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Musiktrend: Was ist eigentlich K-Pop? Und woher kommt der Hype?

  • Am koreanischen Musiktrend K-Pop kommt man auch in Deutschland kaum noch vorbei.
  • Die Stars der Szene werden weltweit gefeiert – doch die quietschig-bunte Welt hat auch Risse bekommen.
  • Was steckt hinter dem Phänomen?
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Hannover. Sie sind bunt und quietschig, sie singen auf Koreanisch, sie haben verrückte Klamotten – und Millionen Fans. Am Musikhype K-Pop und seinen Stars kommt man derzeit kaum vorbei.

Immer wieder sorgt der Trend aus Südkorea auch in Deutschland für Schlagzeilen. Zum Beispiel, weil inzwischen auch hierzulande riesige K-Pop-Messen abgehalten werden. Aber auch, weil die Szene immer wieder durch Skandale erschüttert wird.

Doch was steckt hinter dem Phänomen K-Pop? Und woher kommt plötzlich der Hype? Ein Ausflug in eine quietschbunte Welt – mit teils tiefen Abgründen.

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Die Musik

Fangen wir mit dem Grundsätzlichen an: Das Wort K-Pop steht für „Korean Pop“ – und die meisten Vertreter der Musikrichtung singen auch in ihrer Landessprache. Manchmal werden Songtexte mit englischen Wörtern gemixt, manchmal für den internationalen Markt auch gänzlich ins Englische übersetzt.

Wer sich dem Phänomen K-Pop musikalisch nähern will, der verbringt am besten ein paar Stunden mit den kuratierten K-Pop-Playlists bei einem Streaminganbieter seiner Wahl. Doch Vorsicht: Für ungeübte Hörer kann das ziemlich befremdlich wirken. In den Songs scheint es nämlich ein flächendeckendes Verbot von Moll-Akkorden zu geben – so übertrieben fröhlich ist die Musik. Hier ein besonders eindrückliches Beispiel der Girlgroup Girls' Generation:

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Im Großen und Ganzen erinnert die Musik an den Plastikpop der Neunzigerjahre, nur noch ein bisschen kitschiger (und das soll schon was heißen). Teilweise finden sich auch Musicaleinflüsse in dieser Musikrichtung.

Was die Produktion betrifft, gibt es nicht das eine bestimmende Genre. In den meisten Fällen ist die Musik aber tanzbar. Die einen erreichen das mit einem leicht altbackenen EDM-Beat, häufig auch mit schlecht nachgebauter Benny-Benassi-Bassline wie seinerzeit bei Psys „Gangnam Style“. Andere gehen eher in Richtung Hip-Hop und R 'n 'B – wobei die Grenzen da auch fließend sind.

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Die Songs der bekanntesten Vertreter der Szene klingen inzwischen eigentlich gar nicht mehr nach K-Pop, sondern wie hochkarätig produzierte US-Hits. Im Song „Fake Love“ von BTS hört man dieselbe 808-Bassdrum wie in jedem zweiten Pophit des Jahres 2019. Der einzige Unterschied ist die Sprache.

Die Stars

Vertreter der Musikrichtung gibt es unzählige. Zu den wichtigsten gehört aber sicherlich die Boyband BTS. Sie schaffte es als erste auch auf Platz eins der Charts in den USA und Großbritannien.

BTS sind inzwischen weltweit so erfolgreich, dass die Gruppe für so ziemlich alles als Testimonial fungiert, zum Beispiel für SUV von Hyundai. Auch der Barbie-Hesteller Matell wollte sich den Hype nicht entgehen lassen und brachte eine Puppenkollektion der Band heraus.

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BTS sind also so etwas wie die koreanischen Backstreet Boys. Ihr Pendant sind aber nicht etwa die Spice Girls, sondern Blackpink.

Der Song der Girlband mit dem einprägsamen Namen „Ddu-Du Ddu-Du Ddu-Du“ hat mehr als eine Milliarde Klicks auf Youtube. Auch waren Blackpink die ersten K-Pop-Musiker, die auf dem Coachella-Festival auftreten durften.

Die koreanische Girlgroup Blackpink.

Weitere Bands sind etwa Exo – eine Gruppe, die gleich aus zwei verschiedenen Parts besteht, um noch mehr Fans anzusprechen. Exo-M wurde für den chinesischen Markt zusammengecastet, Exo-K für den koreanischen.

Und dann wäre da noch die Gruppe Red Velvet. Sie durfte als erste K-Pop-Band im nordkoreanischen Pjöngjang auftreten – ein Ereignis, das als Meilenstein in der Annäherung zwischen den beiden Ländern gilt.

Die Anfänge

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K-Pop ist gar nicht so jung, wie man glaubt. Die ersten K-Pop-Gruppen entstanden bereits in den Neunzigerjahren, parallel zu den Boy- und Girlgroups in den USA und Europa. Die koreanische Musikszene stand lange unter dem Einfluss der Kolonialstellung. Künstlern war es untersagt, sich auszudrücken.

