weiterziehen sondern ankommen möchte. Danach noch „Wedding in Berlin“ – da haben Tennant und Lowe aus pumpenden Elektrobeats und Mendelssohn-Bartholdys Hochzeitsmarsch einen Hochzeitstanz geschaffen, der allen Walzerfeinden gut zupass kommen dürfte.

Pet Shop Boys: „Hotspot“ (x2Records/Kobalt)

Der ewige Provokateur – Eminem und der Terror

Die erste große Überraschung des frischen Popjahres – zumindest was die Plötzlichkeit betraf – kam aus dem Hip-Hop. Marshall Bruce Mathers III, seit 24 Jahren besser als Eminem bekannt, schleuderte über Nacht digital sein neues Album „Music to Be Murdered by“ in die Welt, das nun am kommemden Dienstag (28. Januar) zur Freude der Haptiker auch auf CD, Ende März dann auf Vinyl erscheinen wird.

64 Minuten, 20 Songs. Das Cover (Eminem mit Axt und Revolver an den Schläfen) zitiert nicht von ungefähr das Album „Alfred Hitchcock Presents Music to Be Murdered by“, mit dem sich Thrillermeister Hitch 1958 gegen Vorwürfe zur Wehr setzte, seine Filmgewalt würde reale Gewalt erzeugen. Damit lassen sich – wenn man möchte – alle Seitenhiebe und Dissereien dieses nunmehr elften Albums des Detroiters auch in einem zweideutig-ironischen Licht sehen.

Eminem wäre nicht Eminem, hätte er sich nicht sofort wieder in den Verdacht von Sexismus und Homophobie gebracht – allerdings ist ein Hinweis auf Oralsex nicht mehr ganz so skandalös wie Ende der Neunziger zu „The Slim Shady LP“-Zeiten. Und mit der New Yorker Rapperin Young M.A. hat sich Eminem eine offene Lesbierin ins Studio geladen. So what?

Terrorismusverharmlosungsverdacht immerhin ist neu im Eminem’schen Provokationsspektrum. Im Young-M.A.-Duett „Uncommodating“ wird über ein potenzielles Bombenlegen gerappt (mit Bezug auf das von einem islamistischen Attentäter 2017 attackierte Ariana-Grande-Konzert in Manchester, wofür Eminem verlässlich einen Shitstorm und den Schimpf des Bürgermeisters von Manchester erntete). Und in der ersten Single „Darkness“ (mit Simon-&-Garfunkel-Zitat) versucht er sich textlich in der Haut des Mannes, der 2017 in Las Vegas vom Hotel aus 58 Festivalbesucher erschoss. Damit will Eminem freilich nur die amerikanische Waffenseligkeit angreifen, wie er zum Songende erklärt.

An musikalischer Neuerung ist der reichste Outlaw des Planeten Hip-Hop offenkundig nicht interessiert. Er liefert in Sachen Bässe und Samples das Übliche. Die Stakkatoraps beherrscht freilich nach wie vor keiner so wie er. Insgesamt ist „Music to Be Murdered by“ Eminem as usual – eine Platte, die der Eminemaniac nicht nur gut überleben kann, sondern die er – ab Dienstag – wohl auch wiederholt auflegen mag.

Eminem: „Music to Get Murdered by“ (Interscope/Universal)

“Staat, Sex, Amen”
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