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Michael „Bully“ Herbig über den Boandlkramer, den bayerischen Himmel und 32 Silikonnasen

  • Michael „Bully“ Herbig ist gut drauf, das sieht man gleich, wie er da bei der Videoschalte in seinem Münchner Büro sitzt.
  • Im Interview mit dem RND spricht er übers typisch Bayerische, Jesus im Klassenzimmer und über den Tod.
  • Wieso Herbig für seine Rolle als Boandlkramer in Joseph Vilsmaiers letztem Film 32 Silikonnasen brauchte, verrät er auch noch.
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Schauspieler, Regisseur, Drehbuchautor, Produzent, Synchronsprecher, Unternehmer – irgendwas vergessen? Michael „Bully“ Herbig ist ein Multitalent. Seinen Zwischennamen verpasste ihm ein Lehrer nach dem Aufdruck auf seinem T-Shirt, um ihn von den anderen Michaels in der Klasse zu unterscheiden. Zu lesen war darauf der Slogan „Die Bullen kommen“ – damit warb der FC Bayern für einen Lastwagenhersteller.

Der ausgebildete Fotograf Herbig kam über Radio und Fernsehen („Bullyparade“) zum Film, feierte mit „Der Schuh des Manitu“ (2001), „Lissi und der wilde Kaiser“ (2007) oder „Wickie und die starken Männer“ (2009) große Erfolge. Auch „Der Boandlkramer und die ewige Liebe“, das letzte Werk des im Februar 2020 verstorbenen Regisseurs Joseph Vilsmaier, hätte dort längst starten sollen. Pandemiebedingt ist der Film vom 14. Mai an nun bei Amazon Prime zu sehen – und irgendwann hoffentlich auch noch im Kino. Im Interview mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) spricht Herbig über einen Geistesblitz unter der Dusche, seine Liebe zu Bayern und Hape Kerkeling in der Rolle des Teufels.

Herr Herbig, wie sieht für einen Bayern der perfekte Himmel aus?

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Für einen Bayern muss der blau-weiß sein, es geht aber auch weiß-blau. Ein Weißwurstfrühstück gehört unbedingt dazu, selbstverständlich eine Maß. Das alles vor 12 Uhr. Im Himmel dürfen keinesfalls anstrengende Gespräche geführt werden. Ich zitiere mal kurz aus der urbayerischen Geschichte vom „Brandner Kaspar“, die wir vor ein paar Jahren fürs Kino verfilmt haben: „Der Preuß’ redet die ganze Zeit, der Bayer gibt das Ergebnis bekannt.“ Wie gesagt: Ist nicht von mir, habe ich nur zitiert.

Ist der Himmel von der katholischen Kirche in Bayern so abgesegnet?

Bevor ich auf diese Frage antworte: Worauf spielen Sie an?

Na ja, die katholische Kirche in Bayern ist ja sehr eigen. Oder kennen Sie noch ein anderes Bundesland, in dem Kruzifixe in Klassenzimmern hängen? Oder wie war das in Ihrer Schulzeit?

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Wissen Sie, wenn man so in Bayern aufwächst, hängen da überall Kreuze. Da fallen die in den Klassenzimmern gar nicht auf. Ich habe ziemlich oft die Schule gewechselt, nicht weil ich schwer erziehbar war, sondern weil wir permanent umgezogen sind. Ich habe also viele Klassenzimmer von innen gesehen – ist bloß schon lange her. Ich könnte Ihnen gar nicht sagen, wo da ein Kreuz hing und wo nicht. Aus heutiger Sicht finde ich das jedenfalls krass: Jemanden an die Wand zu hängen, der ans Kreuz genagelt wurde. Ein schöner Anblick ist das nicht.

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Tragen Sie ein bayerisches Gen in sich?

Ich bin Bayer, aber kein Vollblutbayer. Als 20-Jähriger hätte ich meine Heimat emotionslos verlassen. Dieser ein bisschen affige Spruch „Laptop und Lederhose“ trifft es ganz gut. Das Bayern-Gen spüre ich aber im Privaten: Da verfällt man schnell in Dialekt.

