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Mick Hucknall von Simply Red: „Am Ende wird der Brexit nicht passieren"

  • Mick Hucknall von “Simply Red” ist nicht nur ein erfolgreicher Musiker, sondern auch Brite.
  • Im Interview mit dem RND spricht er darüber, warum er gegen den Brexit gestimmt hat.
  • Und er erzählt von seinem neuen Album "Blue-Eyed Soul", das am 8. November erscheint.
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Ein Telefonat mit England Ende Oktober. Am anderen Ende ist Mick Hucknall, Sänger und Songwriter der britischen Band Simply Red. Noch eine Woche ist es zum Zeitpunkt des Gesprächs bis zur Veröffentlichung des zwölften Studioalbums der Band hin. „Blue-Eyed Soul“ heißt es, und verweist damit – ähnlich wie einst das Beatles-Album „Rubber Soul“ – auf weiße Sänger und Musiker, deren Musik sich aus „schwarzen“ Quellen speist. Diesmal ist viel knackiger Funk im Simply-Red-Angebot, die Texte erzählen oft vom Glück eines Familienlebens, nicht allein in der Welt zu stehen, aber entgegen seinen Gepflogenheiten wird es in einem Song auch mal politisch.

Hallo, Mister Hucknall oder Mick – wie möchten Sie gern angeredet werden?

Sie können mich „Herr“ Hucknall nennen, das wäre ziemlich lustig.

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Okay, Herr Hucknall, was hat Sie dazu gebracht, diesen Albumtitel zu wählen? Schließlich machen Sie „Blue-Eyed Soul“ ja schon seit dem Debütalbum von Simply Red Mitte der Achtzigerjahre.

Ein befreundeter irischer Musiker sagte mir vor ein paar Monaten am Ende einer Geburtstagsparty: „Du bist ein echt guter Soulsänger!“ Dabei hatte ich über die Jahre alles Mögliche ausprobiert – ich habe mich an Reggae versucht, an Blues und auch an Pop, habe zuletzt mit einem großen Orchester gearbeitet. Und dann war da dieser kleine Satz, der mich aufhorchen ließ: Ja, ich habe blaue Augen, ja, ich bin ein Soulsänger. Warum gebe ich den Leuten also nicht, was sie wollen? Und als ich die neuen Lieder schrieb, wollte ich ganz bewusst in diesem Genre bleiben: Soul, R’n’B, Funk – aufgeführt von einem Jungen aus dem Osten Manchesters.

Früher wurden „Blue-eyed“-Souler angegriffen, sie hätten ihre Musik von den schwarzen Musikern geraubt. Passiert das heute noch?

Wenn ich hier einen Schuldspruch verdiene, verdienen ihn auch Bing Crosby, Frank Sinatra, Elvis Presley, die Beatles, die Rolling Stones und Led Zeppelin. Und umgekehrt Jimi Hendrix, weil er ja Lieder von Bob Dylan aufgenommen hat. Entsprechend fühle ich mich in bester Gesellschaft.

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Das neue Studioalbum klingt richtig funkig – mehr noch als in Simply Reds Anfangstagen. Wollten Sie die Erwartungen an ein ruhiges Alterswerk unterlaufen und noch mal richtig vom Leder ziehen?

Ich habe immer mit Freunden gewitzelt, dass der Vorgänger „Big Love“ mein „Dad“-Album gewesen sei, mein Familienalbum – ruhig, weich und süß. Jetzt wollte ich, eingedenk des Kompliments meines irischen Freundes, die Grenze noch mal verschieben. Ich fand Simply Red bislang gar nicht so funky. So hatte ich zwei Ziele mit der neuen Platte: meine Stimme etwas mehr herauszufordern, etwas brennender zu singen. Und die Lieder so zu arrangieren, dass meine großartige Band Spaß daran hat, sie Nacht für Nacht im Konzert zu spielen.

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Wie wurde aufgenommen?

Live. Alles. Wir gingen in Mark Knopflers British Grove Studios in Chiswick im Westen von London. Das ist ein toller Raum für Bands. Du machst Platten wie früher – alle zusammen, so mit richtigen Takes. Wenn die Leute nächstes Jahr kommen, um uns live zu sehen, werden die Lieder genau so klingen wie auf Platte. Wir haben nichts hingetrickst.

