Napoleon: Warum der starke Mann noch heute bewundert wird

  • Vor 200 Jahren starb Napoleon Bonaparte.
  • Der General und spätere Kaiser der Franzosen schuf seinen eigenen Mythos, der Nachahmer noch heute inspiriert.
  • Auch moderne Autokraten setzen auf die Macht der Bilder, die schon der Korse bestens beherrschte.
Joachim Zießler
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Hannover. Vor 200 Jahren waren sich die Zeitgenossen nicht einig, wer da in der Einsamkeit der Verbannung am 5. Mai 1821 gestorben war: „Satans ältester Sohn“ (Ernst Moritz Arndt), ein „Halbgott“ (Goethe) oder die „Weltseele zu Pferde“ (Hegel)? Und noch heute spaltet Napoleon Bonaparte die Gemüter, obwohl – oder gerade weil – vermutlich über keine andere Einzelperson mehr Bücher geschrieben wurden als über den Korsen. Einigkeit herrscht allerdings darüber, dass Napoleon der Inbegriff des starken Mannes ist, der Geschichte „macht“.

Napoleon bewunderte Karl den Großen

Napoleon bewunderte Karl den Großen, Hitler bewunderte Napoleon. Oskar Lafontaine und Franz Josef Strauß kostümierten sich einst während der „tollen Tage“ als Napoleon. Putin, Erdogan, Orbán, Bolsonaro und Trump eifern dem Mann nach, der Frankreichs Grandeur in zuvor unbekannte Höhen trieb. Napoleon hinterließ ein reichhaltig bestücktes Instrumentarium für Alleinherrscher: vom virtuosen Einsatz neuer Medien über das Schaffen von Konsens durch Krieg und die Legitimation durch Religion bis hin zu populistischen Bündnissen gegen Eliten. Aus diesen Versatzstücken schuf er seinen eigenen Mythos, der Nachahmer noch heute inspiriert.

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Spätestens als sein Stern sank, erkannte Napoleon, wie abhängig er, der nicht von Gottes Gnaden auf dem Thron saß, sondern sich selbst gekrönt hatte, von seiner Popularität war. Am 26. Juni 1813 gestand der französische Kaiser im Dresdner Palais Marcolini dem österreichischen Außenminister Metternich: „Ich bin nur der Sohn des Glücks. Ich würde von dem Tag an nicht mehr regieren, an dem ich aufhörte, stark zu sein, an dem ich aufhörte, Respekt zu erheischen.“

Ein bemerkenswertes Eingeständnis der Schwäche gegenüber dem Widersacher, der gerade das Habsburgerreich aus seiner Bindung an Frankreich herauslöste, um es in die Anti-Napoleon-Front einzugliedern. Eine Weltkriegskoalition, der der begnadete Feldherr schließlich unterliegen sollte.

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Seine letzten Lebensjahr war er in der Verbannung

Das Glück hatte sich längst vom Korsen abgewandt, als er als Verbannter seine letzten fünfeinhalb Jahre auf der einsamen Insel St. Helena im Südatlantik fristete. Aber um Respekt kämpfte er immer noch. Seine letzte Waffe war die Gartenschaufel, seine letzten Regimenter waren Gemüsebeete. Rund um das von den Briten für ihn gebaute Longwood House legte der einst mächtigste Mann Europas Beet um Beet mit heimatlichem Obst und Gemüse an. Ein Eroberer bis zuletzt. Die um sein Haus patrouillierenden Wachen mussten wegen der stetig wachsenden Anbaufläche immer mehr Distanz halten.

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2000 Soldaten mit Kanonen und Kriegsschiffen zeugten von der Angst der Bewacher. Unter allen Umständen sollte verhindert werden, dass Napoleon erneut entkommt, wie kurz zuvor von Elba, und die Ein-Mann-Invasion Frankreichs wiederholen könnte. Doch während sich seine Bewacher vor lauter Langeweile duellierten, schmiedete der Gefangene eine Waffe, die sogar mächtiger war als seine legendäre Garde: seinen Mythos.

