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Nach dem Filmriss: Die Berlinale als Startschuss für das Kinocomeback

  • Unter nächtlichem Hauptstadthimmel begann am Mittwoch die Sommer-Berlinale.
  • Sie will den Kinos den roten Teppich zur Wiedereröffnung ausrollen.
  • Eine Branche in Bedrängnis wagt ihr Comeback.
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Berlin. Ein lauschiger Sommerabend, ein geschichtsträchtiger Ort und 450 Menschen, die nur eines wollen: endlich wieder Kino. So sollte er sein, der Eröffnungsabend der Berlinale 2021 auf der Museumsinsel im exklusivsten der 16 Festival-Freiluftkinos der Hauptstadt.

Jodie Foster hat den Gästen für diesen Mittwochabend eine Videobotschaft geschickt. Ihr Drama „Der Mauretanier“ über den historischen Fehler Guantanamo eröffnet das Festival; Foster streitet darin für die Menschenrechte. Nun sagt sie: „Ich wünschte, ich könnte bei Ihnen in Berlin sein, einem meiner Lieblingsplätze auf dieser Welt. Nichts würde mich glücklicher machen, aber leider sind das verrückte Zeiten …“

Ja, es sind verrückte Zeiten mit all den Zwängen, die die Pandemie der Welt auferlegt. Aber: Die Berlinale hat doch noch eine Lösung für ihr Sommerfestival gefunden. Unter freiem Nachthimmel und verteilt über die ganze Stadt werden bis zum 20. Juni Filme gezeigt. Das Fachpublikum hat die allermeisten zwar schon im März online gesichtet, die Festivalsieger stehen seitdem fest. Doch die Berliner dürften trotzdem begeistert sein.

Rund 65 .000 Plätze sind an Zuschauer zu vergeben. In Corona-Zeiten klingt diese Zahl phänomenal, in normalen Berlinale-Jahren sind es allerdings fünfmal so viele Eintrittskarten. Die Berlinale spricht von einer überwältigenden Nachfrage.

Das Signal von Berlin

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Viele internationale Berühmtheiten bleiben Berlin in diesem Jahr noch fern. Blicken lassen sich aber einige von denen, die im deutschen Kino Rang und Namen haben. Prominenz von Tom Schilling über Meret Becker, Maren Eggert bis zu Daniel Brühl ist gebucht. Stars aus echtem Fleisch und Blut: So ein Festivalgefühl gab es zuletzt im Februar 2020, als die Pandemie schon drohend am Horizont aufzog, aber Maskenträger noch belächelt wurden.

„Das Sommergefühl in Verbindung mit dem Berlinale-Erlebnis wird von vielen als eine besondere Attraktion gesehen“, sagte Berlinale-Leiterin Mariette Rissenbeek dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). Das Kulturstaatsministerium von Monika Grütters hat die Berlinale noch einmal mit 10 Millionen Euro extra gesponsert: Grütters sieht darin ein „kraftvolles Zeichen“ für das Wiedererwachen des kulturellen Lebens nach dem Lockdown.

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Könnte die Berlinale das Aufbruchssignal sein, das die in die Defensive gedrängte Kinobranche so dringend braucht? Mariette Rissenbeek hält das für möglich: Viele Gespräche mit den Berliner Kinos hätten gezeigt, „dass das Festival mit einem hochaktuellen kuratierten Programm als Start für die Kinosaison gesehen wird. Die Kinobetreiber sind sehr motiviert, wieder fürs Kino zu trommeln.“

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Eine global vernetzte Industrie muss den Weg aus der Krise finden

Im besten Fall könnte der rote Berlinale-Teppich direkt zurück in die so lange verwaisten Säle führen. Dorthin drängen die Filmtheatermacher schon seit Monaten. Sie fühlen sich im Stich gelassen von der Politik, die bis heute nicht verstanden hat, dass sich das Geschäft nicht mal eben per Knopfdruck hochfahren lässt. Eine global vernetzte Industrie muss den Weg aus der Krise finden. Der coronabedingte Filmriss hat der Branche ihre Verwundbarkeit überdeutlich aufgezeigt.

Hier und da haben Kinobetreiber längst schon wieder die Vorführgeräte angeworfen, in Bayern wie in Niedersachsen, Schleswig-Holstein oder Sachsen. Zuerst wagten sich Programmkinos vor und spielten Repertoire. In Nürnberg hat auch das als Deutschlands erfolgreichstes Kino gerühmte Cinecitta schon seine Türen geöffnet. Modellversuche wie in Tübingen haben hoffnungsvoll gestimmt, dass die Cineasten sich wieder vom lieb gewonnenen Streamingsofa erheben werden.

Aber genau in diesem Flickenteppich liegt auch ein Problem: Auf eine gemeinsame Linie haben sich die Bundesländer nie verständigen können. Und deshalb fehlte den Kinos bislang das Wichtigste für das erhoffte Comeback nach mehr als einem halben Jahr Schließung: frische Filme, über die überall und zur gleichen Zeit gesprochen wird.

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Kein Verleih wollte riskieren, die so lange zurückgehaltenen Schätze häppchenweise feilzubieten. „Nur wenn alle Kinos bundesweit die Chance haben, zeitnah gemeinsam zu öffnen, können Verleiher überhaupt neue Filme starten und den Filmtheatern damit ihre wirtschaftliche Grundlage zurückbringen“, heißt es in einer Erklärung mehrerer Kinoverbände.

