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Mehr Licht und Luft: Corona-Pandemie könnte Städtebau nachhaltig verändern

  • Die Pandemie hat auch gezeigt: Unsere Wohnungen und Städte passen nicht zu unseren Bedürfnissen.
  • Menschen wollen Wohnraum mit Balkon, Zentren mit Grünanlagen und Straßen, auf denen das Radfahren möglich ist.
  • Corona könnte Städtebau und Architektur den dringend nötigen Schub geben.
Bert Strebe
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Es war in den ersten Wochen des Lockdowns, als man noch nicht daran gewöhnt war. Häufig standen Menschen am Fenster und schauten einfach nur raus. Es war seltsam draußen. So still. Kaum ein Auto fuhr. Auf dem Weg zum Bäcker konnten die Leute zu Fuß vierspurige Ausfallstraßen ohne Ampel und ohne jedes Risiko überqueren.

Die eine oder der andere wird auf dem Rückweg überlegt haben, wie es wohl wäre, wenn es so bliebe. Er oder sie wird vielleicht auch kurz verharrt, die Augen geschlossen und sich vorgestellt haben, wie sich die eigene Wohnstraße anfühlen würde, wenn nicht mehr jedes Fleckchen am Straßenrand zugeparkt wäre. Licht, Luft, Platz. Später, als wir wieder raus durften, war es schwer mit dem Abstand, denn alle wollten ins Grüne, wollten dahin, wo sie sich im Freien wohlfühlen konnten. Sie wollten: Licht, Luft, Platz.

Corona hat nicht nur unseren Umgang miteinander und mit uns selbst verändert, was Abstand, Maskentragen und Händewaschen angeht. Das Virus wird auch unsere Städte verändern. Wie wir wohnen, wie und wo wir arbeiten, wie wir einkaufen, was wir in unserer Freizeit machen, wie wir uns im Alltag fortbewegen – alles, was bisher in gewohnten Bahnen verlief, ist durch Corona infrage gestellt worden. Die Wahrscheinlichkeit, dass alles wieder so wird, wie es war, ist gleich null.

Und das ist gut.

Nach einer Choleraepidemie baute London die Kanalisation. © Quelle: Mary Evans Picture Library/dpa

London machte es vor

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London, Mitte des 19. Jahrhunderts. 30.000 Menschen sind durch mehrere Choleraepidemien gestorben. Man dachte, die Krankheit werde durch faulige Gerüche übertragen, nur der Arzt John Snow erkannte, dass die Erreger aus den zahllosen Sickergruben der Stadt in das Grundwasser und in die Themse gelangten und sich so verbreiteten. Es dauerte, bis er Gehör fand. Erst als im Sommer 1858 die ganze Stadt unerträglich stank, begann man mit dem Bau einer Kanalisation.

In New York, zu jenen Zeiten ein Konglomerat aus heterogenen Grundstücken, Sümpfen, Hügeln und Bauernhöfen, legten die Verantwortlichen schon 1811 das Modell von “The Grid” vor, das Straßenraster, den schematischen Umbau der Stadt. Ziel: Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse, soziale Kontrolle – aber auch: leicht zu reinigen, um Seuchen zu vermeiden.

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Pandemien verändern nicht nur unser Leben, sondern auch unsere Städte. Das wird bei Corona nicht anders sein. In welchem Maß, wissen wir noch nicht. Und man sollte auch nicht immer auf all die selbsternannten Zukunftsforscher hören, die so rasch mit Prognosen zur Hand sind. Extrembeispiel: Nach den Anschlägen auf die Twin Tower hat manch einer das Ende der Hochhäuser verkündet, ganz Verwegene sahen gar das Ende der Stadt gekommen. So was muss man nicht immer ernst nehmen. Aber diskutieren kann man schon. Und nachhaltige Veränderungen brauchen sowieso ihre Zeit.

Fangen wir mit den Wohnungen an. Wir sind im Lockdown also alle zu Hause geblieben. Das Allererste, was man merkt, wenn man nicht raus kann, ist, dass man unbedingt raus will. Wer in einer solchen Situation keinen Balkon hat, ist schon mal in einer miesen Lage. Gut, es sind nicht so viele in Deutschland, aber immer noch gibt es 12,4 Millionen Wohnungen ohne Terrasse oder Balkon. Das gehört auf die Agenda der Wohnungsbauer.

