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Nena: “Angst richtet mehr Schaden an, als den meisten bewusst ist”

  • Wie fast alle Künstler konnte auch Nena in den vergangenen Monaten nicht wie gewohnt Konzerte geben.
  • Im Interview mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland spricht die Sängerin über Optimismus und eine veränderte Welt nach Corona.
  • Außerdem spricht Nena über ihre neue Musik.
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Nena, wie fühlen Sie sich in diesen Monaten, in denen die Pandemie einen nie gekannten, dauerhaften Ausnahmezustand verursacht?

Ich mache mir viele Gedanken und frage mein Herz: Wie will ich eigentlich leben? Wir alle sind plötzlich in eine Lebenssituation geraten, die ungewiss ist. Und das, obwohl das Leben natürlich immer ungewiss ist. Aber im Alltag haben wir das wohl größtenteils ausgeblendet und quasi in einer Simulation von Sicherheit gelebt. Es lief immer irgendwie. Und jetzt wird uns der Teppich weggerissen. Und genau darin liegt meinem Gefühl nach aber die Chance. Jeder darf jetzt in irgendeiner Form aufwachen und sich als Teil dieser Gesellschaft fragen: Wie soll das alles weitergehen? Was wünsche ich mir? Ich erlebe meinen persönlichen, intensiven Aufwachprozess, und ich bin erstaunt, wie tief ich doch noch geschlafen habe – obwohl ich nicht völlig unbewusst durchs Leben gehe und dachte, ich sei schon ziemlich wach. Es ist an der Zeit, dass man aufeinander zugeht, anstatt übereinander herzufallen, weil man unterschiedlicher Meinung ist. Ich finde es erschütternd, dass wir uns in verschiedene Lager, Ansichten und Wahrheiten spalten lassen und so viele bereit sind, eine Art Krieg untereinander zu führen, anstatt ins Miteinander zu gehen und Frieden zu schaffen. Ich treffe aber auch viele Menschen, die bereit dafür sind. Der Aufwachprozess ist einfach nicht mehr aufzuhalten.

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Brachte die bedrückende Situation des Lockdowns also auch Zeit als Geschenk mit sich?

Es ist etwas geschehen, was wir nie für möglich gehalten hätten und was uns alle in irgendeiner Form an unsere Grenzen bringt, im Positiven wie im Negativen. Die Welt stand still, und egal, mit wem ich darüber gesprochen habe, alle fanden das ausschließlich schön und bereichernd. Von mir fiel auch so einiges ab und ich habe in der Zeit gemerkt wie erholsam es ist, einfach nirgendwohin zu müssen und auch nirgendwohin gehen zu wollen. Inne zu halten, Stille wahrzunehmen, ein anderes Zeitempfinden zu haben. Ich habe mich in den letzten Monaten deutlich verlangsamt. Ich fühle mich entschleunigt, und das ist mir nicht einmal fremd, es fühlt sich eher natürlich an. Wir kommen ja auch mit einem Slo-Mo-Gefühl auf die Welt und nicht als gestresste, sich abhetzende Wesen. Wir haben uns so daran gewöhnt “durchgetaktet” zu sein. Leben ist keine Hetzjagd, das ist mir nochmal so richtig bewusst geworden. Und auch hier sehe ich eine große Chance, dass es nun nicht mehr ausschließlich darum geht, um jeden Preis zu leisten und erfolgreich zu sein, sondern einfach ein Teil vom Ganzen. Und um die Freude an dem, was jeder mitbringt als Mensch. Es geht darum, unsere Andersartigkeit als Geschenk zu betrachten und das Potenzial, das darin liegt, zu feiern.

Wie “99 Luftballons” ein Hoffnungslied gegen Kalte-Kriegs-Angst war, wie 1989 Ihr Lied “Wunder gescheh’n” in Zeiten von Mauerfall und Wiedervereinigung die Menschen erreichte, kam im Frühjahr Ihr Song “Licht” mit seiner Botschaft von Hoffnung und Liebe gerade im rechten Moment. Irgendwie scheinen Sie ein Gespür für den richtigen Song zum richtigen Zeitpunkt zu haben.

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Das ist mir auch schon irgendwann mal einmal aufgefallen. (lacht) “Wunder gescheh’n” zum Beispiel habe ich in einer intensiven, privaten Lebenssituation geschrieben … Dass der Song dann zeitgleich mit dem Mauerfall kam, war keine Absicht. Ich plane so etwas nicht. Ich folge meistens nur meiner Intuition.