Im funkigen „Ring That Bell“ singen Sie: „Ein paar schlimme Typen spielen mit unserer Zukunft.“ Wen meinen Sie damit?

Na, ich glaube, Sie wissen das, oder? (lacht) Ich versuche sonst, das Politisieren in Texten zu vermeiden, weil ich denke, Musik sollte Leute zusammenbringen, nicht trennen. Musik sollte Brücken bauen, Mauern niederreißen. Als Deutscher wissen Sie ja gut Bescheid über das Niederreißen von Mauern.

Und Ihre Leute bauen gerade wieder eine. Der Brexit trennt Länder und Menschen, statt sie zusammenzubringen.

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Ich stimme zu 100 Prozent mit Ihnen überein. Ich habe auch für „remain“ gestimmt. Aber ich bin britisch, nicht englisch – das ist ein großer Unterschied, der außerhalb Großbritanniens oftmals verwischt. Meine Großeltern waren Iren und Schotten, die Familie meines Vaters stammt aus Cumbria im Nordwesten Englands – wir sind also Kelten. Der Brexit aber ist eine englische Schöpfung und befremdet Irland und Schottland, und jetzt hat auch Wales seine Haltung geändert.

Wie wird das alles ausgehen?

Wie immer man es anschaut – wenn Großbritannien die EU verlässt, muss und wird es eine Grenze geben. Am Ende wird es nicht passieren. Vielleicht bin ich da Optimist, aber ich kann nicht sehen wie man diese Quadratur des Kreises hinbekommt.

Und wie kann man den „schlimmen Leuten“ aus dem Lied „Ring That Bell“ die „Hölle bereiten“?

Indem man für eine „Remain“-Partei stimmt. Ich bin leider verwirrt von Jeremy Corbyns Labour-Partei. Ich würde mich mit einem zweiten Referendum anfreunden, aber ich erkenne bei Labour keine klare Position dafür. Die Liberal Democrats sagen „Widerruft den EU-Artikel 50“, um den Brexit ganz zu canceln, und das spricht mich an. Kann gut sein, dass ich sie wähle, denn ich will in der EU bleiben. Sogar Margaret Thatcher wollte nicht aus der EU, sie wollte von innen verhandeln – was die beste Verhandlungsposition ist.

Das Stück ist Soul in der Something-to-say-Tradition von Marvin Gayes „What’s Going On?“. Glauben Sie wie die Leute damals, dass Lieder die Welt verändern können?

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Das weiß ich wirklich nicht. Musik verändert die Welt nicht direkt. Sie hat die Chance, Leute nachdenklich werden zu lassen. Wäre ich zynisch, würde ich sagen: Wir Musiker haben es versucht, sind aber gescheitert. Wenn man etwa an Bob Geldof und Live Aid denkt – es gibt immer noch Hunger in Afrika und gewaltige politische Probleme. Haben wir geholfen? Vielleicht ein bisschen. Aber natürlich mag ich den Gedanken, dass Musik hilft, dass sie Dinge verändert.

34 Jahre nach Live-Aid müssen Musiker, die auf der Bühne etwas gegen Rechtsextreme, gegen Rassismus und Antisemitismus sagen, aus dem Publikum hören: „Sei still und mach Musik.“ Ist Ihnen das auch schon passiert?

Nein, und ich sage Ihnen, warum: Ich respektiere mein Publikum und seine unterschiedlichen Ansichten. Ich werde nicht auf einer Bühne stehen und den Leuten Politik predigen – das ist nicht mein Job. Meine Meinung ist doch genauso viel wert wie die von irgendjemandem sonst, ich bin nicht besser als irgendjemand. Schaue ich auf mein Publikum, denke ich: Ihr seid gekommen, um Musik zu hören – hier bin ich, ich singe für euch und behalte meine politischen Ansichten für mich. Wir sind Simply Red – wir machen Musik. Wir sind keine Politiker.

Das Simply-Red-Album von 2007 hieß „Stay“. Aber die Band ging direkt danach für acht Jahre auseinander. Warum? War sie Ihnen eine Last geworden, Herr Hucknall?