Als Wendepunkt gilt die Entstehung der Popgruppe Seo Taiji and Boys im Jahre 1992. Erstmals verband eine Band die Elemente westlicher Musikrichtungen wie Rap, Rock und Techno in ihrer Musik. Der Erfolg der Gruppe in Südkorea setzte den Trend für die heutige Generation von K-Pop-Gruppen.

Der weltweite Hype

Während K-Pop in Südkorea schon seit Jahrzehnten erfolgreich ist, schwappte der Trend erst 2012 in den Rest der Welt. Der Auslöser: „Gangnam Style“ von Psy.

In unzähligen Ländern stieg der K-Pop-Hit in die Charts ein. Am 20. September 2012 wurde „Gangnam Style“ als das beliebteste Video in der bisherigen Geschichte Youtubes ins Guinness-Buch der Rekorde aufgenommen. Das Video erreichte am 21. Dezember 2012 eine Milliarde und am 31. Mai 2014 über zwei Milliarden Aufrufe. Heute sind es sogar 3,4 Milliarden.

Für Experten wie den Musikjournalisten Adam Sherwin stellte der Erfolg des K-Pop-Hits eine weltweite Veränderung der Musikindustrie dar – auch dank des Internets. Musikstars seien heute nicht mehr gezwungen, nur auf Englisch zu singen, schrieb Sherwin im „Independent“. Schließlich gebe es heute eine weltweite Nachfrage im Netz nach derartiger Musik.

Er sollte recht behalten: Auf Psy folgten noch weitere K-Pop-Stars, die größtenteils in ihrer Landessprache singen und Fans auf der ganzen Welt haben.

Die Mode

Schaut man sich die Musikvideos der K-Pop-Stars an, erkennt man schnell ein Muster: Quietschige Klamotten, wilde Frisuren und Haartönungen in den unterschiedlichsten Farben – je auffälliger desto besser.

Die Musikvideos sind in Hochglanz produziert und sehr sehr pink oder sehr sehr gelb, genauso wie der Lipgloss der Protagonistinnen. Auch sehr beliebt: Accessoires wie Lollis, Kaugummi oder Zuckerwatte. All das soll wahrscheinlich kindlich wirken und den Fun-Faktor noch mal drei Umdrehungen nach oben pushen.

In Sachen Klamotten wäre noch zu erwähnen, dass jede K-Pop-Band ihre eigene Fanclubfarbe hat. Anhänger befolgen den Dresscode so hartnäckig wie Mitglieder einer religiösen Vereinigung.

Die Industrie und ihre Knebelverträge

Hinter den K-Pop-Bands stecken im Großen und Ganzen vier große Unternehmen, die auch staatlich gefördert werden: YG Entertainment (mit unter anderem Big Bang, eine der erfolgreichsten K-Pop-Gruppen aller Zeiten), SM Entertainment (Girls' Generation, SHINee, Exo), JYP Entertainment (Got7, Twice) und Big Hit Entertainment (BTS). Daneben gibt es noch eine Reihe kleinerer Unternehmen, die K-Pop-Stars zum gewünschten Erfolg verhelfen.

In der Kritik steht die K-Pop-Industrie vor allem deshalb, weil Teenager häufig mit Knebelverträgen unter Druck gesetzt werden. In der Ausbildung der K-Pop-Stars sind 14-Stunden-Arbeitstage keine Seltenheit. Es gibt Berichte über vertraglich vereinbarte Schönheitsoperationen und systematischen, sexuellen Missbrauch.

Der Staat versucht inzwischen, die Probleme einzudämmen und die Unternehmen zu regulieren, heißt es in Berichten örtlicher Medien. So wurden in den vergangenen Jahren einige Klauseln aus „sklavenähnlichen“ Verträgen gestrichen.

Die Castings

Sie stehen Castingshows wie „DSDS“ oder „Germany's Next Topmodel“ kritisch gegenüber? Über solche Sendungen können die Stars der K-Pop-Szene nur lachen. Denn sie werden schon im Kindesalter zusammengecastet und dann über einen Zeitraum von bis zu zehn Jahren zu Stars gedrillt.

Die Castings werden in der Regel von Musikkonzernen wie SM Entertainment oder YG Entertainment durchgeführt. K-Pop-Stars durchlaufen über mehrere Jahre ganze Ausbildungen und erhalten dann – mit Glück – einen Vertrag für das Traineeprogramm eines Plattenlabels. Das kann wiederum mehrere Jahre dauern. Neben Tanz- und Gesangstraining stehen hier auch Fremdsprachenunterricht und der Umgang mit Fans und Journalisten auf dem Programm.

Zum Ausbildungsbeginn sind viele erst zehn oder elf Jahre alt. Die Ausbildungskosten müssen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer selbst tragen. Bis die Stars mit ihrer eigenen Musik Geld verdienen können, dauert es mitunter Jahre, weil sie zunächst ihre Ausbildung abbezahlen müssen.