Sie hätten Bayern tatsächlich den Rücken zugekehrt?

Klar, da wäre ich in die USA gezogen, nach Los Angeles, wohin auch immer, wenn es sich ergeben hätte. Jetzt bin ich 53, und München ist der perfekte Standort für mich – ein großes, gemütliches Dorf. Hier verspüre ich nicht den Stress wie zum Beispiel in Berlin.

Sie hatten ein Leben vor Funk, Fernsehen und Film: In Ihrer ersten Firma haben Sie Texte für Anrufbeantworter kreiert. Auch auf Bayerisch?

Auf jeden Fall. Wir haben immer schon gern mit Dialekten gearbeitet. Rick Kavanian war von Anfang an dabei – nicht nur, weil er eine gute Stimme hat, sondern auch, weil er für 20 Mark alles gesprochen hat. Wir konnten uns damals gar keine professionellen Sprecher leisten. Rick schmettert einem auch dann eine Fremdsprache perfekt um die Ohren, wenn er sie gar nicht spricht.

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Für manchen kommt das Bayerische ja auch einer Fremdsprache gleich.

Das haben jetzt Sie gesagt. Ich habe den Eindruck, dass Bayerisch überall in der Welt gern gehört wird. Dialekte haben sowieso ihren Charme. Am langweiligsten ist es, wenn Hochdeutsch gesprochen wird – so wie da oben bei Ihnen in Hannover, was mir für euch wahnsinnig leidtut. Über eure Aussprache kann man sich ja leider so gar nicht amüsieren.

Deswegen rede ich ja mit Ihnen.

Rufen Sie mich bitte jederzeit an, wenn Sie Sehnsucht haben. Im Ernst: Dialekt darf so viel mehr als das Hochdeutsche, da eröffnen sich Optionen. Dialekte klingen, als seien sie schon immer da gewesen. Das Einzige, worauf wir immer geachtet haben, schon bei Sketchen in der „Bullyparade“: Es muss perfekt sein. Auch die Leute sollen lachen können, die den Dialekt wirklich sprechen. Das ging so weit, dass ich für Rick Kavanian beim Kinofilm „(T)Raumschiff Surprise“ einen Sächsisch-Coach ins Studio geholt habe, damit das auch hundertprozentig sitzt, was er da von sich gibt.

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Jetzt bringen Sie den „Boandlkramer und die ewige Liebe“ erst zu Amazon und dann hoffentlich auch noch ins Kino. Erklären Sie doch mal einem Preußen, wer dieser Boandlkramer überhaupt ist.

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Moment, das müssen Sie vorn mutiger aussprechen, wirklich als „Boa“ so wie Boa Constrictor. Also der Boandlkramer ist der Tod, und der hat viele Namen, Sensenmann, Knochensammler, Gevatter Tod, Schlafes Bruder … Boandl kommt von Gebeinen, und Kramer ist der Krämer, der Händler, frei übersetzt also: der Gebeinehändler. Dahinter steht die amüsante Vorstellung, dass da oben im Himmel Angestellte sitzen, die in bestimmten Gebieten ihre Jobs erledigen – etwa auch im sächsischen oder im schwäbischen Himmel. Augenblick, da fällt mir doch was ein …

… nämlich?

Die diversen Angestellten könnten sich ja mal zusammentun, so wie die „Avengers“, und die Welt retten. Das ist jetzt aber meine Filmidee. Kommen Sie nicht in ein paar Jahren und sagen, ich hätte das geklaut.

Sie haben den Boandlkramer schon 2008 im Kino gespielt: Was fasziniert Sie an dieser Figur?

