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  • Marc-Uwe Kling: „Qualityland 2.0“, zweiter Teil von Roman erscheint

Marc-Uwe Kling und die Zukunft: „Qualityland 2.0“

  • Bekannt wurde Marc-Uwe Kling mit Geschichten von seinem Mitbewohner, einem kommunistischen Känguru.
  • Vor drei Jahren schrieb er mit „Qualityland“ eine Zukunftssatire, die nun sogar in den USA als HBO-Serie verfilmt wird.
  • Jetzt erscheint Teil zwei des Romans.
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Der Satz der Verlagssprecherin steht in der E-Mail wie eine unüberwindbare Dornenhecke: „Von Interviewanfragen bitte ich abzusehen, da der Autor nicht zur Verfügung steht.“ Seit neun Jahren hat Marc-Uwe Kling kein Interview mehr gegeben. Er ist kein J. D. Salinger oder Thomas Pynchon, die sich komplett aus der Öffentlichkeit zurückgezogen haben und hatten. Der 38-jährige gebürtige Schwabe, der mit einer Schiebermütze zur Welt gekommen zu sein scheint – jedenfalls ist er nie ohne sie zu sehen – tritt auf, bei eigenen Lesungen genauso wie in der Lesedüne, einer systemkritischen Lesebühne in Berlin. Doch Gespräche mit der Presse? „Hier reden? Nein, danke“, scheint er sich zu denken. Und so spricht Marc-Uwe Kling ausschließlich durch sein Werk – und durch ein Känguru.

Wer mit dem Namen Marc-Uwe Kling nichts anfangen kann, dem braucht man in der Regel nur zu sagen: Das ist der coole Kleinkünstler mit den „Känguru-Chroniken“. Und die Antwort ist in den allermeisten Fällen: „Ach, der. Superlustig.“ So oder so ähnlich.

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Satire mit den „Känguru-Chroniken“

Mit den episodenhaften Geschichten um seinen ungewöhnlichen Mitbewohner – ein kommunistisches, Schnapspralinen mampfendes, schlaues, gewieftes Känguru – hat sich Kling zu einem der erfolgreichsten satirischen Autoren des Landes emporgeschrieben. Wenn es nicht so abgedroschen klingen würde, könnte man in diesem Fall wirklich mal mit bestem Gewissen sagen können: Er ist Kult.

Die Hörbücher mit seinen Livelesungen stehen seit Jahren auf den ersten Plätzen der Bestsellerlisten. (Die Kängurugeschichten mit Kling und seinem Känguru sind als Buchversion schon lustig, aber als Livelesung mit verstellten Stimmen einfach großartig.) Er schreibt zudem kluge Kinderbücher wie die „Prinzessin Popelkopf“ und „Der Tag, an dem Oma das Internet kaputt gemacht hat“. Und alles sprüht vor (Wort-)Witz, vor Anspielungen und – um das gute alte Wort mal wieder aus der Schublade zu holen – Gesellschaftskritik.

Dann kam sein erster Roman. 2017 veröffentlichte er „Qualityland“, die Geschichte eines Landes in der Zukunft, oder um es mit der E-Poetin Kalliope 7.3 zu sagen, „ein komplexes Porträt einer Gesellschaft in nicht allzu ferner Zukunft“.

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„Qualityland“ ist keine Science-Fiction

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Und das ist es, was „Qualityland“ bei aller Satire, allem Ideenreichtum und allem Witz so ernst und aufwühlend macht: Der Roman ist keine­ Science-Fiction-Erzählung, in der Männer mit spitzen Ohren durchs Weltall fliegen oder Astronauten auf dem Mars zurückgelassen werden. Es ist unsere Gegenwart konsequent in die Zukunft verlängert. Dystopisch, aber mit Anschluss an unsere Wirklichkeit. Diese Idee hat sogar die von Quality-Serien verwöhnten USA erreicht, sodass sich der Sender HBO („True Detective“, „Boardwalk Empire“, „Game of Thrones“) die Rechte an der Verfilmung gesichert hat.

Der Alltag in Qualityland wird nahezu komplett von Internetfirmen beherrscht. The Shop, What I need oder Qualitypartner erinnern unverkennbar an Amazon, Google und Kuppelunternehmen wie Parship. Nur dass The Shop nicht mehr nur das liefert, was der Kunde bestellt, sondern auch das, was er sich wünscht. Und seine Wünsche kennen die Algorithmen zumeist früher als der Konsument.

Oder Qualitypartner: Künstliche Intelligenz berechnet aufs Genaueste, welcher Partner, welche Partnerin zu wem passt. Bei Bedarf weist das Qualitypad dich darauf hin, dass es da draußen noch einen viel besser geeigneten Menschen gibt, mit dem du dein Leben verbringen solltest – selbst wenn du in einer glücklichen Beziehung lebst. Und das Date für morgen Abend hat Qualitypartner auch schon organisiert. Schließlich kennen die omnipräsenten künstlichen Intelligenzen auch deine Termine (und wenn es doch nur das wäre). Das kommt alles so locker und lustig im leicht konsumierbaren Kling-Klang daher – doch die Gesellschaft, die sich dahinter verbirgt, gruselt einen.