Zweite Frage: Wie sieht es mit dem Platz aus? Können die Familienmitglieder sich auch mal aus dem Weg gehen? Wer sitzt wo und stört wen, wenn Mama und Papa im Homeoffice werkeln und die Kinder homebeschult werden? De facto leben wir heute in weitaus größeren Behausungen als etwa in der Nachkriegszeit. 1950 haben sich statistisch fast fünf Menschen eine Wohnung geteilt, heute sind es im Schnitt zwei. Im 19. Jahrhundert gab es ganze elf Quadratmeter Wohnfläche je Einwohner in Deutschland, 1970 waren es 26,4 Quadratmeter, heute sind es 46,5. Dennoch wird es vielleicht eng, wenn immer mehr Firmen ihren Mitarbeitern das Recht auf Homeoffice zugestehen, wie jetzt schon aus diversen Chefetagen verlautet – oder wenn die Mitarbeiter gar, um Schreibtische zu sparen, dazu gedrängt werden. Das Arbeitszimmer wird also mit ziemlicher Sicherheit in künftigen Wohnungsbauprojekten eine bedeutsamere Rolle spielen als bisher.

Vorhandene Strukturen nutzen

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Das klingt nach einer Kleinigkeit, ist es aber nicht. Im Grund ist es sogar ein Systemwechsel. Unsere Städte funktionieren mehr oder weniger immer noch nach einem Städtebaumodell aus den Dreißigerjahren, der Charta von Athen. Sie propagierte – eigentlich um ein Problem zu lösen, nämlich die Verlärmung und Verschmutzung der Städte durch die Industrie – die Trennung von Lebensbereichen: Verwaltung, Einkaufen und Kultur in der Innenstadt, Wohnen und Industrie in getrennten Sektoren drumherum, und außen die Satellitenstädte. Inzwischen sehen wir, dass wir uns mit dieser Problemlösung zahllose neue Probleme eingehandelt haben: tote Zentren, Städte, in denen es mehr Platz für Autos als für Menschen gibt, und – weil die Leute dann in die Speckgürtel ziehen – 19,3 Millionen Pendler. 68 Prozent fahren mit dem Auto. Ökologisch betrachtet grenzt das an Idiotie.

Zudem ist es da, wo die Menschen wohnen, oft nicht mal schön, sondern nur funktional und langweilig. Niklas Maak, einer der profiliertesten Architekturkritiker Deutschlands, hat in einem Interview mit der NDR-Fernsehjournalistin Anja Reschke kühl konstatiert, dass unsere Städte heute weniger danach aussehen, wie wir leben wollen, sondern bloß “die Gewinninteressen der Bauindustrie abbilden”.

Diese Industrie baue “lieblose Kartons” in zwei Varianten, für Singles und Kleinfamilien, und dann noch ebenso lieblose “Edelkartons” für Wohlhabende, die man Stadtresidenz nenne, sagte Maak. Eines der Lockdownprobleme, die Vereinsamung von Menschen in ihren Wohnungen, führte er direkt auf den heutigen Wohnungsbau zurück: Unsere Städte seien “öde, begehbare Anlagedepots”. Und er erinnerte daran, dass es früher in der Stadt vielfältige Wohnformen gegeben habe, sogar Bauernhöfe oder beispielsweise Handwerkerhäuser, mit Leben und Arbeiten unter einem Dach.

Die Funktionen Wohnen und Arbeit, sagt auch die Präsidentin der Bundesarchitektenkammer, Barbara Ettinger-Brinckmann, müssten wieder mehr vernetzt werden. Corona sei das “Reallabor”, das uns diese Notwendigkeit sehr deutlich vor Augen geführt habe. Eine Reform des Städtebaus sei möglich, weil heute vieles digital stattfinde. Wichtig für Ettinger-Brinckmann: Vorhandene Strukturen müssten genutzt, es dürfe nur wenig neu gebaut werden, und wenn, unter Beachtung der Klimaziele, nicht nur der Kosten.

Das heißt: Ökobau als Standard, und wo immer man Wohnungen baut, muss es eine Nahverkehrsanbindung geben. Verdichtete Städte seien nach wie vor nötig, sagt Ettinger-Brinckmann, schon weil man den Flächenverbrauch in Grenzen halten müsse. Nichts spreche dagegen, beispielsweise auf Flachdächer noch ein Wohnstockwerk draufzusetzen.

Dass Menschen vom Land in die Stadt pendelten, liege daran, dass sie zu Hause keine Arbeit fänden, erläutert die Architektenpräsidentin. “Hier liegt die Chance der Digitalisierung” (mit entsprechendem Breitbandausbau). In den Städten selbst müsse man dafür sorgen, dass ein Mix aus Wohnen, Arbeit und Freizeit auch im Zentrum Platz finde. “Und vielleicht brauchen wir wirklich weniger Bürobauten.” Natürlich werde es weiter Büros geben, aber möglicherweise nicht mehr so konzentriert.