Seine Biografie entfachte den Heldenkult

Bei seinem Lieblingswein Chambertin diktierte er seine Memoiren. Darin deutete er seine Feldzüge um, die anfangs die Errungenschaften der Revolution und später die Legitimation seiner Macht sichern sollten. Der Eroberer stilisierte sich selbst zum Geburtshelfer sich emanzipierender europäischer Nationen. Darin steckt mehr als ein Körnchen Wahrheit. „Am Anfang war Napoleon“, so begann der Historiker Thomas Nipperdey seine „Deutsche Geschichte“. Napoleon war der Katalysator, der das deutsche Nationalgefühl entzündete. Und seine Biografie war der Treibstoff, der in Frankreich kurz nach seinem Tod den Heldenkult anfachte. Eine Verklärung, die knapp drei Jahrzehnte später Louis-Napoléon Bonaparte, einen Neffen des Korsen, an die Macht brachte, weil dieser sich als dessen Reinkarnation präsentierte.

Als Napoleon III. baute er auf dem Fundament, das ihm sein Onkel hinterlassen hatte, eine eigene Regierungsform auf – den Bonapartismus. Eine faktische Alleinherrschaft, die sich aber immer wieder durch Abstimmungen beim Volk rückversichert, etwa über expansive Außenpolitik oder Modernisierungsprojekte im Innern.

Er inszenierte sich als Retter

Als Donald Trump den Anspruch formulierte, nur er könne den „wahren Volkswillen“ gegen die Eliten durchsetzen und Demonstrationen von Schwarzen unterbinden, nutzte er dieselbe Herrschaftstechnik, mit der sich Napoleon nach dem Staatsstreich von 1799 als Retter der Revolution darstellte, der das korrupte Direktorium und die fortschreitende Anarchie in die Schranken wies.

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Napoleon und Trump nutzten die neuen Medien ihrer Zeit. Der US-Präsident scharte seine Anhänger mittels Tweets hinter sich. Der Korse pflegte sein Image über Zeitungen. Das 19. Jahrhundert gilt als das Jahrhundert der Zeitungen in Frankreich. Für den Italienfeldzug 1796/1797 gründete er zwei Zeitschriften, die die Siege an der Front propagandistisch in der Heimat ausschlachteten. Später erschien der „Bulletin de la Grande Armée“ als feste Rubrik in der wichtigsten Tageszeitung „Moniteur universel“.

Putin und Erdogan eifern ihm nach

Der russische Präsident Wladimir Putin gilt heute als Meister der Selbstdarstellung. Die Kremlpropagandisten fluten das Netz mit Fotos des Herrschers als halbnackter Angler, siegreicher Judoka und Befehlshaber von Atom-U-Booten. 200 Jahre vor ihm wusste schon Napoleon um die Macht der Bilder. Jacques-Louis David porträtierte ihn 1801 ruhig auf einem sich aufbäumenden Ross sitzend, wie er der Revolutionsarmee den Weg über den Alpenpass weist. Am unteren Bildrand malte David in die Felsen gemeißelte Namen: Karl der Große, Hannibal und Bonaparte. Die Geschichte als Steinbruch für Legitimation. Ein Konzept, das Putin und der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan ebenso nutzen, wenn sie sich als moderner Zar beziehungsweise Sultan stilisieren. Zudem beauftragte Napoleon eine unfassbare Menge an Bildern, Büsten, Statuen und Artikeln, die das erwünschte Image transportierten. Einen Instagram-Account hätte der Kaiser sicher mit Freuden genutzt.

