Kirsche des Chaos – Die Horrorserie “Penny Dreadful: City of Angels”

  • Vom viktorianischen Zeitalter geht es an die amerikanische Westküste der 30er-Jahre.
  • Die Horrorserie “Penny Dreadful: City of Angels” (ab 8. Juni bei Sky) spielt im sonnengefluteten Los Angeles.
  • Mit viel Liebe lässt Serienmacher John Logan auch hier die Mächte des Bösen von der Leine.
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Klaustrophobie pur. Bei dem Namen “Penny Dreadful” erinnert man sich zunächst an den Horrorfilm vor 14 Jahren. Ein traumatisiertes Mädchen und seine Psychologin, gefangen im Auto, belagert im Nirgendwo von einem Wahnsinnigen. Die Kritiken für Richard Brandes’ Thriller waren lau, doch der Streifen kam an, hat längst das Prädikat “Kult”, ein böses, schmutziges Pläsier.

Ein Laden voller süßer Schrecken

Dann kam 2014 die Serie “Penny Dreadful” mit Eva Green, Josh Hartnett und Timothy “007” Dalton. Im viktorianischen England hoben sie Vampirnester aus, jagten Monster, werden von Dämonen okkupiert. Ein vergnüglicher Laden voller süßer Schrecken, in dem sich Dracula, Frankensteins Monster, Dorian Gray und andere Wesen der klassischen Schauerliteratur die Tür in die Hand gaben. Und jetzt also, weitere sechs Jahre später “Penny Dreadful: City of Angels”.

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Auch diese Serie hat nichts mit ihrer Vorgängerin zu schaffen – zumindest inhaltlich. Obzwar die Heldin in Richard Brandes‘ Mobilitätshorror Penny hieß, steht der Begriff “Penny Dreadful” generell für britische Groschenromane im Zeitalter Königin Viktorias – billigen Grusel über Varney the Vampire oder Sweeney Todd, den Mörderbarbier.

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Die Serie “City of Angels” spielt viereinhalb Jahrzehnte später in Los Angeles, wäre also besser mit “Pulp-Fiction”, der US-Schundliteratur der Dreißigerjahre übertitelt. Aber Serienmacher John Logan (“Skyfall”, “Aviator”) wollte verständlicherweise die Zugkraft seiner etablierten Marke nutzen.

In der wilden Mischung hätten es ein paar Morde getan

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Und hinein geht es in ein düsterbuntes Kalifornien der Gangster und Cops, der mexikanisch-amerikanischen Animositäten, der charismatischen Radioevangelikalen und des Amerikadeutschen Bundes deutschstämmiger US-Bürger, die Freundschaft mit Hitlerdeutschland propagieren. Ziemlich wilde Mischung, da hätten es ein paar Morde als Handlungsmotor getan.

Aber natürlich muss noch ein starker Schuss Übernatürliches in den L.-A.-Cocktail. Auftritt: Natalie Dormer. Die Britin, die mit Filmen wie “The Forest” (2016) und “Patient Zero” (2018) schon Horrorerfahrung gesammelt hat, spielt Magda, einen wandlungsfähigen Dämon mit Vorliebe für mondäne Auftritte, die Schwester des hiesigen Todesengels Santa Muerte (Lorena Izzo). War das Setting der Vorgängerserie neblig-trüb, so strahlt über der Engelsstadt die Sonne. Hier ist alles Hollywood, Jazz, Strand, Eiscreme – goldenes Zeitalter, der Krieg noch in der Ferne.

Auch Polanskis “Chinatown” stand Pate

Wäre da nicht der Rassismus, den Tiago (Daniel Zovatto), der erste Latino im LAPD, täglich hautnah erfährt. Und wären da nicht die Monster. Mit seinem Partner, dem jüdischen Cop Lewis (Nathan Michener), leuchtet Tiago in die Schatten eines scheußlichen Verbrechens. Eine Familie wird nackt, ohne Herzen und mit weißen, im “Dia de los Muertos”-Stil bemalten, Gesichtern in einem trockenen Flussbett gefunden.

Klar, die Mexikaner haben Schuld, die Polizei wird in der Folge schrankenlos übergriffig, Gewalt regiert schon bald die Straße. Das Viertel der Chicanos ist sowieso einem Highway nach Pasadena im Weg. Um das zu regeln, paktiert die Politik (Michael Gladis) schon mal mit den örtlichen, diskriminierungs- und rauflustigen Nazis um Dr. Peter Craft (Rory Kinnear). Ja, auch Roman Polanskis “Chinatown” stand Pate.

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Dämon Magda mit ihren Inkarnationen ist auf alldem die Kirsche des Chaos. Sie spielt die Assistentin des zwielichtigen Stadtrats, eine deutsche Emigrantin mit erfundener Biografie, und Rio, den Kopf einer mexikanisch-amerikanischen Gang. Sie hat süffisante Sätze und jenes subtil-wissende Drahtzieherlächeln, das sie schon in “Game of Thrones” zum Publikumsliebling werden ließ. Der sexy Satansbraten, der hier mit reichlich Zerstörungslust tanzt, ist das Zuschauen allemal wert.

Wenngleich die Geschichte, die bis zu den Zoot-Suit-Aufständen reichlich Historie verarbeitet, als atmosphärisch stimmige, mit viel Liebe zu Text, Charakteren, und Setting gemachte, visuelle Kostbarkeit erscheint, wirkt sie doch bei aller Unterhaltsamkeit überladen an Figuren und nicht leicht zu durchdringen. Man fragt sich zudem von Zeit zu Zeit, ob die Cops wohl je ihren Mordfall knacken werden, um dann aber am Ende jeder Episode sofort in die folgende eintauchen zu wollen.

Welche unselige Strippe Magda wohl als Nächstes zieht? Das will man auf Teufel komm raus wissen.

“Penny Dreadful: City of Angels”, an 8. Juni bei Sky, von John Logan, mit Natalie Dormer, Daniel Zovatto, zehn Episoden

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