Kalliope 7.3 schreibt die „Qualityland“-Romane

Die Menschen in Qualityland sind alle einem Levelsystem unterworfen. Wer sein Leben nach Ansicht der Algorithmen (wer wirklich die Bewertungen und Auf- wie Abstiege vornimmt, ist auch den Personen im Roman nicht klar) gut, vorbildlich und (wirtschaftlich) erfolgreich lebt, steigt eines oder mehrere Level auf. Wer unkontrollierte Gewaltausbrüche zeigt, wem der Vater die finanzielle Unterstützung einfriert, wer seinen Job oder seinen Freund oder seine Freundin verliert, steigt im Ranking ab. Je höher das Level, desto höher die Annehmlichkeiten und die Fähigkeiten – etwa Fehler im Netz vergessen zu machen.

Wer bei diesem Levelsystem der Zukunft an das bereits laufende digitale Punktesystem für den „besseren Menschen“ im China der Gegenwart denkt, steigt jetzt wegen eines treffenden Vergleichs ein Level auf.

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In dieser Welt ist auch der zweite Teil der – soll man es schon sagen? – Saga, „Qualityland 2.0“ (Ullstein, 432 Seiten, 19 Euro), angesiedelt. Ihn hatte die wahre Autorin der Bücher (in Wahrheit schreibt nicht Marc-Uwe Kling, sondern Kalliope 7.3 die „Qualityland“-Romane) bereits im ersten Teil angekündigt. Nachdem im ersten Teil Peter Arbeitsloser (die Menschen in Qualityland sind nach dem Beruf des Vaters oder der Mutter im Moment des Zeugungsakts benannt) im Mittelpunkt steht, ist es nun seine On/off-Freundin Kiki. „Sie sind wirklich auch eine interessante Figur“, hatte die schreibende Androidin zu Kiki gesagt. „Ich glaube, mein nächstes Buch werde ich über sie schreiben.“ Und so heißt Teil zwei, der bei Hörbuch Hamburg auch als ungekürzte Lesung erschienen ist, konsequenterweise „Kikis Geheimnis“.

Marc-Uwe Klings Sicht der Zukunft

Die undurchsichtige Kiki kennt ihre Eltern nicht, findet aber auch im Netz oder in den Tiefen der von ihr gehackten Rechner nichts. Stattdessen muss sie sich ständig der Anschlagsversuche des grausamen „Puppenspielers“ und seines platinummantelten Avatars erwehren. Peter Arbeitsloser und seine liebenswerten halbdefekten Maschinen – darunter eine Flugdrohne mit Flugangst, ein Kampfroboter mit posttraumatischer Belastungsstörung und ein revolutionäres Qualitypad – versuchen, ihr zu helfen, und schlittern von einem Abenteuer ins nächste.

Aber auch die Erzählstränge um die Politiker Tony Parteivorsitzender, seine rotzige Assistentin Aisha Ärztin und die Superintelligenz John of Us sowie das Leben des Berufssohns Martyn Aufsichtsrat-Stiftungspräsident-Berater-im-Präsidialamt-Vorstand nimmt Kling in Teil zwei wieder auf.

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Aus der Zukunft kommentiert Kling beiläufig immer wieder unsere Gegenwart. So hat sich der Klimawandel schon deutlich in die Welt eingeschrieben. „Mache eine Kreuzfahrt durchs Polarmeer! Jetzt das ganze Jahr über eisfrei“, heißt eine Reiseanzeige. Oder „Tauche hinab nach Venedig. Entdecke die berühmteste Unterwasserstadt der Welt mit unseren zertifizierten Tauchführern“ eine andere. Aber konnte man das ahnen? „Dieser verdammte Klimawandel“, denkt Peters Exfreundin Sandra an einer Stelle. „Urplötzlich aus dem Nichts war er gekommen. Wenn doch bloß jemand davor gewarnt hätte, dann hätten die Menschen sicherlich rechtzeitig darauf reagiert.“

Wie so oft in Dystopien ist auch bei Kling nicht unbedingt der Plot die stärkste Zutat, sondern der Entwurf der Welt, quasi die Versuchsanordnung. Die Geschichten sind relativ konventionell. Kikis Suche nach den Eltern oder der Abstieg des ehemals auf Rosen gebetteten Martyn Vorstand sind keine besonders überraschenden Ideen. Solche Geschichten hat man schon in vielen Versionen gelesen. Aber noch nicht in einer solchen grandios lustigen und zugleich gruseligen Welt. Dazu kommen unzählige Zitate und popkulturelle Referenzen von Monty Python über den „Herrn der Ringe“ und „Westworld“ bin hin zu „Game of Thrones“, die den Lesespaß noch vergrößern.

Das Ende von „Qualityland 2.0“ – so viel darf man verraten – lässt einige Türen für einen dritten Teil offen. Ob der aber wirklich kommen wird, müssen wir abwarten. Fragen können wir Marc-Uwe Kling ja nicht.

RND



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