Bei den Verleihern stauen sich die Filme

Die Branche wollte nicht mehr auf die Politik warten und setzte sich selbst einen Termin: Der 1. Juli soll es sein. Spätestens. Auf der Sommer-Berlinale gezeigte Werke wie „Ich bin dein Mensch“ mit der Bären-Gewinnerin Maren Eggert und „Der Mauretanier“ mit Jodie Foster sind sogar schon für Juni gemeldet. Plötzlich geht holterdiepolter, was sich zuvor quälend hinzog.

Auch Hans-Joachim Flebbe, Anfang der Neunziger als Cinemaxx-Erfinder mit dem Beinamen „Kinokönig“ geschmückt, ist beim Julistart dabei. Er betreibt inzwischen bundesweit edle Astor-Häuser und in Berlin den legendären Zoo-Palast. Nun holt er seine in die Kurzarbeit entsandten Beschäftigten zurück, ordert Sekt und Häppchen für die Gäste – und hofft, dass die Öffnung nachhaltig ist.

Die Bitterkeit der vielen schmerzhaften Monate hat Flebbe nur halbwegs überwunden: „Wir waren die Ersten, die zugemacht haben, und wir gehören neben den Bordellen zu den Letzten, die wieder aufmachen dürfen.“ Auf Überbrückungshilfen aus 2020 wartet er zum Teil bis heute. „Wir alle haben uns hoch verschuldet“, sagt er. Jetzt müssten dringend wieder Gewinne reingeholt werden – womöglich unter erschwerten Bedingungen mit Abstands-, Masken- oder Testpflicht.

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Die Verleiher wissen derweil gar nicht, wohin mit all ihren Filmen. Sie wissen nur, dass sie schnell sein müssen. Im Herbst drängt das noch im Pandemieschlaf dämmernde Hollywood mit seinen Großproduktionen auf die Leinwände rund um die Welt, dann dürften die Säle erst recht knapp werden.

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James Bond als Hoffnungsträger

Für Ende September ist das Bond-Abenteuer „Keine Zeit zu sterben“ avisiert. Der britische Spion mit dem ausgeprägten Markenbewusstsein, zum definitiv letzten Mal gespielt von Daniel Craig, soll Produzentin Barbara Broccoli zufolge trotz des 8 Milliarden Dollar schweren Verkaufs des Studios MGM an den Amazon-Streamingdienst einen Kinostart haben.

Die Branche klammert sich geradezu verzweifelt an den Agenten, aber die Befürchtung bleibt: Die Trennung zwischen Streamingplattform und Kino löst sich auf. Die Pole-Position der Leinwand ist nach eineinhalb Jahren Pandemie stärker bedroht denn je.

Längst testet Hollywood, wie sich Verwertungsketten umbauen lassen. Filme wie Disneys „Cruella“ starten nahezu zeitgleich online und auf der Leinwand. Bislang wurde den deutschen Kinos eine Auswertungszeit von vier Monaten eingeräumt. Dann erst holten sich alle anderen ihr Stück vom Kuchen.

Das Warner-Studio übersprang mit heiß ersehnten Werken wie „Wonder Woman 2“ das Kino gleich ganz und lieferte die kämpferische Hauptdarstellerin Gal Gardot direkt dem Streamingdienst Sky aus. Angeblich soll diese Form der Auswertung nur übergangsweise gelten. Aber lässt sich das Verfahren wirklich zurückdrehen?

„Ein exklusives Fenster fürs Kino muss bleiben, sonst funktioniert das nicht“, sagt Kinomacher Flebbe. „Die Studios haben mittlerweile ihre eigenen Streamingplattformen im Hintergrund. Ich hoffe, dass sie begreifen, dass das Kino als Marketinginstrument für sie wertvoll ist.“

Nicht ohne Popcorn

Noch eine ganz praktische Frage könnte das Öffnungskonzept für Anfang Juli gefährden: Wie soll der Kinobesuch in der Praxis aussehen? „Es darf keine Maskenpflicht am Platz geben“, fordern die Verbände unisono. Sie leben nicht vom Ticketverkauf allein, sondern auch vom Verkauf von Popcorn, Gummibärchen und Getränken. Zudem sollte die Auslastung ihrer Ansicht nach bei mindestens 50 Prozent der Plätze liegen.

„Die Hygienekonzepte machen das möglich“, beteuert Christian Bräuer, Chef der Gilde deutscher Filmkunsttheater, unermüdlich. Die Faustregel lautet: Mit einem Meter Abstand im Saal könnten die Betreiber überleben. Die Wünsche könnten bei sinkenden Inzidenzen sogar in Erfüllung gehen.

Bislang ist das befürchtete große Kinosterben ausgeblieben. Nur gut eine Handvoll Betreiber hat im ganzen Land entnervt aufgegeben. Es könnte jedoch sein, dass die harte Zeit erst noch kommt, wenn die staatlichen Unterstützungen auslaufen und die Zuschauer allen Begeisterungssignalen zum Trotz doch nicht im erhofften Umfang zurückkehren.

Hat Flebbe es bereut, in den vergangenen Jahren so viele Millionen Euro in seine Astor-Kinos gesteckt zu haben, zuletzt in Braunschweig? „Ich kann ja nichts anderes“, sagt der 69-Jährige mit einem sogar über das Telefon wahrnehmbaren Grinsen. Dann fährt er ernst fort: „Meine Kinder sind 23 und 26 Jahre alt. Sie sind mit Netflix groß geworden, aber sie haben auch Lust auf die Leinwand. Ich hoffe, dass sie den Betrieb weiterführen.“

Klar ist aber, dass die Umwälzungen in der Branche gerade erst begonnen haben. James Bond allein kann es nicht richten. Ohne Popcorn zum Martini schon gar nicht.

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