Ich sagte meinem Manager damals, ich wolle das Ganze mal anhalten. Und dann war es wie im Spiel „Chinese Whispers“ (Stille Post, Anm. d. Red.): Sieben Leute flüstern im Kreis, und am Ende kommt was völlig anderes in Ihrem linken Ohr an. Innerhalb von 24 Stunden kam es über BBC News, dass Simply Red sich aufgelöst hätten. Ich habe das aber nie gesagt. Ich wollte nur mehr Zeit mit meiner Familie verbringen, ich hatte eine kleine Tochter, für die wollte ich da sein. Und das war eine großartige Entscheidung, ich war seither mit meinem Kind fast jeden Tag zusammen.

Sie singen auf dem neuen Album auch sehr oft und offen über Ihr Familienglück. Sind Familienlieder eine Möglichkeit für Sie, Erinnerungen an Ihre Tochter Romy festzuhalten, als sie sechs, acht, zehn Jahre alt war?

Du musst keine großen Gesten wie Songs machen – es sind die kleinen Dinge, die zählen. Dinge, die du am Frühstückstisch sagst. Wenn irgendwas in der Schule sie bekümmert und du redest fünf Minuten darüber und sie ist danach wieder besser drauf. Und die einzige Art und Weise, wie du die kleinen Dinge hinkriegst, ist, ganz einfach da zu sein. Hätte ich noch einen Plattenvertrag wie 1985 mit Warner Brothers, dann müsste ich alle zwei Jahre eine Platte machen, sie bewerben und auf Tour gehen. Ich wäre am Liederschreiben, Liederaufnehmen, Liederaufführen. Ich würde meine Tochter nie sehen. Aber ich war da an dem Tag, als sie ihre ersten Schritte machte. Ich war bei anderen Schlüsselmomenten dabei. Dafür habe ich damals alles angehalten.

Hat die Familie, das Vatersein einen besseren Menschen aus Ihnen gemacht?

Auf jedem Fall. Ich hatte ja einen recht ungewöhnlichen Start ins Leben. Meine Mutter hat uns verlassen, als ich klein war. Und so blieb ich mit meinem Vater allein. Meine Familie, das waren für 18 Jahre meines Lebens ich und mein Vater. Wir hatten nie eine Frau im Haus, er hat nie wieder geheiratet, bis ich 26 Jahre alt war, hatte mein Vater nicht mal mehr eine Freundin. Und weil er die ganze Zeit arbeitete, hatten wir weder Hund noch Katze, weil sich ja niemand um ein Haustier hätte kümmern können. So war meine Jugend.

Das macht die Situation als Familienvater für Sie doppelt ungewöhnlich, Herr Hucknall.

(lacht) Ja, hier stehe ich. Ich habe eine Ehefrau, ich habe eine Tochter, sogar der Hund ist ein Mädchen. Ich bin von Frauen umgeben. Das ist eine komplett andere Welt, und ich brauchte einige Zeit, um mich daran zu gewöhnen. Was ein weiterer Grund war, Simply Red anzuhalten. Ich wollte lernen, wie die meisten Leute leben. Und diese zwölf Jahre bisher waren die besten meines Lebens.

Macht erst ein Hund die Familie komplett?

Ich kümmere mich um den Hund, er ist weiß und winzig, ein Coton de Tuléar. Ich bin freilich der Typ, der mit ihm spazieren geht, und manchmal kommt meine Tochter dann mit uns. Zuneigung zwischen Mensch und Tier ist eine unglaublich schöne Sache. Wir haben den Hund zum dritten Geburtstag meiner Tochter gekauft, und ich habe ein Video, wie sie die Box aufmacht und wie Hund und Kind einander entdecken. Das ist der schönste Film, den Sie sich im Leben anschauen können, das lässt mein Herz noch heute schmelzen.

Bald werden Sie eine Teenagertochter zu Hause haben – dramatisch und rebellisch.

(lacht) Erst gestern habe ich zu meiner Frau gesagt: Noch ein Jahr, dann haben wir die Hölle. Aber sie ist ein tolles Kind. Kein Zweifel, dass wir auch ein paar Probleme bekommen werden, aber mit meiner einfachen Philosophie bin ich bisher erziehungsmäßig ganz gut gefahren: Ich schreibe meiner Tochter nicht vor, was sie tun soll. Was ich zu tun versuche, ist, ihr die Werkzeuge und Fähigkeiten zu geben, ihr eigenes Leben zu beschreiten. Ihren Charakter sich ausbilden zu lassen, statt ihr meinen aufzudrücken.