Autokraten wissen um die Macht, die aus den Gewehrläufen und den Geheimdienstdossiers kommt. Das Massaker von Jaffa, als 1799 Tausende osmanische Kämpfer am Meer erschossen oder mit Bajonetten erstochen wurden, galt schon Napoleons Zeitgenossen als ebenso ruchlos wie die Hinrichtung des Buchhändlers Johann Philipp Palm 1806 wegen einer Schmähschrift gegen den Korsen. Eine Härte, die dem philippinischen Präsidenten Rodrigo Duterte imponieren dürfte.

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Starke Männer verewigen sich gern in Stein

Starke Männer verewigen sich gerne in Stein. Napoleons Umbaupläne für Paris waren nicht weniger monumental als die von Erdogan für Istanbul und Ankara. Dass Touristen heute vor der Kathedrale von Notre-Dame Platz für Selfies haben (zumindest wenn dort nicht gerade Absperrungen wegen der Wiederaufbauarbeiten nach dem Brand stehen), verdanken sie Napoleons Abrisswut. Um das Gotteshaus ließ er mittelalterliche Häuser, den Kreuzgang, die Kapelle und die Bi­bli­o­thek abreißen, um eine Bühne für die Kaiserkrönung zu erhalten. Die Rue de Rivoli ließ er als neue Ost-West-Verbindung in die Stadt schlagen, weil er Arkaden mit Säulengängen auch in Paris haben wollte, die er in Norditalien gesehen hatte. Die noch heute charakteristischen Zinkdächer gehen auf den Kaiser zurück. Den Triumphbogen auf dem Place de l‘Étoile hatte er zwar in Auftrag gegeben, aber nie vollendet gesehen.

Er ließ neue Wasserleitungen für Paris bauen

Schlägt einem Alleinherrscher in einem Stadtviertel Widerstand entgegen, schlägt er mit der Abrissbirne zurück. Nach einem Bombenattentat auf seine Kutsche in der schmalen Rue Nicaise brachte Napoleon die noch heute vorhandene Weite in die Tuilerien, indem er zig Häuser abreißen ließ. Effizienter sollte Paris werden, dafür ließ Napoleon Wasserleitungen und Abwasserkanäle neu verlegen. Das Trinkwasser kam nicht mehr aus der ­Seine, sondern aus sauberen Bächen des Umlands. Schlachthöfe, Markthallen und Brücken verbesserten Versorgung und Verkehr. Noch auf St. Helena bedauerte er, Paris nicht so umfassend wie geplant umgestaltet zu haben: „Es war mein beständiger Traum, Paris zur wahren Hauptstadt Europas zu machen.“

Erdogans Vorhaben, im Istanbuler Gezi-Park den Nachbau einer osmanischen Kaserne samt Einkaufszentrum zu errichten, löste 2013 eine Revolte aus. Acht Menschen starben, die Justiz ging hart gegen Aktivisten vor. Zudem wurden im angrenzenden Stadtteil Tarlabasi Häuser geräumt und abgerissen. Gigantische Brücken über den Bosporus sollen ebenso auf ewig mit Erdogans Namen verknüpft werden wie der pompöse Präsidentenpalast in Ankara mit 1000 Zimmern.

Die neuen Bonapartisten und ihr Vorbild verbindet, dass ihnen innergesellschaftliche Pattsituationen den Weg zur Macht ebneten. Napoleon gelang es, das durch Bürgerkrieg und Kulturkampf gespaltene Land zu einen. Er wahrte den gleichen Abstand zu Jakobinern und Königstreuen. Der von ihm vorgelegte Code civil war ein epochaler Fortschritt für die Rechtsprechung – und schützte das Eigentum von Bürgern und Bauern vor den Besitzlosen. Der Wohlstand wuchs. Das Konkordat versöhnte die Republik mit dem Vatikan. Die Kriege gegen die absolutistischen Herrscher Europas schweißten die Franzosen zusammen.

