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Marder in Germany: Wie wir ein ungebetenes Raubtier wieder loswurden – ein Tagebuch

  • Ein Raubtier auf dem Dachboden macht Menschen mürbe.
  • Was hilft gegen Marder? RND-Kolumnist Imre Grimm hat seine Auseinandersetzung mit dem nächtlichen Störenfried in einem Tagebuch dokumentiert.
  • Sein Tipp: Für ein Happy End braucht man keine Hausmittel, sondern Psychologie.
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4. Mai 2020: Wir haben jetzt einen Gast im Haus. Wir haben ihn nicht eingeladen, er ist trotzdem gekommen. Sein Sozialverhalten entspricht dem von Charlie Sheen: Tagsüber schläft er, nachts tanzt er auf den Tischen. Über Drogen und käufliche Liebe freilich ist nichts bekannt.

Er rumpelt herum. Er kratzt an den Wänden unseres Schlafzimmers. Gesehen haben wir ihn noch nie. Es ist also nicht ganz klar, wer uns da besucht. Bis zum Beweis des Gegenteils besteht die Möglichkeit, dass hinter unserer Wand Charlie Sheen wohnt. Wahrscheinlicher ist jedoch ein Marder. Wir nennen ihn Herr Melin. Offenbar verrückt Herr Melin gern die Möbel in seiner Marderwohnung. Wahrscheinlich sammelt er Dekotipps bei Pinterest unter dem Benutzernamen “FunMarder3000”.

Sie können ganz schön fies gucken: Marder im Sonnenuntergang.
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11. Mai 2020: Es ist gesetzlich verboten, Herrn Melin zu eliminieren. Ich wüsste auch gar nicht, wie. Schwere Waffen passen nicht in seine Wohnung. Und ich schon gar nicht. Man könnte ein Loch in die Schlafzimmerwand bohren und Lachgas einlassen. Aber das würde ich nie tun. Schon weil ich mich vor einem lachenden Marder noch mehr fürchte als vor einem, der Möbel verrückt. Also habe ich die Fachwelt konsultiert (vulgo: Google). Seither bin ich vertraut mit Wörtern wie Isolationsverbiss, Lebendfalle und Fallrohrschutz.

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Die Fachwelt rät dazu, den Marder zu “vergrämen”. Man könnte auch sagen: Mardermobbing! Wir sollen Herrn Melin signalisieren, dass sich ein überlegenes Tier in seinem Revier befindet. Ich tue mich überraschend schwer damit, genügend Alphatier-Qualitäten aufzubringen, um einem Marder zu imponieren. Schließlich ist Herr Melin ein Raubtier und ich nicht. Alternativ sollen abschreckende Duftstoffe helfen. Die Stinkigkeitstoleranz von Mardern freilich ist höher als unsere eigene. Und Marder sind Mietnomaden. Sie haben ein Arsenal an Wohnungen und kommen nach ein paar Wochen gern wieder, um zu schnuppern, ob die Luft rein ist.

13. Mai 2020: Normalerweise sind Sachargumente die Waffe meiner Wahl. Marder aber diskutieren nicht. Was tun? Friedliche Koexistenz? Unterwerfung? Charlie Sheen als Miet-Alphamännchen buchen? Wir haben beschlossen, es als Kompliment zu nehmen, dass unter unserem Dach ein Marder wohnt. Herr Melin ist gern bei uns. Er mag uns. Es kann nicht genug Liebe geben in diesen Zeiten. Ich bemühe mich deshalb, mich psychologisch in die Marderseele hineinzufühlen. Ich könnte mich als Raubvogel verkleiden, aber meine Statur spricht dagegen. Ich gleiche eher einem flugunfähigen Raub-Nilpferd. Ich glaube nicht, dass sich der Marder von einem Raub-Nilpferd bedroht fühlen würde.

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17. Mai 2020: Herrn Melin hat offenbar beschlossen, länger bei uns zu bleiben. Wir hören ihn fast jede Nacht. Es klingt, als trage er die Dachbalken ab. Gestern begab ich mich nachts um drei auf die wackelige Klapptreppe zum Dachboden, um nachzusehen, ob unser Haus wenigstens noch für ein paar Stunden vor Wind und Regen geschützt ist. Ich spürte, wie ich zum Jäger wurde. Ein uralter Jagdinstinkt ergriff Besitz von mir. Meine Augen verengten sich zu Schlitzen. Ich atmete flacher und umklammerte im Geiste eine imaginäre Winchester.

Ich weiß natürlich, dass man Marder nicht jagen darf. Leider wusste offenbar auch der Marder, dass man Marder nicht jagen darf. Es schien Herrn Melin nicht weiter zu stören, dass ich die Treppe heraufkraxelte. Wahrscheinlich dachte er: “Nett von dem Typen, der bringt mir Kekse, während ich sein Haus repariere.”

Ich spähte über den Rand der Treppenöffnung wie Winnetou über einen Felsen am Rio Grande. Herr Melin war verschwunden. Ich prüfte kurz den Tatort. Dämmwollflocken, Plastikbrösel. Offenbar ist unser Haus nicht Herrn Melins Hauptwohnsitz. Sondern seine Ferienwohnung. Oder er hat hier seine heimliche Geliebte geparkt wie ein New Yorker Banker seine in einem Apartment an der Upper Eastside in Manhattan.

