Musik zum Weihnachtskonsum? Dylan oder Stille

  • Was am Geschenkeeinkaufen im Advent stört, ist der ewig gleiche Glöckchenplüschpop in den Kaufhäusern.
  • „Last Christmas“ nervt, Mariah Carey und Boney M. nerven auch, man überlegt, die Einkäufe online zu tätigen.
  • Dabei gäbe es durchaus Alternativen, meint unser Autor.
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Hannover. Warum immer mehr Menschen ihre Weihnachtsgeschenke online kaufen? Auch wegen der Weihnachtsmusik im Reich der Regale. Man betritt am ersten adventlichen Kaufrausch-Wochenende ein Kaufhaus und es plinkern einem zur Begrüßung die Glöckchen von „Last Christmas“ entgegen.

Zwischendurch erinnern Boney M. an „Mary’s Boychild“, erzählt einem John Lennon (von dem sonst übers Jahr nur „Imagine“, und das auch nur noch nach Terroranschlägen, im Radio zu hören ist und dessen bemerkenswertes Solo-Oeuvre selbst von den geriatrisch ausgerichteten Classic-Rock-Sendern nur noch gelegentlich gestreift wird) in seinem und Yoko Onos „Happy Xmas“, dass der Krieg vorbei sei, wenn wir es nur wollten. Worauf dann irgendein Sinatra-Nachfahre „Silent Night“ so klingen lässt, als würde er in der einen Hand ein Bourbonglas halten, während er mit der anderen in der Hosentasche Kronjuwelen abzählt.

Mit „All I Want for Christmas“ rein, mit „Last Christmas“ wieder raus

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Das Geschäft verlässt man für gewöhnlich mit Mariah Carey, der man nie im Leben ein „All I Want for Christmas Is You“ abkauft. Um im nächsten mit „Last Christmas“ empfangen und mit „All I Want“ rausgeschmissen zu werden, während es im übernächsten zur Abwechslung andersherum läuft: Mit „All I Want for Christmas“ rein, mit „Last Christmas“ raus. Wie soll einem da einfallen, was den Eltern, die behaupten, alles zu haben, noch fehlt, was die Erbtante nicht dazu bringt, alles noch mal neu zu überdenken.

Es gibt dabei durchaus anspruchsvolle Weihnachtsmusiken als Konsumbegleitung – man könnte mal die Winterlieder von Katie Melua oder Kate Bush ausprobieren, die digitalisierten Schellack-Souvenirs der „Zauber der Weihnacht“-CD-Serie oder von Sängern der sogenannten E-Musik eingespielte Adventspreziosen wie das gänsehauterregende „Maria durch ein Dornwald ging“ oder „Es ist ein Ros entsprungen“.

Kein Plastikpop zu Weihnachten

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Oder – wenn es schon Stücke des klassischen amerikanischen Weihnachtssongbooks sein sollen – das Jahresendzeitalbum von Bob Dylan. Der Kontrast zwischen altmodischen, fröhlich swingenden Bandarrangements und der Stimme des Literaturnobelpreisträgers, der auf „Christmas in the Heart“ krakeelt wie ein alter Kolkrabe, ist so gewaltig, dass man nach ein wenig Eingewöhnung immer wieder darauf zurückgreift, ohne sich je zu langweilen.

Bob D. tötet einem jedenfalls nicht den Nerv mit arschglatt eingespieltem Plastikpop. Man wünscht sich noch ein paar solcher Adventskrähen – Eric Burdon, Patti Smith, John Fogerty –, am liebsten natürlich eine Weihnachtsplatte von Tom Waits. Der nimmt so was nie im Leben auf? Hat man von Dylan auch gedacht.

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Genauso lieb wäre einem im Kaufhaus freilich Stille. Wie zu Hause vorm Computer, wo einem beim Durchstreifen der digitalen Regale niemand etwas vorsingt. Wo alle einfach mal den Schnabel halten, während man in aller Ruhe auswählt. Wo man das Gefühl hat, nie nie nie wieder „Last Christmas“ hören zu müssen. Wenn die Geschäfte am Ende dieses Jahres über zu wenige Weihnachtsbummler jammern – vielleicht wirkt ein neuer Kaufhaus-DJ 2020 (oder ein anderer Algorithmus) ja Wunder.