Tatsächlich war der Boandlkramer für mich immer schon faszinierend. Das kann man vielleicht nur in Bayern verstehen: Das Volkstheaterstück „Die Geschichte vom Brandner Kaspar“ wurde mehrfach verfilmt, das erste Mal schon 1949 mit Paul Hörbiger als Tod, Mitte der Siebziger dann fürs Bayerische Fernsehen mit Toni Berger. Das habe ich als Kind immer an Allerheiligen gesehen.

Als Kind haben Sie einen Film über den Tod geschaut?

Das war genau der Grusel, den ich als Elfjähriger noch ertragen konnte – dazu das Tröstliche, dass sich da einer auf einen Handel mit dem Tod einlässt und auch noch gewinnt: Der Brandner Kaspar säuft den Boandlkramer beim Kartenspiel mit Kirschgeist unter den Tisch und sichert sich ein paar Lebensjahre extra auf Erden. Übrigens begibt sich der Brandner Kaspar später freiwillig in den Himmel, um seine verstorbenen Lieben wiederzusehen. So sind die Bayern halt: Die haben ihren eigenen Kopf.

Wie kamen Sie an die Kinorolle?

Ich bin mal gefragt worden, ob ich mir vorstellen könne, Theater zu spielen. Ich antwortete, dass die einzige Figur, die ich mir vorstellen könne, der Boandlkramer sei. Und ob Sie es glauben oder nicht: Ein Jahr später rief mich der Regisseur Joseph Vilsmaier an und fragte mich, ob ich diese Rolle übernehmen wolle. Wann darf man schon mal so einen Freak geben?

Wieso Freak?

Na ja, der Tod ist eine arme Seele, wenn er denn eine hätte. Er darf weder in den Himmel noch in die Hölle. Er muss immer nur die verstorbenen Seelen abliefern, schon seit Tausenden von Jahren. Alle sind entsetzt, wenn sie den Tod sehen. So einer hat keine Freunde. Der Sepp, also Vilsmaier, war für diese Interpretation offen, so wie er immer offen für alles war. Er hat immer nur klar gesagt, was er nicht will. Wann immer ich später gefragt wurde, was meine Lieblingsrolle sei, habe ich nicht den Abahachi oder Hui Buh genannt, sondern den Boandlkramer. Ich hätte aber niemals gedacht, dass es zu einem zweiten Film kommen würde.

Und dann …

… stand ich eines schönen Tages unter der Dusche und mir kam die Idee: Der Boandlkramer verliebt sich, vernachlässigt seinen Job und bringt den himmlischen Plan durcheinander. Ich habe den Sepp angerufen, und der hat gesagt: Das müssen wir machen.

Man erkennt Sie hinter Ihrer Maske doch gar nicht: Wieso sind Sie so angetan vom Boandlkramer?

Ich genieße es immer, mir etwas ins Gesicht zu kleben und mich dahinter zu verstecken. Ein kleiner Schnurrbart kann die ganze Physiognomie verändern. Ich hatte ursprünglich auch gar nicht vor, Schauspieler zu werden. Ich wollte einen sicheren Platz hinter der Kamera. Davor bin ich doch nur gelandet, weil ich den Umweg übers Radio genommen habe und schließlich irgendwer sagte: Den Typen müssen wir doch auch mal zeigen. Aber ich habe mich unwohl dabei gefühlt und erst mal Kunstfiguren in den TV-Sketchen gebraucht. Ich dachte, dass ich nicht gut genug sei, um die Leute zu unterhalten. Heute, jetzt, 30 Jahre später, traue ich mich auch mal ohne Bart vors Publikum.

Aber wieso ist die Maske so dick?

Der Boandlkramer ist ein bedeutendes Stück Kulturgut in Bayern, gewissermaßen eine heilige Kuh: Die Zuschauer sollten auf keinen Fall den Bully darin sehen. Für mich war die Verkleidung ein Traum. Nicht so der Traum war es, jeden Tag frühmorgens erst mal Stunden in der Make-up-Abteilung zu hocken.

Wie aufwendig war denn die Verwandlung?