Was “Licht” sagt, ist nicht, dass es irgendwo ein “Licht am Ende des Tunnels” gibt, sondern dass es auf uns ankommt, dass wir Menschen das “Licht schicken”. Man muss selbst was tun.

Der Song soll Mut machen und klarstellen, dass wir Menschen keiner Situation völlig hilflos ausgeliefert sind. Wir haben uns verloren, in einer aufgeplusterten, künstlichen Wohlstandsblase und sind so in die Unbewusstheit geraten. Diese Blase ist jetzt geplatzt und das ist ein echter Weckruf. Sparflamme reicht in diesen Zeiten nicht. Wir brauchen jetzt unsere volle Strahlkraft und das ist gar nicht mal schwer. Liebe und Licht sind die stärksten Kräfte. Und wir haben sie alle in uns. Wenn wir uns darauf besinnen und jeder von uns bereit ist, Licht und Liebe in die Welt zu schicken, finden wir auch in unser Vertrauen, alles schaffen zu können und nutzen genau jetzt die Möglichkeit, unser Zusammenleben auf diesem Planeten ganz neu zu gestalten, zum Wohle aller Beteiligten.

Also eine Art positive Infektionskette humanistischer Gesinnung?

Ich würde eher sagen, eine Inspirationskette humanistischer Besinnung! (lacht) Wir leben in einem System, das auf Angst aufgebaut ist. Und wir sind das gewohnt. Als Kind hast du Angst vor schlechten Zensuren, beim Arzt hast du Angst vor schlechten Diagnosen. Und ich habe einfach keine Lust auf Angst! In meinem Märchen sind wir nämlich alle angeschlossen an ein großes energetisches Feld. Und wenn man sich mal vorstellt, dass 80 Millionen Menschen hier leben und alle schicken ihre Angst in dieses Feld! Das hat natürlich krasse Auswirkungen und zwar auf jeden von uns! Wir sind aufgewachsen mit dem schönen Satz: Als einzelner kann man ja eh nix ausrichten. Und andererseits wissen wir, dass ein Flügelschlag eines Schmetterlings einen Sturm auslösen kann. Insofern hat jeder “Flügelschlag”, den jeder einzelne von uns in die Welt schickt, großen Einfluss auf alles. Deshalb habe ich den Song “Licht” in die Welt geschickt. Nicht als Gegenpol, sondern einfach als eine Energie, die von etwas anderem erzählt als von der Angst. Wir können ungeahnte Kräfte freisetzen, wenn wir alle unser Licht scheinen lassen! Es geht um dich, um mich, um uns und alles!

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Und jetzt “Wandern” – wohin geht die Reise?

Es geht rauf und runter, oft mit sanften Übergängen, oft auch gleicht das Leben einem Sturm. Aber irgendwie landet man doch immer wieder auch auf seinen Füßen. Das wünsche ich auf jeden Fall jedem Menschen.

Das klingt hoffnungsvoll. Ist Optimismus Ihr Wesenskern?

Ob das Glas jetzt halb voll ist oder halb leer, muss jeder für sich entscheiden. Es gibt nicht den besseren oder schlechteren Weg, es gibt immer nur den eigenen Weg und wie ich ihn mir gestalte. Wir müssen lernen, den Weg des anderen zu respektieren. Ich bevorzuge “halb voll” und kann einfach von dort aus am sinnvollsten meine persönlichen Höhen und Tiefen durchleben und vorangehen. Und wahrscheinlich geht es gerade ganz vielen Menschen ganz ganz schlecht und die meisten wissen nicht ein noch aus. Jedoch wir alle, die wir uns in dieser Situation befinden, wir alle wussten doch auch all die Jahre, dass alle fünf Sekunden auf dieser Welt ein Kind an Hunger stirbt. Wir wussten das! Haben uns aber nie damit wirklich beschäftigt. Wir haben es hingenommen, während wir selber mehr als genug zu essen hatten und auch tonnenweise Lebensmittel einfach weggeschmissen haben. Und Achtung: Ab sofort kein Schuldgefühl mehr anhäufen. Dahinter kann man sich nämlich gut verstecken. Jetzt geht es darum, endlich Eigenverantwortung zu übernehmen, über den eigenen Tellerrand zu schauen und wirklich ins Tun zu kommen.

Glauben Sie, dass der Planet wieder in einen gesunden Ort zurückverwandelt werden kann?

