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Mein Freund Mustafa: die Geschichte einer nächtlichen Begegnung

  • In seiner Kolumne „Über Leben in Deutschland“ wirft Imre Grimm einen satirischen Blick auf den deutschen Alltag.
  • Diesmal geht es um eine nächtliche Begegnung.
  • Sie könnte der Beginn einer wunderbaren Freundschaft sein.
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Die Intimzone des Menschen umfasst circa 60 Zentimeter rund um den Körper. Näher ran dürfen nur Familienmitglieder, Freunde, Ärzte und Bestatter. Erst außerhalb dieses Energiefelds fühlt sich Nähe nicht mehr übergriffig an, es beginnen quasi die internationalen Gewässer des menschlichen Körpers. Das ist der Grund für die sogenannte Fahrstuhlphobie – das beklemmende Gefühl, man komme sich in engen Aufzügen viel zu nah. Das liegt an den sich überlappenden Auren.

Daran musste ich kürzlich denken, als ich allein unterwegs war. Ich fuhr mit dem Auto gegen 2 Uhr morgens durch die Stadt, als ein winkender Mann Mitte dreißig auf der Straße stand. Es sah nach einem Notfall aus. Ich stoppte und öffnete das Seitenfenster, denn meine Erziehung hat mich gelehrt, dass man Menschen in Not helfen soll. Und es dauerte keine zwei Sekunden, bis der fremde Mann auf meinem Beifahrersitz saß, ohne Maske, leicht angetrunken, aber nicht aggressiv.

„Ich bin auch müde! Du bist mein Bruder!“: Es ist nicht immer eine gute Idee, nachts mit dem Auto anzuhalten. (Symbolbild) © Quelle: Getty Images/iStockphoto
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Es entspann sich folgender Originaldialog:

„Hallo, fahr mich zur Tankstelle!“

„Ähm, nein …?“

„Bitte, ich bin Mustafa. Ich muss zur Tankstelle, mein Freund.“ Er versuchte, mir die Hand zu geben.

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„Mustafa, sorry, aber wir haben Pandemie. Ich möchte dir nicht die Hand geben.“

„Aber ich liebe dich!“

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„Gewiss. Das ging schnell. Aber ich muss jetzt wirklich weiterfahren. Ich bin müde.“

„Ich bin auch müde! Du bist mein Bruder!“ Mustafa versuchte, mich zu umarmen. Ich gab ihm dann doch die Hand.

„Natürlich. Wir sind Brüder, Mustafa. Aber ich möchte jetzt wirklich zu meiner Familie.“

„Meine Mama ist gestorben!“

„Das tut mir leid. Aber du musst jetzt wirklich aussteigen.“

„Bitte fahr mich zur Tankstelle.“

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„Mustafa, bitte … Die Tankstelle ist gleich dahinten.“

„Ich liebe dich!“

„Ja, bestimmt. Aber ich muss jetzt trotzdem weiter.“

„Ja.“ Mustafa blieb sitzen. Er dachte nach.

„Allah soll dich schützen“, sagte er. Er sah mich an, als sei das ein wirklich gutes Argument, ihn zur Tankstelle zu fahren.

„Ja, dich auch“, sagte ich.

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Mein Auto stand noch immer mitten auf der Straße. Hinter uns wartete ein Taxi.

„Mustafa, das Taxi will hier durch. Du musst jetzt gehen.“

Mustafa schien zu dämmern, dass ich als Fahrdienst nicht zur Verfügung stand. Er stieg aus. Langsam wie ein Fußballtorhüter beim Abstoß, dessen Mannschaft in der 91. Minute 3:2 führt.

„Ich komme dich besuchen“, sagte er. Es klang freundlich, nicht wie eine Drohung.

„Na sicher“, sagte ich. Mustafa wankte in Richtung Tankstelle.

Kein Zweifel: Wir werden uns an menschliche Nähe erst wieder gewöhnen müssen, wenn diese Pandemie vorbei ist.

In seiner Kolumne „Über Leben in Deutschland“ wirft Imre Grimm einen satirischen Blick auf den deutschen Alltag - dazu gehören persönliche Erlebnisse, aber auch Kuriositäten aus Politik, Gesellschaft und Kultur.

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