Bei der Drehbuchentwicklung hatte ich komplett unterschätzt, dass ich in praktisch jeder Szene zu sehen bin. Dann hatte ich plötzlich 32 Drehtage – und 32 Silikonnasen lagen für mich bereit. Jede davon ließ sich nur einmal benutzen. Diese Nasenpalette musste ich abarbeiten. Das lief irgendwann ab wie bei einem Adventskalender. Ich habe abgezählt: noch neun Nasen, noch sechs, noch zwei …

Im Gegensatz zu Ihnen ist der Teufel gut zu erkennen: Er sieht aus wie Hape Kerkeling. Was kein Wunder ist: Hape Kerkeling spielt ihn – und zwar als eine Art Fernsehunterhalter. Entspricht eine TV-Show Ihrer Vorstellung von Hölle?

Der Teufel ist ein Blender, ein Verführer. Der stinkt nicht nach Schwefel und nach Höllenschlund. Hape ist ein Knaller für diese Besetzung. Deshalb brauchte der Teufel auch eine Swingnummer mit Ballett. Wir haben ja auch da gedreht, wo es nach Bling-Bling aussieht – in den glitzernden Gemächern des Kristallglasherstellers Swarovski.

Dient der saloppe Umgang mit Tod und Teufel in Bayern auch dazu, sich die Angst vom Leib zu halten?

Da könnte was dran sein. Der Tod wird so eine Art Sympathieträger. Nach dem ersten Film meldeten sich tatsächlich Zuschauer bei mir und sagten, der Film habe sie getröstet. Die Vorstellung, dass der Tod so ein armer Tropf ist, hat ihnen offenbar Mut gemacht.

Könnte diese Geschichte auch anderswo als in Bayern spielen?

Sie passt schon sehr gut hierher. So stellt man sich sturköpfige Bayern vor, die irgendwo auf einer Hütte rumsitzen und sagen: Lasst mich doch in Ruh. Auch der Regisseur Vilsmaier war so einer. Der hat immer einen Stock im Auto gehabt. Wenn dem jemand blöd gekommen wäre, hätte er den rausgeholt. Anderswo in Deutschland müsste die Geschichte einen anderen Charme entwickeln. Eher kann ich mir den nächsten Boandlkramer-Film als Western vorstellen. Oh, jetzt habe ich schon wieder eine Idee verraten.

Wieso spielen die Bayern bis heute so eine einzigartige Rolle in dieser so bunten Republik?

Die Bayern können einerseits charmant sein, andererseits poltern sie los. Über die Bayern wird viel gelacht. Auf der anderen Seite aber wollen alle im schönen Bayern Urlaub machen. Neuschwanstein, dieses Romantische, Verklärte, die Sisi. Der Rest der Welt blickt neidisch auf die Bayern. Wo sonst setzt man sich in ein Zelt, trinkt jede Menge Bier und – Pardon! – verarscht sich gegenseitig?

Bei diesem Film ist Ihnen der Boandlkramer näher gekommen, als Ihnen lieb war: Der Regisseur Joseph Vilsmaier ist im Februar gestorben.

Sepp hatte niemandem gesagt, dass er schwer krank war. Für ihn war der Film ein letzter großer Wunsch: Er durfte sich auf humorvolle Art mit dem Tod auseinandersetzen. Wenn ich gewusst hätte, wie es um ihn steht, hätte ich vermutlich Hemmungen gehabt, so herumzualbern. Aber ihm hat es Kraft gegeben. Wir haben viel in den Bergen gedreht, und irgendwann habe ich gesagt: Fangt den wieder ein, der klettert uns davon. Sepp hat mal gesagt: Wenn ich nicht mehr drehen kann, mag ich nimmer. Er hat noch voller Lebensfreude gesteckt – als 80-Jähriger.

Ahnte er, dass dies sein letzter Film sein würde?

Sepp muss das gespürt haben, er wusste es. Er hätte gern noch die Premiere miterlebt. Aber als er starb, war der Film so gut wie fertig, und da hat er losgelassen. Dieser Film ist sein Vermächtnis.

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