Die Natur gibt uns gerade die Antwort auf diese Frage. Die Welt stand still und es hat nicht lange gedauert, da kamen in Italien die Delfine wieder direkt in den Hafen, weil keine Schiffe mehr fuhren. In Indien kann man seit 30 Jahren zum ersten Mal wieder bis zum Himalaya sehen. Mein Kirschbaum hat in diesem Jahr dreimal so viel Kirschen getragen wie sonst. Wir haben einen unfassbar schönen Sommer, überall sprießt und gedeiht es. Es sind wir, die zurückfinden müssen, zu unserem Ursprung und wieder lernen, mit der Natur im Einklang zu leben.

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Wird man jetzt durch die Corona-Krise aufmerksamer, inniger, einander zugewandter?

Ich bin in den letzten Wochen öfter unterwegs und spiele Konzerte bei uns und auch in Österreich und der Schweiz. Die Bedingungen sind dabei absurd, vor allem für die Zuschauer, aber wir machen immer alle gemeinsam das Beste draus. In den Shows begegne ich vielen Menschen, und ich spüre auf jeden Fall eine ganz neue Innigkeit. Aus all diesen Konzerten gehe ich selig und tief berührt wieder nach Hause. Generell herrscht mehr Liebe untereinander, das ist deutlich zu spüren. Und ich glaube auch, dass das bleibt und ab jetzt nur noch stärker wird und sich ausbreitet. Wir sind liebende und soziale Wesen, das ist unser Ursprung und daran scheinen sich viele Menschen jetzt wieder zu erinnern. Es ist doch auch ein so viel schöneres und sinnvolleres Leben, wenn wir uns selbst und anderen in Liebe begegnen.

Was für eine Welt wünschen Sie sich für ihre fünf Kinder und vier Enkel?

Ich stelle mir eine Welt vor, in der Frieden herrscht, weil wir Menschen uns aus tiefstem Herzen dafür entschieden haben, in Frieden miteinander leben zu wollen. Ich stelle mir eine Welt vor, in der kein Kind mehr irgendeine Art von Leid erfährt, weil wir unsere Kinder lieben und achten und sie in allem unterstützen, was sie brauchen, um ihr volles Potential zu entfalten. In der Welt, wie ich sie mir vorstelle, haben wir natürlich auf allen Ebenen auch nachhaltige, abgefahrene Technologien am Start. Technologien, die Leben erhalten und nicht zerstören. In meiner Welt halte ich das alles nicht nur für möglich, ich glaube sogar dass es passieren wird. Ich weiß es einfach. Und ich weiß auch, dass ich das noch erleben werde!

Sorgen Sie sich in Corona-Zeiten um sich selbst? Sie hatten jüngst einen runden Geburtstag und gehören strenggenommen zu der Gruppe mit erhöhtem Corona-Risiko?

Ich hatte und habe keine Angst, krank zu werden. Ich verstehe aber, dass man in so einen Zustand schnell rein geraten kann, vor allem wenn einem von außen ständig versucht wird, Angst einzureden. Mit Angst sind wir schlecht beraten. Es schwächt uns und richtet mehr Schaden an als den meisten bewusst ist. Ich habe meine Gesundheit schon immer in meiner eigenen Verantwortung gesehen. Ich bin natürlich auch sehr dankbar, für Menschen, die da sind, wenn man wirklich Hilfe braucht. Aber in erster Linie muss ich selbst darauf achten, was ich mir und meinem Körper zumute beziehungsweise ihm Gutes tue, um gesund zu bleiben.

Nena, bürgerlich Gabriele Susanne Kerner, zählt heute zu den “Klassikern” der deutschen Popmusik. Die 1960 in Hagen geborene Sängerin und Songwriterin wurde 1983 in der Blütezeit der Neuen Deutschen Welle mit den Songs “Nur geträumt”, “99 Luftballons” und “Leuchtturm” zum Popstar. Schon seit 1978 war Nena mit der Band The Stripes unterwegs. “99 Luftballons” wurde auch ein Millionenseller in den USA. Der Song “Wunder gescheh’n” wurde für ihr früh verstorbenes Kind geschrieben, entwickelte sich aber in der Zeit von Mauerfall und Wiedervereinigung zu einem Hit. Mit 25 Millionen verkauften Tonträgern zählt Nena zu den Erfolgreichsten der deutschen Musikgeschichte. Im April 2007 gab Nena die Gründung der von ihr mit initiierten Neuen Schule Hamburg bekannt, die im September 2007 in Hamburg-Rahlstedt eröffnet wurde. An dieser Demokratischen Schule mit Platz für anfangs 85 Schüler wurde erstmals in Deutschland nach dem Sudbury-Modell unterrichtet.

Die neue Nena-Single “Wandern” erschien am Freitag, 14. August, das zugehörige Video am heutigen Montag (15. August). Das Album “Licht” soll am 16. Oktober veröffentlicht werden.








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