Mit „Wonder Woman“-Lasso zum Berlinale-Sieg

  • Der Goldene Bär der 71. Filmfestspiele Berlin geht an den Rumänen Radu Jude.
  • Gewürdigt wurden auch zwei Deutsche: Regisseurin Maria Speth und Schauspielerin Maren Eggert.
  • Wenn dieses rein digitale Festival eines gezeigt hat, dann dies: Ohne Publikum geht es auf Dauer nicht.
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Berlin. Die Qualitätssiegel der 71. Berlinale sind vergeben: Die beißende Gesellschaftssatire „Bad Luck Banging or Loony Porn” des Rumänen Radu Jude darf nun das Label Goldener Bär 2021 in die Welt hinaustragen.

Bloß fehlten bei der Bekanntgabe die Gratulanten. Am Potsdamer Platz, sonst Festivaldomizil, herrscht in diesen Tagen Totentanz. Die 71. Berlinale fand im Netz statt. Beinahe in Wohnzimmeratmosphäre nahm Berlinale-Chef Carlo Chatrian über Video die Entscheidung der Jury am Freitagmittag entgegen.

Abrechnung mit Rumänien

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Judes Film ist eine Abrechnung mit einem scheinheiligen, rückständigen, zerrissenen Rumänien – einem Exkurs in die bittere Geschichte und explizite Sexaufnahmen inklusive. Die Eltern einer Schulklasse sind zu einer Art Tribunal zusammengekommen. Sie geilen sich an dem privaten Sexvideo einer Lehrerin auf, das im Netz gelandet ist. Im Finale – einem von mehreren – verwandelt sich die tapfere Lehrerin in „Wonder Woman“, die ihre Peiniger mit einem goldenen Lasso einfängt.

So angriffslustig wie Radu Jude hat wohl kein anderer gefilmt in einem Wettbewerb, in dem elegische, stille Filme dominierten. In diese ruhige Kategorie gehört auch der Sieger des Großen Preises der Jury. Der japanische Beitrag „Wheel of Fortune and Fantasy“ von Ryusuke Hamaguchi ist ein ausgeklügeltes Spiel mit dem schicksalhaften Zufall. In drei Episoden werden drei Frauen von letztlich bedeutsamen Momenten eingeholt – und ihr Leben wird durcheinandergewirbelt.

Jury-Preis für Maria Speth

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Die Deutschen waren stark vertreten bei dieser aus der Not geborenen digitalen Berlinale. Die Ausbeute kann sich sehen lassen. Der Jury-Preis ging an Maria Speth für den einzigen echten Dokumentarfilm „Herr Bachmann und seine Klasse“.

Der kurz vor der Pensionierung stehende Herr Bachmann ist Dompteur und Motivator in einem: Die Familien seiner Sechstklässler kommen aus zwölf Nationen. Die Regisseurin hat Herrn Bachmann über ein Jahr begleitet. Pädagogik im Praxistest: Hier geht es eher darum, den Schülern Selbstvertrauen mitzugeben als eine gute Mathenote. In dreieinhalb Stunden lernen wir mehr über die bunte deutsche Wirklichkeit als in vielen klugen Aufsätzen.

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Erstmals hat die Berlinale die Darstellerpreise nicht mehr nach Mann und Frau sortiert. Die genderneutrale Auszeichnung für Haupt- und Nebenrolle war vorab umstritten. Denn wenn Frauen unterrepräsentiert sind vor der Kamera, muss das nicht auch auf die Preise durchschlagen?

Liebe zum Roboter

Die Jury – allesamt ehemalige Bärengewinner und -gewinnerinnen – ehrte gleich zwei Frauen. Maren Eggert wurde gekürt für die beste schauspielerische Leistung in einer Hauptrolle: Sie spielt in „Ich bin dein Mensch“ eine Frau, die sich in einen Roboter verliebt – und wir können dabei zuschauen, wie ihre heftige Skepsis gegenüber den Androiden gegen ihren eigenen Willen zusammenschmilzt. Der Preis für die beste Nebenrolle ging an Lilla Kizlinger im ungarischen Beitrag „Forest – I See You“.

Über manchen Preis ließe trefflich streiten, zum Beispiel über den Silbernen Bären fürs beste Drehbuch an den Koreaner Hong Sangsoo. „Introduction“ ist ein eher nebensächliches Werk. Auch der Regiepreis an den Ungarn Dénes Nagy für den Kriegsfilm „Natural Light“ war sicher nur eine von mehreren Optionen. Die Französin Céline Sciamma etwa blieb mit ihrem ebenso einfühlsamen wie märchenhaften Film „Petite Maman“ ohne Würdigung.

Der Preis für eine „Herausragende Künstlerische Leistung“ ging an Yibrán Asuad für die Montage von „A Cop Movie“, einem Blick in den mexikanischen Polizeialltag. In Cannes wäre diese Netflix-Produktion gar nicht für den Wettbewerb zugelassen worden. In Streamingzeiten lässt sich diese Trennung allerdings kaum mehr begründen.

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Markenkraft der Berlinale

Das erklärte Ziel der Berlinale war es, mit ihrer Markenkraft einen Buzz zu entfachen. Das Geschäft rund um Filme sollte auf dem digitalen Marktplatz summen und brummen. Für die Berlinale ging es nicht zuletzt darum, ihre angestammte Poleposition im Festivalzirkus zu verteidigen. Im Fall des Siegerfilms hat das funktioniert: Zwei Stunden nach der Preisvergabe vermeldete der Filmverleih Neue Visionen, „Bad Luck Banging or Loony Porn“ ins Kino zu bringen.

Von Dominik Grafs Neuverfilmung des Erich-Kästner-Romans „Fabian oder Der Gang vor die Hunde“ oder Daniel Brühls selbstironischem Regiedebüt „Nebenan“ haben jetzt alle gehört, deren Herz fürs Kino schlägt. Vergessen sollte man auch nicht, was so ein Festival leistet: Anders als bei den auf Algorithmen fixierten Onlineportalen schlagen hier Kuratoren eine Schneise durch den Bilderwust.

Wenn fünf einsame Streamingtage etwas gezeigt haben, dann aber auch dies: Ohne Publikum geht es nur bedingt. Kinofilme führen ein Gespensterdasein, wenn sie nicht von Zuschauern beklatscht oder auch ausgepfiffen werden. Die Ausgabe 2021 dürfte als Geisterfestival in Erinnerung bleiben.

„Kino leuchtet. Für dich“: So hieß die bundesweite Aktion von Kinobetreibern am Vorabend der Berlinale. Einen Abend lang illuminierten ihre Fassaden. Inzwischen sind die Lichter wieder erloschen. Erst wenn sich die Türen endlich öffnen, hellt sich auch die Zukunft für Filmfestivals auf.

Daran glaubt auch Festivalchef Chatrian: Die Bekanntgabe der Preise sei nur der erste Schritt gewesen. Im Juni sollen die Filme bei einer Publikums-Berlinale in den Kinos der Hauptstadt gebührend gefeiert werden.

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