• Startseite
  • Kultur
  • Minneapolis: Deutscher Pianist spielt für Protestierende – und bleibt einfach da

Minneapolis: Deutscher Pianist spielt für Protestierende – und bleibt einfach da

  • Der deutsch-italienische Pianist Davide Martello ist wegen der Corona-Krise in den USA gestrandet.
  • Mittlerweile hätte er wieder zu Hause sein können.
  • Doch er entschied sich, länger zu bleiben – um den Menschen in Minneapolis mit seiner Musik Hoffnung zu spenden.
|
Anzeige
Anzeige

Der gebürtige Baden-Württemberger Davide Martello kam im März in die USA, um dort aufzutreten, musste aber aufgrund der Coronavirus-Beschränkungen für internationale Reisen bleiben. Nach vier Versuchen, einen Flug nach Hause zu buchen, bekam Martello schließlich über American Airlines ein Flugticket nach Deutschland, um am 5. Juni abzufliegen. Doch es kam anders. Anstatt diesen Flug zu nehmen, packte er sein Klavier zusammen und fuhr von Oklahoma mit dem Auto zwölf Stunden nach Minneapolis.

„Ich hatte mir den Rückflug erkämpft, doch als alles mit dem Heimflug geregelt war, fühlte es sich irgendwie falsch an, als ich die Bilder der trauernden Menschen in Minneapolis gesehen habe“, erzählt der Straßenmusiker. Anstatt endlich heimzureisen, entschied er sich also dafür, den Menschen Trost und Mut zu geben. Die stolze Fahrzeit von zwölf Stunden von Oklahoma nach Minneapolis legte er dabei ohne Unterbrechung zurück. „Ich bin durchgefahren und konnte es kaum erwarten, dort anzukommen und den Menschen zu helfen“, sagt Martello, der seinen Flügel in seinem Autoanhänger transportiert.

Anzeige

Martello baute seinen Flügel auf und begann direkt zu spielen

Bei der Ankunft in der Stadt im Bundesstaat Minnesota parkte er sein Auto und machte sich mit roten, müden Augen ein Bild von der Szenerie. Entgegen seiner Erwartung war dort von Trauer nicht viel zu spüren, es fühlte sich für Martello vielmehr nach Bourbon Street, einer historischen Straße im French Quarter von New Orleans, nach belebtem Treiben und fast Partystimmung an. „An jeder Ecke standen Fressbuden, alles war umsonst zu haben. Da dachte ich mir: Mensch, wie toll die Menschen hier ihren Schmerz verarbeiten“, schildert Martello seine Eindrücke.

Video
Bei Protesten in Bristol: Sklavenhändlerstatue vom Sockel geholt
1:45 min
Bei Anti-Rassismus-Protesten im englischen Bristol haben Demonstranten die Statue eines Sklavenhändlers von einem Sockel geholt und ins Hafenbecken geworfen.

Nach einem Zwischenstopp in seiner Unterkunft weiter außerhalb fuhr er am Abend mit seinem motorisierten Fahrrad an einen der vier Eingangspunkte der Kreuzung Chicago Avenue und 38. Straße. Hier ereignete sich der brutale Polizistenmord am Afroamerikaner George Floyd am 25. Mai. Martello stellte sich als Klavierspieler vor und wurde direkt durchgewinkt. „Ich war überrascht von der aufgeschlossenen Reaktion“, erzählt der 38-jährige Deutschitaliener. Die Menschen hätten ihm sofort Platz gemacht, er habe sein Klavier hingestellt und dann konnte er direkt anfangen zu spielen.

Anzeige

Ein Gefühl wie bei Martin Luther King

So trug er seinen Teil dazu bei, dass die aufgewühlte Bevölkerung ihre Gefühle verarbeiten konnte. „Die Musik löst die Schwermut auf, es hat den Menschen einfach gutgetan“, sagt Martello. Am zweiten und dritten Tag, als er den Platz vom Vortag wieder zum Klavierspielen aufsuchte, erkannten ihn die Menschen bereits wieder, kamen mit Liederwünschen auf ihn zu und konnten sich auch selbst ans Piano setzen. Beispielsweise habe ein kleines Mädchen an dem Flügel „Happy Birthday“ gespielt und die Menschenmenge begeistert.

Anzeige

„Ich bin zwar damals nicht dabei gewesen, aber es fühlte sich ein bisschen so an wie bei Martin Luther King, etwas ist gewaltig am Brodeln“, erzählt Davide. Im Sommer 1963 zogen Hunderttausende Afroamerikaner zusammen mit weißen Bürgern durch knapp 200 US-Städte, um für landesweite Gleichberechtigung zu demonstrieren, die Proteste mündeten schließlich im Marsch auf Washington, D. C. Auch Davide wollte einen Auftritt dort nicht ausschließen, sein Rückflug geht erst am 15. Juni.

Auftritt in Afghanistan als Wegbereiter

Von gewalttätigen Protestierenden distanziert sich der so bezeichnete „Friedensengel am Flügel“. „In den Medien habe ich keine schönen Bilder gesehen. Deswegen wollte ich das Ganze vom Negativen ins Positive ziehen“, so Martello. Menschen hätten die Ausnahmesituation ausgenutzt und geplündert. Die Leute, die wirklich für etwas demonstrieren gehen wollten, wären dabei untergegangen. „Das wollte ich eben nicht. Ich bin hier an der Quelle der Proteste, um die Bewegung zu unterstützen“, sagt der Träger des Europäischen Bürgerpreises 2015.

Mit seinem selbst gebauten Klavier, in das er ein Keyboard, Lautsprecher und LED-Lichter einbaute, hat er bereits diverse Krisenherde bereist. Seinen Anfang nahm diese Passion, als ihm ein Bekannter versprach, er könne in Afghanistan auftreten, weil er dort einen General kannte. Dieser Auftritt 2012 in einem Bundeswehrlager habe ihm den Weg bereitet, sagt der gelernte Friseur. In der Folge musizierte er während der dortigen Proteste 2013 in der Türkei auf dem Taksim-Platz in Istanbul und 2014 in Kiew auf dem Maidan, außerdem spielte er nach den Terroranschlägen 2015 in Paris in der Nähe des Konzerthauses Bataclan.

Bei Weltfrieden auf einsame Inseln

Anzeige

Im März dieses Jahr verschlug es ihn schließlich für Straßenauftritte in die USA, wo ihm aber die Corona-Krise einen Strich durch die Rechnung machte. Die Zeit in seiner Unterkunft in Oklahoma finanzierte er sich mit Livestreamauftritten auf Facebook, bei denen sich die Fans Lieder wünschen konnten, nachdem dem Straßenmusiker nach mehreren Wochen die Ideen für Songs ausgingen.

Doch was würde der Aktivist eigentlich machen, wenn er nirgendwo auf der Welt mehr den Frieden besingen müsste, weil die Menschen überall in Eintracht lebten? „Dann würde ich auf einsame Inseln fliegen und dort Klaviere zusammenbasteln, damit die Community dort einfach mal einen Flügel hat“, sagt Davide Martello. Doch bis dahin werde er so lange in die Tasten hauen, „wie die Batterien halten“.

RND


  • Laden Sie jetzt die RND-App herunter, aktivieren Sie Updates und wir benachrichtigen Sie laufend bei neuen Entwicklungen.

    Hier herunterladen