19. Mai 2020: Ich habe alles ausprobiert, was an Hausmitteln zur Verfügung steht: Licht mit Bewegungsmelder, laufendes Radio, Klopfen von unten, diverse Riechmittelrezepte. Sie alle zeichneten sich dadurch aus, dass sie bei der Mardervergrämung auf die gleiche Weise wirkten: gar nicht. Im Internet heißt es, Marder würden es spüren, wenn man sie aktiv doof findet. Der Circus Krone verkauft Löwenkot als Anti-Marder-Mittel. Ich möchte aber keinen Löwenkot kaufen. Auch chemischer Marderschreck aus der Dose des Todes vom polnischen Graumarkt kommt nicht infrage. Ich möchte nicht verantwortlich sein für das Ende von Flora und Fauna im Bundesland Niedersachsen.

Löwenkot gegen Marder: Martin Lacey, Löwen- und Tigerdompteur im Circus Krone, steht neben seinem Löwen King Tonga und hält dabei ein Glas mit Löwenkot in den Händen, das der Circus Krone verkauft. © Quelle: Sven Hoppe/dpa

23. Mai 2020: Bei der Überprüfung unseres Hauses von außen stellte ich fest, dass unser Dachstuhl ungefähr so löchrig ist wie die Flüchtlingsstrategie der EU. Wäre ich ein Marder, wäre das hier mein Disneyland. Um das Haus dauerhaft abzudichten, bräuchte man einen Betonsarkophag wie in Tschernobyl. Letztes Mittel: Sachargumente. Ich beschloss, den Dialog zu suchen und selbst auf dem Dachboden zu schlafen, bis der Feind über meine Brust hoppelt.

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4. Juni 2020: Heureka! Der Marder ist verschwunden. Wochenlang hat er auf dem Dachboden herumgerümpelt und uns heftiger genervt als Oliver Pocher die deutsche Influencerszene. Aber dann war er plötzlich weg.

Es gibt nur eine Erklärung: Auch Nagetiere halten sich offenbar vernünftigerweise an die Abstands- und Hygieneregeln der bundesdeutschen Seuchenschutzbehörden. Es ist ihm wohl zugetragen worden, dass Angehörige zweier Haushalte sich derzeit nicht unter einem Dach aufhalten dürfen. Wahrscheinlich war er stets bestens informiert, weil er jeden Abend durch irgendeine Ritze mit uns “Tagesschau” geguckt hat. Oder er steckt auf einem Kreuzfahrtschiff vor Hawaii fest. Oder jemand hat ihn gekauft. Oder meine hartnäckigen Vergrämungsbemühungen hatten tatsächlich Erfolg: heftiges nächtliches Zurückpoltern, Licht anlassen und ganz böse gucken. Nimm das, Marder! Andererseits haben Nagetiere, wie gesagt, mehrere Wohnungen. Wären sie Jungliteraten, schrieben sie in den Klappentext ihrer Rowohlt-Debütromane: “Er lebt unter anderem in St. Moritz, London und Hamsterdam.”

10. Juni 2020: Es hat wieder geraschelt. Das beweist: Für die Marderkrise gilt dasselbe wie für die ungleich größere C-Krise: Gewissheiten gibt es nicht. Ich glaube, dass die Marder auch einen Herrn Drosten haben, so einen kleinen Marderprofessor mit Wuschelfrisur, der ihnen einschärft, Abstand zu fremden Dachböden zu halten und sich die Pfoten zu waschen.

Seelische Zermürbung des Gegners: Bundeswehr-Schützenpanzer des Typs „Marder“ 2019 bei einem Nato-Großmanöver in Norwegen.

1. Juli 2020: Nach der Marderkrise weiß ich jetzt, warum das untaugliche Kampfgerät der Bundeswehr, das kurz nach der Schlacht im Teutoburger Wald entwickelt wurde, nach Nagetieren bekannt ist: “Marder”, “Dingo”, “Fuchs”. Es handelt sich um psychologische Kriegsführung! Es geht gar nicht um Kampf- oder Schusskraft. Es geht um seelische Zermürbung des Gegners. Eine neue Studie des “Felix-Magath-Instituts für Kriegsgerät und Schadenfreude” hat ergeben: Hätte die Bundeswehr bei der Entwicklung ihrer Waffensysteme nur halb so viel Kreativität aufgebracht wie bei ihrer Benennung, könnte sie heute tatsächlich fahren, fliegen und schießen. Mit der Allzweckwaffe “Terrier” plant die Bundeswehr einen ausrüstungstechnischen Neuanfang. Sie bemüht sich um die Namensrechte bei einem bundesdeutschen Abwehrrecken und Erfolgstrainer.

8. Juli 2020: Vieles fehlt in diesen Tagen. Ferien. Unbeschwerte Restaurantbesuche. Oder die Gewissheit, dass 200 Jahre Aufklärung und die breite Akzeptanz von wissenschaftlich unterfütterten Fakten nicht von ein paar Wirrologen zerstört werden können. Aber Herr Melin? Fehlt mir nicht. Es scheint sich um ein vorübergehendes Phänomen gehandelt zu haben. Wenn er sich jetzt nur nicht irgendwo versteckt hält und Kräfte sammelt. Für die zweite Welle.


“Staat, Sex, Amen”
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