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Durchmischung ist in der Städteplanung gefragt

Kleine Läden, Cafés, Wohnungen, ab und zu Büros – die Durchmischung der Stadt macht’s. Das belebt die Straßen. Und da, wo Leben ist, bewegt man sich auch gern.

Corona hat uns nicht nur gezeigt, dass unsere Wohnungen ein Update vertragen können. Als wir endlich wieder raus durften, aber nicht gleich ins Kino oder ins Fitnessstudio rennen konnten, haben viele Menschen festgestellt, dass es außerhalb ihrer Behausungen ziemlich öde aussieht. Ein bisschen Abstandsgrün, kein Grashalm mehr als behördlich vorgeschrieben, Bänke, auf denen man nicht sitzen kann, achtlos möblierte Plätze – unsere Städte sind voll von Arealen, die man nur anschauen muss, um zu wissen: Derjenige, der das geplant hat, wohnt ganz woanders.

Der alte Satz von Heinrich Zille, dass man einen Menschen auch mit einer Wohnung erschlagen kann, gilt ebenso für das Umfeld der Wohnung. Wenn dieses Umfeld lieblos gestaltet ist, wird es nicht nur nicht genutzt, sondern auch ebenso lieblos behandelt. Auch hier wäre Corona ein Anlass, über Planungen nachzudenken, die nicht nur von Sparprogrammen dominiert sind. Im Übrigen rechnet es sich, in diesem Bereich zu investieren, denn wer ansprechende Wohnungen mit einer schönen Umgebung baut, wird Mieter haben, die bleiben wollen und ihre direkte Umwelt auch pflegen.

Eine der großen Fragen wird sein, wie wir künftig mit dem Straßenverkehr umgehen. Schon vor Corona wurde landauf, landab über autofreie oder autoarme Innenstädte diskutiert. Das Argument, dass dadurch der Innenstadthandel zusammenbrechen würde, wurde bereits vor 70 Jahren bei der Einführung der Fußgängerzonen in Deutschland bemüht und hat sich schon damals nicht bewahrheitet. Daran sterben Innenstädte nicht. Sie sterben an charakterloser Uniformität und am Onlinehandel: Warum sollte ich, wenn ich alles zu Hause kaufen kann, in die Stadt gehen?

Ungewohnter Anblick: Nach Ausbruch der Pandemie sind im März 2020 die Straßen in New York nahezu menschenleer. © Quelle: imago images/ZUMA Wire

Pendeln ist kein Naturgesetz

Es funktioniert genau andersherum: Nur Innenstädte, die Dinge bieten, die das Internet nicht bietet (Individualität, persönliche Beratung von hoher Qualität, menschlicher Kontakt) und die für Fußgänger attraktiv sind, haben künftig noch eine Chance.

Die Corona-Pandemie hat die Bürger zuhauf zum Fahrrad greifen lassen, auch aus Angst vor möglichen Viren in den Bussen und Bahnen. Die Frage wird sein, wie viele Radfahrer dabeibleiben, wenn es kühler und regnerischer wird. Architektenkammerpräsidentin Barbara Ettinger-Brinckmann sorgt sich durchaus, das “Auto als Kokon” könne wieder Konjunktur bekommen – hofft aber, dass der Trend zur Fahrradfreundlichkeit (mit eigenen Spuren und verbesserten Ampelschaltungen und Fahrradschnellwegen) ein Gegengewicht bildet.

Und vielleicht hat ja auch der eine oder die andere gemerkt, dass Fahrradfahren der Gesundheit nützt und die Laune hebt – jedenfalls mehr, als sich, mit den Fingern aufs Lenkrad trommelnd, inmitten einer Blechlawine über Einfallstraßen zu quälen.

Der entscheidende Punkt ist: Wir haben es erlebt, dass das Pendeln in die Firma, dass die verstopften Straßen kein Naturgesetz sind. Das könnte etwas in unseren Köpfen verändern, viel mehr als alle Argumente und CO₂-Werte.

Und sonst? Behörden und Krankenhäuser denken über die Breite von Fluren und die Gestaltung von Wartezonen nach, die Großraumbüroplaner legen öfter mal die Hände in den Schoß, die Bauwirtschaft befasst sich mit der Frage, ob sie nicht mehr heimische Rohstoffe wie Holz einsetzen sollte.

Es ist viel in Gang gekommen. Corona, macht Bundesarchitektenkammerpräsidentin Barbara Ettinger-Brinckmann deutlich, ist nicht nur eine Pandemie und ein Problem: “Corona ist auch eine Riesenchance.”

“Staat, Sex, Amen”
Der neue Gesellschaftspodcast mit Imre Grimm und Kristian Teetz
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