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Ein Sommer voller Klassik: Die BBC Proms beginnen

  • Die „Last Night of the Proms“ verfolgen jährlich Millionen Fernsehzuschauer auf der ganzen Welt.
  • Doch sie ist nur Höhepunkt einer der größten Klassikreihen aller Zeiten.
  • In diesem Jahr stehen die BBC Proms unter einem besonderen Zeichen: dem 150. Geburtstag der Royal Albert Hall.
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London. Wahrscheinlich wäre es fast egal, wer hier was auf die Bühne bringt – es zählt schon allein die Umgebung. Der große Saal der Royal Albert Hall in London hat etwas Ehrfurchteinflößendes, vielleicht sogar etwas Magisches.

Vor 150 Jahren wurde die viktorianische Konzerthalle am Hyde Park eröffnet, in Gedenken an Prinz Albert von Sachsen-Coburg und Gotha, dem zehn Jahre zuvor verstorbenen Ehemann Queen Victorias. Mit 5900 Sitz- und 2500 Stehplätzen gehört sie zu den größten Konzertsälen der Welt – deutlich größer als die Elbphilharmonie oder das Sydney Opera House. Die weithin sichtbare Kuppel aus Glas und Stahl misst 1858 Quadratmeter und war zum Zeitpunkt des Baus die größte freitragenden Kuppel der Welt. Die Royal Albert Hall ist eines der ikonischsten Gebäude Londons, wenn nicht ganz Englands. Kein Wunder, dass auch die größte Klassikreihe der Welt – die BBC Proms – in diesem Jahr ganz im Zeichen ihres Veranstaltungsortes steht. Sie beginnt in der nächsten Woche.

Das Albert Memorial (links) und die Royal Albert Hall in London. © Quelle: RAH
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Eric Clapton trat hier 200-mal auf

Im dunkelroten Oval des Saals spielten sie alle, die größten Orchester der Welt, die erfolgreichsten Musiker ihrer Zeit. Eric Clapton etwa trat hier insgesamt 200-mal auf. James Last brachte es auf immerhin 90 Veranstaltungen. Pink Floyd feuerten 1968 während ihres Songs „A Saucerful of Secrets“ zwei Kanonenschüsse ab, was ihnen ein lebenslanges Hausverbot einbrachte. Und Alfred Hitchcock kehrte 1956 mit seinem Filmteam in die Royal Albert Hall ein, um hier mit James Stewart und Doris Day den Höhepunkt seines Krimis „Der Mann, der zu viel wusste“ zu drehen, das Attentat beim Beckenschlag. Wer sich heute in einer der Logen hinter den samtroten Vorhang zurücklehnt, wird dies möglicherweise am selben Platz tun, von dem aus James Stewart ebendieses Filmattentat verhinderte.

Die Royal Albert Hall atmet Geschichte. Vielleicht ist sie gerade deswegen so untrennbar verbunden mit den BBC Proms. Diese Reihe von Promenadenkonzerten entstand zwar vor 126 Jahren nicht hier, sondern in der Queen’s Hall im West End, die während des Zweiten Weltkrieges zerstört wurde. Doch die Royal Albert Hall als Nachfolgerin ist längst die einzig wahre Heimat der Proms.

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Eine Proms mit 52 Konzerten

52 Konzerte stehen diesmal während der sechswöchigen Reihe auf dem Programm, nachdem sie im vergangenen Jahr coronabedingt erstmals ohne Publikum stattfinden musste. Der Höhepunkt, die „Last Night of the Proms“ Mitte September, ist international bekannt. Kaum jemand weiß jedoch, dass diesem weltweit im Fernsehen übertragenen Klassikspektakel eine ganze Konzertreihe mit renommierten Künstlerinnen und Künstlern vorausgeht.

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Das Prinzip ist heute so simpel wie zu den ersten Proms im Jahr 1895: Die Konzerte sollen nicht nur Klassikfans anziehen – es ist ganz bewusst Musik für jeden und jede. Deswegen gibt es 2021 wie vor 126 Jahren die Institution der Stehplätze: Schon für 6 Pfund (7 Euro) können Zuschauerinnen und Zuschauer auf den oberen Rängen jedes Konzert erleben. Nur für eines müssen sich Gäste bewerben: die letzte Veranstaltung, die „Last Night“. Zu groß ist die Nachfrage danach.

„Die ‚Last Night of the Proms‘ ist der krönende Abschluss der ganzen Reihe“, betont Philipp Schmid, der den Abend seit fünf Jahren für das NDR-Fernsehen live aus London kommentiert. „Vor Ort ist alles noch ein bisschen furioser als im Fernsehen“, erinnert er sich ans Mitsingen des Publikums, an die alljährliche Interaktion zwischen Zuschauenden und Orchester und an die immer wiederkehrenden Stücke – etwa „Land of Hope And Glory“, „Rule, Britannia“ oder „Jerusalem“.

