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Komödie mit Emma Thompson

„Meine Stunden mit Leo“: Was Nancy schon immer über Sex wissen wollte

Und was machen wir jetzt? Emma Thompson (rechts) als Nancy Stokes und Daryl McCormack als Leo Grande in einer Szene des Films „Meine Stunden mit Leo“.

Und was machen wir jetzt? Emma Thompson (rechts) als Nancy Stokes und Daryl McCormack als Leo Grande in einer Szene des Films „Meine Stunden mit Leo“.

Sonderlich hohe Erwartungen hat Nancy nicht an die Begegnung. Ein Orgasmus müsse nun wirklich nicht sein. Aus ihrer Sicht wäre das ein geradezu verwegener Anspruch. Schließlich habe sie noch nie einen gehabt in ihrem nun schon rund 60 Jahre währenden Leben.

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Und doch will die pensionierte Religionslehrerin jetzt etwas wagen: Nancy (Emma Thompson) hat sich übers Internet einen Callboy auf ein Londoner Hotelzimmer bestellt. Endlich will sie jene sexuelle Lust ergründen, die der inzwischen verstorbene Gatte nie in ihr hervorgekitzelt hat, vermutlich auch gar nicht hervorkitzeln wollte. In all den Ehejahrzehnten wälzte er sich gelegentlich auf sie, erfüllte den Job zur eigenen Befriedigung und schlief sogleich wieder neben ihr ein.

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All das erfahren wir in dem ironischen Kammerspiel „Meine Stunden mit Leo“. Hier geht es um mehr als nur darum, dass es eine ältere Frau noch mal wissen will – inzwischen beinahe ein Subgenre im Kino. Hier geht es um das Verhältnis zum eigenen Körper, um Scham und um verkümmertes Begehren.

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Für Leo Grande (Daryl McCormack) wird das keine ganz leichte Aufgabe. So nennt sich der attraktive Sexarbeiter mit Künstlernamen. Er trifft auf eine Kundin am Rande des Nerven­zusammen­bruchs. Nancy trinkt sich erst ein wenig Mut an der Minibar an, bevor sie ihr blümchendekoriertes Negligé auf der ­Toilette überstreift. Ihre Zweifel an dem, was sie da tut, sind schier unüberwindbar: Beutet sie den jungen Mann womöglich sexuell aus?

Da muss sie keine Sorgen haben. Einfühlsam macht sich Leo daran, all die in Nancys Kopf aufgebauten Hindernisse abzuräumen. Glücklicherweise scheint er vor Selbstvertrauen – ja, gelegentlich Arroganz – nur so zu strotzen. Das allerdings wird sich später als nur bedingt richtig erweisen, wenn es um eigene Lebenslügen geht. Als Sexarbeiter aber versteht er sein Fach – und fühlt sich dabei nach eigenen Worten gelegentlich als Sextherapeut.

Vergnügliches Kammerspiel

Der Rahmen für dieses vergnügliche Kammerspiel der australischen Regisseurin Sophie Hyde wäre damit gesetzt: zwei Personen in einem Hotelzimmer, die noch viel mehr über Sex reden, als dass sie ihn praktizieren. Was sie allerdings – weitgehend außerhalb des Kamerablicks – auch noch tun. Schon in früheren Filmen hat sich Hyde mit Sexualität und Geschlechterrollen beschäftigt („52 Tuesdays“, ­„Ani­mals“). Das Drehbuch zu „Meine Stunden mit Leo“ schrieb die britische Komikerin Katy Brand.

Zeitweilig fühlt man sich an die „Before …“-Filme mit Julie Delpy und Ethan Hawke erinnert. Verhandelt wird auch hier die ganze Existenz. Es geht um Nancys schwieriges Verhältnis zu Sohn und Tochter, um Enttäuschungen, Verletzungen, Einsamkeit. So vieles wird in Nancy bei dieser Begegnung wachgerüttelt: das Gefühl, das Beste vom Leben verpasst zu haben, die Angst, mit zunehmendem Alter für andere gewissermaßen unsichtbar zu werden, die Unzufriedenheit mit dem außer Form geratenden Körper.

Kampf gegen die Prüderie

Besonders zu Beginn kämpft die Protagonistin verzweifelt an gegen die ihr seit Kindheitstagen eingetrichterte Prüderie. Letztlich wird die wohl weit verbreitete Verklemmtheit in der britischen Bevölkerung an ihrem Beispiel gezeigt. Bei der Berlinale-Premiere merkte Hauptdarstellerin Thompson leicht süffisant mit Blick auf die angebliche deutsche sexuelle Freizügigkeit an: „Wir Briten sind da etwas anders, etwas puritanischer. Sehr ermüdend ist das jedenfalls.“

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Schon beim zweiten Date bringt Nancy eine Liste von Sexualpraktiken mit, die sie abzuarbeiten gedenkt. Da haben sich schon Intimität und Humor im Umgang miteinander entwickelt. Vor allem in Emma Thompson steckt eine grandiose Komödiantin, die in ihrer Rolle zwischen Hysterie und Draufgängertum gekonnt hin- und herspringt.

Dann aber verschiebt sich das Beziehungsgefüge zwischen den beiden. Nancy hat über die wahre Biografie Leos recherchiert. Die Pädagogin in ihr bricht durch, Leo ist schließlich kaum älter, als es einst ihre Schüler waren. Damit aber hat sie die professionelle Grenze überschritten.

Die deutsche Regisseurin Nicolette Krebitz hat jüngst in „AEIOU – das schnelle Alphabet der Liebe“ die Grenzen einer altersmäßig so ungleichen Beziehung spielerisch beiseitegewischt. Ihre Kollegin Hyde zieht so etwas gar nicht erst in Betracht. Hier gibt es kein Entkommen ins Märchenhafte.

Und doch löst die Regisseurin am Ende die Konflikte ein wenig harmoniesüchtig auf. Zuvor aber sehen wir Nancy vor dem Spiegel. Sie ist nackt – und nicht mehr die Frau, die wir vom Beginn des Films kennen. Entspannt blickt Nancy auf ihren Körper.

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Diese Szene hat Thompson nach eigenen Worten mehr Mut als jede andere in ihrer langen Karriere („Was vom Tage übrig blieb“, „Saving Mr. Banks“) gekostet. Erstmals stellt sie sich hier gänzlich unbekleidet zur Schau. Für sie habe der Film gezeigt, von welchen „unmöglichen Forderungen und Körperbildern“ Frauen umgeben seien.

„Meine Stunden mit Leo“, Regie: Sophie Hyde, mit Emma Thompson, Daryl McCormack, 97 Minuten, FSK 12

 

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