Auch hier sind die Methoden der Agenturen mehr als umstritten. Es gibt Berichte von Kindern, die ihre Eltern nur am Wochenende sehen dürfen. Einigen wird das Smartphone abgenommen.

Der Castingmarkt der großen Unternehmen wird jedoch immer mehr durch die sozialen Netzwerke aufgeweicht. Die chinesische App Tik Tok hat beispielsweise in Japan und Korea ein eigenes Casting veranstaltet, das nur innerhalb der App stattfand.

Radikale Fans

Typisch für K-Pop ist auch die Fanszene. Auf der ganzen Welt kleiden sich Fans wie ihre Idole. Und besonders radikale Gruppen gehen sogar noch einen Schritt weiter.

Als Sasaeng-Fans werden Fangruppierungen bezeichnet, die es sich zur Lebensaufgabe gemacht haben, das Privatleben der K-Pop-Stars ausfindig zu machen. Sie brechen in Wohnungen ein oder verschicken Liebesbriefe, die mit Blut geschrieben wurden.

Ein Sänger der Band Exo machte Bekanntschaft mit den Sasaeng-Fans auf einer Hochzeit. Die Feier wurde von wilden, aufdringlichen Mädchen gestürmt – und endete für das Brautpaar in einem Albtraum.

Derselben Band soll kürzlich auch eine versteckte Kamera untergejubelt worden sein – und zwar in einem Teddybären, der der Band von einem Fan geschenkt worden war. Aufgefallen war das am Flughafen, als Sicherheitsbeamte die Kamera in dem Plüschtier entdeckt hatten.

Inzwischen soll es sogar Taxiunternehmen geben, bei denen individuelle Sasaeng-Fahrten zur Verfolgung von K-Pop-Stars gebucht werden können.

Schönheitswahn und Operationen

Um im K-Pop-Business bestehen zu können, unterziehen sich viele Stars optischen Eingriffen. „Wenn die K-Pop-Produktionen anfangen, ihre Stars aufzubauen, ist der Besuch in unserer Zahnklinik für Bleeching obligatorisch“, sagte Johnny Chung, Kommunikationsmanager der Dream Medical Group, die auch Partner von TV-Formaten in Korea ist, einst der Zeitschrift „Iconist“.

Doch bei den Zähnen bleibt es häufig nicht. Auch aufwendige Gesichtsoperationen sollen bei K-Pop-Stars keine Seltenheit sein. „In ganz Asien gibt es ein einheitliches Schönheitsideal: ovales Gesicht, Kulleraugen mit einer europäisch-doppelten Lidfalte, Stupsnase, makelloser, weißer Teint – das sogenannte Bagle-Face“, so Chung gegenüber der Zeitschrift.

Das Gesicht soll so perfekt und süß sein, dass es am besten einem Animecharakter ähnelt. Dabei würden in Operationen teilweise sogar Knochen gebrochen, heißt es in anderen Medienberichten.

Ein weiteres Problem der K-Pop-Szene: der Magerwahn. Übergewicht ist in der Szene so verpönt, dass sich Sängerinnen und Sänger fast zu Tode hungern. Labelbosse sollen sogar Gewichtsvorgaben machen und diese regelmäßig kontrollieren, heißt es in Berichten.

Sexismus und veraltete Rollenbilder

Wer in der perfekten K-Pop-Welt gegen die klassischen koreanischen Rollenbilder verstößt, hat ein Problem. So wie zuletzt Goo Hara, die es wagte, ihren Ex-Freund Choi Jong Bum zu verklagen. Die Sängerin hatte ihn beschuldigt, sie mit der Veröffentlichung eines Sexvideos erpresst zu haben. Das Management ließ daraufhin den Vertrag der Sängerin auslaufen.

In den sozialen Netzwerken wurde Goo daraufhin an den Pranger gestellt. „Vor allem von weiblichen Prominenten wird ein hoher moralischer Standard erwartet“, sagte Tae-Sung Yeum, Psychiater an der Gwanghwamun Forest Psychiatric Clinic, kürzlich der dpa. Die Sängerin wurde am 24. November in ihrer Wohnung tot aufgefunden.

Ein Bruch mit klassischen Rollenbildern ist im Übrigen genauso verpönt wie psychische Erkrankungen. Wer unter einer solchen leide, habe, so Yeum, wenig Hilfe zu erwarten – vor allem weil in Südkorea viele der Meinung seien, psychische Erkrankungen könnten „durch den eigenen Willen geheilt“ werden.

Die Kritik an der koreanischen Unterhaltungsbranche wird derweil immer größer: Männlichen Stars wird sexuelles Fehlverhalten und Missbrauch vorgeworfen. Weibliche Stars seien in den vergangenen Jahren mehrfach zu sexuellen Dienstleistungen an Männern in Machtpositionen gezwungen worden.

So bunt und quietschig die K-Pop-Blase auch ist – allmählich scheint ihre Heile-Welt-Fassade zu bröckeln.

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