Napoleon modernisierte auch Elba

Doch Kriege gegen äußere Feinde befrieden im Innern nur durch Siege. Zwei Jahre, nachdem die ­Grande Armée in Russland aufgerieben wurde, musste sich Napoleon 1814 seinen Gegnern geschlagen geben. Er erhielt die Insel Elba als Fürstentum, die er modernisierte. Währenddessen kehrten die Bourbonen mit Ludwig XVIII. zurück auf den Thron. Anfänglich profitierte der neue König von der Kriegsmüdigkeit der Franzosen. Doch es fehlte ihm das Gespür dafür, dass sich das Rad der Geschichte weitergedreht hatte. Kampferprobte Offiziere mussten Adeligen weichen, die auf ihre alten Privilegien pochten. Die Historikerin Katharina Kellmann schreibt: „Jahrelang hatten die Zeitungen über Siege der französischen Armee berichtet. Nun konnte man in den Gazetten lesen, dass der König sich nach dem Aufstehen ‚glücklich entleert‘ hatte, um dann die Frühmesse zu besuchen.“

Angesichts der wachsenden Unzufriedenheit im Volk wagte Napoleon einen Coup. Er floh mit 1000 Anhängern von Elba und landete am 1. März 1815 in Südfrankreich. Die anschließende „Herrschaft der 100 Tage“ ist in den Geschichtsbüchern meist nur eine Fußnote, dabei zeigten sich in diesem Intermezzo die Macht seines Mythos, aber auch die Grenzen populistischer Politik.

König Ludwig XVIII. entsandte Truppen gegen Napoleons hoffnungslos unterlegenen Haufen. Am 7. März trafen beide aufeinander. Der Korse trat vor die Soldaten wie vor ein Exekutionskommando. Er öffnete seinen Mantel, rief ihnen zu, wer wolle, könne auf ihren alten Kaiser und General schießen. Die Infanteristen senkten die Gewehre, liefen über. Der Marsch nach Paris wurde zu einem Triumph, die Bourbonen flohen. Der Mann, der sich selbst zum Kaiser gekrönt hatte und gestürzt worden war, setzte sich selbst erneut auf den Thron.

War das wahrer Ruhm? Der künftigen Welt überlassen wir das schwierige Urteil.

Der italienische Dichter Alessandro Manzoni

Viele Franzosen sahen den Korsen so, wie er sich selbst sah: als Helden. Zudem grauste es die Anhänger der Republik vor dem Rückfall in die Ständegesellschaft unter den Bourbonen. Aber ein Alleinherrscher, der durch die Zustimmung der Massen legitimiert wird, steht auf unsicherem Grund. Die Franzosen hatten sich Napoleon in den 100 Tagen selbst ausgeliefert. Das band ihn. Um Zweifel zu zerstreuen, er strebe doch nur die Diktatur an, verkündete er die Pressefreiheit und ließ die liberale Verfassung einer konstitutionellen Monarchie ausarbeiten. Diese wurde zwar in einer Volksabstimmung mit großer Mehrheit gebilligt, doch die hohe Zahl der Enthaltungen machte klar: Das innenpolitische Patt, dem Napoleon seinen Aufstieg verdankte, hatte noch Bestand. Der „Sohn des Glücks“ setzte erneut auf das Kriegsglück. Doch schon die Einführung der Wehrpflicht ließ das Murren lauter werden. Die äußerst knappe Niederlage bei Waterloo gegen die alliierten Truppen unter dem englischen General Wellington und dem preußischen Feldmarschall Blücher zerstörte das Charisma, dem die Franzosen so lange gefolgt waren. Nun gebot er nur noch über die Beete auf St. Helena.

Als der 1769 geborene Napoleon vor 200 Jahren starb, schrieb der italienische Dichter Alessandro Manzoni: „War das wahrer Ruhm? Der künftigen Welt überlassen wir das schwierige Urteil.“

Jede Generation stellt ihre eigenen Fragen an Napoleon. Und in jeder Generation finden sich Männer, die dem selbst inszenierten Helden nacheifern.

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