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Mädchen mit Mission – die Doku “I Am Greta” startet im Kino

  • Heilige, Hassfigur, Maskottchen – die Doku “I Am Greta” (Kinostart am 15. Oktober) liefert ein Porträt der Umweltaktivistin Greta Thunberg.
  • Regisseur Nathan Grossman kannte sie schon, als sie allein auf der Straße für den Planeten eintrat
  • Und der Zuschauer sieht auch Momente, in denen Greta ihr großes Thema loslassen kann.
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Von Greta Thunbergs erstem Sitzstreik vor dem schwedischen Parlamentsgebäude in Stockholm hatte Regisseur Nathan Grossman zufällig erfahren. Er fuhr hin und begegnete im August 2018 einem bezopften Teenager mit tiefernstem Gesichtsausdruck, der einen Packen Infozettel vor sich unter einem Stein gesichert und ein Schild neben sich an die Wand gelehnt hatte: “Skolstrejk för klimatet”, stand da. Schulstreik fürs Klima. Die meisten Erwachsenen gingen einfach vorbei.

Die Kinder sind zurück auf den Straßen

Grossman fragte die 15-Jährige, ob er sie filmen dürfe. Und so verdiente er sich das Glück, in seinem Dokumentarfilm “I Am Greta” die Anfänge dessen zeigen zu können, was sich zu einem weltweiten Jugendprotest auswachsen sollte. Trotz Corona sind die jungen Leute inzwischen zurück auf den Straßen.

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Es stimmt schon wegen dieser Eingangsszenen nicht, was nach der Premiere beim Venedig-Festival kritisiert wurde: Die Doku habe nichts Neues über das Mädchen zu bieten, das die Welt retten will, weil es kein anderer tut. Hier sehen wir ihr Aufbegehren zu einem Zeitpunkt, als sich Politiker noch nicht zum Selfie um sie wie um ein Maskottchen scharten, Klimawandelleugner sie noch nicht im Internet mit Dreck bewarfen und Thunberg noch nicht auf großer Bühne mit Wuttränen in den Augen das Versagen der Erwachsenen brandmarkte.

Grossman begleitete Greta auch aufs Segelboot

Von all dem erfahren wir in “I Am Greta” auch: Grossman hat Thunberg mehr als ein Jahr lang wie ein Schatten begleitet. Er war auch dabei, als sie sich auf einem Hightech-Segelboot nach New York zum UN-Klimagipfel aufmachte. In ein umweltschädliches Flugzeug wollte sie nicht steigen. Sie will nicht so sein wie die Erwachsenen. Die reden vom einen und tun das Gegenteil.

Dabei entstanden die wohl persönlichsten Aufnahmen: Thunberg hockt wie ein Häufchen Elend im Boot, notdürftig geschützt vor anrollenden Riesenwellen und kämpft mit schmalen Lippen gegen die Übelkeit an. Weil sie nicht Tagebuch schreiben kann, spricht sie in ihr Handy – davon, dass sie sich nach Hause sehnt, und davon, wie die Verantwortung auf ihr lastet.

Man versteht Gretas Empörung noch besser

Wer diese Bilder gesehen hat, versteht die Empörung besser, die sie wenig später den Staatschefs beim UN-Klimagipfel entgegenschleuderte: “Wie könnt ihr es wagen!” Ihr Zorn hat aber noch tiefere Ursachen. Da waren schon all die anderen Auftritte, die Thunberg an ihrer sich selbst auferlegten Mission verzweifeln ließ: Egal, vor welchem Gremium sie sprach und egal, wie sie beklatscht wurde: Es änderte sich nichts am desaströsen Umgang mit der Erde. Aus dem Off sagt sie, dass es ihr vorkomme, als würden alle wie Puppen ihre Rollen spielen. Sie will die Apokalypse aufhalten – und EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker spricht von der Vereinheitlichung europäischer Klospülungen.

Niemand von denen da oben scheint zu begreifen, wie existenziell ihre Botschaft ist – und umgekehrt versteht sie nicht, wie kompliziert Politik funktioniert.

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In der ganzen Zeit wachsen die Erwartungen ihrer Anhänger ins Unermessliche: “Go, Greta, Save the Planet”, steht auf den Plakaten. Thunbergs Sendungsbewusstsein wird gefüttert von den Massen, die ihr nachfolgen wie einst die französischen Soldaten der Johanna von Orléans. Für eine junge Frau, die mit dem Asperger-Syndrom klarkommen muss, deren Aufmerksamkeit bei einer Problemlösung “laserfokussiert” (Thunberg) und zwanghaft ist, dürfte die Diskrepanz zwischen Zustimmung und Ignoranz kaum auszuhalten sein.

Greta beim Kuchenbacken, Greta ausgelassen tanzend

Bald fragt man sich: Wie übersteht Thunberg den Wahnsinn um sie herum? Vater Svante ist stets an ihrer Seite – in ratternden Nachtzügen, schäbigen Hotels und lauten Kongresshallen. Wir hören von ihren Depressionen bis hin zu schweren Essstörungen, die ihr lange zu schaffen gemacht hatten, als sie das Ausmaß der Klimakatastrophe erkannte. Wir sehen Greta aber auch ganz anders: selbstvergessen tanzend, mit Mutter Malena beim Kuchenbacken, beim Striegeln der geliebten Hunde. Es gibt Momente, in denen sie loslassen kann.

Man kann “I Am Greta” als eine verfilmte Heiligenlegende sehen. Zugleich aber ist dies die Geschichte einer abgrundtiefen Enttäuschung, die eine junge Frau an der Welt erleidet. Greta weiß, wie sehr sie beim Thema Klima im Schwarz-Weiß-Denken verfangen ist. Doch die inzwischen 17-Jährige dreht den Spieß einfach um: Schlimm für die anderen, sagt sie, dass sie nicht auch ein bisschen von “ihrem Laserfokus” abbekommen haben.

“I Am Greta”, Regie: Nathan Grossman, 138 Minuten, FSK 0 (startet am 15. Oktober)

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