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  • „Malcolm & Marie“ auf Netflix: Ein Dreh inmitten der Corona-Pandemie

Zwischen Liebe und Hass: „Malcolm & Marie“

  • „Malcolm & Marie“ ist mal ein erfreulicher Nebeneffekt der Pandemie.
  • 30 Millionen Dollar hat Netflix für den unter Corona-Bedingungen entstandenen Film bezahlt.
  • John David Washington und Zendaya liefern sich eine schauspielerische Tour de Force.
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Alles begann mit Corona. Sam Levinson und seine Hauptdarstellerin Zendaya steckten mit ihrer Highschool-Serie „Euphoria“ in der Pandemie fest. Der Dreh musste verschoben werden. Was tun?

Einfach nach Hause gehen wollten Levinson (Sohn des „Rain Man“-Regisseurs Barry Levinson) und Zendaya nicht. So machte sich der Drehbuchautor und Regisseur ad hoc daran, ein ungewöhnliches Beziehungsdrama zu entwickeln – gedreht auf 35 Millimeter, in edlem Schwarz-Weiß und nur an einem Ort, im luftig-lichten Caterpillar House in Kalifornien. Wer drin war in dem gläsern-großzügigen architektonischen Schmuckstück auf den Hügeln von Carmel, blieb drin. Das Virus blieb draußen.

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Fehlte nur noch Zendayas Partner. Ihr Regisseur und sie hatten da eine Idee: Wie wäre es mit John David Washington, Sohn von Denzel Washington und gerade durch den Science-Fiction-Thriller „Tenet“ berühmt geworden? Und nun machte der Film Furore: Einen gerade 20-minütigen Zusammenschnitt ließ Levinson Käufern von HBO über Amazon bis Apple präsentieren. Netflix schlug bei 30 Millionen Dollar zu.

Vielleicht erinnerten sich die Verantwortlichen beim Streamingdienst an den Erfolg mit Noah Baumbachs Tragikomödie „Mar­riage Story“. Sechs Oscarnominierungen hagelte es für die originell erzählte Trennungsgeschichte mit Scarlett Johansson und Adam Driver – auch wenn am Ende nur eine Trophäe für Nebendarstellerin Laura Dern hängen blieb. Mal sehen, welche Rolle nun dieses Drama bei der Trophäenvergabe spielen wird. Angesetzt sind die Oscars für Ende April – so denn Corona das zulässt.

Käsemakkaroni und weiße Unterwäsche

30 Millionen sind nicht schlecht für ein Kammerspiel, in dem er Käsemakkaroni mampft, sie in der warmen Nacht raucht, sein Hemd immer krumpeliger wird, sie in weißer Unterwäsche herumläuft. Pinkeln gehen beide ab und an. Die Kamera schaut dezent hinter einem Mauervorsprung zu. Überhaupt wird hier elegant durch Türrahmen und Fenster hindurch gefilmt.

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Vor allem aber zerfleischen sich Malcolm und Marie in dieser langen Nacht. Es geht um Kunst und um Kino, um Hautfarbe und Rassismus, um Authentizität und Geschlechterfragen. Letztlich geht es aber um Malcolm und Marie. Dieser Film wirkt so intim, wie er vielleicht nur in Corona-Zeiten sein kann.

Dabei lief aus Malcolms Sicht alles prima. Die Premiere seines Films liegt gerade hinter ihm. Der ersehnte Durchbruch in Hollywood scheint in Greifweite. Alle hätten sich nach der Premiere um ihn geschart, so erinnert er sich euphorisiert. Als neuer Spike Lee oder Barry Jenkins („Moonlight“) sei er gehandelt worden. Auch wenn er lieber als Regisseur denn explizit als schwarzer Regisseur gefeiert werden will: Jetzt will er feiern.

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Tänzchen mit Drink

Auf einer Wolke des Glücks schwebt Malcolm in der von der Produktionsfirma eigens gemieteten Luxusvilla. Da wagt er doch gleich mal ein Tänzchen mit einem Drink in der Hand. Und dann zieht Marie ihn erst mit ein paar schrägen Blicken und dann mit messerscharfer Kritik von seiner Wolke.

Denn eines hatte Malcolm an diesem glorreichen Abend vergessen: sich bei Marie für ihr Zutun zu dem Film zu bedanken, so als hätte sie keinen Verdienst daran. Auf der Bühne hatte er an so ziemlich alle aus dem Team gedacht, besonders an seine Hauptdarstellerin. Marie ließ er außen vor. Sie sieht ihr eigenes Leben in der Figur gespiegelt – als eine junge Frau, die gegen die Drogen kämpft. Und diese Frau hätte sie auch gern gespielt.

Auch Regisseur Levinson hatte mal vergessen, seine Frau in die Dankeshymne aufzunehmen. Was er aus diesem Ausgangspunkt entwickelt, ist grandioses Schauspielerkino, bei dem die Darsteller immer mal wieder lustvoll überziehen und einer bitterernsten Sache einen komischen Anstrich geben. Besonders die Gemütswechsel von Marie sind grandios.

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Immer tiefer dringt Levinson in die Beziehung ein. Lange schon blutende Wunden legt er frei. Und wann immer einer der beiden zur Versöhnung bereit wäre, ist es der andere gerade garantiert nicht.

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Klar könnte man sagen, dass „Malcolm & Marie“ ein einziges Eitelkeitsprojekt ist, eine Selbstbespiegelung der Kinobranche, bei der Levinson wohl auf eigene Erfahrungen zurückgreift. Aber ein Eitelpaket ist dieser Malcolm ja auch tatsächlich, ein Narzisst, Egomane. Seine Ausbrüche – Höhepunkt ist eine wutschnaubende Philippika gegen ignorante weiße Filmkritiker – sind großes Theater. Die genauso kluge wie unerbittliche Marie holt ihn auf den Teppich zurück.

Die Filmpremiere, die Malcolm und Marie doch hätte vereinen sollen, reißt sie auseinander. Am Ende läuft auf der Tonspur „And there’s a fine Line between Love and Hate“. Für welche Seite der Grenze zwischen Liebe und Hass werden sie sich entscheiden?

„Malcolm & Marie“, bei Netflix ab 5. Februar, von Sam Levinson, mit John David Washington, Zendaya, 106 Minuten

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