Kritik im Zuge der Black-Lives-Matter-Proteste

Im vergangenen Jahr gab es im Zuge der Black-Lives-Matter-Proteste auch Kritik an den teilweise patriotischen Werken, die in der Nationalhymne „God Save the Queen“ und dem obligatorischen Abschiedslied „Auld Lang Syne“ münden. Die Organisierenden erwogen zwischenzeitlich sogar, einige Stücke nur instrumental zu spielen, ohne den sonst üblichen Chor. Davon ist in diesem Jahr keine Rede mehr. „Rule, Britannia“ solle diesmal wieder „mit voller Kehle und so feierlich wie möglich im Einklang mit den Vorgaben der Regierung“ gesungen werden, erklärte David Pickard, der Direktor der Proms, zur Programmvorstellung. „Wir werden die ‚Last Night‘ so feierlich und so großartig und laut wie möglich gestalten“, sagte er.

Es ist ein alljährlicher Konflikt: Tradition versus politische Korrektheit. Zwar kann man Textzeilen wie „Britannia, rule the waves / Britons never, never, never shall be slaves“ (Britannien, beherrsche die Wellen / Briten sollen niemals, niemals, niemals Sklaven sein) nicht ein gewisses Maß an Patriotismus abstreiten. Doch sind solche Stücke nicht nur fester Teil des britischen Liedgutes, sondern vor allem seit Anbeginn fest mit der „Last Night“ verknüpft. Und Traditionen spielen bei diesem letzten Abend eine große Rolle. Bei den „Fantasia on British Sea Songs“ etwa gibt es jährlich wiederkehrende Rituale zwischen Publikum und Orchester, die in einem Geschwindigkeitswettstreit zwischen der Musik von der Bühne und dem Klatschen aus dem Raum der Zuschauerinnen und Zuschauer mündet. Es gewinnt – auch das ist Tradition – stets das Orchester.

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„Rule Britannia“ als Ohrwurm

Der BBC ist die Brisanz des Themas durchaus bewusst. Sie versucht seit Jahren, den Proms mit internationalen Musikern einen weltoffenen Anstrich zu geben. So ist das Schwenken des Union Jacks während der „Last Night“ heute zwar so üblich wie vor Jahrzehnten – längst aber wehen an diesem Abend auch internationale Flaggen; seit dem Brexit auch immer mehr EU-Fahnen.

„Die ‚Last Night of the Proms‘ hatte nie etwas Patriotisches“, sagt Proms-Kenner Schmid, der im Alltag für den Sender NDR Kultur die Sendung „Klassisch in den Tag“ moderiert. Sie lade ganz im Gegenteil eher dazu ein, an der Kultur teilzuhaben. „Musik verbindet“, ist sich der Moderator sicher. „Ich habe meist noch Tage danach ‚Rule, Britannia‘ als Ohrwurm.“

Die wohl einmalige Exzentrik dieses letzten Abends sucht man bei den anderen Proms-Konzerten vergeblich. Es geht aber auch hier alles andere als gewöhnlich zu. Zu allem gehört ein einfacher Dresscode: so, wie man mag. Zuhörerinnen und Zuhörer kommen in Shorts und mit Einkaufstaschen, andere sitzen im Smoking oder Abendkleid daneben. Eine gewisse Entspanntheit ist ein wichtiges Element der gesamten Reihe.

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Die Proms seien einzigartig, schwärmt NDR-Moderator Schmid. „Es ist das größte Klassikfestival mit den größten Musikern.“ Und dies in einer angemessen fulminanten Umgebung: „Die Royal Albert Hall ist eine Art Kathedrale der klassischen Musik“, sagt Schmid. Das dürfte nicht zuletzt an der gewaltigen Orgel liegen. Sie ist mit 147 Registern und 9999 Pfeifen die zweitgrößte im Vereinigten Königreich, nach jener in der Kathedrale von Liverpool.

Uraufführungen in der Royal Albert Hall

Den Auftakt – die „First Night“ – bestreiten in diesem Jahr die finnische Dirigentin und Violinistin Dalia Stasevska mit dem BBC Symphony Orchestra. Zu hören sein wird unter anderem die Weltpremiere von Sir James MacMillans „When Soft Voices Die“. Sir Simon Rattle tritt im August mit dem London Symphony Orchestra auf, Pianist Víkingur Ólafsson spielt Werke von Bach and Mozart.

In der „First Night“ ist auch eines jener vielen Werke zu hören, die ihre Uraufführungen in der Royal Albert Hall hatten: Vaughan Williams‘ „Serenade to Music“. Erstmals war sie 1938 zu hören, damals dirigiert von Proms-Gründer Henry Wood. Der ist bis heute untrennbar verbunden mit der Konzertreihe – nicht nur, weil seine Büste im Saal der Royal Albert Hall stets jedes Konzert begleitet. Wood war auch verantwortlich für eine der bekanntesten Zusammenstellungen der „Last Night of the Proms“: die „Fantasia on British Sea Songs“.

Die BBC überträgt die Konzerte der Proms live in ihrem Sender Radio 3, der über Streamingplattformen auch in Deutschland zu hören ist. Die „Last Night of the Proms“ ist am 11. September von 20 Uhr an auch bei den Kultursendern der ARD zu hören, unter anderem NDR Kultur.

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