Nach Golden-Globes-Gewinn: Wieder Filmpreis für „1917“

  • Nach dem Gewinn bei den Golden Globes kann Sam Mendes’ Kriegsdrama den nächsten großen Erfolg verbuchen.
  • Bei den Hollywood Critics Association Awards wird „1917“ erneut als bester Film ausgezeichnet.
  • Damit avanciert der Film endgültig zum Hauptanwärter auf den Oscar 2020.
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Am Donnerstag wurden zum dritten Mal die Hollywood Critics Association Awards in Los Angeles verliehen. Das Kriegsdrama „1917“ konnte sich in insgesamt vier Kategorien durchsetzen, darunter in der Königsdisziplin „bester Film“. Der Film von Regisseur Sam Mendes (54, „American Beauty“) gilt somit spätestens ab jetzt als heißer Kandidat auf den Oscar für das „best picture“. Außerdem gewann „1917“ in den Kategorien „bester Action-/Kriegsfilm“, „beste Kamera“ (Roger Deakins, 70) sowie „bester Schnitt“ (Lee Smith, 59) und holte somit auch die meisten Trophäen an diesem Abend.

Der Stoff, aus dem Oscars gemacht sind

Einer der Hauptgründe für einen wahrscheinlichen Triumph am 2. Februar dieses Jahres ist der Inhalt des Films. Der dreht sich um eine Szenerie aus dem Jahre 1917: Während des Ersten Weltkriegs stehen sich britische und deutsche Einheiten auf dem Schlachtfeld gegenüber. Zwei britische Soldaten haben die Mission, einer versprengten Kompanie eine wichtige Nachricht zu überbringen, von der das Leben von 1600 Männern abhängt. Die Kompanie befindet sich jedoch auf feindlichem Gebiet, was den Auftrag zu einem Selbstmordkommando werden lässt.

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Der oft zitierte Wettlauf mit der Zeit beginnt, der zwei hochspannende Kinostunden verspricht. Die Dramaturgie des Films ist somit zwar eher konventionell als revolutionär angelegt, doch ist das nicht genau der Stoff, aus dem Oscars gemacht sind? Die Amerikaner und vor allem die Academy lieben solche Kriegsfilme (ein deutlich stärkeres Charakterschauspiel als bei „Dunkirk“), insbesondere derart epochal angelegte Dramen mit zwei jungen, wagemutigen Soldaten als Helden (das sind sie, egal wie die Mission ausgehen sollte). Hinzu kommen große Schauspielkunst von Colin Firth (59), Benedict Cumberbatch (43) sowie Mark Strong (56) und mit Sam Mendes ein erfahrener, aber nicht saturierter Regisseur. Seinen Regie-Oscar erhielt er bereits bei seinem Debüt für „American Beauty“ 2000.

Zwei Stunden auf dem Schlachtfeld

Ein weiterer, entscheidender Kniff ist die Machart von „1917“. Der Film dauert 119 Minuten – genauso lange, wie die beiden Soldaten unterwegs sind, um die aussichtslose Mission zu erfüllen. Die Handlung wird also chronologisch und in Echtzeit dargestellt, wenngleich nicht als wahrhaftiges „One-Shot-Movie“ wie beworben. Er scheint aber als One-Take gedreht zu sein, was den Streifen für den Zuschauer zu einem sehr realen und visuell beeindruckenden Kinoerlebnis macht. Folglich sind auch die technischen Herausforderungen und Stilmittel ambitioniert, Roger Deakins und Lee Smith dürften sich schon einmal einen Stellplatz für ihren Oscar überlegen.

Ein Bauernopfer für die Königstrophäe

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All diese vermeintlich eindeutigen Argumente für einen Academy Award in der Königskategorie „bester Film“ und weiteren, nicht unbedeutenden Sparten wie Regie, Kamera oder Schnitt bergen das Dilemma der aktuellen Oscar-Spezial-Situation. Die Zeiten der großen Abräumerwerke sind vorbei („Der Herr der Ringe: Die Rückkehr des Königs“, 2004, elf von elf Oscars), die der Big-Five-Gewinner auch („Das Schweigen der Lämmer“, 1992). „1917“ wird sich also mit Auszeichnungen in Nebenkategorien zufriedengeben müssen, sollte die Academy es nicht als „besten Film“ in Erwägung ziehen. Hier könnte die Netflix-Produktion „Marriage Story“ von Noah Baumbach eine Rolle spielen, die bisher fast keine Preise mit nach Hause nehmen durfte.

„1917“ könnte also entweder von der jüngeren Ausgleichsregelung der Jury profitieren und den Award für „bester Film“ abräumen (siehe „Spotlight“, „Green Book“) oder darunter leiden („Gravity“, „The Revenant“). Möglich sind mehrere Szenarien, das denkbar schlechteste wäre: sehr viele Nominierungen, aber sehr wenige („Vice – Der zweite Mann“) bis gar keine Auszeichnungen („Gangs of New York“, „True Grit“).

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Golden Globes versus Oscars

Gerade die Oscarprognose durch einen Sieg bei den Golden Globes ist waghalsig. Obwohl sich durch die Aufteilung bei den Globes in „bestes Drama“ und „beste Komödie/Musical“ eine doppelte Chance auf den Haupttitel ergibt, bekam in den Jahren von 2004 bis 2007 keiner der Globe-Gewinner einen Oscar.

Nur fünfmal stimmte der Sieger der Globes mit dem der Oscars überein, davon ganze dreimal war es ein Drama („Argo“, „12 Years a Slave“, „Moonlight“). Die anderen Male ging der Oscar an „The Hurt Locker“ von 2010 (über die Globe-Gewinner „Avatar“ und „The Hangover“, Letzterer war nicht oscarnominiert), 2011 mit „The King’s Speech“ (über „The Social Network“ und „The Kids Are All Right“), „Birdman“ 2015 (über „Boyhood“ und „The Grand Budapest Hotel“), „Spotlight“ 2016 (über „The Revenant – Der Rückkehrer“ und „Der Marsianer“) und „The Shape of Water – Das Flüstern des Wassers“ 2018 (über „Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“ und „Lady Bird“).

Die Oscarprognosen sind also mit Vorsicht zu genießen, da sich diese vor allem in den vergangenen Jahren allzu oft als falsch herausstellten. Die Tatsache allerdings, dass „1917“ wahrscheinlich keine Nominierung in den Kategorien „bester Hauptdarsteller“ und „bestes Originaldrehbuch“ erhalten wird, macht statistisch gesehen den Gewinn des Awards „bester Film“ fast unmöglich. Diesen konnten ohne die Darsteller- und Drehbuchnominierungen bisher nur zwei Filme gewinnen („Wings“ 1928 und „Grand Hotel“ 1932). Es gilt also bis Montag (13. Januar) abzuwarten, wenn die Oscarnominierungen bekannt gegeben werden. Oscarchance auf den „besten Film“: 60 Prozent.

RND/dms/spot

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