In „Take a Good Look at Yourself“ singen Sie: „Die Erde schuldet dir gar nichts.“ Ist das die Greta-Thunberg-Zeile des neuen Albums?

Was ich damit meine, ist, dass diese Erde im Zweifelsfall gnadenlos mit uns verfahren wird. Wenn alles zu sehr aus dem Gleichgewicht gerät, schert es die Erde nicht, ob sie die menschliche Rasse vernichtet. Das Universum hat die Dinosaurier umgebracht. Wir müssten aus der Erde eigentlich den lebenswertesten Platz gemacht haben, aber wir verrichten diesbezüglich einen echt lausigen Job. Unsere Generation hat unsere Kinder bisher betrogen, und ich hoffe, wir wachen jetzt auf und tun was. Wobei: Ihr Deutschen seid ja schon ziemlich gut, finde ich.

Haben Sie manchmal schlechte Träume, was wir der nächsten Generation hinterlassen?

Nein, das nicht, ich versuche, positiv zu denken. Denn es gibt unglaublich viele Leute auf der Welt, die Gutes tun. Bedingt durch die inquisitorische Natur des Journalismus konzentrieren wir uns auf die Irrtümer, Fehlschläge, die schlimmen Sachen. Alle Dinge, die richtig laufen, sind dagegen nicht so sexy, sind nicht so „storyesk“. Die ganzen Wohltäter der Welt kommen in den Medien nicht vor, aber sie sind die Mehrheit draußen in der Welt. Also bin ich zuversichtlich, und ich spende ihnen Beifall.

Im nächsten Juni werden Sie 60 Jahre alt. Viele sehen diese Zahl mit Bangen auf sich zukommen.

Ich umarme die 60, ich bin erstaunt, dass ich es bis zur 59 geschafft habe. Ich will bloß meine Gesundheit behalten – für mich, meine Tochter und meine Frau. Ich werde recht ruhig feiern im nächsten Jahr, werde ein kleines Dinner mit der Familie haben, eine Flasche fantastischen Weins entkorken. Und ganz locker sein.

Sie fingen damals mit einer Punk- und New-Wave-Band an, Herr Hucknall, sind aber nie zu diesen Wurzeln zurückgekehrt. Warum nicht?

Sogar die Stones sind zum reinen Blues zurückgekehrt. Weil es nicht meine Wurzeln sind. Punkrock gab einem Kind aus Manchester wie mir die Möglichkeit, ein Instrument zu spielen und in einer Band zu sein. Punk war eine Sache von der Straße, aufregend, alle Musiker waren Kinder wie wir, keine Superstars auf der Bühne. Niemand war von oben herab. Aber lange vor dem Punk habe ich die Beatles geliebt und – natürlich – den Soul. Ich muss los, zu einer Livesendung. Und beim nächsten Mal, wenn wir sprechen, nenn mich bitte Mick.

Das neue Album von Simply Red, „Blue-Eyed Soul“ (BMG), erscheint am 8. November.

Simply Red – Tourdaten 2020: 29. Oktober – Barclaycard-Arena, Hamburg; 30. Oktober – Tui-Arena, Hannover; 31. Oktober – Arena, Leipzig; 2. November – Mercedes-Benz-Arena, Berlin; 3. November – Westfalenhalle, Dortmund; 4. November – Lanxess-Arena, Köln; 6. November – Festhalle, Frankfurt; 7. November – SAP-Arena, Mannheim; 8. November – Olympiahalle, München; 18. November – Schleyerhalle – Stuttgart.

Zur Person: Mick Hucknall (59) wuchs in Manchester bei seinem Vater auf, die Mutter verließ die Familie, als er drei Jahre alt war. Mit seiner ersten Band, den Frantic Elevators, machte er Punk und New Wave, bevor er 1984 die Soul-Funk-Formation Simply Red gründete. Seit 2010 ist Hucknall mit Gabriella Wesberry verheiratet, die gemeinsame Tochter Romy wurde 2007 geboren.